Hirnschrittmacher

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rays-516326_640Dieser Artikel füllt eine Lücke bei wissenbloggt. Über Hirnschrittmacher wurde bisher nur als Witz geschrieben: Ehe der Hirnschrittmacher erfunden wird und unser Bewusstsein boostet …, hieß es noch im Mai in Schein oder Sein (Bild: geralt, pixabay).

Nun muss der Stand der Dinge nachgetragen werden: Die Hirnschrittmacher sind längst im Einsatz. Das sieht man bei wiki unter Tiefe Hirnstimulation (THS, engl. DBS Deep Brain Stimulation), die so beschrieben wird: Sie ist ein grundsätzlich reversibler, neurochirurgischer Eingriff in das Gehirn, der für die Behandlung von bestimmten neurologischen Erkrankungen wie z.B. der Parkinsonerkrankung weltweit zugelassen ist. Umgangssprachlich ist auch der Begriff Hirnschrittmacher geläufig, der erstmals Anfang der 70-Jahre von dem spanischen Wissenschaftler Jose Delgado geprägt worden ist und die technologische Verwandtschaft mit dem Herzschrittmacher betont.

Wiki spricht von weltweit 120.000 Patienten (Deutschland 6.000 mit 400-500 mehr pro Jahr). Einsatzgebiete sind Bewegungsstörungen wie essentieller Tremor, Tremor bei Multipler Sklerose, Parkinsonerkrankung, Dystonie, Zwangserkrankungen und Epilepsie. Die Wirkung seien beträchtliche Verbesserungen der Lebensqualität

Schon 2013 feierte DER SPIEGEL die Technik, mit Studie: Hirnschrittmacher bremst Parkinson früher: Hirnschrittmacher sind für manche Parkinson-Patienten die letzte Hoffnung. Sie kommen aber nur bei Älteren zum Einsatz, und wenn Medikamente nicht mehr helfen.

Das könnte sich ändern, besage die Studie. Auch jüngere Kandidaten unter 60 kämen für die heikle Operation am wachen Patienten in Frage. Typischerweise würde der Hirnstimulator erst bei schwersten Schädigungen eingesetzt werden, wem es besser geht, der bekommt Medikamente. Aber er könnte jetzt ein Kandidat für die Operation sein. Die komplizierte und gefährliche Implantation eines Hirnschrittmachers wirkt auch gut in Kombination mit Medikamenten.

Die Lebensqualität der Patienten mit Hirnschrittmacher habe sich im Vergleich zu Patienten, die nur medikamentös behandelt wurden, erheblich verbessert. Aber es ist natürlich nicht so leicht zu erzielen. Erstmal muss das Gelände mit Schichtaufnahmen von Gewebe und Gefäßen sondiert werden. Das übersteht der Patient schlafend, und dann wird er aufgeweckt.

Er muss nämlich selber sagen, ob die richtige Stelle vom Nucleus subthalamicus getroffen ist, oder zumindest entsprechende Reaktionen zeigen. Laut wiki ist die Funktionsweise der Tiefenhirnstimulation im Detail bisher ungeklärt. Das Regelwerk von aktivierenden und hemmenden Impulsen ist aus dem Lot geraten und wird durch Stromimpulse gedämpft, man spricht von synaptischer Inhibierung und Erschöpfung der Neurotransmitter durch fortgesetzte Erregung der Neuronen. 

Dann wird ihm eine Stimulator-Sonde eingepflanzt, mit einer Leitung hinten den Hals runter nach vorn auf die Brust. Dort sitzt das Kontrollgerät, ein kleiner batteriegetriebener und chipgesteuerter Impulsgeber. Wenn der Parkinson-Patient abschaltet, geht der Tremor wieder los. Das ist der Grund, warum sogar die Kassen bereit sind, die 30.000 Euro teure OP zu bezahlen.

Ob sie das auch für eine weitere Anwendung tun, erscheint fraglich. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb am 21.2.14 über Hirnschrittmacher – Stromstöße gegen die Sucht: Ärzte haben einem Heroinsüchtigen Drähte ins Gehirn gepflanzt, um ihn zu kurieren. Dem Patienten geht es gut.

Ob das ein Vorbild für andere Drogenabhängige sein kann? Es wirke zwar, so die FAZ, selbst nach 30 Jahren Drogenkonsum verliere das Heroin, die „Königin aller Drogen“, die Macht über den Süchtigen. Aber wenn der Suchtdruck weg ist und es gibt danach keinen Lebensinhalt, was dann? fragt die FAZ zurecht.

