Lebensrecht für Neugeborene oder nicht?

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speaker-649039_640Dies Thema hat der australische  Professor für Bioethik Peter Singer vereinnahmt. Der verstorbene Siegfried Vollmann hat eine ausführliche Rezension von  Singers umstrittenen Buch Praktische Ethik verfasst, wo man sich ausführlich über den Inhalt informieren kann.

Die Neue Züricher Zeitung griff das Thema am 24.5. in einem Interview auf, anlässlich der kommenden Schweizer Abstimmung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) im Juni. Die macht es laut nzz leichter, Behinderungen zu vermeiden. Zunächst geht es um In-vitro-Fertilisation und die Komplikationen dabei. Wer kein Kind mit einer Behinderung will, könne es nach der PID "aussortieren" und so einen Schwangerschaftsabbruch vermeiden (Bild: louda2455, pixabay).

Weitere Aktualität bekommt Peter Singer, weil er heute (26.5. in der Berliner Urania) einen Preis für die Verminderung von Tierleid verliehen kriegt. Dagegen gibt es Proteste ("Singer hat in seinen Büchern und Interviews immer wieder das Lebensrecht behinderter Kinder in Frage gestellt. Er plädiert u.a. dafür, die Tötung schwerbehinderter Neugeborener unter bestimmten Bedingungen zu erlauben und behinderten Säuglingen Leistungen des öffentlichen Gesundheitssystems zu entziehen. Wer solche Positionen vertritt hat – bei allen Verdiensten um Tierschutz und Minderung von Tierleid – Protest verdient, keine Preise.")

Der australische Professor für Bioethik sagt in dem nzz-Interview (mit  Nina Streeck) allerdings nicht genau das. Das Lebensrecht spricht er Embryonen und Neugeborenen ab (zwischen denen er keinen großen Unterschied sieht), allerdings befürwortet er keinerlei obrigkeitliche Eutanasie. Vielmehr plädiert er gegen religiöse Einflussnahme und für freie Entscheidung der einzig entscheidungsbefugten Schwangeren. Er wünscht auch mehr öffentliche Unterstützung für Behinderte statt weniger. Stoff zum Skandal ist allerdings seine Einschätzung der Tiere, dass großes Tierleid gegen menschliches Leid abgewogen gehöre. Hier ein Referat über den Inhalt, soweit es diese beiden Themen betrifft:

Der Artikel heißt Ethik – «Ein Embryo hat kein Recht auf Leben»: Schwerbehinderte Neugeborene töten, Tiere nicht essen, Geld für die Armen spenden: Der Philosoph Peter Singer sorgt seit Jahren für Kontroversen. Ein Gespräch über Präimplantationsdiagnostik, Sterbehilfe und effektiven Altruismus.

Ob die Welt besser wäre ohne Menschen mit Behinderung? soll Singer beantworten. Er verweigert die direkte Antwort mit dem Hinweis, das führe wahrscheinlich zu Missverständnissen. Er konzediert, dass es behinderte Menschen gibt, die Freude am Leben haben. Daran wolle er sie nicht hindern, und die Regierungen sollten sie bei der Integration in die Gesellschaft sogar stärker unterstützen.

Andererseits würde er lieber sehen, wenn man vermeidet, dass mehr Behinderte auf die Welt kommen, oder auch Menschen durch Krankheiten oder Unfälle behindert werden. Dem würde laut Singer fast jeder zustimmen.

Schließlich beenden die meisten Frauen (80%) eine Schwangerschaft, wenn das Kind eine schwere Behinderung hat. Es wird auch Vorsorge getroffen, denn Schwangere hüten sich vor Röteln (und Drogen und Alkohol), und die Arbeitgeber schaffen Arbeitsplätze, bei denen die Werktätigen vor Verletzungen und Unfällen geschützt sind. Das sei ein implizites Bekenntnis dazu, dass die Welt besser wäre, wenn Behinderungen verhindert werden.

