Keine Weihnachtsgeschichte

image_pdfimage_print

asylum-914183_960_720bykstDies ist eine Geschichte über Italien, die aber auch in anderen Ländern spielt. Die betrübliche Geschichte handelt von hunderttausenden von Entrechteten, von "Illegalen". Ihr Name ist Clandestini (direkt übersetzt "Heimliche", gemeint sind "illegale Einwanderer" aus der Sicht der Rechten) oder "Sans Papiers“ ("ohne Papiere", die eigene Bezeichnung, Bild: bykst, pixabay).

Kein Mensch ist illegal, so will es das Menschenrecht – aber legal sind diese Menschen auch nicht. Das beschreibt ZEIT ONLINE in dem bedrückenden Artikel von Don Alphonso, Der brutale Klassenkampf des humanitären Imperativs (16.12.).

Der Autor ist "ein schlechterer, nicht mehr ganz junger Sohn aus besserem Hause, der einige bürgerliche Werte wie Heirat, Kinder, Villen und TV vehement ablehnt" und andere dafür schätzt, z.B. Bücher. Dieser Gebildete aus der bayerischen Provinz macht sich zum Fürsprecher der Clandestini/Sans Papiers, die er z.B. in Padua beobachtet. Nach seiner optimistischen Rechnung kommt ein Tagesverdienst von 22 Euro heraus, für eine Straßenhändlerin ohne alles.

Ohne Lizenz, ohne Aufenthaltsgenehmigung, aber auch ohne Verfolgungsinteresse des Staates, der sich damit nur hohe Kosten und lange Verfahren einhandeln würde. Also steht die Frau jeden Tag am Straßenrand in der Kälte, ignoriert von Polizei wie Passanten. So geht die Etikette: Sagt man nichts, lassen die Nichtlegalen einen in Ruhe, sagt man „No grazie“, werden manche beharrlich.

Das gilt etwa für ungebetene Helfer, die alten Menschen die Treppe herunter helfen, auch gegen deren Willen. In Venedig ist das inzwischen verboten, aber in der roten Studentenstadt Padua nicht. Also flüchten die Flüchtlinge aus Afrika weiter von Venedig nach Padua. Wie die Menschen dort leben, wird an einem Schlaglicht deutlich, das enthüllte, wie ein Vermieter 20 Menschen aus Bangladesch in eine kleine Wohnung gepfercht hat. Und das sei immer noch besser als das Schicksal der Plantagenarbeiter in Süditalien, die den superbilligen Orangensaft fürs Discounter-Regal produzieren.

Zu den Facetten der Clandestini-Welt gehört es, dass die Leute in Padua schon nicht mehr auf der alleruntersten Stufe stehen. Wenn nicht gerade Krise wäre, hätten sie sogar eine Chance auf einen nichtlegalen Arbeitsplatz – unterhalb der Pakistani. Die Pakistani haben sich einen Ruf als Gastarbeiter erarbeitet, als Altenpfleger, als Restaurantköche, während die Afrikaner nur Spüler waren.

Wo nun Krise herrscht, werden die Pakistani von Italienern verdrängt, falls überhaupt noch Geld für Pflege da ist. Die Pakistani werden nun Reinigungskräfte und drängen die Afrikaner in die Straßenhändlerrolle,  "ganz Italien sackt durch." Die Betroffenen haben es nicht geschafft, einen offiziellen Status zu bekommen; sie sind nicht mal in der klassischen italienischen Schattenwirtschaft angekommen. Alphonso nennt das "die Integration nach dem Scheitern der Integration".

Von Abschieben ist nicht die Rede, weil die Behörden wissen, dass die Heimatländer nicht kooperieren. Niemand will diese Menschen haben. Es könnte aber wieder aufwärtsgehen mit ihnen, wenn sich Italien von der Eurokrise, verschärft um die Berlusconi-Politik, erholt. Dann werden die prekären Plätze in dem clandestinen Geschäftsmodell wieder nach unten durchgereicht. Menschen aus weniger vermögenden Gegenden kommen ins reichere Padua, wo sie die unterste Ebene auffüllen.

Die berechneten 22 Euro Tageseinnahme sind trotz komplett fehlender sozialer Absicherung attraktiv: In manchen afrikanischen Ländern ist das mehr als der durchschnittliche Wochenlohn – von denjenigen, die Arbeit haben, und Arbeit hat höchstens die Hälfte. Die italienischen Bedingungen sind also eher besser als in Afrika. Bei sparsamster Lebensweise können die Clandestini/Sans Papiers sogar Geld heimschicken, und entrechtet sind sie zuhause auch. Es gibt auch die Hoffnung, dass es besser wird und man einen Arbeitsplatz im Warmen ergattert.