Bisher hat der Hirnschrittmacher offenkundig noch keine mentalen Fähigkeiten wie das Spenden von Gefühlen und damit Antriebskräften. Wer über die Forschungen von Oliver Sacks gelesen hat, wird das aber für eine Frage der Zeit halten. So schreibt wiki denn auch, die Anwendung der tiefen Hirnstimulation sei bei der Depression im experimentellen Stadium.

Ziel dabei ist, den Menschen wieder Gefühle zu machen, denn die Niedergeschlagenheit kommt weniger von schlechten Gefühlen als vom Mangel an solchen. Unbedarfterweise könnte man meinen, einmal mit dem Hammer auf den Daumen, und man hat jede Menge Gefühle … Aber diese Lösung gilt wohl als unmedizinisch.

In der Folge werden wir bestimmt bald die Hirnschrittmacher mit anschaltbarer Glücksstimulation haben. Es gibt genug Menschen, die body modification treiben, und denen noch ein paar Apparillios unter der Haut nix ausmachen. Im Gegenteil, siehe Tattoo for you, graffiti for the city. Die Gedankensteuerung für Gelähmte funktioniert ja schon, und am Chip im Hirn wird militärischerseits auch schon gearbeitet.

Ob es dabei nur um das Erinnerungsvermögen geht, wie der Artikel besagt, darf sich jeder selber ausmalen. Könnte ja sein, dass der Schrittmacher wirklich zum Schrittmachen eingesetzt werden soll, vorwärts, Marsch, Marsch! Überhaupt wird so ein Gerät wahrscheinlich irgendwann unverzichtbar, damit man sein Arbeitspensum rechtzeitig absolviert, ehe es die Roboter übernehmen.

Merkwürdig, dass man von Seiten der Religionen nix dazu hört. In der Bibel sind solche Möglichkeiten nicht erwähnt, dann müssten sie doch auf den Index kommen? Aber vielleicht träumt man da schon vom Reli-Chip, Glaube auf Knopfdruck …

Oder Liebe, oder Hoffnung. Nach Sacks sollte das kein Problem sein. Die Frage ist dann nur noch, wer darf den Knopf drücken? Google? Facebook? Die Bundesregierung? Die NSA? Der Papst? Widme ich dann den Knopf am Kopf meinem  Leblingsmanipulator? Wird das die Liebeserklärung der Zukunft, du darfst meinen Knopf drücken? Und statt Knast drückt der Gefängniswärter einen gegenteiligen Knopf? Ehestreit per gegenseitigem gegenteiligen Knopfdruck und Versöhnung mit den anderen Knöpfen?

Jetzt reichts aber mit dem Thema Knöppe an die Köppe. Das kommt wohl früh genug, am besten stirbt man vorher. Wenn nicht, dann gibt's garantiert die Sterbetaste, untermalt mit Himmelsgefühlen und Engelsgesang …

 

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Eine Antwort auf Hirnschrittmacher

  1. Saco sagt:

    Die schwerste psychische Erkrankung ist das Sacco-Syndrom mit ihrer unbewussten Angst vor dem ewigen Feuer. Tabletten helfen da nicht sofort und ich habe Pat. gesehen, die mit dem Kopf gegen die Wand schlugen, um ohnmächtig zu werden. Äußert sich das Sacco-Syndrom in einer so genannten endogenen Depression, so gibt es verschiedene Medikamente, die gezielt in das, einfach ausgedrückt, Glück-Unglück-System des Gehirns einwirken. Über Veränderung des dortigen Stoffwechsels.
    Der Stoffwechsel führt im menschlichen Gehirn letztlich zu Elektrizität, zum Beispiel von Synapse zu Synapse, sodass theoretisch auch eine elektrische Reizung bestimmter Gehirnareale dasselbe bewirkt wie ein Eingriff in den Stoffwechsel. Forschungen in dieser Richtung gibt es auch neuester Art: Bereits jetzt ist es möglich, kernspin-tomographisch kleinste, für bestimmte Emotionen zuständige Areale zu orten, ihre Spontanaktivität zu ermitteln und zu stimulieren. Starke exakt zugeordnete Magnetspulen können durch die Schädeldecke eine Depression beeinflussen, allerdings bisher nur für kurze Dauer. Eine traurige Situation kommt dem Probanden dann plötzlich lustig vor, er kann sogar erklären warum. Er hat eine logische Deutung parat. 

    So wie es die Glückspille schon gibt, gibt es auch für verzweifelte Fälle auch bald die elektrische Stimulation.

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