Mitten im Kulturkampf


Unabhängig von der Sprache, die ein Computer zu sprechen gewöhnt ist (bei mir das Französische) wirft das Google-Suchwort „Kulturkampf“ immer dasselbe Ergebnis aus. Ganz oben steht (wie so häufig) der Verweis auf Wikipedia. Und dort findet man, was jeder einigermaßen Geschichtskundige auch erwartet hat: „Als Kulturkampf in Deutschland wird traditionell die Auseinandersetzung zwischen dem Königreich Preußen und später dem Deutschen Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von Bismarck und der katholischen Kirche unter Papst Pius IX. bezeichnet“. Oder bei mir: „Le Kulturkampf, ou « combat pour la culture », est un conflit qui opposa le chancelier du Reich Otto von Bismarck à l’Église catholique et au Zentrum, le parti des catholiques allemands, entre 1871 et 1880“. „Kulturkampf“ ist also zu einem feststehenden Begriff geworden, der sogar von anderen Sprachen übernommen wurde. Er bezieht sich eindeutig auf eine ganz bestimmte Epoche, in der der „Eiserne Kanzler“ – als einziger Kanzler in der deutschen Geschichte – zumindest den Versuch unternahm, die Macht der katholischen Kirche zu begrenzen: „Beim Kulturkampf ging es sachlich um die Durchsetzung einer liberalen Politik, die eine Trennung von Kirche und Staat vorsah und entsprechend sich zum Beispiel für die Einführung der Zivilehe einsetzte. Dies rief den Widerstand religiöser Kräfte hervor, die überwiegend der katholischen Kirche angehörten. Diese setzten sich für den Einfluss des Religiösen in Öffentlichkeit und Politik sowie den Primat von Kirche und Religion über Staat und Wissenschaft ein.“ Man könnte bei Wikipedia anfügen. Sie versucht es bis auf den heutigen Tag mit unverminderter Brachialgewalt. Viel mehr als die „Zivilehe“ ist von den Bismarckschen Bemühungen nicht geblieben. Wo immer die katholische Kirche auch nur einen winzigen Fetzen an Terrain verliert, setzt sie umgehend alle Hebel in Bewegung, ihn sich zurückzuholen.

Und nun lese ich die Überschrift „Mitten im Kulturkampf“ in der katholischen Postille kath.net und gebe mich eine knappe Sekunde lang der Hoffnung hin, endlich sei einmal wieder ein Politiker vom Format eines Bismarck am Werk, dem Machthunger der Kirchen eine Grenze zu setzen. Es ist natürlich töricht, sich auch nur den Bruchteil einer Sekunde solchen Träumen hinzugeben – sie zerplatzen unmittelbar wie eine überspannte Seifenblase.

Dem Autor des Artikels, Christof Gaspari, Betreiber der klerikalen Seite Vision2000.at  geht es um etwas völlig anderes, den andauernden Kampf Roms gegen Demokratie und Menschenrechte. Nach einer ausführlichen Würdigung des Mittelalters lässt er bei Erreichen der Aufklärung endlich die Katze aus dem Sack.

Aus der berechtigten Kritik an Missständen war eine geistige Revolution geworden, die alles auf den Kopf stellte: An die Stelle Gottes als Gesetzgeber tritt der Mensch, von dem Jean Jacques Rousseau postuliert, er sei von Natur aus gut.

Er weiß selbstverständlich, dass er statt „Gott“ hätte sagen müssen: „An die Stelle der Priesterkaste als Gesetzgeber tritt der Mensch“, denn wo hätte ein Gott jemals ein Gesetz erlassen? Es hört sich nur sich so überzeugend an, und jedermann wäre auf Anhieb klar, worum es wirklich geht. Doch das Demokratie-Bashing nimmt nun ungebremst seinen Lauf:

In diesen wenigen Sätzen sind bereits die Weichen hin zu allen Totalitarismen der folgenden Jahrhunderte gestellt: der Mensch als höchste Instanz. Man ist an die Verheißungen des Widersachers im Paradies erinnert: Ihr werdet sein wie Gott.

