Zur Entstehungsgeschichte des religiösen Fundamentalismus

image_pdfimage_print

brainchainedBeim vorigen Artikel von Freigeist Weimar (Humanismus verteidigt) hieß es noch Der Humanismus als Fortsetzung des Marxismus-Leninismus? Diesmal werden andere verwerfliche Konsequenzen des Humanismus' aufgezeigt. Karl-Helmut Lechner befasst sich mit der Entstehungsgeschichte des religiösen Fundamentalismus', die zugleich eine Geschichte des Fanatismus', der politischen Verfeindung und des Ku Klux Klans ist (Bild: Edwin Espinoza Andino):

 

Zur Entstehungsgeschichte des religiösen Fundamentalismus

WEIMAR. (fgw) Die Faszination, die weltweit für viele Menschen von fundamentalistischen Bewegungen ausgeht, ist ungebrochen. Auch wenn zur Zeit durch grauenhafte Ereignisse der Islam in Verbindung mit dem sogenannten Islamischen Staat  besonders im Mittelpunkt der öffentlichen Beobachtung steht — in allen Religionen und Kulturen der Welt tauchen diese Phänomene auf. Fundamentalistische Bewegungen  formulieren im religiös-kulturellen Gewand politische und soziale Interessen und kämpfen um deren Dominanz. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Sowjetunion und der ihr zugeordneten Staaten und seit Ende der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts Ausdruck von Hoffnung auf eine andere, bessere Welt, tritt der politisch-religiöse Fundamentalismus in allen Kulturen auf. Er dient immer wieder zur Rechtfertigung zahlreicher blutiger Konflikte.

 

 

„Das Maschinengewehr Gottes“ – so der Spitzname des Baptisten-Pastors Billy Graham, bekanntester Fundamentalist der USA.

Inhaltlich trennen Welten den protestantischen Fundamentalismus in den USA, den römisch-katholischen Fundamentalismus in Europa und den USA, den evangelikalen Fundamentalismus im ehemals katholischen Guatemala, den jüdischen Siedler-Fundamentalismus in Israel, den islamischen Fundamentalismus im Iran oder in Algerien, den Hindu-Fundamentalismus in Indien, den buddhistischen Fundamentalismus in Sri Lanka, den konfuzianischen Fundamentalismus in Südasien. Sie sind scheinbar grundsätzlich unterschiedlich im Inhalt ihrer Lehre, in der Lebensweise der Menschen, die ihnen zugehören, und in der Gestalt der sozialen und politischen Ziele, die sie verfolgen. Mehr aber als alles Trennende verbindet sie derselbe Stil des verfeindenden Umgangs mit kulturellen Unterschieden, eine Strategie der Politisierung der eigenen „guten" Kultur gegen die Kultur der „bösen" Anderen. Kulturelles Selbstbewußtsein wird zum Hebel für politische Verfeindung. Eine gewißheitsbasierte Identitätspolitik, ein geschlossenes Weltbild: Das vor allem ist Kennzeichen des religiös-politischen Fundamentalismus in unserer Zeit.

Wir betreiben in unserer Darstellung des Fundamentalismus keine Theologie und erörtern immanent die Stimmigkeit oder den Unsinn religiöser Aussagen. Ob es sein kann, daß der Koran vom Himmel gefallen ist oder die Bibel das wortwörtlich den Propheten und Evangelisten in die Feder diktierte Wort Gottes ist. Das soll uns eher am Rande interessieren. Denn auch Religion findet nicht im Himmel statt, sondern hier auf Erden. Religionswissenschaft ermöglicht es uns, gemeinsame Strukturen in aller Verschiedenheit des Fundamentalismus zu erkennen und ihre Funktion für das jeweilige soziale und psychische System zu beschreiben. Historische Betrachtungen helfen uns, Entstehungsbedingungen für fundamentalistische Bewegungen zu untersuchen.