Der Autor vergleich Padua mit den Städten im strukturschwachen deutschen Nordwesten, aber auch mit Berlin, Frankfurt und Hamburg. Das seien die hauptsächlichen Ziele der Flüchtlinge und Migranten in Deutschland. Von den 300.000 Einreisenden, die nach dem Grenzübertritt verschwunden sind, vermutet Alphonso viele ebenda. Sie wissen, dass sie weder Asyl noch Duldung bekommen, und wenn sie dadurch ausreisepflichtig sind, bekommen sie auch keine Unterstützung.

Die Kanzlerinnen-Utopie des "Wir schaffen das" geht an Hunderttausenden vorbei, für die es keine Versorgung mit Nahrung und Schlafplätzen gibt. Wer durch alle Netze gefallen ist, für den ist der Platz auf der Straße.

Italien hat schlechte Presse bekommen, obwohl das Land niemand eingeladen hat und die Lampedusa-Probleme mit einem Hotspot zu regeln versuchte. Italien schickt die Flüchtlinge gern nach Deutschland weiter "zur schlechten Presse".

Nachdem sich in Italien schon eine ältere, nicht legale Schicht unterhalb der Gesellschaft formiert hat, dürfte diese Schicht zwischen widerwilliger Duldung und Repression auch in Deutschland entstehen. Solange Deutschland Asylbewerber ablehnt, ohne sie abzuschieben, und sie von der Versorgung abschneidet, werden sie untertauchen. Dafür werden sie sich die Städte heraussuchen, die ohnehin schon überfordert sind. Als Beispiel nennt der Autor den Görlitzer Park in Berlin.

Wo Italien seit Jahren keine Lösung für die Entlegalisierten findet, da dürfte es in Deutschland auch nicht besser sein. Wir werden Menschen hier haben, die sich vom deutschen Staat nichts erwarten, genausowenig wie in den heimischen Staaten. Was für Deutsche unvorstellbar erscheint, ist in weiten Teilen der Welt normal. Dieser krasse Unterschied zwischen Arm und Reich wird auch als deutsche Realität wahrnehmbar werden.

Der Autor Don Alphonso ist desillusioniert: Er rechnet sich nicht zu denen, die noch "Refugee Welcome" oder "Merkel Merkel" rufen, denn er hat das Bild der Clandestini von Padua vor Augen. Unvermeidbar bringt die Politik der offenen Grenzen Hunderttausende nach Deutschland, die rechtlich gesehen nicht bleiben dürften, und die dennoch alles tun werden, um bleiben zu können. Das sind die neuen deutschen Clandestini, die Entrechteten, die nicht wissen, ob sie nicht doch aufgegriffen und abgeschoben werden. Es braucht sich ja nur irgendein Land in Afrika durch europäische „Entwicklungshilfe“ bzw. Bestechung bereitzufinden, einige Flüchtlinge zurückzunehmen.

Diese Vorstellungen vom Aufgreifen und Abschieben nennt der Autor "die radikalste Form des Klassenkampfes gegen die Ärmsten und Rechtlosen." Er hält die ganze Politik der offenen Grenzen "für kompletten Irrsinn". Alle Italiener aus seinem Bekanntenkreis denken das auch. Wer hinter der Merkel-Politik steht, werde sich früher oder später überlegen müssen, was mit den Hunderttausenden von Clandestini/Sans Papiers geschehen soll.

Soweit der bedrückende wie beeindruckende Zeit-Artikel. Nun eine gekürzte Auslese aus den mehr als 100 Kommentaren:

