EZB lässt Glücksschwein quieken

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Vor einem Jahr ging es bei der Europäischen Zentralbank EZB noch um mehr Transparenz; die Sitzungsprotokolle sollten veröffentlicht werden. Aus der Sicht der Grünen hieß es das Ende der Geheimniskrämerei: Die ersten EZB-Protokolle im Europaparlament (15.4.14).

Jetzt vollbrachte die EZB eine Transparenz-Leistung, die es in sich hat. Sie nutzt der Allgemeinheit gar nichts, aber die Schmarotzerelite kann einen weiteren Coup bei ihrer Reichtumspflege abhaken. Die Süddeutsche Zeitung berichtete über den Finanzmarkt – EZB-Direktor gibt Hedgefonds exklusive Informationen – aus Versehen ( Bericht vom 20.5. zum Ereignis am Montag, dem 18.5.):

EZB-Direktor Benoît Cœuré erzählte vor Hedgefonds-Managern in London, dass die EZB im Mai und Juni mehr Staatsanleihen der Eurozone kaufen werde als bislang geplant. 14 Stunden lang wussten davon nur die Hedgefonds-Manager, weil die Zentralbank die Rede nicht gleichzeitig auf ihrer Webseite veröffentlichte.

Bankenbeglückung

Es geht um die tägliche Bankenbeglückung der EZB, die jeden Tag 1 Mrd. Euros ausgibt, um den Banken Staatsanleihen abzukaufen. Jede Änderung in diesem alltäglichen EZB-Geldwirbel ist eine wichtige Information, auf deren Basis man Profit machen kann. In diesem Fall saßen die gewieften Hedgefonds-Manager aus Cœurés Zuhörerschaft plötzlich auf heißen Informationen, und weil sie nur wenige waren, ergab sich eine besonders gewinnträchtige Situation.

Man darf davon ausgehen, dass sie die noch am Montagabend durch entsprechende Handelsgeschäfte ausgenutzt haben. Laut SZ ist das eigentlich Insiderhandel, doch die Spekulanten haben nur das getan, was man von ihnen erwarten durfte.

Wer in diesen 14 Stunden wieviel Reibach machen konnte, wird ein Geheimnis bleiben. Sicher ist, dass Cœurés Ankündigung "eine gehörige Welle" erzeugte Der Euro geriet am Dienstag in einen extrem hektischen Handel und verlor in kurzer Zeit fast zwei Cent gegen den US-Dollar – was an den Devisenmärkten einem Crash gleichkommt.

Glücksschwein

Da hat das Glücksschwein ganz laut gequiekt vor lauter Glück (Bild oben: Jai79, pixabay), aber nur für die Auserwählten. Die SZ spricht euphemistisch von "politisch umstrittenen" Akteuren. Bei wissenbloggt wagen wir eine direktere Deutung. Die Hedgefonds sind Elemente des Schattenfinanzsystems, mit denen ein Riesenreibach gemacht wird. Hedgefonds-Manager gehören zu den größten Profiteuren der Deregulierug. Sie tauchen ständig in der Liste der Bestverdienenden auf, obwohl sie nichts anderes machen, als das Geld anderer Leute herumzuschieben.

Bei Kahneman kann man nachlesen, dass niemand für längere Zeit besser ist als der Markt, dass die Spekulationsgewinne also nichts als Zufall sind (für allgemeine Information siehe Schnelles Denken, langsames Denken reloaded). Die überreich bezahlten Hedgefonds-Manager sind demnach hervorragende Protagonisten des unverdienten Reichtums.

SPIEGEL ONLINE schrieb schon am 2.3.11 über Umstrittene Hedgefonds-Branche: Schattenzocker scheffeln Milliarden: Sie haben ein paar hundert Mitarbeiter – und verdienen mehr als sechs Großbanken mit einer Million Angestellten: Hedgefonds sind laut einer neuen Studie wieder auf dem Vormarsch. Das nährt Sorgen vor einem neuen "Schattenfinanzsystem". Es ergeben sich Fragen:

  • wie kann es sein, dass den Hedgefonds-Managern Insiderinformationen zugeschanzt werden?
  • wieso machen sich EZB-Offizielle überhaupt mit solchen Schmarotzern gemein?

