Frankreich als Abkassierer

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French-military-bases-in-africaNachtrag 6.12.: Für die Richtigkeit des Artikelinhalts konnten bei unseren Nachforschungen keine belastbaren Quellen gefunden werden. Ob die Vorwürfe stimmen? Dagegen spricht die kritiklose Verbreitung der 440-Mrd.-pro-Jahr-Legende und das Fehlen weiterer zugänglicher Quellen. Dafür spricht der 11-Punkte-Pakt (wer denkt sich das aus?) und die EU-bekannten Egoismen der französischen Politik (Straßburg!). Was erwähnenswert bleibt, ist die Armut z.B. in Mali, um die sich Frankreich offenbar nicht kümmert.

Schon am 15.3. brachten die Deutschen Wirtschafts Nachrichten den Artikel Frankreich kann seinen Status nur mit Ausbeutung der ehemaligen Kolonien halten. Demnach kassierte Frankreich von seinen ehemaligen Kolonien in den letzten 60 Jahren 440 Milliarden Euro an Steuern (in dem Artikel steht fälschlicherweise 440 Mrd. pro Jahr).

Der Artikel geht zurück auf einen Artikel des Friedensaktivisten Mawuna Remarque KOUTONIN in SILICON ARFICA, 14 African Countries Forced by France to Pay Colonial Tax For the Benefits of Slavery and Colonization (28.1.14). Dort werden die 440 Mrd. nicht erwähnt (dafür bei Mind Control Exorcism), aber die Verhältnisse sind glaubwürdig geschildert. Als die afrikanischen Kolonien Frankreichs in den 1950er- und 60er-Jahren unabhängig wurden, akzeptierte die französische Regierung die Unabhängigkeitserklärungen nur formal. Sie forderte von den Ländern die Unterschrift unter einen „Pakt zur Fortsetzung der Kolonialisierung“. Was da alles verlangt wird, listet SILICON AFRICA auf:

  1. die "unabhängigen" Staaten müssen jährlich ihre „kolonialen Schulden“ für die von Frankreich errichtete Infrastruktur an Paris überweisen,
  2. die Staaten sind nach wie vor dazu verpflichtet, etwa 85% (andere Zahl mindestens 65%) ihrer Währungsreserven in der französischen Zentralbank in Paris zu lagern. Dort unterstehen sie der direkten Kontrolle des französischen Finanzministeriums. Die betroffenen Länder haben keinen Zugang zu diesem Teil ihrer Reserven. Nur auf 15% haben die Staaten direkten Zugriff, was von den 85% mehr gebraucht wird, muss vom französischen Finanzministerium zu marktüblichen Zinsen geliehen werden
  3. die französische Regierung verfügt über ein Vorkaufsrecht auf alle neuentdeckten Rohstoffvorkommen in den afrikanischen Ländern,
  4. französische Unternehmen müssen bei der Vergabe von Aufträgen in den Ex-Kolonien bevorzugt behandelt werden. Infolgedessen befinden sich dort die meisten Vermögenswerte in den Bereichen Versorgung, Finanzen, Transport, Energie und Landwirtschaft in den Händen französischer Konzerne,
  5. militärische Ausrüstung und Schulung darf nur in Frankreich geordert werden,
  6. Frankreich hat allerlei Stationierungs- und Eingriffsrechte, siehe oben das Bild von SILICON AFRICA,
  7. offizielle und die Schulsprache müssen französisch sein,
  8. die Staaten müssen die französische Kolonialwährung FCFA (Francs CFA) nutzen,
  9. die Staatsbilanzen müssen Frankreich vorgelegt werden,
  10. keine Militärpakte mit anderen Ländern, außer wenn Frankreich sie erlaubt,
  11. in Krisensituationen müssen die Staaten sich mit Frankreich alliieren.

Die betroffenen Staaten sind Benin, Burkina Faso, Guinea-Bissau, Elfenbeinküste, Mali, Niger, Senegal, Togo, Kamerun, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Kongo, Äquatorialguinea und Gabun. Die Führungselite der jeweiligen Länder hat laut Deutsche Wirtschafts Nachrichten keine andere Wahl als die Forderungen zu erfüllen. Sollten sich die afrikanischen Politiker nämlich weigern, droht ihnen ein Attentat oder der Sturz der Regierung. SILICON AFRICA zählt in den letzten 50 Jahren insgesamt 67 Staatsstreiche in 26 afrikanischen Ländern, 16 davon ehemalige Kolonien Frankreichs.

