Superintelligenz in Arbeit

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Wie lange dauert es, bis die Roboter übernehmen? Die Antworten sind weit gefächert, von passiert gar nicht bis kommt bald. Immerhin sieht jeder das Vordringen der Computer und Automaten. Jeder kann sich ausrechnen, dass die technischen  Produktivitätsgewinne zulasten der menschlichen Arbeit gehen, sei es durch Billigmachen der Jobs (40 Jahre keine realen Einkommensverbesserungen), sei es durch Arbeitslosigkeit (vor allem bei der Jugend und im Süden des Eurolands).

Die interessantesten Stimmen sind hier aufgeführt, es geht von der Skepsis bis zum Postulat der Superintelligenz. Während wissenbloggt Gegenargumente für die Skeptiker findet, sieht es bei der Superintelligenz anders aus. So nicht, wie unten prognosziert, aber im Prinzip schon. Und vielleicht schneller als gedacht …

 

Die skeptische Sicht

In der Süddeutschen Zeitung konnte man einen Essay lesen, Produktivität – Warum der digitale Sprung ein großer Irrtum ist (29.5.): Die These von der revolutionären Kraft des Silicon Valley ist zu schön, um wahr zu sein. Denn produktiver werden wir durch die Digitalisierung nicht.

Ob wirklich das zweite Maschinenzeitalter kommt, das Wirtschaft und Arbeitswelt völlig auf den Kopf stellt? Catherine Hoffmann macht eine Zwischenbilanz für das Netz der Netze. Sie befasst sich mit der Produktivität. Genauer mit der Produktivitätsflaute, an der alle großen Industrienationen angeblich leiden, weil die jüngsten Erfindungen weniger revolutionäre Kraft entwickeln als angenommen.

Die volkswirtschaftlichen Statistiken zeigen demnach bis heute nicht, dass Internet und Digitalisierung die Wirtschaft produktiver machen. Ganz anders als die IT-Pioniere meinen, seien die lernenden Roboter fern davon, die Wirtschaft neu zu ordnen oder gar die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten auszuhebeln und einen Paradigmenwechsel zu schaffen. In der Produktivitätsstatistik schlage sich das nicht nieder.

Daran aber messen sich der wahre Fortschritt, das materielle Wohlergehen und der wirtschaftliche Erfolg. Durch höhere Arbeitsproduktivität steigt das Bruttoinlandsprodukt, es kommt mehr Geld in die Kassen von Unternehmern, Beschäftigten und Staat. Frühere technologische Revolutionen bescherten den Verbrauchern noch Vorteile, die heute ausbleiben.

Auch früher habe nicht jede Innovation einen nachhaltigen Produktivitäts- und Wachstumsschub ausgelöst, doch den Höhepunkt habe das Produktivitätswachstum mit der ersten Industrialisierung erreicht, so um 1800 herum, mit mechanischen Webstühlen, Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Dampfschiffen. Die zweite industrielle Revolution um 1900 herum bescherte den Menschen fließendes Wasser, elektrisches Licht, Erdöl, Autos, Flugzeuge und Telefone.

In Zahlen ausgedrückt: Von 1891 bis 1972 gab es 2,3% Produktivitätszuwachs – pro Jahr. Von 1972 bis 1996 gab es nur noch 1,4% jährlich, als ob EDV, PC und Mikrochips wirkungslos blieben. Die Milliardeninvestitionen in Computer und Telekommunikation brachten keine höhere Produktivität, und der Knick der Kurve ist permanent.

Eine kurze Ausnahme brachte die Dotcom-Blase, von 1996 bis 2004 waren's wieder 2,5%, von 2004 bis 2012 nur noch 1,3%. Aktuell gibt's sogar einen Abwärtstrend in den USA, der die Ökonomen alarmiert. Aber auch Deutschland, Japan und Großbritannien sind enttäuscht. Man forscht nach den Gründen.

Braucht die Technik noch Zeit? Wird sie zu schlecht eingesetzt? Muss es erst die digitale Vernetzung der gesamten Wertschöpfungskette geben? Werden die hochgehandelten neuen Firmen jemals lukrativ? Sind die  jüngsten Erfindungen nicht so großartig, wie es den Anschein hat? Ist der Hype um neue Gadgets und lustige Apps bloß ein Spaßfaktor, und am Ende wird die digitale Revolution gar nicht so segensreich für die Volkswirtschaften? 