Fundamentalismus – ein "Kind des Christentums"

Der Begriff „Fundamentalismus" stellt zunächst eine Sammelbezeichnung dar für sehr unterschiedliche Bewegungen vor allem innerhalb des Christentums, im Islam, im Judentum und, wie oben angedeutet, in anderen Kulturkreisen. Obwohl das damit bezeichnete Phänomen die gesamte Religionsgeschichte durchzieht, kam der Begriff des Fundamentalismus erst zu Anfang dieses Jahrhunderts im angelsächsischen Protestantismus der Vereinigten Staaten auf. In der Sache hat es Fundamentalismus seit dem Beginn der kulturellen Modernisierung als deren immanenten Gegenimpuls schon immer gegeben. Obwohl wir heute weit mehr von islamischen Fundamentalisten und jüdischem „Fundamentalismus der Siedler" hören, müssen wir gleich zu Beginn festzustellen: Fundamentalismus ist ein Kind des Christentums und zunächst als eine christliche Erscheinung zu begreifen.

1919 gründeten die protestantischen Christen eine weltweit tätige Organisation, die „World's Christian Fundamentals Association". Damit war die Bezeichnung „Fundamentalismus" für diese Art christlicher Glaubensüberzeugung geprägt und hat sich zunächst für sie im allgemeinen und im wissenschaftlichen Sprachgebrauch durchgesetzt. Dieser Begriff trat zunächst nur als Titel ihrer Schriftenreihe auf, wurde aber in den zwanziger Jahren von traditionalistischen Vertretern einer überkonfessionellen Bewegung aus Baptisten, Presbyterianern, Methodisten, Pfingstlern und anderen zur Selbstbezeichnung verwendet. Das Wort „fundamentalistisch" – das oft synonym mit „evangelikal" gebraucht wird – bezieht sich jedoch auf keine einzelne, spezifische, ausformulierte und zugleich anerkannte Theologie, sondern betont die religiösen Quellen: im Christentum soll nur die Bibel als Quelle des Glaubens gelten.

Fundamentalismus ist ein Kind der Moderne. Das Wort taucht in unserer Sprachgeschichte zum ersten Mal im Jahr 1910 in der oben genannten christlichen amerikanischen Schriftenreihe: „The Fundamentals: The Testimony to the Truth" auf. Darin wird zusammengefaßt, was seit etwa 1870 in nordamerikanischen Großstädten auf Bibel- und prophetischen Konferenzen diskutiert wurde. Es ging auf all diesen Konferenzen vor allem um die Bedrohung der guten alten christlichen Tradition durch „Industrialisierung", „Urbanisierung" und „Aufklärung". Aber wer war denn da vorwiegend bedroht? Das traditionelle Familienleben der Mittelklasse-Familien, das noch durch die Zweiteilung der Arbeitswelt in Frauendomäne und Männerbereich gekennzeichnet war. Hier galt – frei nach Schiller – einerseits „… und züchtig waltet drinnen die Hausfrau …" und andererseits „der Mann muß hinaus ins feindliche Leben"! Diese Einteilung kam ins Wanken, als die Industrie massenweise Arbeitskräfte brauchte und auch Frauen vom Arbeitsmarkt angezogen wurden. Die alte Familienmoral war bedroht.

Bedroht war auch das nahezu familienmäßig organisierte Kirchenleben. In den modernen Großstädten wurden Kirchengemeinden zunehmend neu organisiert: Finanzielle und regionale Strukturen ersetzten mehr und mehr Glaubensgefühl und intime Gemeinschaft. Da wo in früheren Zeiten Bibelkreise auf spontaner Nachbarschaftsebene genügten, bildete sich eine bürokratische Heilsverwaltung aus. Damit änderten sich auch liturgische Aspekte, Texte, Melodien, ja sogar die Sprache der Gemeinden. Die guten alten Choräle des 19. Jahrhunderts waren nicht mehr die einzige Form der Kirchenmusik. Bedroht war alles, was bisher so selbstverständlich Ausdruck von Kirchenleben schien. Darauf reagierten Pastoren und selbsternannte Propheten landauf, landab mit harscher Kritik an den modernen Zeiten.