Der Apfel der Erkenntnis kann solchen Kirchen-Apologeten natürlich nicht schmecken, weshalb auch gleich – als zweithöchste Autorität nach seinem Gott – der Herr Ratzinger zu Wort kommt: „Das implizite Ziel aller modernen Freiheitsbewegungen ist es, endlich wie ein Gott zu sein, von nichts und niemandem abhängig, durch keine fremde Freiheit in der eigenen beschränkt.“ Damit sei das Bild einer Göttlichkeit errichtet, die rein egoistisch ist, erklärt Ratzinger, „ein Götze, ja, das Bild dessen, was die christliche Überlieferung den Teufel – den Gegengott – nennen würde…“
Damit deklariert der apostolische Oberhirte, der nun im September vor Demokraten im Bundestag predigen darf, individuelle Freiheit, Menschenrechte und Demokratie explizit als Teufelswerk. Wundert es da noch irgendjemanden, dass der Heilige Stuhl sich beharrlich weigert, die entsprechenden Menschenrechtskonventionen zu unterzeichnen? Nur in Berlin scheint man solche Hetzreden des Herrn Papstes (in „Ohne Wurzeln – Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur“) nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen: „So hat in Europa einerseits das Christentum seine wirksamste Gestaltwerdung erlebt, aber zugleich ist in Europa eine Kultur gewachsen, die den radikalsten Widerspruch nicht nur gegen das Christentum, sondern gegen die religiösen und moralischen Traditionen der Menschheit überhaupt darstellt.“ Da ist sie wieder, die Moralkeule, für die die Kirche meint, einen Alleinvertretungsanspruch zu haben. Die Erklärung der OIC (Organisation of Islamic Countries) zu den Menschenrechten liest sich mit ihrem Scharia-Vorbehalt nicht anders. Auf den Punkt gebracht: Demokratie steht in krassem Gegensatz zum „göttlichen“ Gebot.

Lassen wir Jean Meslier (einen Priester im Dienst der französischen Revolution) zu Worte kommen: „Alles, was Euch Eure Priester und Eure Doktoren so beredsam über die Größe, das Vortreffliche und das Heilige der Mysterien predigen, … ist im Grund nichts als Illusionen, Lügen, Vorspiegelungen und Betrug, zuerst zu politischen Zwecken erfunden, dann von Verführern und Heuchlern fortgesetzt und von unwissenden, groben Völkern empfangen und blind geglaubt.“ Der Satz gilt auch heute noch, ohne den geringsten Abstrich vornehmen zu müssen.
Christof Gaspari, der Autor des Artikels lässt uns lange im Ungewissen, wo er denn nun – dem klassischen Beispiel des ersten deutschen Kanzlers folgend – so etwas wie einen „Kulturkampf“ ausmacht.

Wir stehen mitten in diesem Kulturkampf. Obwohl er nicht mit Waffen ausgefochten wird, nimmt er an Intensität zu, denn die Gottlosigkeit ist mittlerweile zur Staatsreligion geworden. Daher schreitet sie im öffentlichen Raum voran. Wesentliche, christlich geprägte Werte werden mit scheinbar menschenfreundlichen Gesetzen und im Namen der Menschenrechte unterlaufen: das Lebensrecht des ungeborenen Kindes wird dem Selbstbestimmungsrecht der Frau geopfert, die Gestalt der Familie dem Diskriminierungsverbot gegenüber Homosexuellen, das Erziehungsrecht der Eltern gesundheitspolitischen Verpflichtungen des Staates.

Ohne fixen, transzendenten Bezugspunkt erweisen sich die Menschenrechte als Blendwerke, die je nach Nützlichkeit so oder so zum Zuge kommen.
Man muss schon seltsam geformte Antennen haben, um ein Fortschreiten der Gottlosigkeit im öffentlichen Raum empfangen zu wollen. Das Gegenteil ist doch viel richtiger. In alles und jedes mischt sich Rom ein, selbst wenn es um so glaubensferne Bereiche wie die Atomkraft geht. Ich zitiere dazu aus einem Interview mit Alan Posner:

Man sieht es bei der Atomdiskussion: Was macht die Kanzlerin? Sie beruft eine Ethikkommission ein, in der prompt schon wieder zwei Vertreter der katholischen Kirche sitzen. Hallo! Was verstehen die denn von Ethik? Was verstehen die Knabenfummler – Entschuldigung, dass ich das jetzt mal so sage -, von Ethik? Wieso haben die einen besonderen Zugang zu Ethik? Die ganze Vorstellung, dass die Kirchen, egal, ob es der Islam ist, ob evangelische oder katholische Kirche, Hinduismus, Buddhismus, in besonderer Weise für irgendein Thema einen höheren ethischen Standard hätten, als irgendjemand der im Parlament sitzt, das ist eine Zumutung. Und in dieser Weise ist dieser Papst als Vertreter einer schlagkräftigen starken, international aufgestellten und durch ihn ideologisch vereinheitlichten Organisation, immer noch gefährlich, weil er die Demokratie innerhalb der katholischen Kirche weitgehend ausgeschaltet hat und nach wie vor Ambitionen auf Europa und die Veränderung der Verhältnisse hier hat. Er hat die Idee nicht aufgegeben, dass Europa neu missioniert werden könnte, im Gegenteil, er hat dafür extra ein neues Amt geschaffen.

Das ganze Interview ist im hpd-podcast 2011-04 zu hören. (34 Minuten).

Wenn man also überhaupt von Kulturkampf sprechen möchte, dann doch wohl in dem Sinne, dass der Säkularismus bekämpft und niedergemacht werden soll. In der Politik findet sich bedauerlicherweise niemand, der sich der in seiner Verdrehung von Tatsachen äußernden kirchlichen Niedertracht in den Weg stellen könnte.
Zornbebend kann man nur noch mit Voltaire sagen: „Ecrasez l’infâme!“ (Zerschmettert die Niederträchtige).

 

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