Wider die Beschneidung

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Campaign_road_sign_against_female_genital_mutilation_(cropped)_2In der Süddeutschen Zeitung vom 1.5. steht ein Gastkommentar – Zeit der Beschneidung. Die Autorin Maria Andrea Mukama ist selbst betroffen. Sie berichtet aus Tansania, wo es verboten ist, Frauen zu verstümmeln- doch im Wahljahr halte sich niemand daran (Bild aus Uganda von Amnon s (Amnon Shavit), Wikimedia Commons):

Die weibliche Beschneidung, oft "FGM" genannt (Female Genital Mutilation), ist ein zentrales Problem in unserer Region. Die Genitalverstümmelung, die Frauen das Lustempfinden raubt, ist eines der Rituale, die noch immer tief in unserer Kultur wurzeln. Manche Volksgruppen haben die Tradition aufgegeben, aber einige praktizieren sie noch immer.

Anlässlich dieser Zustände kritisiert unser Autor Frank Sacco, Doktor der Medizin, die weibliche und männliche Beschneidung aus der Sicht des Mediziners und Psychoanalytikers:

 

Warum überhaupt Beschneidung?  von Frank Sacco

www.frank-sacco.de

 

Weibliche Beschneidung

Es gilt, die bisher religiös interpretierte Beschneidung  (kurz RIB) weiblicher Kinder zu untersuchen. Denn einmal ehrlich: Ein Gott besteht nicht darauf. Denn sonst hätte er Klitoris, Schamlippen, Vorhäute und jegliche Lustgefühle beim Sex einfach nicht ursprünglich eingeführt – und schon in die Wiege gelegt.  Weibliche Beschneidung führt dazu, dass Lust an Sexualität möglichst stark gedämpft wird, ja es „im Idealfall“ nicht mehr möglich ist, überhaupt Geschlechtsverkehr zu haben. Es sind alte Frauen, die das Ritual durchführen – und neuerdings vielleicht auch Chirurgen im Auftrag dieser Frauen. Ihr mögliches Motiv? Die alten Frauen wollten in Urzeiten ihre alten Männer nicht an jüngere Frauen verlieren und damit existenziell bedroht sein. Da war ganz einfach Angst vorm Verhungern. In schlechten Zeiten wird der Stamm denjenigen Mitgliedern keine Nahrung übriggelassen haben, die man als „überflüssig“ ansah.

Eine Beschneiderin fragte Mohammed, ob sie weiter beschneiden solle. Der Prophet: „Ja. Aber nicht zu viel.“ Ein bisschen vom Genitale sollte schon noch übrig bleiben – so die Sage. Denn eine zu starke Verstümmelung macht u. U. Fortpflanzung unmöglich oder führt gar zum Tod durch Infektion. Der Op.-Saal war und ist  ja die Wüste. Hier gab es also den Interessenkonflikt Stamm – Alte Frau. Der Konflikt besteht noch heute. Meist funktioniert der Trick: Ein persönliches Interesse wird, indem man es zu einem religiösen Dogma macht, legitimiert und zementiert. Es ist ein Unterschied zwischen einem „ich möchte…“ und einem „Gott will…“.

Neben der körperlichen Beschneidung gibt es auch die psychische. Eine gläubige Jüdin zum Beispiel muss bis zur Hochzeit abstinent bleiben, will sie nicht in das fegefeuerartige Gehinom. Hier wird also mit Angst (und nicht mit der Rasierklinge) beschnitten. Auch hier ist der Einfluss der Alten Frau auf den Stammesfürsten denkbar. Sie hat Angst vor dem Verlassenwerden und gebietet der Sexualität der jüngeren Konkurrenz daher mit all ihr zur Verfügung stehenden Macht Einhalt. Im Rahmen der "von oben" diktierten Sexualfeindlichkeit  gilt der Unterleib einer Jüdin oft als „unrein“, ohne es ja wirklich zu sein. Da häufig auch dem Mann heterosexueller Verkehr erst nach der Heirat möglich war, wurden letztlich schon Kinder an ihn verheiratet. Immerhin, so blieb die Geschichte halbwegs im Rahmen und erträglich – wenigstens für die Alte Frau und für „Gott“.

Liegt die Schuld an der weiblichen Beschneidung also gar nicht, wie bisher angenommen, beim Mann, sondern bei den Frauen, bei Frauen, die ihre Männer im Griff haben? Und Männer nur in dem Glauben lassen, es bestünde ein Patriarchat? Männer sind tatsächlich selten durch sexuelle Erregung bzw. Erregbarkeit von Frauen irritiert. Im Gegenteil: In der Regel hebt Frauenerregung männliches Selbstwertgefühl, während es bei Anorgasmie der Frau tatsächlich sinkt. Daher sind Männer meist froh um jede intakte Klitoris. Regelmäßig spielen Prostituierte daher Superorgasmen vor: Dann kommen die Kunden  wieder. Ein echter Orgasmus gilt im Gewerbe jedoch als verpönt und kommt wohl kaum vor. Das Beschneidungsritual zeigt aber sehr schön, dass vor allen Dingen der pervertierte Anteil der Religionen nicht gott- sondern menschersonnen ist. Menschliche Interessen und vor allem Angst spielen hier die Hauptrolle.

