Effective Altruism in der Version Singer

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donate-654328_640Der australische Philosoph Peter Singer lehrt als Professor für Bioethik an der Universität Princeton. Seit den 1970er Jahren erregen seine Thesen Aufsehen. «Animal Liberation» (1970, ein Aufruf für Tierrechte), «Praktische Ethik» (1979, umstrittene Auffassungen zu Euthanasie und Tötung von Neugeborenen), «The Most Good You Can Do. How Effective Altruism Is Changing Ideas About Living Ethically» (2014, über die Weltarmut, Bild: angiechaoticcrooks0, pixabay). Mit der Tierbefreiung und vor allem der Praktischen Ethik befasst sich unser Artikel Lebensrecht für Neugeborene oder nicht?

Die Kontroversen sind durchaus noch im Schwange, wie z.B. der Kölner Stadtanzeiger berichtet, Eklat nach Interview – Phil. Cologne lädt Philosoph Peter Singer wieder aus (28.5.): … Das ist erstaunlich, denn Singers radikale Meinung zum ungeborenen Leben ist uralt.  Dasselbe Ereignis bei der SZ: Eklat nach Interview in der NZZ – Philosophiefestival lädt Bioethiker Singer aus.

Die Diskussion ist nicht gerade frei von Dogmatismus, und bei der Preisverleihung für den Tierschutz gab es letzthin Protest zum Peter-Singer-Preis wegen den Euthanasie-Vorwürfen. Dieser Artikel befasst sich aber mit dem zweiten Teil des nzz-Artikels Ethik – «Ein Embryo hat kein Recht auf Leben», an dem sich der aktuelle Streit entzündete. Das Thema Effective Altruism  (wie man die Welt am besten verbessert) hat eine eigene Würdigung verdient.

Die Frage in der Formulierung von Singer: «Es ist falsch, wenn wir viel Geld für Dinge ausgeben, die wir nicht brauchen, während wir Menschen in extremer Armut kaum helfen.» Das führt auf ein schwieriges ethisches Abwägungsproblem: Wie viel sollte eine Gesellschaft zahlen, um die Lebensqualität der Bürger zu heben, wenn sie mit dem gleichen Geld das Leben von Menschen in armen Ländern viel stärker verbessern könnte?

Ein Beispiel von Singer: Ein Kind droht in einem Teich zu ertrinken. Wir sind verpflichtet, es zu retten, auch wenn wir unsere teuren Schuhe dabei ruinieren. Ebenso müssen wir Kosten auf uns nehmen, um armen Menschen in fernen Ländern helfen, denn das Leben eines weit Entfernten sei genauso wichtig. Wir sollten so viel Gutes tun wie möglich.

Das ist der Inhalt von Singers neustem Buch, und dort wird der «effektive Altruismus» propagiert. Nochmal in Singers Worten, wie das zu verstehen ist: Der effektive Altruismus nutzt die Vernunft und empirische Evidenz, um herauszufinden, wie man am meisten tun kann, um die Welt zu verbessern, und wie man sein Leben gestalten sollte, um möglichst viel Gutes zu tun.

In der Schweiz gibt es laut Singer eine sehr aktive Gruppe effektiver Altruisten. Damit ist sicher die gbs Schweiz gemeint, mitsamt dem Verein Effective Altruism Switzerland. der EACH bietet "eine Plattform und ein Netzwerk von und für Personen, die bestrebt sind, ihre Berufskarrieren dafür zu nutzen, ethisch möglichst viel zu bewirken." Der Vollständigkeit halber das Motto der gbs Schweiz, die auch stark im effektiven Altruismus engagiert ist: "Die GBS ist ein Think-Tank für kritisch-rationales Denken und Fragen im Schnittbereich von Ethik und Wissenschaft. Auf dieser Grundlage fördert sie den evolutionären Humanismus und unterstützt eine ethisch und empirisch informierte, zeitgemässe Politik."

Singer begründet seinen Aufruf, warum man altruistisch handeln sollte, ohne Pathos: Weil man die Fähigkeit habe, viel Gutes zu tun, sogar ohne riesige Opfer zu bringen. Vielleicht fände man es sogar erfüllend. Das kollidiere nicht mit einem Leben, das der Literatur, der Kunst oder der Musik gewidmet sei. Kultur sei kein überflüssiger Luxus, aber wenn jemand das Gebiet nicht starmäßig beherrsche, sollte er besser einen anderen Beruf ergreifen und in seine Freizeit den Künsten widmen.