Schattenfinanzsystem

Übt die EZB vielleicht schon ihre Rolle im Schattenfinanzsystem? Dort sammeln sich ja bad banks, Schattenbanken, Hedgefonds und Zeckgesellschaften; schon 1/3 des Finanzmarkts ist in den Schatten abgetaucht (siehe EU-Bastelei an neuen (Schatten-)Bankenprivilegien).

Der ÖKONOMENSTIMME vom 1.12.14 entnehmen wir die Definition der EZB als bad bank, Preisstabilität und Zentralbankbilanz: Ein Beitrag zur Debatte über die Rolle der EZB als "bad bank". Dort wird der Kauf der Staatsanleihen differenziert abgehandelt. Einerseits sei die "These, dass die EZB einen gefährlichen Kurs einschlägt, weil sie solche Aktiva zu kaufen gedenkt, … in ihrem Absolutheitsanspruch nur zu halten, weil die Makrorisiken ausgeblendet werden, die von der Verfehlung des Ziels Preisstabilität ausgehen und die einzugrenzen wir eine Zentralbank beauftragt haben."

Dagegen steht die Ansicht, "Herrn Draghi geht es um die Rettung italienischer Banken bzw. von Banken anderer Krisenstaaten." Das seien nämlich die größten Kunden der EZB, weil sie von der EZB die meisten Kredite erhielten, die sich in der Schaffung von Zentralbankgeld niederschlugen. Für die Rettung dieser Institute sei Draghi bereit alles zu tun, weil er im Falle eines Konkurses dieser Banken Verluste ausweisen müsse. Da die Kreditausfälle aber nicht mehr länger zu verschleiern seien, leite die EZB mit dem Ankauf risikobehafteter Aktiva selbst "das Konkursverfahren ein und werde so zum Eigentümer der Aktiva des Schuldners. Der Schritt von der Kreditvergabe gegen immer schlechtere Pfänder hin zum Erwerb dieser Pfänder sei in seinem ökonomischen Kern ein implizites Konkursverfahren für die Banken Südeuropas."

EZB

Die Geldschwemme der EZB ist also schon für sich anrüchig. Die Rede ist auch von Japanisierung (Deflation), mit der die EZB neue Blasen und Fehlallozierungen schafft. Das Geld geht in Aktien und Immobilien (und nun zwangsweise in Anleihen) und verursacht eine Vermögenspreis-Inflation. Zugleich drängt die Nullzinspolitik Versicherer und Anleger in riskante Investitionen, weil sie anders keine Rendite mehr erwirtschaften können.

Die EZB hat eine kritische Problemlage fabriziert und kann dem Vorwurf der Bankenbeglückung nicht mehr entrinnen. Um so mehr Grund hätte sie, wenigstens das Procedere koscher zu halten. Dass sie darin versagt, spricht für das Ausmaß der Verquickung zwischen EZB und Finanzlobby.

Die Liste der Verstrickungen wird immer länger, und das gilt für die EZB genauso wie für die Euro-Rettungsinstitutionen. In That’s Greek to me sind Zahlen aufgelistet. Was dem Normalverbraucher Beklemmungen macht, freut den privilegierten Finanzakteur. Dem sein Glücksschwein quiekt immerzu.

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2 Antworten auf EZB lässt Glücksschwein quieken

  1. Wilfried Müller sagt:

    Die Deutsche Bank wurde wegen ein paar falschen Worten in der Causa Kirch zu mehr als 900 Mio. Euro Strafe verurteilt, siehe auch Kirch-Pleite in Geld verwandelt. Die EZB hat viel mehr Schaden angerichtet, als bloß bei einem bankrotten Filmhändler die Lage anzudeuten, und was zahlt sie als Strafe? Nix, sie wird nicht mal belangt.
     

     

  2. Wilfried Müller sagt:

    Die Nähe zwischen den Bankenbeglückern der EZB und den Beglückten in Banken und Hedgefonds hat System, wie die SZ am 4.11. berichtet in Finanzindustrie – Pikante Nähe zwischen EZB und Großbanken: Das Präsidium der EZB tauscht sich auch in der Zentrale in Frankfurt mit Politikern und Hauptakteuren der Finanzbranche aus. Die regen Kontakte zur Finanzindustrie bringen der EZB in einigen Teilen der Gesellschaft viel Kritik ein. Die EZB wolle die Termine des gesamten Direktoriums künftig veröffentlichen, heißt es in dem Artikel. Von Einstellung der anrüchigen Kontakte ist aber nicht die Rede.

     

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