Es werden Beispiele genannt, wie sich etwa Togo weigerte, 40% von seinem Staatshaushalt an Frankreich zu überweisen, und wie es eine eigene Landeswährung drucken wollte. Prompt wurde die Regierung von einer Gruppe ehemaliger Fremdenlegionäre gestürzt und der Präsident bei einem Attentat getötet (der britische Telegraph berichtete am 8.2.05). Die französische Regierung half vier Jahre drauf, den Attentäter zum neuen Präsidenten von Togo zu machen.

Die Regierung in Paris griff laut Deutsche Wirtschafts Nachrichten immer wieder auf ehemalige Fremdenlegionäre zurück, um unliebsame Regierungen in den Ex-Kolonien zu stürzen. So war es in der Zentralafrikanischen Republik, in Burkina Faso, in Benin, in Mali.

Es geht auch anders. Die anderen Kolonialmächte führen solche Maßnahmen nicht durch. Großbritannien scheiterte beim Versuch, den amerikanischen Kolonien die Kosten für den gerade beendeten Franzosen- und Indianerkrieg aufzubürden – das wurde mit der „Boston Tea Party“ und dem Unabhängigkeitskrieg beendet. Schon 1778 gab es den „Taxation of Colonies Act“, mit dem Großbritannien auf Steuern und Abgaben von den Kolonien „British America“ und „British West Indies“ verzichtete. Dasselbe galt für die ehemaligen Kolonien Australien und Kanada. Deren Steuerhohheit liegt spätestens seit der Unabhängigkeitserklärung der Länder bei den dortigen Regierungen.

Auch die ehemalige Kolonialmacht Niederlande erhebt keine Steuern mehr auf ihre ehemaligen Einflussgebiete in Südamerika und Südostasien. Im Gegenteil, die Holländer unterstützten ihre Ex-Kolonien vor ca. 100 Jahren, als die Lage dort durch Kriege desaströs wurde.

Nur Frankreich ist anders. Dort gedenkt die politische Elite anscheinend nicht, die Relikte der Kolonialzeit zu beseitigen und die ehemaligen Kolonien in die vollständige Unabhängigkeit zu entlassen. Offensichtlich herrscht in Paris die Befürchtung vor, dass man ohne die Einnahmen aus Afrika in der wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit versinken könnte. Dazu wird ein Ausspruch des Ex-Präsis Chirac von 2008 zitiert: „Ohne Afrika würde Frankreich in den Rang eines Drittweltlandes abrutschen.“

Der aufrührerische Schluss des SILICON-AFRICA-Artikels: It’s up to us as African to free ourselves, without asking for permission, because I still can’t understand for example how 450 french soldiers in Côte d’Ivoire could control a population of 20 millions people!? Es ist an uns als Afrikanern, uns zu befreien, ohne um Erlaubnis zu fragen. Ich kann nicht verstehen,wie z.B. 450 französische Soldaten in der Elfenbeinküste 20 Millionen Menschen kontrollieren können!?

Für den Hinweis auf das immer noch aktuelle Thema und die Bereitstellung der grundlegenden Informationen dankt wissenbloggt Dr. Günter Dedié.

Eine unabhängige Sicht liefert der überblick 01/2004, Die besondere Beziehung zwischen Frankreich und Afrika: 1 Franc der gemeinsamen Währung von 14 west- und zentralafrikanischen Staaten entsprach 50 F CFA. Bis im Januar 1994 die französische Regierung ihre in der Hauptstadt des Senegal versammelten Partner dazu zwang, den F CFA um 50 Prozent abzuwerten.