Er selber sieht sich darin gerechtfertigt, seine Berufswahl an seinen Neigungen ausgerichtet zu haben. Schließlich habe er Einfluss, er habe  Leute motiviert, nachzudenken. Z.B. darüber, das Leiden von Tieren zu reduzieren oder Menschen in extremer Armut zu helfen. Da gehe er mit gutem Beispiel voran, indem er etwa ⅓ seines Einkommens für wohltätige Zwecke spende.

Als Vertreter des Utilitarismus (Handleln nach dem Nützlichkeitsprinzip) ist für Singer entscheidend, ob etwas das Glück vermehrt. Das sei plausibel, meint er, weil jeder Glück und Leiden aus eigener Erfahrung kenne. Es sei platterdings offensichtlich, dass man gute Dinge vermehren und schlechte vermindern sollte.

Die nzz-Interviewerin Streeck kann sich einen letzten Seitenhieb nicht verkneifen: Würde Singer so weit gehen, ein Baby zu foltern, wenn es der ganzen Menschheit dauerhaftes Glück verschaffe?

Singer lokalisiert diese Frage in Tolstois «Die Brüder Karamasow»; Iwan stelle sie seinem Bruder Aljoscha. Er selber wäre vielleicht nicht in der Lage, das zu tun, aber richtig wäre es. Denn wenn er es nicht täte, würden in der Zukunft Tausende Kinder gequält.

Schauderhafte Abwägungen sind das, denen sich Singer offen und ehrlich stellt. Die Leute, die dabei aufschreien, sind unredlich. Der Fall ist schon eingetrteten, ein Offizieller folterte die Information aus einem menschenverachtenden Straftäter heraus, wo er seine Geiseln versteckt hielt. Es wurde dafür abgestraft, anstatt dass man ihn belobigte. Und hinterderhand waren alle froh, dass man keine toten Geiseln zu beklagen hatte – Heuchelei.

Wie man den effektiven Altruismus ausweiten kann, diskutiert die New York Times anhand von 2 Büchern in Mutual Funds – Assessing Impact Investing and Borrowing in Old Age (11.4.): Wem das sozial verträgliche Investieren nicht weit genug geht (und wer das Geld dafür hat), der kann mehr tun als nur ein correctes Investment zu machen, das z.B. keine Fabrikation von Waffen, Alkohol, Tabak und anderen lebensgefährlichen Waren unterstützt. Es gebe Investitionsmöglichkeiten, die eine signifikante Verbesserung der Welt bedeuten. 

Sowas nennt sich “impact investing" (wirkungsvoll investieren) und zieht die Schraube der Correctness nochmal fester an. Die Idee ist, Kapital so einzusetzen, dass sie Güter und Dienstleistungen mit positivem sozialen Effekt (positive social impact) hervorbringen und sich trotzdem auszahlen. Das sei eine neue Form der sozial verantwortlichen Investitionsstrategien.

So ganz neu können die nicht sein, weil sie von Zinszahlungen ausgehen. Wo die Zinsen nun wegfallen, änndern sich die Prioritäten. Wer Rendite erwirtschaften muss (wie die Versicherer), der fragt nur noch nach Zinsen und nicht mehr nach dem "Sozialklimbim".

Generell ist der Ansatz des effektiven Altruismus sicher bedenkenswert. Er kommt oft mit der Spendenaufforderung wie im Bild oben daher und könnte deshalb nervig wirken. Ob die Spenderei wirklich Gutes tut, ist die nächste Frage – oder eher, wem sie Gutes tut. Das sind allzuoft nicht die Menschen, auf die man abzielt, sondern gewiefte Profibettler, siehe auch Internationale Profibettler im Visier.

Manch einer wird auch Probleme mit der Ansicht haben, das Leben eines weit Entfernten sei genauso wichtig wie das eigene – oder gar das Tierleben, das von vergleichbarer Schutzbedürftgkeit sei wie das menschliche. Solche Lasten mögen nur wenige schultern (die Jaina-Mönche säubern ihren Weg mit dem Besen von Krabbeltieren, aber das ist eine Extremposition).

Die Gegenposition mit Vorrechten für die Menschen  – und unter diesen für die "Etablierten" gegenüber den Entfernten – dürfte der Mehrheitsmeinung entsprechen. Solche Themen sollten enttabuisiert und entromantisiert werden, damit sie demokratisch entschieden werden können. Nicht nur, wie sich die Rechte von Mensch und Tier verhalten, sondern auch die der Etablierten zu denen der Entfernten bzw. der Ansässigen und der Zuwanderer.

 

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