Peter Singer hält es für vernünftig, PID zu erlauben. Seine These: Ein Embryo hat kein Recht auf Leben. Es sei nicht falsch, ihn zu "verwerfen", wenn man ein Kind mit behinderungsträchtigen Genen nicht will.

Zum Thema Diskriminierung von Menschen mit Behinderung vertritt er eine pragmatische Haltung. Die Befürchtung ist, dass die Erlaubnis der PID zu Diskriminierungen führen könnte. Die gebe es bereits, meint Singer, und er glaubt nicht, dass es durch die PID schlimmer wird. Es sei nichts Verwerfliches daran, eine Auswahl unter mehreren Embryonen zu treffen. Bei einer natürlichen Schwangerschaft geschehe das doch ebenso.

Eine Abtreibung z.B. wegen eines Down-Syndroms bedeute letzten Endes nur, dass ein neuer Anlauf für eine weitere Schwangerschaft unternommen werde. Es würde demnach zwischen dem aktuellen Embryo und dem zukünftigen, hoffentlich behinderungsfreien, getroffen.

Die Interviewerin stellt dann die religiöse Frage, sei die Entscheidiung überhaupt möglich, ob ein Leben lebenswerter ist als ein anderes?

Singers Antwort ist wieder pragmatisch: Ein Kind, das nach quälender Krankheit jung stirbt, sei schlechter dran als eins ohne diese Krankheit. Demnach seien Vergleiche möglich, auch abseits dieses Extremfalls. Die Differenzierung werde aber schwerer, weil z.B. Kinder mit Down-Syndrom ziemlich glücklich sein können. Da wiederum können die Eltern leiden,  wenn ihre Erwartungen sich nicht erfüllen lassen, etwa mit Enkeln und Fortsetzung der Familie. Die Abwägung werde dann schwieriger, aber nicht unmöglich.

Ob das verletzend sei für Menschen, die selber betroffen sind? Das glaubt Singer nicht, mit dem Argument, an jedem gäbe es was zu verbessern (in seinem Fall die Augen).

Nun die große Frage der Abwägung: Während Singer sich zuerst für Tierrechte einsetzte, brachte er mit der «Praktischen Ethik» seine umstrittenen Auffassungen zur Euthanasie und zur Tötung von Neugeborenen heraus. Dazu stehe er noch immer, wie er ausführt.

Ja, es gebe Umstände, in denen er das für gerechtfertigt halte. Singer nennt einen Problemfall, extrem Frühgeborene mit massiver Hirnblutung, die ihre Mutter nie erkennen können. Fast alle Ärzte schlagen laut Singer vor, diese Kinder nicht zu beatmen und das Gerät abzuschalten, so dass es stirbt. Wo sei der Unterschied, wenn das Kind von alleine atmet? Das sei moralisch irrelevant, ob das Gerät abgeschaltet wiede oder das Kind mit einer Spritze getötet werde. In beiden Fällen werde ein Urteil über das Leben des Kindes gefällt.

Wenn es um ein Neugeborenes mit leichter Behinderung geht, würde Singer anders vorgehen, solange die Behinderung mit einer guten Lebensqualität kompatibel sei. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob ein Kind bereits geboren ist oder ob eine Schwangerschaft abgebrochen wird. Beide haben bei ihm denselben Status. In einem Punkt hätten die  Abtreibungsgegner recht, nämlich dass die Geburt keine scharfe Grenze markiere. Ein Frühgeborenes im Alter von 23 Wochen habe keinen anderen moralischen Status als ein Kind mit 25 Wochen in der Gebärmutter.

Singer geht sogar noch weiter und spricht dem Menschen nicht per se einen höheren Status zu als Tieren, in seinen Worten: Nicht die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch macht es moralisch falsch, ein Lebewesen zu töten. Warum sollten alle Angehörigen der Spezies Homo sapiens ein Recht auf Leben haben und andere Spezies nicht?

