US-Sicht auf Grexit und Schuldenschnitt

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globalalisierung-63771_640geraltDie Seite ZeroHedge ist ziemlich kapitalistisch und sehr erfolgreich. Manche Artikel sind durchaus reißerisch, aber meistens stimmt die Aussage. Dort können die Amerikaner nachlesen, wie es sich mit den finanziellen Griechenland- (und Puerto-Rico- und China-) Problemen verhält. Wir bringen die interessanten Einschätzungen zur aktuellen Lage aus Why Germany Would Prefer a "Grexit" to Debt Forgiveness (16.7., von Phoenix Capital Research, Bild: geralt, pixabay).

Durch die Zustimmung Griechenlands zu "einem neuen Austeritätsprogramm" steigen die Aktienkurse, und dabei ist noch nichts entschieden. Die eigentlichen Verhandlungen um den nächsten griechischen Bailout fangen erst an, und es dauert noch mindestens 4 Wochen bis dahin – vorausgesetzt, alle können sich auf alle Punkte einigen. Wie es weitergeht?

  1. Das deutsche Parlament muss Kanzlerin Merkel das Mandat für Verhandlungen mit Griechenland zu einem neuen Bailout erteilen (wb: sollte kein Problem sein bei der Mehrheit)
  2. In Finnland, Holland, Slowenien, Estland und Österreich müssen die Parlamente ihren Finanzministern auch Verhandlungen zu einem neuen Deal mit Griechenland gestatten (wb: das könnte Probleme machen)
  3. Die EU-Finanzminister müssen müssen den Bailout mit Griechenland aushandeln (wb: das Procedere kennt man ja, irgendwann einigen sie sich)
  4. Deutschlands Parlament muss zustimmen (wb: dürfte selbstverständlich sein)
  5. Greichenland muss akzeptieren (wb: wer weiß …)

Wer trotz dieser Hürden meint, die Einigung sei in Sicht, ist laut ZeroHedge nicht ganz bei Trost. Es werde Wochen, wenn nicht Monate dauern, falls es überhaupt zum Ziel führt. Die Liste der Obstruktionen ist lang, an denen das Verfahren scheitern könnte.

Einmal haben IWF und EZB die Idee des Schudenschnitts (debt forgiveness) abgelehnt, und das sei die erste wirkliche Lösung für Griechenlands Schuldenprobleme. Aber das sei völlig ausgeschlossen, weil es die Begehrlichkeiten von Spanien, Italien und womöglich Frankreich wecken würde, die dann auch debt forgiveness wollen. Alle diese Länder werden irgendwann um Hilfe bitten. Ihre Verschuldung ist ebenfalls über die Maßen gestiegen, seit die EU im Jahr 2012 beinahe kollabierte, so schreibt ZeroHedge.

Spaniens Schulden sind von 69% auf 98% Bruttosozialprodukt gestiegen, Italiens von 116% auf 132%, Frankreichs von 85% auf 95% (wb: Deutschlands von ca. 60% auf ca. 80%). Diese Zahlen seien der Grund, warum Finanzminster Schäuble & Co. sich für den Grexit erwärmen. Schmerzvoll, wie es sein mag, liefere das Rausschmeißen von einem Land eine bessere Grundlage für zukünftige Verhandlungen mit den Problemländern.

Man möge sich an die Dimension des Problems erinnern, die gesamten griechischen Schulden seien nur 345 Mrd. Euro (wb: 500 Mrd. kommt eher hin). Wie auch immer, das lasse keine Kollateralschäden befürchten, auch wenn das Bohei der letzten 3 Jahre einen Eindruck von der Wichtigkeit des Problems vermittelte.

Zum Vergleich: Spanien hat über 1 Bio. Euro Schulden, Italien 2,6 Bio. (wb: Deutschland 2,1 Bio.). Daran hängen Dutzende von Bio. Euro in Form von Derivaten. Ein Schuldenschnitt (haircut or debt forgiveness) für Spanien oder Italien würde ein europäisches Systemversagen auslösen.

Die EU-Banken insgesamt sind mit einem Hebelsatz von 26:1 investiert, d.h. auf 1 Teil Eigenkapital kommen 26 gepumpte Teile. Schon ein Kursverfall der Schuldpapiere um 4% würde das gesamte Kapital auslöschen – und wenn ein Schuldenschnitt kommt, ist er bestimmt wesentlich mehr als 4%.

Man erinnere sich, sagt ZeroHedge, unterm Strich drehe sich alles um die Derivatrisiken der Großbanken, um nichts anderes. Das sei die Motivation aller EZB-Aktivitäten seit 2008. Und das werde Europas Verhandlungen um den zukünftigen 3. griechischen Schuldenschnitt bestimmen (wb: er wird der 3. genannt, nach unserer Zählung ist's der 2.).

Die Wahrheit sei, dass die Probleme, die den Bankencrash von 2008 verursachten (übertriebene Hebelsätze, giftige AAA-subprimes), immer noch nicht gelöst seien. Wenn überhaupt, haben sie sich verschlimmert. Heutzutage sitzen die meisten Zentralbanken auf höheren Hebelsätzen als die, an  denen Lehman Brothers (wb: die erste gecrashte Bank) scheiterte.

Die nächste Krise kommt. Und sie wird ganze Länder kaputtmachen, nicht bloß ein paar Banken.

Wer sich mit seinen Investments darauf vorbereiten will, der kann bei ZeroHedge einen kostenlosen investment report namens the Financial Crisis "Round Two" Survival Guide bestellen (Finanzkrisen-Überlebenshilfe). Dabei wird nicht nur Schutz, sondern auch Profit versprochen. Die ersten 1000 Reports seien schon weg, ab dann kostet's was.

Tja, ist das die übliche Panikmache, um einen Report zu verkaufen? Oder ist die Einschätzung mit dem nächsten Crash ernst zu nehmen? Nachdem aus der Geschichte der Crashs nur gaaanz langsam was gelernt wird, muss man wohl letzteres befürchten.

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