Saudische Glaubens-PR

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shariacostumesDie Wahhabiten nehmen für sich in Anspruch, die islamische Lehre authentisch zu vertreten. Glaubensauffassungen, die mit dem Wahhabismus nicht vereinbar sind, werden von ihnen in der Regel als unislamisch deklariert (wiki).

Um dem Rest der Menschheit diese extreme Form der sunnitischen Geisteshaltung nahezubringen, bemüht sich Saudi-Arabien um  "interkulturellen Dialog". Neben Saudi-Arabien ist Katar ein Hort der wahhabitischen Lehre, auch Indien, Pakistan und Westafrika sind betroffen.

India TV News berichtet am 29.6. über Saudi pumping millions to promote Wahhabism in India: The diplomatic documents released by WikiLeaks last week have revealed that Saudi Arabia is pumping in millions of rupees into India for opening of religious trusts and non-governmental organisations. WikiLeaks have disclosed an undated document that contains a list of Indian institutions and societies that have applied for financial assistance from the Arab nation.

Die Saudis geben vielen indischen Institutionen Geld, "um dem wachsenden iranischen (= schiitischen) Einfluss entgegenzuwirken". Besonders im südindischen Staat Kerala wird der Wahabismus stärker. Von den 25% Muslimen dort gehen viele junge Leute zum Arbeiten nach Saudi-Arabien. Der islamische Fundamentalismus hat viele Anhänger in Kerala, und in der Folge der saudischen PR-Aktionen nimmt Indien "Zeichen von scharfem Rassismus" wahr.

Die Wahhabiten sind in der gesamten islamischen Welt als intolerant und  fanatisch verschrien (bei den intoleranten und  fanatischen Iranern vielleicht nicht, aber die haben ja die falsche – schiitische – Religion). Für den Rest der Welt sind diese Ultrakonservativen praktisch mittelalterlich. Sie nennen sich Salafisten oder einfach sunnitische Muslime, um besonderer Aufmerksamkeit zu entgehen.

Dabei haben ihre Regeln einige Aufmerksamkeit verdient: Auf Apostasie steht die Todesstrafe; und sie wird tatsächlich dafür verhängt und vollstreckt. Sonstiger Regelbruch wird mit Verhaftung, Auspeitschung und Folter geahndet, siehe „Beleidigung des Islam“. Einheimische Frauen unterliegen in der Regel einer gesetzlichen männlichen Vormundschaft. Sie sind nicht geschäftsfähig und können Rechtsgeschäfte nicht ohne Zustimmung ihres männlichen Vormundes tätigen, also des Vaters oder Ehemanns.

Jeder Scheich oder Prinz in Riad hat einen Harem, wo seine zahlreichen Frauen hinter 6-8 Meter hohen Mauern gehalten werden. Gleich nebenan sind die Shopping-Centers, wo die Frauen einkaufen dürfen. Andere Leute werden zu dieser Gelegenheit ausgesperrt. Die Frauen dürfen nämlich keine fremden Männer sehen, und auch sonst dürfen sie fast nix. Es gibt keine Bars, Kneipen, Discos, Kinos. Frau geht (verschleiert und mit Aufpasser) in die Eisdiele, fast die einzige moderne soziale Errungenschaft dort.

Die moderne Frauenuniversität von Riad soll ein Stück Emanzipation bringen. Natürlich sind dort alle verschleiert, und sie dürfen weder arbeiten noch autofahren noch (ohne Aufsicht) mit männlichem Fahrpersonal zusammentreffen. Deshalb hat man einen automatischen internen Fahrbetrieb eingerichtet.

Nahe bei Riad liegt die Oase, wo das Königshaus herstammt. Der Palast von früher ist ein dreistöckiger Lehmbunker von ca. 5 Meter Höhe. Er soll jetzt als Denkmal konserviert werden. Es ist das Denkmal von Kameltreibern, die durch Erdöl-Geld zu Herrschern wurden und dabei den Sprung in die moderne Zivilisation verpassten.

In Wikileaks berichtet aus saudischen Archiven schrieb wissenbloggt schon über die Fatwa des saudischen Großmuftis mit dem Aufruf, alle Kirchen auf der Arabischen Halbinsel zu zerstören. In Saudi Arabien selber gilt ohnehin ein Bauverbot für Gotteshäuser fremder Provenienz. Kirchen, Synagogen oder andere nichtislamische Gebetshäuser gibt es dort nicht.

