Ballaststoffreicher Geist, ballaststoffreicher Körper

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diet-398612_640Dies ist kein TTIP-Artikel. Wer nicht weiß, worum es bei dem Handelsabkommen geht, der kann den ersten Teil überspringen. Wer sich wegen TTIP Sorgen um die Verwässerung von Reinheitsstandards macht, der kann sich trösten lassen: Es kommt auch so dicke genug (Bild: mojzagrebinfo, pixabay).

In Anbetracht des Folgenden muss man TTIP (bis auf die Schiedsgerichte) entspannter sehen: Wenn sie's nur richtig verkauft hätten, wäre die Durchsetzung von TTIP gar kein Problem gewesen. So in der Art: Jetzt gibt's US-Outlets superschnäppchenbillig …

Na schön, sammeln wir mal die hausgemachten Probleme ein, ehe wir uns über TTIP aufregen. Den Einstieg in unseren Gesundheits-Cocktail liefert Spektrum.de mit Lebensmittelunverträglichkeiten: Die Angst vor dem Teller (6.3.): Immer mehr Menschen kaufen gluten- oder laktosefreie Produkte, weil sie glauben, die konventionellen Pendants schlecht zu vertragen. Experten beobachten jedoch keinen Anstieg der Lebens­mittelintoleranzen. Die subjektiven Beschwerden sind aber trotzdem da.

Am Ende kommt's raus, dass der Trend Frei von (Gluten, Laktose, freien Radikalen bösem Cholesterin usw. usf.) nur den wenigsten was bringt. Ernährungssensible konsumieren das Frei-von-Zeug ohne nachweisbaren Nutzen. Anders als der Volksglaube wahrhaben will, sind Lebensmittel heute generell "gesunder" und weniger schadstoffbelastet sind als noch vor 20 Jahren. Gedankt ist's den EU-Lebensmittelgesetzen.

Je gesünder wir objektiv sind, desto kränker fühlen wir uns laut Spektrum, und der "Morbus Google" macht es Hypochondern leicht. Da können sie in Krankheitssymptomen schwelgen, und irgendeins wird schon zur werten Befindlichkeit passen.

Die Süddeutsche Zeitung beackert das Thema in Reform der Öko-Richtlinien – Nur Populismus, mehr nicht (29.3.): Die Verbraucher werden demnach nur in einem Irrtum bestärkt: dass das Bio-Siegel bessere Lebensmittel verspreche. Dabei sind Bio-Produkte nicht nachweislich gesünder als andere. Diese Tatsache löst zwar stets Entrüstung aus, wenn sie wieder einmal durch einen Test bestätigt wird, ist aber einfach eine erfreuliche Folge der strengen Lebensmittelgesetze in der EU.

Laut SZ sei es trotzdem sinnvoll, Bio-Produkte zu kaufen, denn Bio-Betriebe gehen, sofern sie nach den derzeit geltenden Regeln wirtschaften, rücksichtsvoller mit der Natur um. Und irgendwie umgeistert ein implizites Schlankheitsversprechen das Bio-Zeug, so nach der Logik biologisch = natürlich = schlank vs. unbiologisch = unnatürlich = krank (oder mindestens dick).

Bei DIE WELT läuft das Thema unter Gesundheit – Nährstoffmythos – Über die Sinnlosigkeit von Vitamintabletten (22.3.): Eine rote Pille für den Muskelaufbau, eine blaue mit Antioxidantien. Nicht nur unter Sportlern sind Vitaminpräparate beliebt.

Dabei seien die meisten sinnlos – und einige können sogar laut Welt sogar schaden. Wie es scheint, ist dies Jahr im März (aus dem Monat stammen alle 3 Artikel) die große Sinnlosigkeit beim Fressen ausgebrochen. Und das bei einer Sache, die vielfach in den Rang einer Religion erhoben wird (TTIP lässt grüßen). Das läuft quasi auf Ketzertum hinaus.

Daran beteiligt sich ZEIT ONLINE mit 3 Monaten Verzögerung. Ökologische Lebensmittel – Bio in der Sinnkrise heißt es am 17.6.: Nachhaltig produzierte Erzeugnisse sind in Deutschland gefragt wie nie. Doch ihr Erfolg schafft neue Probleme.

Essen sei zu einer Ersatzreligion geworden, assistiert die Zeit wissenbloggt. Bei der Einkaufsentscheidung gehe es jetzt, elitär zu sein und sich habituell abzugrenzen. Das Ganze mit Bezug auf die Revision der bestehenden EU-Öko-Verordnung – und flugs sind wir mit diesem Link wieder im gefährlichen März gelandet (25.3.).

Zum Trost hält die Zeit einen weiteren Artikel bereit, Quengelzone – Wo Gesundheit wohnt – Marcus Rohwetters wöchentliche Einkaufshilfe (18.6.). Der Autor mokiert sich über Sub-Gesundheiten. Da ist die Rede von darmgesunden Frühstücksflocken, mundgesunden zahnärztlichen Zusatzleistungen, fußgesunden Schuheinlagen, hautgesunden Mikronährstoffen.

Geht's noch? Kommen demnächst die augengesunden wissenbloggt-Artikel? Und die hirngesunde Politik – obwohl … wenn man mal so angekränkelt dran denkt … schlecht wäre das nicht, oder?
 

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