Etwas tun oder unterlassen – das ist eine ethische Grundfrage

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tunundunterlassen538_0Bei Freigeist Weimar kann man eine aktuelle (1.6.) Buchrezension von Siegfried R. Krebs lesen, die wir mit freundlicher Genehmigung übernehmen. Das Buch ist schon 20 Jahre alt, aber es passt zu den
aktuellen Debatten um Peter Singer. Es geht um Leben und Sterben, und um "moralische Institutionen" (gemeint sind Religionen und Kirchen) die sich als "letzte, nicht mehr zu überbietende Wahrheitsinstanz" in ethischen Fragen aufspielen würden.
 

Etwas tun oder unterlassen – das ist eine ethische Grundfrage

WEIMAR. (fgw) Bereits vor zwanzig Jahren ist die Schrift "Tun und Unterlassen" des emeritierten Ethik-Professors Dieter Birnbacher erschienen. Nun hat der Alibri-Verlag diese Schrift, versehen mit einem ausführlichen Vorwort, in einer Neuauflage herausgebracht. Darin geht es, sehr detailliert, um eine Grundfrage der Ethik: Ob es einen prinzipiellen Unterschied zwischen "aktivem" Handeln ("Tun") und "passivem" Geschehenlassen ("Unterlassen") gibt.
 
So einfach ist diese Frage aber nicht zu beantworten, denn jedes Tun ist fast immer auch ein Unterlassen. Und umgekehrt. Damit ist das nicht nur eine ethisch-moralische Frage, sondern zumeist auch eine sehr juristische. Birnbacher geht deshalb auf die in Alltagsmoral und Rechtsprechung verbreitete normative Differenzierung zwischen Handeln und Unterlassen ein. Und ob die weitgehende Entlastung eines Akteurs von negativer oder Unterlassungsverantwortung rational gerechtfertigt werden könne. All dies ist im öffentlichen Diskurs, wie nicht minder in der bundesdeutschen Rechtsprechung, sehr umstritten.
 
Er schreibt dazu: "Von praktisch-politischer Bedeutung ist diese Frage insbesondere im Kontext der weiterhin offenen Diskussion über die Rechtfertigbarkeit der aktiven Sterbehilfe (gegenüber dem Sterbenlassen) und der (aktiven) Früheuthanasie." (S. 11) Zu letzterem siehe auch die aktuellen Debatten um Peter Singer. Wie Birnbacher weiter schreibt, habe "der Begriff des passiven Sterbenlassens konzeptionelle, aber auch normative Bedeutung für den in der Hospizbewegung und der Palliativmedizin zum Leitbegriff gewordenen Begriff des 'natürlichen Todes' erlangt." (S. 11)
 
Was für die Rechtsprechung, siehe die einschlägigen Paragraphen im Strafgesetzbuch 13, 27, 138, 216, 222 und 323c, relativ klar erscheine, gelte so nicht für die Ethik. Für diese stelle sich sehr deutlich die Frage nach den Gründen des Akteurs für sein Handeln oder Unterlassen im konkreten Fall. Leider nur kurz deutet Birnbacher auch an, daß es nicht angehe, daß sich nach wie vor "moralische Institutionen" (gemeint sind Religionen und Kirchen) als "letzte, nicht mehr zu überbietende Wahrheitsinstanz" (S. 22) in ethischen Fragen aufspielen würden.
 
In neun Kapiteln handelt Birnbacher sein Thema anhand einiger realer und vieler hypothetischer Fallbeispiele ab, beginnend mit den begrifflichen Abgrenzungen zwischen Handeln und Unterlassen, aber auch zwischen Unterlassen und Geschehenlassen. Im weiteren geht er der Frage nach, ob eine Unterscheidung zwischen Handeln und Unterlassen als solche moralisch bedeutsam ist. Desweiteren verschiebt er seine Fragerichtung von den Handlungen und Unterlassungen als solchen hin auf die Normen, die ein Handeln oder Unterlassen gebieten, verbieten oder aber erlauben. Birnbacher verschweigt nicht, daß in dieser Grundfrage und möglichen Antworten auch die Gefahren von "Dammbruch und Mißbrauch" bestehen, siehe die (zumeist politischen und politisierten) Debatten in der und um die Bioethik.
 
Bezüglich der rechtsethischen Frage nach der Strafbarkeit von Unterlassungen heißt es: "Zwischen der moralischen und der strafrechtlichen Beurteilung von Unterlassungen besteht kein einfaches Abbildungsverhältnis. Da strafrechtliche Sanktionen mit sehr viel höheren individuellen und sozialen 'Kosten' verbunden sind als lediglich moralische Sanktionen, müssen die Bedingungen für die Strafbarkeit sehr viel enger gefaßt sein als die Bedingungen für die moralische Inakzeptabilität. Daß eine Unterlassung moralisch zu verurteilen ist, ist kein hinreichendes Argument dafür, sie auch unter Strafe zu stellen." (S. 279)
 
Das letzte Kapitel ist einem sehr aktuellen Anwendungsbeispiel gewidmet, der aktiven und passiven Sterbehilfe. Gerade dieses sollte aufmerksam gelesen werden, bietet es doch fundierte Argumentationen in den meist immer noch politisch und ideologisch (klerikal) aufgeladenen Debatten. Vielleicht wäre es sogar angebracht, dieses Kapitel als Sonderdruck herauszubringen.
 
Ein Aber muß aber gesagt sein: Dieses Buch ist für den Durchschnittsleser leider kaum geeignet, bewegt es sich doch auf einem sehr hohen akademischen Niveau. Es wendet sich eben primär an Studenten oder Juristen, die sich mit ethischen Fragen auseinandersetzen. Das schränkt trotz der vielen hypothetischen Fallbeispiele die Verständlichkeit des Textes doch erheblich ein. Dennoch und nochmals, besonders empfehlenswert ist das letzte Kapitel.
 
Siegfried R. Krebs

Dieter Birnbacher: Tun und Unterlassen. Durchgesehene Neuauflage. 332 S. brosch. Alibri-Verlag. Aschaffenburg 2015. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86569-172-9

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