Weitere Links dazu: Armes Afrika und Migration durch Übervölkerung und  Neukolonialisierung Afrikas?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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10 Antworten auf Frankreich als Abkassierer

  1. w-blogger sagt:

    „Mali galt jahrelang als Vorzeigedemokratie in Afrika, aber seit dem Putsch 2012 driftet es immer mehr ins Chaos.“* Mali ist reich an Bodenschätzen. Da auch Mali zu den Abkassierten gehört, dürfte der oh so humane Bundeswehreinsatz dort direkt oder indirekt Beihilfe zum Abkassieren sein. Die Situation in Mali wurde noch durch die Tuareg** verschärft, die ihre traditionellen Weidegebiete in Niger an den Uranabbau verloren haben, sowie durch die Flüchtlinge aus Lybien nach der Zerstörung ihres Landes 2011 durch die USA und deren Verbündete. All das führt nicht zur Stabilisierung und zu mehr Frieden, sondern zu weiterem Extremismus. Dieser wird uns unter dem Titel IS verkauft, denn der „Feind“ muss ja einen medienwirksamen Namen haben.

    *) http://www.spiegel.de/politik/ausland/mali-frankreich-kaempft-gegen-islamisten-und-um-bodenschaetze-a-877679.html#

    **) https://de.wikipedia.org/wiki/Tuareg

  2. Wilfried Müller sagt:

    Beihilfe zum Abkassieren – und das in dem bitter armen Land. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ist nach 755 Dollar 2014 auf 673 Dollar 2015 gesunken. Der Durchschnitts-Malinese lebt von 2 Dollar pro Tag.

  3. DWN und die dazugehörigen DTN gelten unter Kennern nicht gerade als zuverlässige Medien.

    Mir scheinen auch hier erhebliche Zweifel angebracht. Man kann so etwas nicht 60 Jahre lang komplett unter Verschluss halten. Es riecht nach VT.

  4. w-blogger sagt:

    @Frank: Beides gilt auch für unsere regierugstreuen Qualitäsmedien. Semper audite altera pars … 

  5. Soll das meine Aussage relativieren?

    Läse ich das in einer etwas seriöseren Publikation würde ich es genauso in Zweifel ziehen.

  6. Wilfried Müller sagt:

    Ich hab die News der Deutschen Wirtschafts Nachrichten mal gescannt und sehe dass die ziemlich pointiert sind, aber nicht auf Krawall gebürstet. Scheint mir soweit akzeptabel zu sein. Bei der Suche nach den 440 Mrd. finde ich allerdings fast nur unseriöse Kopien, die den offenkundigen Fehler mit den 440 Mrd. pro Jahr übernommen haben (statt in 60 Jahren). Ein differenzierteres Bild gibt ein Artikel von ZEIT ONLINE vom 15.10.1993: Afrika: Die ehemaligen französischen Kolonien drängen in die währungspolitische Unabhängigkeit : Abschied vom alten Reich. Da geht es um den Franc CFA. Echte Belege für die 440 Mrd. konnte ich nirgends finden. Da muss ich also ein Fragezeichen machen. Als EU-Bürger kommt mir die übermächtige französische Interessensvertretung allerdings nicht ganz unwahrscheinlich vor, aber es dürfte überzogen dargestelt sein.
     

  7. pinetop sagt:

    Das Ganze ist eine "Räuberpistole". Ich konnte auch nach längerer Suche keine anderen Quellen finden. Es ist auch gänzlich unvorstellbar, dass so ein Sachverhalt jahrelang unentdeckt bleibt.

  8. Wilfried Müller sagt:

    Frank und pinetop haben mich sehr skeptisch gemacht. Deshalb hab ich dem Artikel eine kritische Einleitung verpasst.

  9. w-blogger sagt:

    Ganz so schlecht sieht es mit den Quellen doch nicht aus, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/CFA-Franc-Zone#Franc-W.C3.A4hrungsraum_heute und weiterführende Quellen.

  10. Wilfried Müller sagt:

    Ich glaube das bezieht sich auf meinen Kommentar zu So tun als ob. Die Ausbeutung Afrikas mit den EPA-Halndelsabkommen dürfte wohl unstrittig sein. Zu w-blogger: ich nutze die Deutschen Wirtschafts Nachrichten nur sehr vorsichtig als Quelle, deshalb ist es gut wenn der Inhalt zumindest näherungsweise auch woanders steht.

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