Dürfen alle alles überall?

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oldtimer-724449_640Die Frage bezieht sich auf das ethische Problem der Gewichtung unserer Interessen. In seinem vielbeachteten nzz-Interview Ethik – «Ein Embryo hat kein Recht auf Leben» sprach der australische  Professor für Bioethik Peter Singer die Formel der political correctness: Das Leben eines weit Entfernten ist genauso wichtig, ja. Es ist falsch, wenn wir im Luxus leben und viel Geld für Dinge ausgeben, die wir nicht brauchen, während wir Menschen in extremer Armut kaum helfen (Bild: Gellinger, pixabay).

Nichts gegen Hilfe, aber um welchen Preis? Im Extremfall (woanders von ihm vorgetragen) hält Singer es für besser, nicht seine kranke Mutter zu pflegen, sondern mit demselben (finanziellen) Aufwand vielen Menschen in fernen Ländern zu helfen. Diese Einstellung stößt auf viel Kritik.

Menschenfeindlichkeit

Dabei ist sie nur die konsequente Durchsetzung der political correctness, die totale Anti-Diskriminierung verlangt. Das neue Wort dafür ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF). Als menschenfeindlich gilt die Aussage "die schon da sind, sollen Vorrechte gegenüber den Hinzukommenden haben", im Fachwort Befürwortung von Etabliertenvorrechten, und das ist ein Kriterium für Rassismus und Rechtsextremismus.

Als menschenfeindliche Aussage gilt auch die Äußerung von Bedrohungsgefühlen, die mit der Immigrantion verknüpft werden, unabhängig davon, dass tatsächlich viele Menschen ins Prekariat gedrückt werden und die Hinzukommenden diesen Trend verstärken.

In der Folge wird der Rechtsradikalismus zunehmend in der Mitte verortet, und nicht mehr in den Randgruppen; er ist also nicht mehr rechts, sondern zentral. Die political correcte Drohung lautet: Wenn sich Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit als Norm durchsetzt, Demokratie grundsätzlich angezweifelt oder sogar für gescheitert erklärt wird, wenn sich ein Sozialdarwinismus, der die Gesellschaft letztlich als Kampfarena der Besten sieht, breit macht oder Neid- und Missgunstdebatten sowie eine Distanzierung von Europa die Oberhand gewinnen, dann ist die Lage der Demokratie fragil (siehe Rechte Mitte).

Tabu

Aber wer will Demokratie grundsätzlich anzweifeln und die Gesellschaft als Kampfarena sehen? Ist es wirklich Neid und Missgunst, wenn man nicht erlauben möchte, dass jeder aus der ganzen Welt herziehen darf und dass uns das eigene Wohlergehen wichtiger ist als das der Menschen in tausenden Kilometern Entfernung?

Diese Frage ist so stark tabuisiert, dass eine vernünftige Debatte darüber kaum möglich scheint. Bei wissenbloggt wird trotzdem ein Anlauf zu einer vorurteilsfreien Abwägung unternommen. Der politischen Correctness steht das allgemeine Empfinden entgegen, das sich immer wieder in Feststellungen wie diesen äußert, meine eigenen Kinder sind mir wichtiger als die Nachbarskinder, die wiederum als die Kinder in anderen Städten und die sind mir wichtiger als die in anderen Ländern. 

Diese Geisteshaltung dürfte biologisch verankert sein, wie die vielen Revierkämpfe der Geschichte bezeugen. Sie findet sich in der arabischen Version, ich gegen meinen Bruder, wir beide gegen die anderen Familien, unsere Familien gegen die anderen Stämme.

Ethik

Nun ist nicht jedes biologische Erbe automatisch von ethischem Wert, eher im Gegenteil. Die Frage muss also nach der Weisheit gestellt werden, die dem Konzept der Etabliertenbevorzugung innewohnt. In einer Diskussion der gbs-muc wurde dazu der Gesellschaftsvertrag bemüht, in dem Sinne, dass man ihn implizit mit der jeweiligen Gesellschaft abschließt, in der man lebt.

Es ist ein Geben und ein Nehmen. Man bringt sich ein, zahlt Steuern, übt womöglich ein soziales Engagement aus, und nimmt dafür die Vorteile entgegen, die das Gemeinwesen bietet: Sicherheit innen und außen und bei der Versorgung, Rechtsstaatlichkeit, im Idealfall sogar demokratische Willensbildung in der Politik.

Dasselbe gilt auf verschiedenen Stufen, in der Familie (soweit vorhanden) hat man einen unausgesprochenen Familienvertrag, in der Stadt hat man implizite Regeln für beide Seiten, und international gibt es gerade in Europa viel Miteinander. Diese Struktur läuft eher unbewusst mit, sie ist aber Ausdruck von Zivilisation und Gerechtigkeit. Und im Fall Europa (und früher bei der Staatenbildung) ist sie nicht leicht zu erringen.

Legitim

Das dürfte als legitimes Argument für Etabliertenbevorzugung hinreichen. Wer in die Strukturen investiert hat, auch wenn's unbewusst war, will den Nutzen nicht unbedingt mit jedem anderen teilen. Zumal dann nicht, wenn andere darüber entscheiden wollen (die Hinzukommenden und Gutmenschen aller Art) und man selber nicht gefragt wird.

Nein, ist die Antwort auf dieser Basis, es dürfen nicht alle alles überall. Die Interessen der Etablierten wiegen schwerer als die der Fernen. Es ist kein Rassismus, wenn man nicht sein ganzes Geld mit allen anderen teilt (Peter Singers Rate ist 1/3), und es ist keine Menschenfeindlichkeit, wenn man nicht jeden Menschen einwandern lassen will.

Ja, ist allerdings die Antwort auf das Hilfebegehren. Es soll geholfen werden, bloß wie die Konditionen aussehen, darf nicht von fern diktiert werden.

Political correctness steht eigentlich für besondere Sensibilisierung gegenüber Minderheiten, aber was ist, wenn es Mehrheiten werden? Diese Besorgnis wurde vielfach ausgesprochen, und sie traf auf härteste Kritik. In der Hoffnung, dass man auch rational damit umgehen kann, sollten zunächst auch belastbare unabhängige Zahlen erhoben werden.

Zahlen

Wie sieht die Stimmungslage aus, in bezug auf Etabliertenvorrechte? Wie verhält sich der tatsächliche Bedarf zu den den möglichen Hilfeleistungen, wie sind die zahlenmäßigen Auswirkungen?

Als Gegenbeispiel mögen die Umfragen und Studien mit den Drohkulissen dienen. Die einen wollen der Mehrheit der Muslime in den Euro-Ländern Scharia-Zustimmung attestieren. Die demographischen Lügenkonstrukte der Gegenseite kommen mit der Drohung des Arbeitskräftemangels daher. Bei einer Abnahme der Bevölkerung von 1/4% im Jahr (200.000) und Produktivitätsgewinnen von 1-2% (also 1-2% weinger Arbeit) ist das grober Unfug.

Peter Singer hat mit der Heuchelei aufgeräumt und uns die Konsequenzen der totalen correctness aufgezeigt. Anlass genug, um den Gegenentwurf ins Auge zu fassen und die Rechte hier wie da klarer zu definieren.

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