Die Integrationsverhinderer

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erdoganpolitikAusgehend von einer Zeit-Meldung werden hier einige Informationen zusammengetragen, die die Türkei unter ihrem gegenwärtigen Herrscher schwer belasten. ZEIT ONLINE schrieb am 29.4. über das EU-Türkei-Abkommen: Der Türkei fehlen noch zwölf Kriterien bis zur Visafreiheit: Kommt die Visafreiheit für türkische Staatsbürger zum 1. Juli? Die EU-Kommission ist zuversichtlich: Bisher habe das Land alle Anforderungen fristgerecht erfüllt.

Das EU-Türkei-Abkommen läuft bei wissenbloggt (und vielen anderen) als schmutziger Deal (siehe Türkische Träume, schmutzige Deals III). Nun will wissenbloggt Gründe anführen, warum die Türkei nicht die Anforderungen erfüllt. Ein paar Berichte aus einer Riesenauswahl umreißen, wo die erdoganische Türkei gegen Gesetz und Menschenrechte verstieß und verstößt:

Unsere Politik geht durch entschlossenes Augenschließen dagegen an. Damit ist es aber nicht abzutun. Ein Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1.5. macht das klar. Autorin ist die FAZ-Redakteurin Karen Krüger, die auch für den FAZ-Artikel über die Zerstörung der Pressefreiheit verantwortlich zeichnet. Krüger benutzt nicht das Wort Integrationsverhinderer, doch das ist es, worüber sie schreibt.

Imame in Deutschland – Im Namen Erdogans: Welcher Islam in Deutschland gepredigt wird, steuert die türkische Religionsbehörde. Viele Imame, die nach Deutschland geschickt werden, können gar nicht anders, als eine regierungsnahe Agenda zu verfolgen. Damit ist schon das Wesentliche angesprochen.

Die türkische Religionsbehörde Diyanet hat 100.000 Mitarbeiter und untersteht direkt der türkischen Regierung. Und der größte islamische Dachverband Deutschlands, Ditib, untersteht der Diyanet. So sind die 970 aus der Türkei importierten Imame, die in den 900 deutschen Moscheegemeinden predigen, der verlängerte Arm des türkischen Staates, auch wenn die Ditib-Funktionäre das als Polemik zurückweisen. (Zu den anderen ca. 1100 Moscheegemeinden von ZMD, VIKZ usw. kann man nachlesen bei Deutsche Islam Konzerenz: "Über 90 Prozent der Imame in Deutschland stammen nach wie vor aus dem Ausland. Nur die wenigsten sind in Deutschland sozialisiert.")

Wie die Autorin sagt, gilt die Religionsbehörde kritischen Stimmen in der Türkei "als Lieferant und Finanzier religiöser Dienstleistungen im Sinne Ankaras". Die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion", wie die Ditib in aller Pracht heißt, wurde 1982 in Köln gegründet. Ziel war, alle türkischen Gemeinden unter ihrem Dach zu vereinen und sie auf den Staatsislam der Diyanet einzuschwören, so die Autorin. Welcher Islam in Deutschland gepredigt wird, bestimmen also außer den Vorständen der Moscheegemeinden vor allem die Dachverbände. Und die Imame der Ditib sind türkische Staatsbeamte mit allen Rechten und Pflichten, die das mit sich bringt. Sie müssen bei Dienstantritt einen Gesinnungstest ablegen, und sie rufen notorisch dazu auf, für Erdogans AKP zu stimmen. Bei der türkischen Parlamentswahl von 2015 chauffierte die Ditib ihre Mitglieder zur Stimmabgabe in den Konsulaten.

In Bezug zur Verfassungstreue der türkischen Imame gibt sich die Autorin skeptisch. Es möge ja sein, dass sie nichts predigen, was der deutschen Verfassung widerstrebt, und ihre Auslegung der Religion gelte als liberal (weiter unten werden sie allerdings als mehrheitlich konservativ bezeichnet). Immerhin sind sie auf die türkische Verfassung eingeschworen und nicht auf die deutsche (nochmal Hervorhebung wb). Ihre Türkei-Fixierung möge für ältere Deutschtürken angemessen sein, bei den jüngeren fördere sie jedoch die innere Zerrissenheit. Das wirkt sich integrationshemmend aus, wie Krüger feststellt.

