Meine Höllenfahrt


ibiza-strand-cala-d-hortNun ging es also ans Sterben. Das wurde mir in dem Augenblick klar, als die beiden Ärzte am Fußende des Klinikbettes den Kopf schüttelten. Sie bemerkten nichts von meiner Beobachtung, da ich die Lider nur ein ganz klein wenig angehoben hatte. Eine Krankenschwester schwebte herbei mit einer dieser winzigen, segenbringenden Spritzen auf einem Tablett. Ein kleiner Pieks und fast umgehend ergriff den schmerzenden Körper ein wohliges Gefühl von Schwerelosigkeit. Morphine machen süchtig, aber das schien in diesem  Augenblick eher nebensächlich zu sein (Bild: Berghaus).

Meine Gedanken kreisten nur noch kurz. Ich schlief ein.

Und dann auf einmal dieses Licht! Oh nein, muss das nun wirklich sein? Doch es war da und ganz ohne Zweifel kam es auf mich zu. Jetzt bitte nicht auch noch dieser Engel mit seinen Wallerflügeln! Er blieb mir erspart. Aber plötzlich stand ich auf meinen Beinen – ja, ich konnte gehen – und bewegte mich auf dieses magische Licht zu, ganz leichtfüßig und ohne jeden Schmerz. Ich achtete nicht auf den Untergrund, war angezogen von dem Gleißen vor meinen Augen.

Und dann geschah es: ein Spalt tat sich vor mir auf und ich fiel, nein, ich rutschte eine glatte Felswand hinab, rundum in ein tiefes dunkles Rot getaucht. Die rasende Rutschpartie entschleunigte sich als die Neigung der Felswand geringer wurde, und das Licht wechselte vom aggressiven Rot über Lila, Blau hin zu einem wärmenden Grün, das immer heller wurde. Endstation! Ich plumpste sanft auf weichen, warmen Sand, der mich fast ganz umschloss. Ich prüfte, ob alles an mir noch heile war und kam zu einem befriedigenden Ergebnis. Mir war nicht klar, dass man mich schon eine Weile beobachtet hatte, bis ich zwei ausgesprochen hübsche und freundliche Damen hinter etwas entdeckte, was wohl eine Rezeption sein sollte. Mit einladenden Handbewegungen forderten sie mich zu sich. Auf dem kurzen Weg dorthin wurde mir zwar klar, dass ich nackt war, aber es machte mir nichts aus – und auch die beiden schien es nicht zu stören.

Sie begleiteten mich in eine Art Hotelzimmer, in dem mich bereits ein Begrüßungsstrauß mit meinen Lieblingsblumen erwartete. Nach der Dusche trockneten die Damen, oder soll ich sagen, Hostessen, mich gründlich ab und halfen mir beim Anziehen lockerer und bequemer Kleidung. Zurück in „meinem“ Zimmer fand ich endlich meine Sprache wieder, bisher war alles lautlos abgegangen. Wir setzten uns, sie reichten mir eine Weinschorle und ich fragte: „Wo bin ich denn hier?“ Knapp aber klar kam: „Hölle, Abteilung gehobener IQ“. Wir traten ans Fenster und sie zeigten mir die große Bar, an der eine Menge Leute  in eifrige Gespräche vertieft waren, dahinter ein Gebäude, das wie ein Restaurant aussah und wohl auch war. Der feine Sandstrand schien sich endlos zu dehnen, im Hintergrund klares, blaues Meer, in dem einige Kinder herumtollten. „Und das soll ‚Hölle‘ sein?“. Die beiden kicherten: „Dort unten erfährst du alles weitere, aber vielleicht willst du dich auch erst ein wenig ausruhen“. Sie verließen mich.

Ich war viel zu neugierig, um mich jetzt etwa ausruhen zu wollen. Ich ging zur Strandbar.

Der Barkeeper hatte einen roten Kopf und links und rechts daran zwei Buckel, die man wohl Hörner nennen könnte. Ohne mich zu fragen servierte er mir einen Martini Bianco Tonic. Wie konnte er wissen, was ich am Strand gern trinke?

„In die anderen Teile der Hölle gehe ich nicht so gerne“, begann er seine Antwort auf meine Frage, wieso es hier so angenehm sei. „Dort sieht es längst nicht so gut aus wie hier, sondern in manchen Partien sogar genauso, wie es euch die Pfaffen auf der Erde in den wüstesten Farben schildern. Das liegt einfach daran, dass wir hier in diesem Teil die besten Köpfe der Weltgeschichte versammelt haben, die schon seit Jahrhunderten daran arbeiten, es hier lebenswert zu gestalten. Ich habe sie natürlich machen lassen, denn die mir ‚von oben‘ zugeteilte Aufgabe hat mir von Beginn an nicht gefallen.“ – „Und da oben“, fragte ich, „wie geht es denn da zu? Der Rotbackige kicherte: „Gelegentlich muss ich ja zum Rapport hin. Der Alte weiß nicht, wie wir hier unten leben, und ich werde den Teufel tun ihn aufzuklären. Gelegentlich meint er zwar, unser Kohleverbrauch sei zu hoch, aber er akzeptiert es, obwohl er nicht weiß, dass wir damit den Strom für unsere Klimaanlagen und all die anderen Annehmlichkeiten erzeugen, die nun einmal für ein vernünftiges Leben nötig sind.“ – „Und er kommt selbst nie hierher?“ Nun lachte er wirklich lauthals: „Nein, er hat immer noch Angst, er könne sich seinen weißen Rauschebart verbrennen. So singt er weiterhin mit seinen Paradieslingen ‚Halleluja‘ und verputzt jede Menge Manna. Irgendwie scheint ihm das in dieser ewigen Langeweile dort oben zu genügen. Nun ja, sonderlich intelligent war er ja nie.“

„Gibt es denn keine Möglichkeit, die Menschen auf der Erde über die Wahrheit zu informieren? Kann man nicht einfach jemanden – zum Beispiel mich, kokettierte ich – zurückschicken, damit ich es ihnen erzähle und damit den Pfaffen das Wasser abgrabe?“ Sein Gesicht wurde traurig und die Stirn runzelte sich: „Erstens habe ich nicht die Autorität, das eigenständig zu bewirken – die Rutsche kommt niemand mehr hoch – und zweitens wäre in demselben Augenblick Schluss mit unserem Wohlleben hier. Das könnte ich den vielen guten Freunden einfach nicht antun. Nein, die Menschen müssen schon selber herausfinden, dass das so nicht stimmen kann, was ihnen die frommen Herren erzählen. Macht stetig weiter mit der Aufklärung bis eines fernen Tages niemand mehr auf den Unsinn hereinfällt.“

Er wandte sich anderen Gästen zu, viele Gesichter kamen mir bekannt vor, doch ich war zu sehr in Gedanken versunken, um jetzt noch mit jemandem zu reden. Nach einer Weile ging ich zurück auf mein Zimmer, trank noch eine Weinschorle und fiel schließlich auf meinem Bett in einen tiefen Schlaf.

Als ich erwachte war ich in Schweiß gebadet, aber glücklich. Mein Fieber war wohl abgeklungen, der Kopf dachte klar und frei. Der Kaffee, den meine Frau mir ans Bett brachte, duftete köstlich und alle Lebensgeister kehrten zurück. „Geht es dir besser, mein Schatz?“ – „Oh ja, das kann man wirklich sagen“. Ich erzählte ihr nichts.