„Geisteskrankheit des Atheismus“

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Zum gesunden religiösen Leben gehören komische Kopfbedeckungen. Nachdem die Atheisten nun mal keine komischen Hüte tragen und ihren Verstand nicht beschneiden, fasste der Träger eines Biretts (Pfarrerhütchen mit Bommel) dies Manko in das Wort von der atheistischen Geisteskrankheit. Logo, keine Bommel, kein Geist, oder? Der HABO-Sprecher Dennis Riehle (Web, Blog) war möglicherweise ein kleines bisschen beleidigt, als er die folgende Pressemitteilung dagegen verfasste (2.7.):

 

Humanistische Alternative verurteilt Wortwahl von Parzany

Früherer „ProChrist“-Redner sprach von „Geisteskrankheit des Atheismus“

Die Humanistische Alternative Bodensee (HABO) hat die Wortwahl von Pfarrer Ulrich Parzany, bekannt als Hauptredner bei den sogenannten „ProChrist“-Veranstaltungen, heftig kritisiert. Im Vorfeld eines Events führte er aktuell aus, dass „Westeuropa und Nordamerika die einzigen Teile der Welt“ seien, „in denen die Geisteskrankheit des Atheismus“ herrsche. HABO-Sprecher Dennis Riehle verurteilte diese Darstellung und machte deutlich, dass der Respekt vor der Religionsfreiheit eine derartige Verunglimpfung einer Weltanschauung nicht erlaube: „Dass sich Parzany mit seinen Aussagen auf gleiche Stufe mit denjenigen stellt, die ihn und andere konservative Christen angehen, zeugt von wenig Größe“.

Riehle spielt darauf an, dass auch in vereinzelten säkularen Kreisen der religiöse Glaube als „Geisteskrankheit“, als „Schizophrenie“ oder „Wahnvorstellung“ bezeichnet wird: „Weder sind solche Behauptungen wissenschaftlich haltbar, noch bringen sie einen Dialog der unterschiedlichen Ansichten weiter“, so die HABO. Riehle fordert aber auch, den weiteren Angriffen von Parzany nicht ohne entsprechende Gegenrede standzuhalten. Der Pfarrer hatte in seinen Formulierungen ebenso vorgebracht, dass es sich mit dem Glauben wie mit einem Gebäude verhalte. Atheisten, aber auch Astrologen und Esoterikern warf er vor, kein Fundament in ihrem „Lebenshaus“ zu haben. Die einzige Basis könne nach seiner Meinung Jesus Christus sein.

Der HABO-Sprecher entgegnet: „Der Alleinstellungsanspruch, den Parzany hier für die christliche Lehre als alternativlos artikuliert, spricht für eine gefährliche Überheblichkeit. Wer andere Lebensgrundlagen als die einer einzigen Religion verteufelt, kann sich wahrlich nicht als Friedensstifter verkaufen, wie es der passionierte Redner in seinen früheren Auftritten gerne tat. Gleichzeitig spricht Parzany aber eine Wunde an, auf die gleichsam Atheisten nicht selten mit Polemik statt Überzeugung eingehen: Wer den Glauben an Gott ganz legitim verneint, wird sich selbst die Frage nach Inhalten seines Lebens stellen müssen. Hier haben verschiedene Strömungen der ‚säkularen Szene‘ bis heute keine stichhaltigen Argumente geliefert“, stellt Riehle abschließend fest.

 

Dennis Riehle, Sprecher
Humanistische Alternative Bodensee
Säkular-humanistischer Zusammenschluss
Sprecher: Dennis Riehle, Nicolas Kienzler (Stellvertreter), Manuel Oexle (Stellvertreter)

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6 Antworten auf „Geisteskrankheit des Atheismus“

  1. Klarsicht sagt:

    Das Spiel „Gott“.

    Irgendwann hat der Mensch ein Spiel erfunden, was er „Gott" nannte. Die Pointe der Spielregeln dieses Spiels besteht darin, möglichst viele Mitspieler zu finden, deren Aufgabe es ist, sich einzubilden, dass der Gegenstand des Spiels wirklich irgendwo existiert. Das Spiel wurde so beliebt (gemacht), dass sich viele Mitspieler einfanden und dafür begeisterten, sodass man bei manchen Spielern den Eindruck haben kann, dass das Spiel sie süchtig macht(e). Die Spieler dieses Spiels bezeichnet man als Theisten.

    Nun gibt es natürlich immer Menschen, die sich als „Spielverderber“ aufführen. Das geschah auch beim obigen Spiel. „Ums Verrecken“ wollen inzwischen schon viele Menschen das Spiel „Gott“ einfach nicht (mehr) mitspielen.