Diese Idee entspringe bloss dem religiösen Erbe. Uns sei jahrhundertelang beigebracht worden, dass der Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen wurde, dass Gott uns die Herrschaft über die Tiere gegeben hat und dass wir unsterbliche Seelen haben.

Ein krudes Beispiel für diese Sicht: Ein brennenden Haus mit 200 Schweinen drin und einem Kind wäre auf seine Rettung angewiesen, und er könnte entweder die Tiere oder das Kind retten – da sagt Singer tatsächlich, das Leid der Tiere werde irgendwann so gross, dass er sich für die Schweine entscheiden würde. Das sei vielliecht nich bei 200, sondern erst bei zwei Millionen Tieren der Fall, aber bei unendlich vielen auf alle Fälle.

Diese Haltung passt zu seinen vegetarischen Ambitionen, am liebsten hätte er Schlachtschweine ohne Schmerzempfinden (keine Rede von Retortenfleisch). Noch eine andere Facette: Sterbehilfe – das befürwortet Singer für alle, die ihr Leben nicht mehr für lebenswert halten. Man sollte es Leuten aber nicht zu leicht machen, womöglich irrationale Entscheidungen zu treffen. Den vielbeschworene Druck, der von der Erleichterung der Selbsttötung ausgehe, sieht Singer relativ unbeeindruckt, das könne auch hilfreich sein. Man müsse auch an die Pflegenden denken, denen man nicht ewig zur Last fallen wolle.

Zu diesem Thema wird noch ein wenig spekuliert, der wichtige Aspekt ist die freie Selbstbestimmung, die Singer vertritt. Zuletzt wird das Thema Weltarmut angesprochen, dem sich Singer in seinen jüngeren Arbeiten unter dem Stichwort Effective Altruism (Effektiver Altruismus) widmet. Da ist auch die gbs Schweiz engagiert (eine zufällige lokale Übereinstimmung mit der nzz), und das Thema ist wissenbloggt einen Extraartikel wert.

Eine Einstimmung sieht man in Verursachen Vegetarier mehr Blutvergiessen? – Eine Replik

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Eine Antwort auf Lebensrecht für Neugeborene oder nicht?

  1. Wilfried Müller sagt:

    Dazu ein Link auf die gbs, Schmidt-Salomon sagt Laudatio auf Peter Singer ab Singer-Interview in der Neuen Zürcher Zeitung sorgt für Irritationen  (25.5.) mit der Begründung von MSS: „Peter Singer hat in diesem Interview Positionen vertreten, die meines Erachtens nicht nur im Widerspruch zu einem humanistisch-emanzipatorischen Politikverständnis, sondern auch im Widerspruch zu seinen früheren Standpunkten stehen“

    Ein weiterer Kommentar bei heise online Leben und leben lassen (26.5.)

    So ganz redlich ist die Distanzierung nicht, da spielt sicher die Angst rein, an Tabus zu kratzen, die einen zum Angriffsziel der populistischen Debatte machen. Eine sachliche Diskussion wäre angebracht, um eine rational begründbare Ethik zu etablieren, zumal ja einiges von den tabuisierten Dingen schon getan wird.

    Noch ein Nachtrag von der Gegenseite kath.net (30.5.): Da schreibt ein stramm religiöser Gegner, Ich kann die Heuchelei um Peter Singer nicht mehr hören! Und er hat recht, wenn er sich darauf beruft, dass Singers "verschiedenste Kritiker sich ausschließlich an seinen Worten abarbeiten und die längst eingeführte Praxis in der Regel nicht mit einem einzigen Wort infrage stellen."

    Als da wäre:

    • PID – seit 2011 erlaubt
    • Abtreibungsrecht – seit >40 Jahren "(Un-!)Recht"
    • Tötung Schwerstbehinderter bis 28 Tage nach Geburt – in Holland praktiziert
    • Suizid nach eigenem Willen – Bundestag will den assistierten Suizid beschließen

     

     

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