Auch der höllenpredigende Priester hat im Grunde Angst um seinen Arbeitsplatz. Er glaubt, ohne einen zornigen Rachegott verhungern zu müssen. Denn die Bibel gibt ihm nach Joh. 20 die Möglichkeit, den Zorn Gottes von uns allen abzuwenden – so das Dogma. Wem die Kirche vergibt, dem vergibt Jesus auch. Und umgekehrt. In der Praxis geht das so:  "Deine Sünden sind Dir vergeben, meine Tochter." Je ärger der Priester den Zorn seines Gottes und die Hölle schildert, umso mehr glauben die Gläubigen, ihn als Vergebungsinstanz zu brauchen. Insofern ist religiöse Angst bares Geld.

Das gilt aber nur für die Geistlichkeit. Unser Volksvermögen wird durch klerikales Verhalten drastisch reduziert. Zum einen sind Psychiatrien teuer, besonders die geschlossenen Abteilungen, zum anderen sind Psychotiker in der Regel nicht arbeitsfähig. Sie müssen ernährt werden. Ein Leben lang. Und was noch trauriger ist: Das Leben als psychisch Kranker ist oft von grauenvollem Leiden geprägt. Dabei ist dieses  Grauen unnötig. Es gibt ja keine z.B. mittels Feueranwendung  strafenden Götter. Denn die haben – im Gegensatz zu etlichen Menschen – noch alle Tassen im Schrank. Das ist übrigens das einfachste Unterscheidungsmerkmal zwischen wirklichen Göttern und Menschen.

 

Männliche Beschneidung

Die männliche Beschneidung wird von Männern durchgeführt. Alte und ältere Männer haben also ein Interesse daran. In früheren Zeiten war Beschneidung wohl, so Sigmund Freud,  die Entfernung des gesamten Penis. Sie wurde bei Kindern oder Personen durchgeführt, damit die sich nicht an den Haremsdamen der Führungsschicht vergreifen konnten. Das sollten – wie bei den Bienen – die Arbeiter werden. Sie wurden einfach nicht zum Geschlechtsverkehr  zugelassen. Nun ja: Der Menschlichkeit von Menschen haben die Menschen immer sehr enge Grenzen gesetzt.

Die Vorhaut des Mannes muss man sich als einen Schutz vor Verletzungen denken. Das war besonders wichtig, als wir zu Urzeiten noch auf allen Vieren ins stachelige kniehohe Unterholz gingen. Darum hat jeder Vierbeiner eine Vorhaut. Heute schützt bei Zweibeinern den Penis eine Stoffhose (beim Spaziergänger) oder die Lederhose (beim Motorradfahrer). Und das besser als jede Vorhaut. Ihren gottgewollten Bestimmungszweck hat sie daher verloren. Und doch ist ihr Fehlen so wichtig: Das beschnittene Kind soll wissen, dass die Macht über sein Leben und seine Vorhaut (und damit seine Sexualität) andere haben: Stammesführer, Geistliche, Götter. Die dürfen auch in Deutschland bis zur Körperverletzung gehen. Wir verlangen aber heute die gültige Unterschrift des lebendigen Jahwe, die ausweist, dass er tatsächlich keine Vorhäute mag. Der Talmud ist ohne geltende Unterschrift des Verfassers ebenso Makulatur wie die Bibel.

Wie wichtig plötzlich "Religion" auch bei aufgeklärten Juden ist, sehen wir an der jüdischen Kritik während der Beschneidungsdebatte in den  Jahren 2012/13. Der Jahwe des Talmuds, so das Dogma, lässt jeden unbeschnittenen Juden aus dem Volk herauswerfen. Das ist gemein, denn zu Urzeiten bedeutete das nahezu den sicheren Tod: Man fand sich als Kind in der Wüste wieder. Es gilt schlicht als Sünde, einen jüdischen Jungen nicht zu beschneiden. Und Jude wird man nicht durch ein Ritual, sondern durch die Geburt. Auch sich selbst als atheistisch einstufende Juden lassen oft ihre Söhne "aus hygienischen Gründen" beschneiden. Das dürften meist vorgeschobene Gründe bei noch vorhandenem religiösem Restempfinden sein.  Unterbewusst liegen hier Versündigungsvorstellungen vor. „Es ist selten, dass der Mensch weiß, woran er eigentlich glaubt“, so Sprengler.  Auch ist durch das Fehlen der  Vorhaut ein Stück jüdische Identität gegeben. Wenn man so will, ist sie ein Stück Vaterland bei einem Volk ohne angestammte Heimat. Das Gefühl kann auch so sein, als wenn man Christen verböte, in ihre Kirchen zu gehen. 

Über den kleinen wahren Kern der Kastrationsangst habe ich geschrieben unter folgendem  Link: http://www.frank-sacco.de/die-kostenfreien-b%C3%BCcher-hier-online/die-neurose-der-psychiatrie/7-der-kleine-wahre-kern-der-kastrationsangst/. Auch in den Kapiteln darüber steht Einiges über diese Angst, die eigentlich unerheblich ist. Ich habe sie jedenfalls nicht. Freud war mit ihr auf der falschen Spur.  Er musste verdrängen, wovor er wirklich Angst hatte. Diese Angst ließ ihn in Ohnmachten fallen – und sie brachte den Analytiker   letztlich um. Der süchtige Arzt  rauchte sich zu Tode. Siehe dazu unter  http://www.frank-sacco.de/die-kostenfreien-b%C3%BCcher-hier-online/die-neurose-der-psychiatrie/11-war-freuds-kastrationsangst-h%C3%B6llenangst-ja/

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