    Diese „Spielverderber" mussten ja irgendeinen Namen bekommen, weswegen sie Atheisten genannt we(u)rden. Somit ist klar – ein Atheist ist lediglich jemand, der das Spiel „Gott" nicht (mehr) gewillt ist mitzuspielen, nicht mehr und nicht weniger. :contra:

    Es grüßt

    Klarsicht

     

  2. … dass auch […] der religiöse Glaube als „Wahnvorstellung“ […] bezeichnet wird …

    Den reiligiösen Glauben als Wahnvorstellung zu bezeichnen, geht wohl zu weit. Allerdings meine ich, dass man die « persönliche Gotteserfahrung », die gemacht zu haben manche Leute behaupten, im Extremfall durchaus als Wahnvorstellung bezeichnen kann — siehe z.B. https://islamprinzip.wordpress.com/p-main/#chapter3

    Warum aber Atheismus eine Geisteskrankheit sein soll, erschließt sich mir nicht. Vielleicht hat der Pfarrer Ulrich Parzany eine Erklärung bereit, die über die These "einzige Basis könne Jesus Christus sein" [*] hinausgeht.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    _____

    [*] In einer anderen Religion gilt man mit dieser These womöglich schon als "Ungläubiger":

    Sure 5 Vers 17
    « Wahrlich, ungläubig sind diejenigen, die sagen: „Allah ist der Messias, der Sohn der Maria.“ »

  3. Wilfried Müller sagt:

    Sehr lustig, Klarsichts Gottesspiel! Unter uns Spielverderbern: Beten ist reine Paranoia, einer spricht zu nix. Das ist eine Wahnvorstellung, Eckhardt Kiwitt!

  4. uwe hauptschueler sagt:

    götter sind eindeutig wahnvorstellungen. kuschel-atheisten bevorzugen es, um diese tatsache niewovoll herumzuseichen.

  5. Wilfried Müller sagt: 4. Juli 2015 um 05:54

    Beten ist reine Paranoia, einer spricht zu nix.

    Gebete sind Selbstgespräche, in denen Wunschvorstellungen, Einsichten, Erkenntnisse, Selbstreflexion zum Ausdruck kommen.

    « Die Wahrheit mag da draußen sein, aber die Lügen sind in deinem Kopf. »
    (Terry Pratchett)

    Während eines Gebets erkennt man diese Lügen im eigenen Kopf (Selbstreflexion), oder baut neue hinzu.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  6. pinetop sagt:

    Derartige Entgleisungen muss man nicht unbedingt kommentieren, werfen sie doch ein deutliches Bild auf das Niveau dieses Kritikers. Wahrscheinlich sind diese Aussagen nur die Folge einer Verzweiflung, welche von den Klerikern Besitz ergriffen hat. 

    Nachdem Hans Albert der evangelischen ("Traktat über kritische Vernunft", ein Kapitel über den evangelischen Theologen Bultmann) und katholischen ("Das Elend der Theologie", die Kritik an Küng) Theologie den Todesstoß versetzt hat, kann man sehr deutlich die Verzweiflung wahrnehmen. 

    Es verbleiben den Freunden der Religion nur noch zwei Argumentationsbereiche. Die Immunitätsthese und die Unentbehrlichkeitsthese. 

    Die Immunitätsthese besagt, dass Religion außerhalb oder neben den Wissenschaften ihren eigenen Bereich habe. Da in der Religion Aussagen auftreten können, deren Wahrheitsgehalt kritisch überprüft und widerlegt werden können, neigen ihre Anhänger dazu, alle überprüfungsfähigen Aussagen zu tilgen. Ein durchaus erfolgversprechendes Verfahren, welches aber mit vollkommener kognitiver Gehaltlosigkeit erkauft wird. Ein mit verschiedenen aber nicht kompatiblen Eigenschaften ausgestatteter Gott (Theodizeeproblem) kann mit Sicherheit als nicht existent erkannt werden. Nimmt man diese belastenden Eigenschaften weg, nähert man sich in letzter Konsequenz einem "irgendwas" ohne jede Eigenschaft. Ein Sachverhalt, mit der man formal die Gottesidee gerettet zu haben glaubt, die aber den spirituellen Bedürfnissen der Gläubigen nicht entgegenkommt. 

    Die Unentbehrlichkeitsthese besagt, dass Religion Gesellschaften befrieden könne, ihr ein moralisches Korsett biete und die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft sei. Ausfluß dieses Gedankens ist das bekannte Böckenförde-Diktum. In diesem Zusammenhang wird nicht auf die Frage eingegangen, ob diese Annahmen nur bei Vorhandensein einer Religion zutreffen. Bei dem Vorhandensein mehrerer Religionen in einer Gesellschaft ist weniger von einer potenzierenden Wirkung der angeblich positiven  Eigenschaften auszugehen, als vielmehr für ein größeres Konfliktpotential. Angesichts des Gehorsamkeitsanspruch, der Machtanmaßung, der Mißachtung der Menschenrechte kann keinem Eingottglaube eine menschenfreundliche und demokratische Gesellschaften stabilisierende Wirkung zugesprochen werden. Ärgerlich wenn angesehene Philosophen wie Hermann Lübbe oder Jürgen Habermas diese Illusion zu stützen versuchen. Das "nachmetaphysische Denken" von Habermas und sein Appell sich der Religionskritik zu enthalten, öffnet weit die fast schon geschlossene Tür für die Religionen. Habermas fällt der Aufklärung in den Rücken; ihn gilt es zu widerlegen.   

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