Eine besondere Rolle spielte dabei die baptistische Tradition, in der die Glaubenstaufe gebräuchlich war. Ähnliche Erscheinungen gab es bei der amerikanischen Pfingstbewegung, die um die Wende zum 20. Jahrhundert das Christentum mit einem wortwörtlichen Enthusiasmus beleben wollte, indem sie das unmittelbare Wirken des Heiligen Geistes beschwor. Geistestaufe und Geistesgaben standen im Mittelpunkt pfingstlerischer Vorstellungen; es wurden Weissagungen, Zungenrede, Krankenheilung praktiziert. Man legte großen Wert auf die persönliche Bekehrung. Die Veranstaltungen wurden sehr expressiv durchgeführt: die Menschen weinten, zitterten, lachten, wirkten wie betrunken und schienen die Kontrolle über ihren Körper zu verloren zu haben.

Das Festhalten an der Irrtumsfreiheit der Bibel führte folgerichtig zu scharfer Kritik der weltlichen Wissenschaft, vorneweg der modernen Theologie, sofern sie ein historisch-kritisches Verständnis der Bibel vertrat. Nun kam es zur Ausbildung einer fundamentalistisch orientierten Wissenschaft an eigenen Universitäten, die mit dem „Kreationismus" gegen die Evolutionstheorie eine eigene Schöpfungslehre formulierte.

 

Fundamentalismus als Kritik der Moderne

Die fundamentalistischen Kritiker der Moderne sind, das überrascht zunächst, glühende Verehrer von Francis Bacon (1562 bis 1626), also in gewisser Weise selber Kinder der Moderne. Sie schätzen den Bacon'schen Satz: „Wissen ist Macht!" Hier zeigen sich bereits wesentliche Züge des christlichen Fundamentalismus. Er wird zu einem höchst rationalen System. Es herrscht nicht einfach die religiöse Willkür vor, wie es uns manchmal erscheinen mag, sondern er kleidet sich in ein höchst modernes System, das er philosophisch und technisch zu nutzen versteht. Die ökonomisch extrem effektive „Elektronische Kirche" in den USA ist z.B. fest in der Hand der Fundamentalisten und operiert weit über alle Kontinente hinweg. Der Fundamentalismus lebt in der modernen Welt und reagiert auf ihre Auswirkungen, indem das eigene fromme Denken und Leben sich dem entgegenstellt. Die eigenen Denk- und Lebensformen werden grundsätzlich nicht in Frage gestellt.

Wirren ganz anderer Art verstärkten in den USA den fundamentalistischen Widerstand gegen alles Moderne. Mit der gleichen Sprache, wie sie heute im reaktionären Lager benutzt wird, „fluten" Ende des 19. Jahrhunderts 17 Millionen Asylanten, meist „Wirtschaftsasylanten" in die USA. Die meisten dieser Menschen waren nicht protestantisch. Damit wurde die religiöse und kulturelle Landschaft der Vereinigten Staaten einschneidend verändert. Plötzlich prägte Vielfalt das Bild, wo bisher ein homogenes protestantisches gesellschaftliches Klima herrschte. Auf diesen neuen religiös-kulturellen Pluralismus reagierten die Fundamentalisten mit handfester Abwehr gegen die Flüchtlinge.

Die Städte waren die Zentren dieser enormen Immigration und wurden dadurch auch zu Zentren des „Fundamentalismus". In den großen Städten der USA wurden Bibel-Konferenzen und Prophetenversammlungen organisiert. Die ersten fanden seit 1875 in Niagara-on-the-Lake statt, bekannt geworden unter dem Namen „Niagara-Bible-Conference". Die erste internationale Prophetenversammlung fand 1878 in New York City statt. Daneben wurden seit 1908 Bibel-Institute gegründet. 1909 erschien die erste kommentierte Bibel, die „Scofield Reference Bible", ein Standardwerk des Fundamentalismus bis heute.

Fundamentalisten in den USA instrumentalisierten – wie auch heute – die Gewalt des Staates, um ihre Weltanschauung gegen die andere, gottlos-feindliche durchzusetzen. Ihre eigene Weltanschauung war dadurch gekennzeichnet, daß sie die alte, die richtige, bewährte, Gott wohlgefällige Politik garantierte. Mit Hilfe staatlicher Macht sollte die alte Ordnung wieder hergestellt werden.

