Rezension: Die Kraft der Naturgesetze

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Zum Thema Emergenz und kollektive Fähigkeiten von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft hat uns Dr. Gerfried Pongratz freundlicherweise eine Rezension zur Verfügung gestellt (3.6.). Es geht um das Buch von Dr. Günter Dedié, das bei wissenbloggt bereits in mehreren Artikeln quasi kapitelweise abgehandelt wurde. Der Rezensent Pongratz lobt das Buch als uneingeschränkt empfehlenswert.

 

Die Kraft der Naturgesetze

Ein hochinteressantes, auch spannend zu lesendes Buch für Leserinnen und Leser, die verstehen möchten, wie sich unsere Welt aus sich selbst heraus entwickelt hat und welche Konsequenzen sich aus dieser Erkenntnis ergeben.

Der Untertitel des Buches "Emergenz und kollektive Fähigkeiten durch spontane Selbstorganisation von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft" verdeutlicht das Hauptziel der Ausführungen, wobei man die emergente Entwicklung der Welt durch Selbstorganisation kurz gefasst wie folgt beschreiben kann:

Mehrere, viele, oder sehr viele, elementare Bausteine (Elemente) verbinden sich auf der Basis ihrer Wechselwirkungen, die meist nur zwischen den nächsten Nachbarn wirken, spontan zu Systemen mit neuen Strukturen und Eigenschaften. Aus einfachen Elementen mit einfachen Wechselwirkungen untereinander entstehen Systeme mit sehr komplexen kollektiven Strukturen, Eigenschaften und Fähigkeiten, die aus den Strukturen und Eigenschaften der einzelnen Elemente nicht erklärt oder vorhersagt werden können.

Die Vielfalt emergenter Prozesse in der belebten und unbelebten Natur ist nahezu unüberschaubar groß und findet in unterschiedlichen Bezeichnungen (Emergenz, Selbstorganisation, Komplexitätstheorie, Synergetik, Holismus, Evolution, Symbiose, Autopoiesis etc.) ihren Ausdruck. Die diesen Prozessen zugrundeliegenden Spezialgebiete wissenschaftlicher Forschung können jedoch – unter dem Aspekt der Selbstorganisation – zu einem Gesamtbild der Emergenz, die als durchgängiges Prinzip auch eine Brücke zwischen der unbelebten und der belebten Natur sowie zwischen der materiellen Welt und der Welt des Geistes bildet, zusammengefügt werden.

In 17 Kapiteln – mit einer jeweils vorangestellten Kurzzusammenfassung der wesentlichsten Aussagen – beschreibt der Autor das Prinzip der Selbstorganisation und Emergenz; von den Grundlagen der Physik, Chemie, Biologie bis zum Menschen in den natürlichen und sozialen Bedingtheiten seiner Existenz spannt sich der Bogen des 255 Seiten umfassenden Textes (beginnend beim Urknall und der Entstehung der Welt, über fundamentale Teilchen und Kräfte sowie Prinzipien und Theorien der Physik, weiter auch über Quantenphänomene und chaotische Prozesse bis zu chemischen Prozessen; von Molekülen bis zur Entwicklung des Lebens von Vorstufen bis zu höheren Lebewesen).

Dem Gehirn des Menschen (u.a. Aufbau, Gedächtnis, "Wirklichkeit", Arbeitsweise, Lernen, Inspiration) als Paradebeispiel eines emergenten Systems und der menschlichen Gesellschaft – in Wechselwirkung ihrer geistigen und kulturellen Fähigkeiten – sind zwei ausführliche Kapitel gewidmet, wobei u.a. auch die Themen "Ethische und moralische Grundlagen" (inklusive kritischer Beleuchtung der Rolle von Religionen) sowie "Sozialordnung und Staat" unter dem Aspekt der Emergenz und Selbstorganisation tiefgründig analysiert werden. Das Interesse der Menschen an geistigen Dingen (Spiritualität) wird als Folge emergenter Fähigkeiten des Gehirns beschrieben, das daraus resultierende gesellschaftliche Konzept führt zu spontaner Sozialordnung. Der Autor verdeutlicht auch die seiner Ansicht nach stark zunehmenden Gefahren "extraktiver" Systeme (Konzentration von Macht, Reichtum und Wissen auf eine kleine, selbsternannte "Elite") und spart dabei nicht an Kritik zu EU, Euro, Banken und Medien.

Das letzte Kapitel "Rück- und Ausblick" betont kurzgefasst die Rolle von Emergenz als "Thema mit Variationen" für kooperative Prozesse der Selbstorganisation wie Symbiosen, Ko-Evolutionen und soziale Kooperationen mit Empathie und eusozialem (analog zu staatenbildenden Insekten) Verhalten. Synergetische Zusammenarbeit, nicht "Kampf ums Dasein", bildet den Erfolgsfaktor der Evolution (einschließlich der sozialen Entwicklung des Menschen), wobei die Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auch Geisteswissenschaften beeinflusst und Defizite in Ethik und Moral vermindert. Der Appell "Es ist höchste Zeit dafür!" beschließt das Buch.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch vor allem für natur-, aber auch geistes- und sozialwissenschaftlich interessierte Laien (mit etwas Vorwissen), Fortgeschrittene und Experten!

 

Die Kraft der Naturgesetze, Günter Dedié, Verlag tredition, 2015 (zweite verbesserte Auflage für gebundene und broschierte Bücher, Bestellmöglichkeit).

Links zu Dediès Emergenz-Netzwerk, zu Dediés wb-Artikeln

 

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