Dafür hat der saudische Staat in Wien eine Moschee gebaut (1975, im Monat Ramadan 1387 H. nach arabischem Kalender). Das als Saudi "Propaganda Zentrum" kritisierte und umstrittene "interkulturelle Dialogzentrum" soll gemäß der saudischen Presseagentur "die falschen Verleumdungen, die gegen den Islam erhoben werden, korrigieren." Örtlich sieht man das wichtigste Ziel des Dialogs darin, ''den Islam einzuführen''.

Ein Artikel bei ZEIT ONLINE vom 30.6. unterstützt die Skepsis gegenüber den saudischen Absichten. In Pressefreiheit – Jubel-Schreiber für Saudi Arabien heißt es: Laut WikiLeaks soll Saudi-Arabien eine PR-Kampagne mit deutschen Journalisten geplant haben. Ein Grundgehalt von 7.500 Euro sei ihnen versprochen worden. 

Sonst gebe es ja nur Skandalmeldungen über Menschenrechtsverletzungen, da wollte man sich mal was Positives bestellen. Nachdem Wikileaks bekanntermaßen ehrlich sei, müsse man die Sache ernst nehmen.

Ja, das ist ernst zu nehmen. In Saudi-Arabien ist die Zivilisation in einer merkwürdigen Melange aus Vergangenheit und Gegenwart gefangen, wie sie aus zuviel Geld in den falschen Händen entsteht. Die Hauptstadt Riad wurde mitten in der Wüste bei der winzigen Oase aus dem Boden gestampft, wo das Königshaus herstammt. Wasser und alles andere muss dorthin transportiert werden. Aber man wollte das so, weil man dort besser auf die Einlahltung der Glaubensregeln aufpassen kann als in der lebendigen Hafenstadt Dschidda, der früheren Metropole.

Wer nach Saudi-Arabien fliegt, sieht palmengesäumte und beleuchtete Straßen quer durch den Sand, gesäumt von den Wracks der Luxusautos, die dort von der reichen Jugend zu Schrott gefahren werden. Was anderes gibt's ja nicht zu tun. Im Iran auch nicht, wie Ungleichheit im Iran beschreibt.

Die Arbeit wird weitgehend von so gut wie rechtlosen Gastarbeitern erledigt, und die größte Leistung ist oft das pünktliche Ausrollen der Gebetsteppiche zu den täglichen 5 Gebetsstunden. Das stark zensierte TV unterbricht dann die Sendungen, aber es kommt sowieso nur Fußball oder die Promenade der Gläubigen rund um die Kaaba in Mekka.

Schlimm ist, dass dieser Zustand womöglich noch der bessere ist. Wenn die Adelsschicht mit den Tausenden von schwerreichen Prinzen mal weggeputscht wird, kommt wahrscheinlich kein saudiarabischer Frühling. Die wahhabitische Indoktrinierung macht eher die ISIS wahrscheinlich. Die bekäme dann das Geld, die Waffen und die Macht.

Andererseits haben die USA es noch fast immer geschafft, die falschen Regime zu unterstützen. Das macht aber nur schwache Hoffnung auf eine gehaltvolle Besserung des emanzipatorisch und menschenrechtlich unhaltbaren Zustands.

Was nach der umgekehrten saudischen Zensur vom Koran übrigbliebe:

koran666

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9 Antworten auf Saudische Glaubens-PR

  1. pinetop sagt:

    Jene Politiker, die den Islam willkommen heißen, müssen dafür werben, dass dieser "im Kern", in seinem "inneren Wesen" friedlich sei. Dazu erfolgt in der Regel der Hinweis auf die Millionen friedlicher Moslems. Dies reicht keineswegs aus, um zu überzeugen. 

