Scharfe Kritik an FOCUS-Berichterstattung über Atheisten

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eyes-730751_960_720Der beanstandete Artikel heißt Glaube ist im Gehirn verankert – Was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben (ONLINE FOCUS 25.3., werbeverseucht – wie lässt sich diese Aussage mit der kürzlich veröffentlichten Studie vereinbaren, dass religiöse Kinder egoistischer und weniger empathisch seien!?). Die Pressemitteilung von Dennis Riehle, dem Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (28.3., Web, Blog), geht auf das neue Feindbild ein, das Focus und dergleichen Postillen auserkoren haben – die nicht gläubigen Menschen (Bild: geralt, pixabay).

„Jetzt sind wir also auch noch psychopathisch…“

Scharfe Kritik an FOCUS-Berichterstattung über Atheisten

Atheisten mussten sich in der letzten Zeit immer wieder viel gefallen lassen: Da wurden sie in die Nähe von PEGIDA und anderen Rechtsradikalen gerückt, am nächsten Tag sind sie plötzlich die gewissenlosen Mörder im Fernsehen, von denen ein Stereotyp gezeichnet wird, das weit über alle Grenzen der Meinungsfreiheit hinauszugehen scheint. Als neues Feindbild scheint die nicht-gläubigen Menschen nun auch der FOCUS auserkoren zu haben. Aus einer Studie aus den USA, die Spiritualität und Konfliktfähigkeit untersuchte, machte die Redaktion einen Artikel mit der wenig schmeichelhaften Titelzeile „Was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben“ – und veröffentlichte einen Artikel am 25. März 2016 (http://www.focus.de/gesundheit/videos/glaube-ist-im-gehirn-verankert-was-atheisten-mit-psychopathen-gemeinsam-haben_id_5386211.html).

Gegen diese Berichterstattung hat der Sprecher der Humanistischen Alternative Bodensee (HABO), Dennis Riehle, nun Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht. Er sieht gleich mehrere Verstöße gegen die Richtlinien des Pressekodexes und bezieht sich unter anderem auch auf das Diskriminierungsverbot. In seinen Ausführungen begründet er seine Eingabe unter anderem wie folgt: „Die Präsentation der Erhebungen wäre nach offenkundiger Durchsicht des Textes auch ohne die Verbindung vom ‚Ungläubigen‘ zum ‚psychopathisch‘ Erkrankten möglich gewesen. Die Parabel scheint hier allein zum Zwecke der Sensationsberichterstattung (Ziffer 11.1) missbraucht worden zu sein, ist doch eine weitergehende Aussagekraft über die bloße Etikettierung hinweg nicht erkennbar – und der Betroffene (hier: der Atheist) zum alleinigen Objekt von Darstellung verkommen“.

Riehle ist ebenso der Auffassung, dass FOCUS journalistisch nicht sauber gearbeitet hat: „Unklar bleibt im Artikel, ob die Konklusion, wonach Atheisten angeblich in ihren hirnfunktionellen Schemata mit denen von ‚Psychopathen‘ übereinstimmen, von der Redaktion getroffen wurde – oder ob diese tatsächlich aus der genannten Studie entnommen ist. Ein Link zur Erhebung reicht für den Leser nicht aus, um diese wesentliche Frage abschließend zu beantworten. Insofern fehlen bedeutende Angaben zur Studie, die laut Richtlinie 2.1 Pressekodex zu nennen gewesen wären. Es muss damit zunächst der Verdacht bleiben, dass FOCUS entweder eine Schlussfolgerung wider besseren Wissens um ihre diskriminierende Tragweite übernommen hat, oder diese selbst formulierte – und dabei nicht darauf achtete, einen Terminus für den zumindest fragwürdigen Verweis zu wählen, der keine derart abwertende Bedeutung mit sich gebracht hätte. Insgesamt wäre die Redaktion aufgefordert gewesen, solche Studienergebnisse unter dem Gebot der Sorgfältigkeit abzuwägen, um schlussendlich entscheiden zu müssen, ob eine derartige Analogie in der Form diesen Artikels überhaupt wahrheitsgetreu (Ziffer 2 Pressekodex) hätte wiedergegeben werden können – ohne dabei gegen ethische Richtlinien zu verstoßen“.