 

Der „Affen-Prozess" in den USA und seine Folgen

Machen wir uns diese Seite des „Fundamentalismus" an der einen berühmt gewordenen Szene des Jahres 1925 klar, wie sie sogar in einem Film dargestellt wird. In Dayton, Tennessee, ist der Teufel los. Mehr als 5.000 Schaulustige, dazu Scharen von fliegenden Händlern und Reporter aus aller Welt haben das 1.800-Seelen-Nest im bibeltreuen Süden der USA in einen Rummelplatz verwandelt. Sie sind gekommen, um ein Gerichtsverfahren mitzuerleben, das als "monkey trial", als "Affen-Prozeß" in die amerikanische Justizgeschichte eingehen wird. Einen Monat zuvor, im Mai 1925, ist der 24-jährige Biologielehrer John Thomas Scopes verhaftet worden. Er hat seinen Schülern Charles Darwins Lehre von der Entstehung der Arten vermittelt, was im fundamentalistischen Tennessee seit Beginn des Jahres per Gesetz verboten ist.

Als am 10. Juli 1925 die Hauptverhandlung beginnt, spielt der Lehrer keine Rolle mehr. Im Rampenlicht des ersten live im Radio übertragenen Prozesses stehen die zwei berühmtesten Juristen der USA. Die Anklage vertritt der Ex-Außenminister und Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan, ein missionarischer Kämpfer gegen die "verderbliche" Lehre, daß der Mensch vom Affen abstamme. Sein Kontrahent ist Clarence Darrow, der berühmteste Bürgerrechtler und Strafverteidiger des Landes. Überall im völlig überfüllten Gerichtsgebäude hängen Spruchbänder mit der Aufschrift "Lies deine Bibel täglich!". Richter John T. Raulston macht keinen Hehl aus seiner bibeltreuen Gesinnung und unterstützt die Anklagevertretung nach Kräften. Jeden Verhandlungstag läßt er mit einem Gebet einleiten.

Trotzdem kann Raulston nicht verhindern, daß der gewiefte und eloquente Darrow im Duell die wissenschaftliche Lehre Darwins gegen den biblischen Glauben in überragender Weise verteidigt. Im abschließenden Kreuzverhör verstrickt er seinen Widersacher Bryan derart in Widersprüche, daß der Richter das Verhör am nächsten Tag kurzerhand abbricht und alle Aussagen Bryans aus dem Protokoll streicht. Am 21. Juli 1925 ziehen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Nach neun Minuten steht ihr Spruch fest: „Schuldig!". Richter Raulston verurteilt den angeklagten Biologielehrer daraufhin zur Mindeststrafe von 100 Dollar. Im Januar 1927 wird zwar das Urteil gegen John Thomas Scopes vom Obersten Gerichtshof des Staates wegen eines Formfehlers aufgehoben. Aber weitere Versuche der Bürgerrechtsbewegung, das Anti-Evolutionsgesetz von Tennessee zu kippen, bleiben in Zukunft erfolglos. Eine Neuauflage dieser Diskussion erfuhren die USA zur Zeit des Präsidenten Ronald Reagan im Jahr 1985.

Im Jahre 1910 erscheint die erste Nummer der Schriftenreihe „The Fundamentals". Ihr Ziel ist es, Zeugnis abzulegen, „damit der Unglaube, der auf der Kanzel und der Kirchenbank die Kirche Christi gelähmt hat, überwunden wird und daraus eine weltweite Erweckung folgt".

Fünf grundlegende Glaubensprinzipien, die „Five Fundamentals", sollen den verwirrten Kindern der Moderne zur eigenen Identität verhelfen und ihnen im rigiden Entweder-Oder klare, einfache Entscheidungen ermöglichen. Sie werden zu den alleinigen Leitlinien des Glaubens und des Gemeindelebens: Wichtigster Punkt ist die Irrtumsfreiheit der Bibel, die als verbalinspiriertes Wort Gottes angesehen wird und wörtlich zu interpretieren ist. Wer das Buch hat, hat die Wahrheit. Bei den anderen vier Glaubensprinzipien handelt es sich um die jungfräuliche Geburt Jesu durch Maria, die eigene leibliche Wiederauferstehung in Konfrontation zu den Naturwissenschaften, das stellvertretende Sühneopfer Jesu und der Glaube an die physische Wiederkehr Christi „zu richten die Lebendigen und die Toten". Die Verfolgung dieser fundamentalen Prinzipien verstärkte die offizielle Loslösung von den traditionellen lutherischen Kirchen, aber auch den alten Freikirchen.