    Wenn Millionen Moslems friedlich sind, müssen sie – so könnte man annehmen – intelligenter, gebildeter und besser im Auslegen der heiligen Schriften sein als die wenigen Radikalen. Dies allein ist eine kühne Unterstellung. Ich vermute, dass jene Millionen neben ihrer Religion auch andere Interessen in ihrem Leben verfolgen. Vielleicht wollen sie nur ihr Alltagsleben verbessern. Möglicherweise sind ihnen zivile oder sogar demokratische Gesellschaften lieber. Sie könnten in ihrem Leben nach Kompromissen suchen zwischen Alltag, Politik und Religion. Hilfreich ist dabei auch die Einstellung, dass man fünf auch mal gerade sein lassen kann und dass man nicht alles zu ernst nehmen darf. Es kommt darauf wie stark das religiöse Element im Leben der Menschen verankert ist. Es ist schlicht eine Frage der Frömmigkeit. Der Grad der Radikalität ist also abhängig vom konkreten Standort auf der Frömmigkeitsskala. Auf jeden Fall sind bei einer Skala die Unterschiede fließend. Die Frage ist, ab wann es für die demokratische Gesellschaft gefährlich wird.

    Es gibt jene Kulturmoslems, die ihre Religion so wenig kennen wie Kulturchristen, die keine Auskunft über Pfingsten geben können. Manche wissen etwas mehr und sind ein bißchen fromm und wieder andere unterwerfen ihr Leben vollständig der Religion. Eine pauschale Kritik an Moslems ist deshalb unangebracht, in die Irre führend, möglicherweise das Individuum kränkend und oft einfach nur diffamierend.

    Eine Kritik am Islam, oder besser nur am Koran, ist im Interesse von Freiheit, Demokratie und Emanzipation zwingend.

    Das Christentum ist keineswegs besser. Es gibt Aussagen, die Jesus zugeschrieben werden, die als Rechtfertigung für Hexenverbrennungen herangezogen werden können. Es gibt Schilderungen in der Bibel, welche Völkermorde geradezu feiern. Dass wir mit diesen Grausamkeiten nicht mehr leben müssen, verdanken wir der Aufklärung, welche das Christentum gezähmt hat. Man muss sich Politiker wünschen, die eine Aufklärung und die Zähmung des Islams begünstigen und ihn nicht willkommen heißen. Adorno und Horkheimer, die die Aufklärung für überflüssig erklärt hatten, dachten mit Sicherheit nicht an den Islam.

    Dass es Unsinn ist, von den Mitgliedern einer großen Organisation auf diese Organisation zu schließen zeigt ein – zugegeben gewagter – Vergleich. Millionen einfacher NSDAP-Mitglieder hatten das Interesse ihren Alltag zu meistern und waren nicht in Verbrechen verstrickt. Dieser einfache Sachverhalt hat bis jetzt noch keinen Politologen oder Historiker veranlasst, deshalb auf die Friedlichkeit des Nationalsozialismus zu schließen.      

  2. Wilfried Müller sagt:

    Dieser Vergleich war mir neu. Ich verstehe ihn so, wie pinetop ihn meint, nicht als Diffamierung der Muslime als Nazis, sondern als Veranschaulichung von Normalmenschen innerhalb eines schlechten Systems. Allerdings teile ich die Ansicht nicht, dass der Islam per se schlecht ist, jedenfalls nicht schlechter als die Weltreligionen insgesamt. Ich sehe den Islamismus als Missbrauch des Islams.

  3. @Wilfried:

    "Missbrauch des Islams" wird zwar häufig geschrieben, bleibt aber dennoch falsch. Und zwar aus folgenden Gründen:

    DEN Islam als monolithischen Block gibt es ja nicht, sondern der Islam zerfällt in viele Gruppen und Untergruppen mit ihren jeweiligen Spezifika. Islamismus (besser hier Wahhabismus und Salafismus) ist nur eine dieser vielen Strömungen, die sich aber allesamt auf den Qur'an und den Propheten berufen.

    Das ist ja im Christentum im Prinzip nicht anders. Es käme nur niemand auf die Idee, amerikanischen Evangelikalen vorzuwerfen, sie betrieben "Missbrauch" mit dem Christentum.

    In beiden Fällen handelt es sich um fundamentalistische (strikt ans Wort gebundene) Sektierer.

  4. Wilfried Müller sagt: 10. Juli 2015 um 06:36

    Ich sehe den Islamismus als Missbrauch des Islams.

    Wo hört denn Deiner Meinung nach Islam auf und wo beginnt Islamismus ?

    Woran — an welchen Merkmalen, Verhaltensweisen, … — machst Du die Grenze fest (das beträfe den Missbrauch anderer Ideologien gleichermaßen)  ?