Warum sich der FOCUS letztlich auf derart spaltende Äußerungen einlässt, bleibt für den Beschwerdeführer unklar: „Die dramaturgische Gegenüberstellung des Atheisten mit ‚Psychopathen‘ ist provozierend geeignet, die Weltanschauung einer bestimmten Personengruppe zu schmähen. Dem Artikel ist es nämlich nicht gelungen, die Ähnlichkeiten in den emotionalen und kognitiven Eigenschaften der Personengruppen zu isolieren. Viel eher trägt vor allem die Überschrift dazu bei, ihre jeweilige Gesamtpersönlichkeit in unmittelbare Nähe zueinander zu rücken – und damit den nicht gläubigen Menschen mit seiner vollständigen Überzeugung als pathologisch zu brandmarken. Besondere Gewichtung erhält der Vorwurf darüber hinaus in der Wortwahl des ‚Psychopathen‘: Diese heute außerhalb der Fachwelt als abwertend und gar als Schimpfwort und Beleidigung anzusehende Bezeichnung (vgl. hierzu Hartwich, P.; Wing, J.K.: Sozialpsychiatrie. Springer-Verlag. Berlin/Heidelberg:2013. S. 42) intensiviert das ursprüngliche Sinnbild nochmals: Es wäre eine Vielzahl anderer Vokabeln möglich gewesen, hätte man darauf achten wollen, sowohl weder die atheistische Bevölkerung, noch die ‚psychopathische‘ Bevölkerung durch die Konfrontation mit einem derartigen Attribut schlichtweg diskriminieren zu wollen (Ziffer 12 Pressekodex)“.

Insgesamt bewertet Riehle die steigende Zahl an Verunglimpfungen gegen Konfessionsfreie als Ergebnis eines gesellschaftlichen und rechtlichen Ungleichgewichts: „Während der Aufschrei groß ist, wenn an Christen nur ein Haar gekrümmt wird, scheint es fast schon vorbildlich und mutig, gegen Atheisten zu wettern. Denn offenkundig ist es selbst in Medien, Politik und Bevölkerung selbstverständlich, bei Kritik an Katholiken und Protestanten mit der Keule der Religionsfreiheit zu mahnen, dabei aber zu vergessen, dass eben gerade auch jene ohne ein religiöses Bekenntnis darauf gleichermaßen Anspruch haben. Scheinbar fühlt man sich in der angeblichen Mehrheit der Gläubigen stark, um auf die ‚Ungläubigen‘ eindreschen zu können. Da verhält sich manche Presse nicht weniger heuchlerisch als Abgeordnete, die gegen die Verfolgung von Christen in der ganzen Welt protestieren, aber den Mund nicht aufbekommen, wenn im eigenen Land verantwortungslos gegen Andersdenkende agitiert wird“, so der HABO-Sprecher abschließend.

 

Dennis Riehle, Sprecher

Humanistische Alternative Bodensee (HABO) Säkular-humanistischer Zusammenschluss

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4 Antworten auf Scharfe Kritik an FOCUS-Berichterstattung über Atheisten

  1. Saco sagt:

    Christlich sein hat einen Doppelsinn. Einmal kann mal relativ orthodox Gläubige als Christen bezeichnen, ein andermal christlich sich verhaltende Ungetaufte. Insofern war Prometheus der erste sich christlich verhaltende Halbgott. Er schenkte uns, nachdem er uns aus einer Erdkrume geschaffen hatte, das wärmende Feuer. So sagt uns  Ernst Bloch in „Atheismus und Christentum“: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein.“ Denn orthodoxe Christen beten ja völlig unchristlich zwei kriminelle Despoten an: Ihren Bibel-Gott mit seiner Sintflut und Ihren Bibel-Jesus mit seiner Apokalypse, die uns allen ja noch bevorsteht… Nach Lukas 17 will  der zweite Gott im Bi- oder Tritheismus (Heiliger Geist) Christentum uns und unseren Kindern die Sintflut und Sodom und Gomorrha noch einmal neu machen. Das ist nicht christlich im Prometheus-Sinn, aber christlich im orthodoxen Christentum.

  2. Pingback: Religionsforschung und Schlagzeilen – Soziale Kognition zwischen geizigen Religiösen, psychopathischen Atheisten und religiös geborenen Frauen › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  3. Wilfried Müller sagt:

    Saco hat wieder mal recht. Zu dem Artikel äußert sich auch atheisten-info.at mit Atheisten sind…
     

     

  4. Wilfried Müller sagt:

    Eine Pressemitteilung zum Ergebnis der Kririk liefert Dennis Riehle am 22.5.:

    Atheisten und Psychopathen: Presserat sieht keine Verletzung journalistischer Ethik