  • Wo für die Menschen keine Arbeit ist, hilft alles nichts. Niemand glaubt mehr, dass angemessene Arbeit für das einwandernde Millionenheer gefunden wird. Wird man viele dieser Menschen sich selbst bzw. schamloser Ausbeutung durch Dritte überlassen? Die resultierenden gesellschaftlichen Probleme könnten den Sozialstaat ruinieren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstören. Es gibt keine Alternative zur gesteuerten Zuwanderungspolitik.
  • Ein anderer Kommentator hat sich eine Abschiebung angeschaut. Das bindet nach seiner Aussage viel Zeit und Personal und klappt dann oft nicht. Geschätzten Kosten von 7.000 Euro stand in dem betreffenden Fall ein Misserfolg gegenüber – multipliziert mit ein paar hunderttausend wird das zur Unmöglichkeit.
  • "Erst ein vermeidbares Problem selbst verursachen, es dann bitter beklagen und eine Lösung im Sinne der Problemverursacher für alternativlos erklären:" Der Trick funktioniere, nur nicht dauerhaft.
  • "… ein Paria-Dasein auf einer Ebene, die man in Deutschland (bis jetzt) nicht vorzustellen vermag."
  • Der pragmatische Umgang sieht so aus, laut Auskunft einer Bahnmitarbeiterin: Sie habe die Anweisung, bei Flüchtlingen ohne Fahrschein einfach kommentarlos weiterzugehen.
  • "Statt der versprochenen bunten Vielfalt des friedlichen multikulturellen Miteinanders erhalten wir eine perverse Rassenhierarchie." Laut Kommentator beschrieb der Soziologe Fabio Mostaccio sie für die italienischen Orangenplantagen von Rosarno: Schwarzafrikanische Clandestini ganz unten, darüber rumänische und bulgarische Arbeitsvermittler, die einen Teil des Lohns einbehalten. Nur etwas darüber der italienische Plantagenbesitzer, der selbst fast nichts verdient, weil brasilianische Orangen noch billiger sind. Unsichtbar dabei der internationale Konzern mit Sitz im Steuerparadies – dafür ganz vorne sichtbar die Front der freiwilligen Willkommenshelfer, die in Wahrheit ungewollte Globalisierungshelfer sind.
  • "Zur Überfischung durch industrielle Fangflotten vor Westafrika sagt der Autor nichts. Dabei werden genau dort und genau über diese Art des politisch sanktionierten Wirtschaftens die Armutsflüchtlinge produziert."
  • Die Clandestini finde man in großen Gruppen auch auf dem platten Land, besonders in der Nähe von Bundesstrassen, Parkplätzen, geeigneten Wäldchen etc., als Prostituierte arbeitend. Strassenprostitution sei ein Riesenmarkt in Italien. Dafür werden afrikanische wie auch albanische Frauen seit Jahren stillschweigend geduldet und von kriminellen Netzwerken ausgebeutet.

Kann man da noch frohe Weihnachten wünschen, ohne zynisch zu sein?

Auswahl von drei guten Artikeln um das Problem herum:

Ein passender Bericht von DIE WELT über Abschiebung am Frankfurter Flughafen, Diese Szenen einer Abschiebung laufen im Verborgenen ab (21.12.): Es ist bedrückend. Für die Abzuschiebenden und die Beamten. Die letzten drei Stunden in Deutschland sind am Frankfurter Flughafen demnach oft voller Dramatik, und manchmal gelingt die Rückführung nicht.

Ein ausgewogenes Plädoyer für eine begrenzte Einwanderung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Grenzen der Einwanderung – Der Exodus und wir (22.12.), nennt Zahlen aus den Niederlanden. Dort ist die Arbeitspartizipation von Flüchtlingen, die bereits längere Zeit dort leben, untersucht worden: Somalier arbeiten zu 26 Prozent, Iraker zu 34, Afghanen zu 42 und Iraner zu sechzig Prozent. Wer sagt, dass es jetzt in Deutschland besser läuft (mit entsprechenden Auswirkungen auf den illegalen Arbeitsmarkt)? Dazu der Hinweis, dass man Ohnmacht bei Überwachung der Grenzen behauptet, bei der Integration dagegen bestreitet man sie – und warum sollte die Türkei es schaffen, Europa aber nicht? Der Niedergang insbesondere der arabischen Welt werde immer mehr zum Bestandteil unserer eigenen Gesellschaften: 1950 lebten dort 76 Millionen Menschen, 2010 waren es 360 Millionen, 2050 sollen es 630 Millionen sein. "… die Chancen, Arbeit zu finden, sind klein, und deshalb wollen die meisten nur eins: weg."

The European bringt einen besonders lesenswerten Artikel von Sahra Wagenknecht Akutes Staatsversagen (20.12.). Dieser Text bringt die gesamte Problemlage aus anderer Sicht auf den Punkt: Die Migrationskrise habe sich der Westen selber zuzuschreiben: Eine „kriegerische Außenpolitik“ und eine „ungerechte Handelsordnung“ seien die Ursache. Jetzt versage auch noch ein kapitalistisch ausgeschlachteter Staat.

Weitere Links dazu:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Humanismus, Menschenrechte, Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Keine Weihnachtsgeschichte

  1. Wilfried Müller sagt:

    Es gibt immer mal wieder andere deutsche Zahlen, diesmal also die der Bundesregierung, die sagt, Bereits 400.000 Anonyme in Deutschland (the European 27.2.): Nach Angaben der Bundesregierung ist jeder achte registrierte Flüchtling unauffindbar. Sie tauchen zumeist in die Illegalität unter. 

  2. Wilfried Müller sagt:

    Die nzz vom 26.3. beschreibt die Schweizer Version der Clandestini in Anlaufstelle für Sans-Papiers in Basel – Leben ohne Gesicht: Menschen ohne geregelten Aufenthaltsstatus sind als flexible Arbeitskräfte willkommen, leben jedoch unter prekärsten Bedingungen. In letzter Zeit haben die Beratungsstellen für Sans-Papiers besonders viel zu tun.
     

Schreibe einen Kommentar