 

Erwartungen gemäß der „Offenbarung des Johannes"

Dennoch haben die Fundamentalisten bei ihrem buchstäblichen Gebrauch der Bibel – und da erging es ihnen wie allen dogmatischen Bewegungen in der Geschichte – zwei sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen entwickelt. Beide sind ausgerichtet auf das in der Offenbarung des Johannes prophezeite Tausendjährige Reich. Die Frage, in der sie sich unterscheiden, ist die, ob nun Christus vor dem Millennium wiederkommt oder nachher. Es geht ja um einen endgültigen Neubeginn in der Geschichte, den sie in verzückter Erregung erwarten, mit dem Christus sie herausretten wird aus der vergehenden Welt und der den recht Gläubigen die absolute Gewißheit gibt, am Ende auf der richtigen Seite zu stehen.

Nur: Welcher Fahrplan hin zum Weltende soll gelten? Premilleniaristen sagen: Christus muß vor dem Millennium wiederkehren. Seine Wiederkehr wird von Katastrophen vorbereitet, einschließlich der Herrschaft des Antichrist. Danach wird Christus plötzlich kommen, um alles zu beenden. Postmilleniaristen sagen: Christus kommt nach dem Tausendjährigen Reich. Und wir haben die Chance, durch soziales Engagement vorher die Trübungen der Welt zu lindern und sein Kommen zu beschleunigen.

Beide Ausprägungen haben als endzeitlich geprägte Denkweisen ein besonderes politisches Interesse. Und das ist nun bei den Premilleniaristen höchst brisant. Jedes politische Problem kann bei ihnen interpretiert werden als ein Zeichen der biblisch beschriebenen Katastrophen. Insofern ist in diesem System nichts wirklich erschreckend. Jedes Weltuntergangsszenario, alles gehört zum Plan, selbst die größten Grausamkeiten, selbst ein atomarer Weltkrieg, wie auch Hungersnot und Seuche, gehören zu ihrem Weltbild und dienen ihrer Selbstvergewisserung: „Seht nur, wir wußten es schon, daß das alles kommen muß!"

 

Fundamentalismus als Waffe gegen Kommunismus und Humanismus

In diesem Schema spielt der Kommunismus als die Verkörperung des Antichrist eine besondere Rolle. Vor allem der premilleniaristische „Fundamentalismus" ist zutiefst vom unüberbrückbaren Gegensatz zu jeder Form des Kommunismus beherrscht. Diesen zu bekämpfen, ist Auftrag jedes Christen. Der hinter dem säkularen Humanismus stehende Feind ist der „Satan" höchst persönlich.

Außerdem zählen die Fundamentalisten folgende verwerfliche Konsequenzen des Humanismus auf:

  • Frauenemanzipation
  • Verbot der Körperstrafe in den Schulen
  • Steuerrechtliche Durchleuchtung des Finanzgebarens von Religionsgemeinschaften
  • Bürgerrechte für Schwule
  • Humanistische Werte in den Schulen
  • Regierungsmitsprache in christlichen Schulen
  • Zerstörung der Familie durch die Freigabe der Abtreibung

Der nächste, noch wirksamere Entwicklungsschub für den Fundamentalismus waren Verlauf und Ausgang des Vietnam-Kriegs. In den Augen der nationalistischen gesinnten protestantischen Fundamentalisten war das Land Amerika – god's own country – zu recht in militärischer Konfrontation mit dem nicht-weißen, kommunistischen Land Vietnam. Der Ausgang dieses Krieges mit der Kapitulation Saigons am 30. April 1975 bedeutete für sie die unfaßbare Niederlage des weißen christlichen Amerika, das von einer kommunistischen Dritte-Welt-Macht geschlagen war: Kein überzeugenderer Beweis für die Entartung der eigenen einstigen Erlösernation konnte angeführt werden, als die Niederlage gegenüber asiatischen Völkern in einem primitiven Land.