    Der Deutsche Presserat hat eine Beschwerde über einen Artikel des „FOCUS“ zurückgewiesen, in welchem Studienergebnisse über Gemeinsamkeiten von Atheisten und Psychopathen vorgestellt worden waren (http://www.focus.de/gesundheit/videos/glaube-ist-im-gehirn-verankert-was-atheisten-mit-psychopathen-gemeinsam-haben_id_5386211.html). Unter anderem hatte der Sprecher der „Humanistischen Alternative Bodensee“ (HABO), Dennis Riehle, Verstöße gegen die geltenden Richtlinien vermutet, da er durch die pauschalen Vergleiche eine weltanschauliche Personengruppe diskriminiert sah und Fehler in der Aufbereitung der wissenschaftlichen Ergebnisse durch die Redaktion des „FOCUS“ vermutete. Der gelernte Journalist hatte daher entsprechende Grundsätze nach Ziffer 2 (Sorgfalt) und Ziffer 10 (Schmähung) des Pressekodexes verletzt gesehen und den Beitrag vom 25. März 2016 dem Gremium zur Überprüfung vorgelegt.

    Dort entschied man nun, dass die Eingabe gegen den Text mit dem Titel „Glaube ist im Gehirn verankert – Was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben“ unbegründet gewesen sei. Nachdem Riehle unter anderem bemängelt hatte, dass der „FOCUS“ die Studienerkenntnisse nicht auf ihre Plausibilität hinterfragt habe, schrieb der Presserat: „Es steht Ihnen – wie auch allen anderen Lesern – selbstverständlich frei, die Erkenntnisse der Studie, deren wissenschaftliche Methodik etc. anzuzweifeln. Aus presserechtlicher Sicht bleibt allerdings festzuhalten, dass die Redaktion die Studie im streitgegenständlichen Artikel ihrem Inhalt nach korrekt wiedergegeben hat. […] Im vorliegenden Fall jedenfalls bleibt die Berichterstattung in ihren Aussagen so nah an der zugrunde liegenden Studie, dass weitergehende Ausführungen nicht erforderlich waren“. Riehle hält hier jedoch entgegen, dass eine Redaktion aus ihrer journalistischen Verantwortung dazu aufgefordert ist, solch prägnante Feststellungen wie die aus der Studie zumindest auch kritisch zu hinterfragen oder dafür zu sorgen, dass durch ein unkommentiertes Reproduzieren keine Missverständnisse entstehen können. Hier meint der Presserat allerdings: „Auch die von Ihnen monierte fehlende Differenzierung bei der Beschreibung der Ähnlichkeiten in den emotionalen und kognitiven Eigenschaften der Personengruppen ist bereits der dem Artikel zugrunde liegenden Studie inhärent“. Der HABO-Sprecher sieht damit den Redakteur des Beitrags aus der Pflicht genommen: „Allein darauf zu verweisen, dass all das Wiedergegebene in der Studie steht, reicht nicht aus. Ein Journalist ist doch mehr als eine ‚Copy- und Paste‘-Tastenbediener, seine Leistung zeigt sich nicht nur im Informieren, sondern besonders im Erklären, Analysieren und Aufdecken von Ungereimtheiten“.

    Auch erkennt der Presserat keine Schmähung: „Der Artikel berichtet über die Ergebnisse einer konkreten Studie, die im Ergebnis funktionale Ähnlichkeiten im Denkmuster von Atheisten und Psychopathen konstatiert. Die Grundlage, auf der diese Ähnlichkeiten festgestellt wurden, wird den Lesern ausreichend transparent gemacht. Der Artikel stellt dabei hinreichend deutlich heraus, dass die Studie gemeinsame Muster gefunden hat, die sowohl Atheisten definieren als auch Psychopathen. Eine Gleichsetzung dieser Personengruppen erfolgt jedoch nicht“. Auch hier zeigt sich Riehle überrascht, wie schützend sich der Presserat vor den Redakteur stellt: „Eigentlich gilt im Pressekodex, dass bereits jeder Anschein, wonach eine Ungenauigkeit zu Fehlinterpretationen beim Leser führen könnte, vermieden werden sollte. Ich weiß nicht, ob jedem, der den Beitrag studierte, auch wirklich deutlich war, dass hier nur eine Parallele, aber keine Gleichheit aufgezeigt werden sollte. Insofern hat das Gremium dem FOCUS einen großen Spielraum dafür gelassen, einen provokativen Artikel zu verfassen, ohne dabei auf mögliche Zweideutigkeiten achten zu müssen“, so der Journalist abschießend.

    Dennis Riehle, Sprecher

    Humanistische Alternative Bodensee (HABO) Säkular-humanistischer Zusammenschluss

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