Antworten auf die Fragen

Produktivität ist eine wirtschaftswissenschaftliche Kennzahl. Sie bezeichnet das Verhältnis zwischen produzierten Gütern und den dafür benötigten Produktionsfaktoren. Man muss aber auch die gegenläufigen Faktoren anschauen:

  • Wenn das Wachstum mehr in Richtung qualitatives Wachstum geht, schlägt sich das nicht in hohen Produktivitätszuwächsen nieder. Es wird bessere, nachhaltigere und sparsamere Qualität produziert, zumindest in Ansätzen.
  • Dann muss man natürlich einkalkulieren, dass der Hype im Finanzbusiness Kräfte gebunden hat, aber dass er keine Werte schafft, im Gegenteil. Am Ende hat er Fehlallozierung und Wertvernichtung gebracht. Das dürfte sich auch in den Produktivitätszahlen niederschlagen.
  • Noch ein Faktor ist das Bevölkerungswachstum. Mehr Menschen bedeuten Kratzen an den Wachstumsgrenzen, sie bedeuten weniger und schwerer zu gewinnende Rohstoffe. Auch das sollte die Produktivität bremsen.

Die Frage ist also zu stellen, wie sähe es ohne die IT aus? Dann dürfte die Produktivität längst zurückgehen. Die Gewinne durch die neue Technik könnten durchaus erheblich sein, nur werden sie durch andere Faktoren gemindert. Die Kernaussage Denn produktiver werden wir durch die Digitalisierung nicht ist also höchstwahrscheinlich falsch.

Die entfesselte Sicht

Dazu liefert ZEIT ONLINE einen Beitrag, Künstliche Intelligenz"Maschinen sind schneller, stärker und bald klüger als wir" (auch 29.5.): Künstliche Intelligenz könnte alle Probleme der Menschheit lösen, sagt der Philosoph Nick Bostrom. Zumindest, wenn die Computer uns nicht vorher vernichten.

In dem Interview mit dem Zeit-Redakteur Oskar Piegsa traut sich der Oxforder Philosophie-Professor krasse Aussagen. Er glaube zwar nicht, dass er mal  von einem Roboter getötet werde, aber so um 2075 herum werde die Künstlicher Intelligenz (KI) menschliches Niveau erreichen. Die Vorstellung sei plausibel, dass damit das Ende der Menschheit oder auch der Erde heraufdämmert.

Zweifel habe Bostrom eher an der Zeit, denn da lagen die Vorhersagen oft daneben. Wenn es aber soweit sei, dann sei es von der Gleichwertigkeit bis zur künstlichen Superintelligenz nicht mehr weit. (Normalerweise wird von der Singularität geredet, wo die Maschinen sich per KI selber verbessern. Die müssen ja nicht 30 Jahre lernen, die werden programmiert und können sofort loslegen, und jede Generation ist besser als die vorige).

Superintelligenz nennt Bostrom jeden Intellekt, "der den menschlichen radikal überbietet". Beim Schachspielen ist es schon so. Überhaupt seien Maschinen heute schon schneller, stärker und belastbarer als Menschen. Da sei es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch klüger werden.

Die kluge Frage der Zeit dazu, wie wohl Klugheit zu definieren sei? Das sei die Fähigkeit, die verfügbaren Resourcen im Rahmen der Naturgesetze bestmöglich einzusetzen, um vorgegebene Ziele zu erreichen.

Die Zeit versäumt es an diesem Punkt, nach den Zielen zu fragen, wie die wohl vorgegeben werden? Da liegt doch eher das Klugheits-Problem als  bei der Optimierung der Vorgangsweise – die ist letztlich bloß Effizienz.

Der Professor hält sich lieber an die Gefahrenfrage, die Wissenschaft habe noch nicht über die Sicherheitsrisiken nachgedacht, deshalb mache er das. Dabei unterschlägt er allerdings die Überlegungen des Science-Fiktion-Autoren Isaac Asimov und seine Robotergesetze. Dadrin sind schon die wichtigsten Sicherheitsüberlegungen eingefangen. (Nicht dass sie beachtet würden, wenn demnächst die Robot-Soldaten auf Menschen schießen – 1. Gesetz: Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen …)

Dafür hat Bostrom ein dämliches Beispiel von einer Büroklammermaschine parat, die ihren Auftrag so wichtig nimmt, dass sie sich nicht abschalten lässt und das ganze Universum zu Büroklammern verarbeitet. Sowas ist für jeden Programmierer lächerlich, weil stets und ständig mit Begrenzungen gearbeitet wird. Deshalb gibt's ein dreifaches lol für die Befürchtung: Wenn die Büroklammermaschine erst in der Welt ist, könnte es bereits zu spät sein.

Kontrollprobleme von dieser Art dürften illusorisch sein. Die Tücke des Objekts liegt wohl eher in Computerkonglomeraten, die unüberschaubar werden. Von sowas erhofft sich der Professor allerdings Gutes: Wenn die Menschen 40.000 Jahre Zeit hätten, um zu beraten, wie die Welt sein soll, dann könnte die Superintelligenz das in 40 Minuten oder so.