Diese Entwicklung hatte nun zweierlei Folgen für den Fundamentalismus in den USA: Sie wurde verstanden als Bestärkung und Bestätigung der eigenen Ansicht, daß das Jüngste Gericht unmittelbar bevorstand. Und sie wurde begriffen als Auftrag an die Fundamentalisten, das alte, christliche, protestantische Amerika aktuell vor dem Untergang zu retten. Diese fundamentalistischen Motive wurden nun national verstärkt durch die im Jahr 1976 überall aufwendig gefeierte zweihundertste Wiederkehr der Gründung der Vereinigten Staaten. Am Ende dieses Jahres standen die Präsidentschaftswahlen, die nach der Kennedy-Johnson-Nixon-Ford-Ära, in ihren Augen eine allzu politisch liberale Phase, nun einen Südstaatler, einen evangelikalen Wanderprediger ins Weiße Haus brachten: Jimmy Carter. Er wurde von vielen Fundamentalisten, die sich selbst als Moral Majority verstanden, gewählt und begrüßt. Seine Antrittsrede am 20.1.1977 mit dem berühmt gewordenen Bibelzitat aus dem Prophetenbuch Micha 6,8: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert, nichts als Recht üben und die Güte lieben und demütig wandeln vor deinem Gott", sollte darauf hindeuten, daß nun Amerika zu den guten alten protestantischen Werten zurückkehren werde. Die heutige „Tea-Party" folgt auf diesen Spuren und wird sich im kommenden Wahlkampf um die Präsidentschaft in den USA heftig zurückmelden.

 

Fundamentalismus in anderen Religionen

So weit eine kurze Skizze über den Ursprung des christlichen Fundamentalismus in den USA. Betrachten wir dieses Phänomen in anderen Religionen und Weltregionen, so werden wir überall ähnliche Strukturen wieder erkennen. Alle fundamentalistischen Bewegungen gewinnen ihre Dynamik aus modernitäts-kritischen Impulsen. Sie setzen jeweilige eigene Werte absolut gegen den moralischen und geistigen Relativismus ihrer Zeit. Aufklärung und historische Wissenschaft ist für Sie glaubensloser Irrtum. Kennzeichnend sind patriarchalische Strukturen in den Geschlechterbeziehungen. Nicht der Mensch, sondern der Mann ist die Krone der Schöpfung. Entscheidend für das Individuum, das zu diesen Gruppen dazugehören will, sind die persönliche Bekehrung, die Befreiung von allen Sünden und die Belohnung mit dem Eingang ins Paradies. Als die Gerechten werden sie vor Gott am Ende der Tage bestehen. Daraus entwickelt ein elitäres Wir-Gefühl. Dies hat für die Mitglieder in fundamentalistischen Bewegungen lebensentlastende Bedeutung. Der Fundamentalist weiß, er gehört zu den Erwählten Gottes. Er weiß, wohin er in seiner eigenen Lebensgeschichte gehört. Hieraus entspringt seine Kraft zur Selbstermächtigung, die in einschlägigen Texten wie folgt beschrieben wird: „In dem Moment, in dem der Mensch seine vollständige Macht annimmt und zu 100 Prozent auf allen Ebenen ja sagt, braucht er sich um seine Blockaden, Ängste und Zweifel kaum noch Gedanken zu machen. Nimmt dieser Mensch seine volle Macht an, gibt es nichts mehr, was ihn zurückhält. Er geht dann trotz Zweifeln und Ängsten seinen Weg in aller Konsequenz. Er kann gar nicht anders als erfolgreich sein. Erst im Moment der Selbstermächtigung kann ein Mensch seiner Bestimmung folgen."

 

Karl-Helmut Lechner

Link zum Originalartikel bei Freigeist Weimar

 

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Humanismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar