® Gott: Schnuller für Erwachsene

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pacifier-311988_640Die Facetten der Religion sind vielfältig. Sie hat philosophische, ideologische, politische, historische und spirituelle Aspekte, und sie basiert auf diversen Schwächen der menschlichen Natur. In der Praxis leisten Menschen im Namen der Religion Hilfe. Dabei kommt ein unterschätztes Feature der Religion zum Vorschein.
(Bild: Der Peanut-Gott mit Rock hoch und Heiligenschein ist in Wirklichkeit ein Schnuller von ClkerFreeVectorImages, pixabay)

Features der Religion auf dem Prüfstand

Nach der Aufklärung und dem Höhenflug der Wissenschaft hat die Religion eigentlich abgewirtschaftet. Religiöse Gefühle sind materiell begründet und können durch Hirnstimulation ausgelöst werden. Götter sind als Ausgeburten menschlicher Phantasie, als Konstrukte, erkannt, benannt und gebannt. Nichts von den Gottesbeweisen und -offenbarungen hat einer objektiven Überprüfung standgehalten. Die Religion hat null Erklärungskraft, ihre Schöpfer-Argumentation ist ein logischer Widerspruch. Nichts kann aus sich selbst heraus entstehen, also hat ein Schöpfer die Welt gemacht – aber wer schuf den Schöpfer? Und falls doch etwas aus sich selbst heraus entstehen kann – etwa ein Schöpfer -, dann kann das auch die Welt.

1) Philosophischer Grund: Welterklärung

Wie man's auch dreht und wendet, in den Gefilden von Vernunft und Verstand haben Götter und Religionen als Welterklärung ausgedient. Sie liefern ein Fundament so fest wie Zuckerwatte, sie sind so wahr wie Werbung und haben soviel Sinn wie Wahnsinn. Der erste Grund für den Glauben ist damit obsolet geworden. Trotzdem hält sich die Religion zäh am Leben. Unsere Regierung ist komplett religiös kontaminiert, der Bundestag in überwiegenden Teilen. Über den Menschenrechten, die dort eigentlich vertreten werden sollen, steht klar der Gottesgehorsam. Oft ist's der Gott Mammon; bei der Gesetzgebung zur Sterbehilfe war's der liebe Foltergott.

2) Ideologischer Grund: Repressionsinstrument

Im Mittelalter wurde der Glaube zur Repression instrumentalisiert, und wo das noch der Fall ist, herrscht das Mittelalter. Ansonsten wurde die Unterdrückung durch Verdummung abgelöst. Da verhindert die Religion Erwachsenwerden, Freiheit und Selbstbestimmung. Viele Menschen brauchen jemand, der ihnen sagt, wo es langgeht. Die Religion bemüht sich, möglichst viele von der Sorte hervorzubringen. In der modernen Welt entfällt der Grund "Verdummung" für die Religion großteils, denn um das Verdummungsmonopol wird von allen Seiten gerangelt, von Politik, Werbung, Kunst, Kommerz, Sport …

3) Politischer Grund: mir san mir

Nun ist der dritte Grund für die Religion auch am Wegbrechen. Traditionellerweise dient die Religion zum Ausgrenzen Andersgläubiger. Doch der mir-san-mir-Effekt lässt nach – warum? Aus Nächstenliebe kann's eigentlich nicht sein, wo doch Regierung und Parlament höchstens Bankenliebe bewiesen haben. Dass es Fremdenliebe ist, sei den Wohlmeinenden zugestanden, aber dahinter schimmert doch politisches Kalkül durch: Dass das Ausgrenzen Andersgläubiger nicht mehr gilt, dürfte ein Zeichen dafür sein, wie schlimm der Unglaube eingeschätzt wird. Also der Zusammenschluss mit Andersgläubigen gegen die Freidenker und das Säkulare. Lieber anders verdummt als vernünftig.

4) Historischer Grund: Ordnung schaffen

Der vierte Grund wird bei Yuval Hararis Eine kurze Geschichte der Menschheit am schönsten dargeboten: Alle gesellschaftlichen Ordnungen sind von Menschen erfunden worden und daher um so zerbrechlicher, je größer die Gesellschaften sind. Indem die Religionen auf einen übermenschlichen Willen verweisen, schaffen sie Autorität, die nicht so leicht in Zweifel gezogen wird, und geben der Gesellschaft damit ein stabiles Fundament. Die Entstehung der missionierenden Universalreligionen (Buddhismus, Christentum, Islam) war eine bedeutende Revolution in der Geschichte. Letztlich ist Religion genauso real wie etwa das Geldsystem: Die grundsätzliche Idee ist ein Konstrukt, aber durch den Glauben daran funktioniert es (und durch die Infrastruktur wie Kirchen und Priester bzw. Banken und Banker).

5) Sonstige Gründe: menschliche Features

Der fünfte Grund ist eine Sammlung von menschlichen Eigenarten:

  1. Die menschliche Einbildungskraft. Wenn der Mensch glaubt, es ist ein Wirkstoff drin, kann die Täuschungskraft des Placebo-Effekts Wirkung erzeugen, wo gar kein Wirkstoff ist. Genauso können Götter wirken, ohne zu existieren.
  2. Der menschliche Denkfehler, den Zufall als Absicht zu missdeuten. So, wie der Mensch in den Wolken Gesichter erkennt, so meint er in zufälligen Abfolgen kausale Zusammenhänge zu sehen. Was der Mensch nicht erklären kann, hat eben Gott gemacht.
  3. Das menschliche Verlangen nach einer schützenden Hand, der Bedarf nach Infantilität, die Scheu, Verantwortung zu übernehmen. Wen die Last des Lebens schwer drückt, der mag sich nach einer Vatergestalt sehnen, die ihn wieder zum unbelasteten Kind werden lässt. Viele brauchen jemand, der ihnen sagt, wo es langgeht. Manche mögen sich dem gern unterwerfen. Das kann bis zur masochistischen Unterwerfung und zum Sklaventum führen; die Bedürfnisse sind weit gefächert. Dazu der Sacco-Spruch: Eine Religion erfindet man, indem man die Illusion eines Schutzes bei stark Schutzbedürftigen weckt. Geld verdient man mit ihr, wenn man auch massive Ängste schürt und sich als Vermittler aufführt.
  4. Das menschliche Streben nach Gerechtigkeit, wenn schon nicht auf Erden, dann wenigstens im Himmel.
  5. Die menschliche Liebe zum Spirituellen, Sakralen und Weihevollen. Viele Menschen mögen Kirchenmusik, auch ohne gläubig zu sein. Dasselbe gilt für religiösen Pomp & Zeremonien, da weint es sich so schön.
  6. Das menschliche Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Miteinander, gerade in einer Zeit, wo die Familien schrumpfen. Dafür leisten die Kirchen das, was auch Clubs und Vereine leisten.
  7. Die Drogenwirkung der Religion. Spirituelle Erfahrungen und religiöses Hochgefühl aktivieren das Belohnungszentrum des Gehirns, wie der Hirnscanner zeigt.
  8. Die menschliche Sehnsucht nach Ewigkeit, die sich in der Akzeptanz von hanebüchenen Himmelsversprechungen äußert: ewiges Leben, unsterbliche Seele, ein Platz zur Rechten Gottes, Amen, Halleluja.
  9. Die menschliche Hilfsbedürftigkeit und das Verlangen nach Trost. Viele gläubige Menschen tun Gutes und leisten echte Hilfe. Andere leisten Placebo-Hilfe, indem sie die Hilfsbedürftigen zum Beten & Hoffen anstiften.

Unterschätztes Feature

Im letzteren liegt das meistunterschätzte Feature der Religion. Es ermöglicht normalen Menschen, ohne viel  Aufopferung viel Hilfe zu leisten:

  • Als Religionsfreie müssten sie sagen, hör mal, bloß weil ich nett zu dir war, mag ich nicht die ganzen Lasten übernehmen, die du nicht tragen kannst.
  • Als Religiöse sagen sie, bete zu Gott, und nach Gottes Willen wird dir geholfen.

Dann hat nämlich der vermeintliche Gott die Hilfsbedürftigen an der Backe und nicht der Helfer. Mit dem Gott kann er die Hilfesuchenden ruhigstellen.

Gott als Schnuller für Erwachsene.

Das bringt's, denn es ist ein Alleinstellungsmerkmal für die Götter- und Geister-Branche. Humanisten verfügen nicht über solche Möglichkeiten und tun sich deshalb schwerer mit Hilfeleistungen. Der Umstieg von religiös zu humanistisch ist auch deshalb so schwierig.

 

Links dazu:

 

Dieser Artikel vom 8.11.15 bekam zur Ergänzung am 14.8.16 diesen Link: Thomas Metzinger – Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit – Ein Versuch: Eine interessante neue Einsicht könnte also sein, dass die Evolution insbesondere auch auf der psychologischen und soziokulturellen Ebene allem Anschein nach erfolgreiche Formen von geistiger Krankheit hervorgebracht hat, genannt "adaptives Wahnsystem". Demnach ist Religion von der Grundstruktur her dogmatisch und damit intellektuell unredlich. Wer dem Text folgt, muss allerdings Spiritualität als Neigung zu wissenschaftlicher Erkenntnis verstehen: Spiritualität ist eine epistemische Einstellung, der unbedingte Wille zum Wissen, nämlich zu einer existentiellen Form von Selbsterkenntnis jenseits aller Dogmen und Theorien.

Das Amen in Punkt 8. ist ein Nachtrag vom 16.9.16.

Am 12.12.17 wurde der Artikel um Punkt 4) Historischer Grund ergänzt, zusätzlich gab es andere kleine Ergänzungen.

Noch mehr kleine Ergänzungen am 27.4.18 in Abschnitt 2) und Punkt 3., Punkt 7. neu und der alte Punkt 7. ist nun Punkt 9., dazu neue Links.

Am 16.6.18 Nachtrag Sacco-Weisheit und Link Quantengottchen.

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9 Antworten auf ® Gott: Schnuller für Erwachsene

  1. Ich habe diesen Beitrag auf verschiedenen FB-Seiten verlinkt und er kam überall gut an. Er wurde auch ausserordentlich oft geteilt :-)

  2. Wilfried Müller sagt:

    SPIEGEL ONLINE bringt am 10.2. noch ein paar Punkte zum evolutionären Vorteil der Religion, in Religion und Evolution: Strafende Götter als Erfolgsgeheimnis der Menschheit: Was hat den Menschen befähigt, in rasant wachsenden Sozialverbünden zu leben? Die nackte Angst vor göttlicher Strafe, behauptet eine Studie: Gott begann seine Karriere als allsehender Aufpasser.

    Demnach waren es Regeln und Rituale, die intern Zusammenhalt und extern Abgrenzung schufen, sowie ein bedenkenswerter Punkt der in dem wb-Artikel nicht aufscheint: In aggressiven Zeiten legitimiere ein göttlicher Auftrag unmenschliches, amoralisches Verhalten gegen "Gottlose".

  3. Wilfried Müller sagt:

    Um die Sammlung der Schnuller-Argumente 4) weiter zu komplettieren, soll noch auf diese menschlichen Eigenheiten hingewiesen werden:

    • auf die "Wahrheitsillusion": Aussagen werden als um so glaubwürdiger empfunden, je öfter sie wiederholt werden, und
    • auf das Bedürfnis, Geheimnisse zu gestehen: sie im Beichtstuhl, im Gebet oder im Internet anonym auszusprechen und dadurch loszuwerden.

     

  4. w-blogger sagt:

    Eine ganz wichtige Motivation für religiösen Glauben habe ich in dieser Zusammenstellung nicht gefunden: Die Perspektive auf ein Leben nach dem – von allen Menschen gefürchteten – Tode. Für den Gläubigen wird oft sogar ein schöneres Leben in Aussicht gestellt, manchmal mit 80 Jungfrauen und so … Sich diese Hoffnung zu erhalten, macht so manchen Kompromiss erträglich.
    Auch da können die Säkularen nicht mithalten.

  5. Wilfried Müller sagt:

    w-blogger hat recht, die Himmelsversprechungen mit dem Leben nach dem Tod und der unsterblichen Seele fehlen. Aber die 80 Jungfrauen sind zumindest beim Islam übertriben, die offizielle Zahl ist 72 – aber Achtung:

  6. AWQ.DE sagt:

    Sehr schön zusammengefasst. Ich hatte das Thema mal aus Sicht der Energiebilanz beleuchtet: https://www.awq.de/2016/02/was-das-light-christentum-so-attraktiv-macht/

  7. Wilfried Müller sagt:

    Das ist ein humorvoller und intelligenter Artikel bei Answers Without Questions. Dort findet sich auch diese leicht fassliche Anweisung:

  8. Saco sagt:

    Ja es klang an: Christ ist und bleibt man vorwiegend aus Angst. Jedes Kind hat Angst vor dem Weltertränker und Gomorrhaverbrenner. Vor dem Amokläufer und Paradieszerstörer. Aber es muss Gott lieben. Sonst gehts ab  in die Hölle. Aber hinter fast jeder Gottesliebe ist Angst versteckt. Nonne wird man aus Angst, Mönch wurde Luther aus Angst, die ihn zum Wahnsinn trieb. Zum Atheisten  konvertiert  man nicht, weil man eben diese Angst hat. "Kein Weg geht zum Vater denn durch mich", schreibt die Bibel. Das ist schwere Nötigung und verboten. Es ist auch Bedrohung und verboten. Denn der Weg "nicht zum Vater" ist der Weg in die Hölle. Und da gibts Feuerfolter (lt. Bischof Schneider). Religion ist ein Geschäft mit der Angst. Darum halten sich Religionen.

  9. Klarsicht sagt:

    Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit (Thomas Metzinger)

    Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, etwas aufgrund unzureichender Beweise zu glauben.

    Es ist zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Person falsch, für die eigene Überzeugung relevante Beweise zu ignorieren, oder sie leichtfertig abzuweisen. 15“

    Quelle und Resttext: http://www.philosophie.uni-mainz.de/Dateien/Metzinger_SIR_2013.pdf

    Die Erfinder Gottes

    Zwei Fragen vor allem gaben der Forschung zu denken. Erstens: Wie kann es sein, dass Milliarden Menschen unerschrocken an Dinge glauben, für die es keinerlei Belege gibt ? Und zweitens: Warum opfern so viele Gläubige dafür auch noch ihre Zeit, ihr Geld, ihre Freiheit und manchmal sogar ihr Leben ?

    Quelle und Resttext: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90254984.html

     

     

     

     

     

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