Ungleich gleich unwirtschaftlich

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branch-73326_640Alle halbe Jahre berechnet die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development = Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) die Gini-Koeffizienten der Mitgliedsländer, und jedesmal kommen unerfreuliche Ergebnisse raus. Beim vorigen Mal hieß der passende wissenbloggt-Artikel Lebensqualität auf dem Prüfstand, diesmal reden wir lieber nur von Ungleichheit.

Der aktuelle OECD-Artikel vom 21.5. heißt OECD Income Distribution Database (IDD): Gini, poverty, income, Methods and ConceptsOECD 2015): Income inequality has reached record highs in most OECD countries and remains at even higher levels in many emerging economies. The richest 10 per cent of the population in the OECD now earn 9.6 times the income of the poorest 10 per cent, up from 7:1 in the 1980s and 9:1 in the 2000s, according to a new OECD report.

Der britische Independent machte daraus am 22.5. den Artikel The ten most unequal developed countries in the world (21.5.), und er benennt sie: Chile, Mexico, Türkei, USA, Israel, Großbritannien, Griechenland, Estland, Portugal, Japan. Vor Deutschland auf Platz 14 kommt noch Frankreich. Across 34 member states, income inequality between 1985 and 2005 knocked 4.7 percentage points off cumulative growth between 1990 and 2010 on average, according to the study.

Die Süddeutsche Zeitung setzt die Information am 21.5. um in OECD Studie – Ungleichheit schadet der Wirtschaft: Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist so groß wie seit 30 Jahren nicht. Das dämpft das Wachstum, warnt die OECD (Bild oben: PublicDomainPictures, pixabay).

In Deutschland ist die Kluft zwischen Arm und Reich größer als in Skandinavien, Holland oder Belgien und in vielen ehemaligen Ostblock-Staaten. Zwar ist sie 2007 nicht mehr angestiegen, und andere Länder leisten sich mehr Ungleichheit. Dafür liegt das deutsche Vermögen in den Händen von weniger Menschen als anderswo:

Im OECD-Schnitt haben die reichsten 10% der Bevölkerung 50% des Vermögens, und in Deutschland sogar 60%. Die SZ sieht darin einen negativen volkswirtschaftlichen Effekt. Demnach hat die Zunahme der Ungleichheit zwischen 1990 und 2010 das Wachstum der OECD-Staaten um 5% reduziert, im Fall der Bundesrepublik wären das über 100 Milliarden Euro Verlust.

Das sind keine neuen Erkenntnisse. Wachsende Ungleichheit verhindert nachhaltiges Wachstum. Wir brauchen mehr Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft!  So steht es am 15.5. in The European im Artikel des Politologen und Fraktionsvorsitzenden und Landesvorsitzenden der hessischen SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel. Die Gier muss ein Ende haben, sagt er und verlangt eine echte Finanztransaktionssteuer und echte Risikohaftung.

Vor allem möchte er bei den Schattenbanken ansetzen, denn die agieren außerhalb jeglicher Kontrolle oder Aufsicht und werden seiner Meinung nach die nächste Krise auslösen. Schäfer-Gümbel spricht ungewohnte Worte: Die überwiegende Mehrzahl der Akteure im Finanzsektor will dazu einen Beitrag leisten. Es gibt sie auch, die ehrbaren Kaufleute – und sie sind die Mehrheit.

Unter uns überwiegenden Mehrzahlern: das ist gut zu wissen und auch plausibel. Genauso wahr ist allerdings, dass ein einziger ausreicht, der den Schlund nicht vollkriegt. Der räumt eben alles ab, was abzuräumen ist. So kann er ganz allein den Gini-Koeffizienten verbiegen und das obere Dezil (10%) aufpolstern.

Noch eins: dass mehr Kaufkraft in der Hand der Bevölkerung die Binnennachfrage steigert und damit die Wirtschaft fördert, ist eine Binse. So viel können die privilegierten Reichen gar nicht konsumieren, auch wenn sie das Geld dazu haben. Sie müssen's eben in superteure Drittdomizile stecken und damit die teuren Stadtregionen veröden und obendrein die Preise verderben. Letzteres schaffen sie auch auf dem Kunstmarkt.

Noch mehr Gründe für weniger Ungleichheit. Gleich gleich wirtschaftlich, ungleich gleich unwirtschaftlich. Zuviel Ungleichheit ist wie Absägen von dem Ast, auf dem man sitzt – und am folgenden Link sieht man, wie es tatsächlich läuft: EZB lässt Glücksschwein quieken.

Die Tabelle entstammt dem OECD-Bericht (© OECD 2015, draufklicken zum Vergrößern)

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2 Antworten auf Ungleich gleich unwirtschaftlich

  1. Wilfried Müller sagt:

    Die Preise verderben auf dem Kunstmarkt – dazu ein Artikel der SZ vom 1.5., Kunst im Bunker: Steuerbetrüger räumen ihre Schwarzgeldkonten ab und legen das Geld in Gemälden, Diamanten oder anderen Sachwerten an. Die verstecken sie in Hightech-Lagern. Die Depots platzen aus allen Nähten. Und es gibt immer neue Rekorde bei den Kunstpreisen, dazu die SZ am 12.5. Kunstauktion – Picasso-Gemälde zu Rekordpreis versteigert: Das Picasso-Gemälde "Les femmes d'Alger" erzielt bei einer Auktion in New York für 179,4 Millionen Dollar (das teuerste je versteigerte Gemälde der Welt) und die Skulptur "Zeigender Mann" von Alberto Giacometti wird für 141,3 Millionen Dollar verkauft (auch ein neuer Rekord).

    Da geht also der abgesaugte Reichtum hin.

     

  2. Wilfried Müller sagt:

    Immer wieder dasselbe: Die Ungleichheit nimmt zu. Das meldet zuletzt die SZ vom 29.9. in Studie Reich gegen arm: Ein neuer Report zeigt: Die Vermögensunterschiede wachsen weiter – und das nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb der Staaten. Die 6 Staaten mit der ungleichsten Vermögensverteilung in der Welt heißen: 1. USA, 2. Schweden, 3. Großbritannien, 4. Indonesien, 5. Österreich, 6. Deutschland.

     

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