Kritik an Begabtenförderung kritisiert


dog-734689_640Nachschauen bei der KMK bringt folgendes: Kultusministerkonferenz mit neuem Logo und frischem Design, und dort landet die Suche nach Begabten im Jahr 2001. Nun ja sie sind nicht die schnellsten dort; für die Rechtschreibreform von 1996/2004/2006/2011 besagen schon die Jahreszahlen, wie lang die Durchsetzung gedauert hat, und wieviel hin- und herreformiert wurde, bis keiner mehr was davon hören konnte. Also, das neue Logo ist durchaus angebracht, denn diesmal hat sich die KMK was Sinnvolles vorgenommen (Bild: JanDix, pixabay).

Die Schulpolitiker wollen die Begabtenförderung ausbauen, es soll mehr Spezialeinrichtungen für die Schülerelite geben. So berichtet SPIEGEL ONLINE SCHULSPIEGEL am 12.6., dem Tag der KMK. Der Spiegel wendet sich allerdings gegen das Unterfangen, der Kommentar von Bernd Kramer heißt Kultusminister: Der Unsinn der Elitenförderung.

Der Tenor der Kritik lautet, die Besten unterstützen heiße diejenigen fördern, die es am wenigsten brauchen. Dieser Entschluss sei falsch. Um das zu begründen, spricht Kramer von den Begabten als Spitzenschülern, die  plötzlich als benachteiligte Gruppen gelten sollen. Das sei paradox und ein falsches Signal.

Wer da ins Horn stoße, das sei Sachsens Schulministerin Kurth, das verpönte Wort von der Elitenförderung dürfe endlich wieder unverkrampft in den Mund genommen werden. Kramer entgegnet, die Spitze werde ohnehin besser gefördert, mit 7100 Euro jährlich pro Gymnasiast und 5600 pro Realschüler. Auch die Studienräte verdienen mehr als normale Lehrer, das Stipendienwesen wurde massiv ausgebaut, und einiges Geld ginge nicht in Bildungsmaßnahmen, sondern direkt als Taschengeld an die Auserwählten.

Die Bevorzugung träfe vor allem Akademikerkinder. Bei der Begabtenförderung seien die immer überdurchschnittlich dabei, wie Evaluationen zeigten. In den neuen Spezialklassen an Brandenburgs Gymnasien und Gesamtschulen hatten 3/4 der Schüler Eltern mit Abitur, gegenüber 58% in den normalen Klassen. Ähnliches gelte für Bayern und Baden-Württemberg.

Kramer hält das für ungerecht und alarmierend. Warum sollte man ausgerechnet diejenigen noch extra fördern, die ohnehin die besten Voraussetzungen haben? Demgegenüber steht mal wieder das Pisa-Argument. Deutschland habe bei den schwächeren Schülern aufgeholt, aber bei den starken nicht. Na und, meint Kramer, Schwache fördern sei trotzdem die beste Bildungspolitik, denn es gebe immer noch 14% Bildungsverlierer mit quasi analphabetischem Fertigkeitsstand.

Das neue Getrommel für die Spitze sei deshalb nicht gerechtfertigt, auch nicht mit dem Argument, dass von dieser Förderung letztlich alle profitieren würden. Die Wirtschaft könne viel fordern (oft will sie jetzt höhere Abschlüsse für die Neuen als bei den Alten üblich war). Wenn die Politik sich dies Argument zu eigen mache wie die besagte Kultusministerin Kurth, dann baue sie auf eine gewagte Verknüpfung. Wer sagt denn, dass die Extra-Förderung eines elfjährigen Begabten dem Staat am Ende mehr bringt als die entsprechende Hilfe für andere?

Die geplanten Begabtenklassen könnten eher schaden als nutzen, wenn der  Klassenkampf unter den Nicht-Bevorzugten Neid und Missgunst wecke. Auch fehlten in den normalen Klassen dann die Zugpferde, von denen die Normalos am meisten lernen können. Und überhaupt, wie trennt man denn die Spitzenkräfte von den Normalos?

  • Besonders Intelligente mit schlechten Noten? (wb: Begabte)
  • Oder gute Schüler mit normalem IQ? (wb: Spitzenschüler)

Soweit die Bedenkenlage des Spiegels. In der Argumentation gibt's  nachvollziehbare Punkte, z.B. die unterschiedliche Ausstattung der Schularten mit Geld. Bei den Stipendien hört es schon auf, denn viele Zahlungen werden abgeregelt, wenn die Eltern genug Geld verdienen. Und dass Unterstützungsgeld auch im Taschengeld landet, ist dort angebracht, wo sonst nix kommt.

Überwiegend liegen die Argumente daneben. Bei der Begabtenförderung geht es nicht darum, ob die Eltern ein Abitur haben oder womöglich ein Zweitabitur. Es sollte nur um die Schüler gehen. Wenn die Geförderten wirklich was leisten, gibt es auch keine Missgunst. Die sind dann auch zu weit voraus, um die Normalos mitzuziehen. Obendrein sollte man Begabte und Spitzenschüler klar auseinanderhalten.

Spitzenschüler, die besonders gut im kultusministeriellen Durchschnitts-Kanon liegen, brauchen keine Förderung, wenn sie das mit Normalo-IQ schaffen. Bei denen passen die Spiegel-Argumente von der unnötigen Förderung am ehesten. Aber unter den Spitzenleuten sind auch welche mit besonderer Begabung, wo sich besondere Förderung lohnt. Die Erfahrung z.B. mit den Stipendiaten der Münchner Stiftung Maximilianeum zeigt, dass aus 1,0-Abiturienten durchwegs sehr gute Studenten und Akademiker werden können.

Noch wichtiger ist die Förderung von Schülern, deren Begabung nicht in die Schablone des Lehrplans passt. Das sind welche, die auf einem oder mehreren Gebieten weit voraus sind und auf anderen hinterher. Am  bedürftigsten sind die, die voraus sein könnten, wenn man sie nur förderte. Das sind eher welche aus bildungsfernem Milieu, denen schon geholfen wäre, wenn sie nur die richtigen Bücher in die Hand kriegen würden. In jedem Fall brauchen die mehr Freiheiten als die normalen Klassen, und die Möglichkeit, sich früh zu spezialisieren.

Da wird viel Talent und Begabung vergeudet. Auf dem Gebiet des Sports könnte das nicht passieren. Wer athletisch ist oder einen Ball treffen kann, wird früh gescannt und gefördert. So muss es auch bei Wissenschaft und Technik sein. Deshalb ist die Begabtenförderung zu begrüßen, solange sie richtig ansetzt.

Die Elitenförderung pauschal zu kritisieren ist verfehlt und nicht im Sinn der Allgemeinheit. Solche Kritik mag den Correctness-Ansprüchen willfahren, aber sie ist intellektuell nicht stubenrein – nicht oberstübchenrein, könnte man sagen.

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