Dahinter steckt natürlich ein fundamentales Fehlverständnis, wie Entscheidungen zustandekommen. Eigentlich sollte der Professor wissen, dass sie auf austarierten Wertungen beruhen, die bei jedem anders ausfallen, auch bei jeder Maschine, je nach Programmierung. Reine Willkür am Ende, nix was so präzis auszutüfteln wäre – das verschiebt die Willkür bloß auf eine andere Ebene.

Interessant ist der Schluss, wo der Superintelligenz zugetraut wird, unsere Produktivität um ein "unvorstellbar Vielfaches zu erhöhen". Dann wäre kein Verzicht mehr nötig, um allen Menschen ein paradiesisches Leben zu ermöglichen. Dem Risiko der Vernichtung durch die Büroklammermaschine stehe also die Chance des Paradieses durch Produktivitätsexplosion gegenüber.

Realistische Abschätzung

Mit der paradiesischen Sichtweise ist das so eine Sache. Der Professor kennt sich mit den menschlichen Trieben wohl wenig aus. Sonst wüsste er darum, dass es immer Leute gibt, die den Hals nicht voll kriegen, und die ohne Grenzen raffen wollen.

Gar nicht zu reden von der sozialen Grundfrage: Für wen arbeitet die Superintelligenz? Wie kriegen wir es hin, dass sie für die Allgemeinheit arbeitet und nicht bloß für die Besitzenden? Das ist es, was wirklich bei den Robotergesetzen fehlt, und wo der soziale Sprengstoff sitzt.

Wenn das mal gelöst ist, sollte der Weg in die Superintelligenz bzw. Singularität frei sein. Zugleich ist das eine Vertreibung aus dem Paradies, wie andere Quellen sagen, eine neue Kränkung der Menschheit. Denn sie wird vom Sockel gestoßen, wenn es Klügere gibt.

Nach der kosmologischen Kränkung (Erde ist nicht Mittelpunkt des Weltalls, der biologischen Kränkung (Mensch stammt vom Affen(-vorläufer) ab) und der psychologischen Kränkung (Seelenleben entzieht sich Kenntnis und  Herrschaft des bewussten Willens, oder aber Aufgabe des Dualismus) also noch Kränkung Nummer vier.

Bei wissenbloggt wurde das angedacht in Die vierte Kränkung? (Die digitale Kränkung der Menschheit, die Versprechungen des Internets wie Demokratisierung und soziale Vernetzung waren Utopie, durch die NSA und sonstige Datenabsauger wird es zum Kontrollinstrument.)

Wenn schon die jetzige Situation solche Missbrauchsmöglichkeiten bietet, dann sollte man die Superintelligenz gut im Auge behalten. Die Kränkung dürfte nicht nur in der Verdrängung des Menschen vom Podest bestehen, sondern die Sicherheitsprobleme liegen in allen Arten von Ausbeutung und Billigmachen.

Dieser Trend ist seit 40 Jahren in Gang, und es ist keine Änderung abzusehen. Hilflosigkeit reagiert, manche Ökonomen meinen, man müsse nur die Menschen besser schulen. Es würden immer höhere Ansprüche an die Jobsuchenden gestellt, Ausbildung sei die Lösung. "Die Roboter nehmen uns die Jobs nur weg, wenn wir es zulassen."

Aber die Maschinen übernehmen so oder so mehr Jobs. Die Automatisierung trifft längst nicht mehr die Geringqualifizierten. Auch die gut Ausgebildeten werden durch die Technik arbeitlos. Das beschreibt der wissenbloggt-Artikel Die Roboter sind schon da.

Die Frage kommen sie? ist längst beantwortet. Die Frage übernehmen sie? auch. Bleibt die Frage nach der Superintelligenz. Darüber mag jeder selber spekulieren. Unser Tip: 2030 ist sie da.

Aktueller Nachtrag dazu (12.6.): What Happens When We Upload Our Minds? Demnach rechnen die Oxforder Philosophen damit, dass man den Hirninhalt bald auf Speicher auslesen kann …
 

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Eine Antwort auf Superintelligenz in Arbeit

  1. Wilfried Müller sagt:

    Wie weit man mit dem Gedankenlesen ist, steht in scinexx.de (15.6.), "Brain-to-Text" – Verfahren rekonstruiert gesprochene Wörter und Sätze aus Hirnsignalen: Erkennungsquote der Wörter z.Z. über 75%. Dazu ein Kommentar von Frank Berghaus bei der IH: Wir leben im Moment wohl in einer der spannendsten Epochen der Wissenschaftsgeschichte. Tag für Tag werden neue Kapitel hinzugefügt. Umso befremdlicher ist es da, dass die grosse Mehrheit das nicht einmal zur Kenntnis nimmt, sondern sich lieber damit beschäftigt, welche der nahöstlichen nomadösen Wüstenreligionen die coolsten Märchen hervorgebracht hat.

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