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  5. Wilfried Müller sagt:

    Islam ist das, was die Leute treiben ohne jemanden zu belästigen. Islamismus ist alles was Übergriffe, Gewalt, Terror macht. Ich denke sehr wohl, dass die friedlichen Muslime es als Missbrauch ihrer Religion empfinden, wenn andere unter dem Namen desselben Gottes Urständ treiben. Das ist eine Frage der Deutungshoheit, und die würde ich der friedlichen Mehrheit zubilligen. Gleiches für andere Religionen, beim Christentum sinds ja 30.000 Varianten. Die amerikanischen Evangelikalen machen keinen gewaltsamen Terror, dafür hat man bei denen immer was zu lachen.

  6. Wilfried Müller sagt: 11. Juli 2015 um 05:59

    Islamismus ist alles was Übergriffe, Gewalt, Terror macht.

    Dieser Unterscheidung kann ich zwar folgen, aber was z.B. Terror ist, hängt u.a. vom Empfinden des "Empfängers" ab. Masochisten z.B. empfinden wohl manches anders als andere.

    So empfinde ich den Muezzin-Ruf durchaus als Terror — Psychoterror. Als das hat ihn mir vor Jahren auch eine Irakerin beschrieben. Gleiches gilt allerdings z.B. für lautes nächtliches Glockenläuten (wie ich es mal auf Kreta erlebt habe — nachts / morgens um drei Uhr, ein Geräusch ähnlich dem einer Radlaufglocke, nur viel lauter, im ganzen Ort zu hören !).

    Und der Islam-Erfinder, der wäre demnach bereits der erste Islamist gewesen; einschlägige Koranverse, in denen das Schlagen von Frauen (4:34), das Handabschneiden bei Dieben (5:38), Auspeitschen von Unzüchtigen (24:2), Bezeichnung von "Ungläubigen" als «schlimmer als das Vieh» (8:55), Umgang mit / Verwendung der (Kriegs-) Beute (3:161; 8:1; 8:41; 8:69; 33:50; 48:18-21; 59:6; 60:11) u.v.a.m. zum islamischen Gesetz erhoben ist, mag jeder selber nachlesen.

    _____

    Ich denke sehr wohl, dass die friedlichen Muslime es als Missbrauch ihrer Religion empfinden, wenn andere unter dem Namen desselben Gottes Urständ treiben.

    Wäre die islamrechtliche Todesstrafe für Apostaten (siehe "Kein Zwang im Glauben ?" — http://www.wissenbloggt.de/?p=25721) bereits ein Missbrauch der Religion? M.E. sind Muslime damit vielmehr zu Geiseln ihrer "Religion" genommen, dürfen sich darüber aber nicht beklagen, weil das dann Kritik am Islam / islamischem Recht und somit Apostasie wäre, worauf gemäß eben diesem "Recht" die Todesstrafe steht (die bisweilen in Form eines "Ehrenmordes" vollstreckt wird) !

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  7. pinetop sagt:

    Vielleicht könnte man Islamismus als kosequenten Islam bezeichnen.

  8. @pinetop:

    Das wäre insoweit falsch als damit automatisch alle anderen Versionen des Islam als inkonsequent markiert wäre.

    Wie immer auch die Exegese (arab. tafsïr) der Schriften ausfällt, sie wird von den einzelnen Gruppen konsequent verfolgt.

    Da gebe ich Herrn Mazyek einmal recht, wenn er sagt, es handele sich bei den Salafisten (zB) um extremistische Auslegungen. Ich nenne sie einfach fundamentalistisch, weil dies dem im 19. Jh. geborenen Begriff (für die Evangelikalen) der Sache am nächsten kommt. Nah am Buchstaben – aber weit weg von der Anwendung.

  9. Wilfried Müller sagt:

    SPIEGEL ONLINE schreibt über die mediale Offensive von Saudi-Arabien mit "Initiativen und Aktionen zur Bekämpfung von Terrorismus", siehe Lost in Translation: Saudis verteidigen sich mit seltsamer Zeitungsanzeige (11.12.). FOX NEWS berichtet über den neuen saudischen Waffendeal, der sich nicht verhindern ließ, siehe Critics try, but fail to kill $1 billion weapons deal for Saudi Arabia (12.12.). Die Rede ist von 13.000 "smart bombs", die nicht notwendigerweise gegen den IS eingesetzt werden müssen.
     

     

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