Als Autoritätspersonen und zentrale Multiplikatoren in der muslimischen Community sind die Imame eine Macht, und sie mischen sich überall ein. Ihre Predigten nehmen Bezug auf Alltagsherausforderungen wie auch auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Sie beackern Tausende muslimische Jugendliche als Koranlehrer, sie beraten und trösten ihre Gemeindemitglieder in privaten Notlagen als Seelsorger.

Wie das zugeht, dass nicht nur in den Gemeinden der Ditib, sondern auch in den Moscheen der übrigen türkischen Verbände fast ausschließlich türkische Import-Imame predigen? Nun, sie reisen mit Touristenvisum ein und bleiben nur solange das gilt. Nur Ditib-Imame, die als Angestellte der Konsulate geführt werden, bekommen bis zu fünf Jahre Aufenthaltsrecht.

Wie Krüger sagt, sind diese Imame mit der deutschen Wirklichkeit oft hoffnungslos überfordert. Wenn sie nicht nach Mekka gepilgert sind, ist Deutschland meist ihr erster Auslandsaufenthalt. Aus ihrer persönlichen Bekanntschaft mit einem Ditib-Imam berichtet die Autorin, dass er die deutsche Sprache nur gebrochen beherrschte und von dem Land auch nach zwei Jahren Aufenthalt kaum etwas gesehen hatte. Er fühlte sich auch nicht besonders wohl in Deutschland, zumal er sich mit den jungen Gemeindemitgliedern schwer tat.

Es gab Verständigungsprobleme, und mittlerweile predige er nur noch "in einer Art Kindergartensprache". Das verbesserte die Verständigung nicht: letztlich wisse er ja auch nicht, was die Jugendlichen beschäftige, und wie ihre  Lebenswirklichkeit aussehe. Gewiss seien sie anders als ihre Geschwister in der Türkei, respektlos und aufmüpfig (anscheinend gibt es Abwehrmöglichkeiten gegen die muselmanische Macht, auch wenn woanders von stärkster Indoktrination der Jüngeren berichtet wird, Anmerkung wb).

Die Autorin trägt nun Daten zu den Imamen zusammen. 3/4 davon seien „traditionell-konservativ“ und auf Gehorsam, Gottesfurcht und türkischen Patriotismus eingeschworen. Ihre Wertvorstellungen sind die der muselmanischen Türkei. Ebenso unzeitgemäß sei die zweitstärkste „traditionell-defensive“ Gruppe. In ihren Predigten verbreite sie ein Weltbild, das im Glauben an Geheimlehren und böse Mächte fußt, und im türkischen Nationalismus. Sie sehe das Ende der Welt nahen, es kündige sich etwa durch die wachsende Respektlosigkeit der jungen Generation und die Emanzipation der Frau an.

Diese Leute "sind überzeugt, die Türken in Deutschland würden immer mehr zu Deutschen" (Anmerkung wb: genau das ist doch das Ziel der Integration). Die Imame sehen das laut Krüger anders, sie vermuten hinter der Integration eine systematische staatliche Germanisierungspolitik.

Eine dritte Gruppe von Imamen befasst sich im Gegensatz zur klassischen Religion auch mit Aberglaube und Heiligenverehrung, mit den Überresten der althergebrachten Traditionen ("Volksislam"). Zu diesen Uralt-Strukturen gibt es den Spruch: Nicht der Islam an sich sei die  Herausforderung für säkulare westliche Gesellschaften, sondern die patriarchalen Strukturen des Volksislams.

Wer diesen Strukturen anhängt, würde niemals die alten Lehren und religiösen Interpretationen in Zweifel ziehen. Es fehle der Durchblick, dass die alten Agendasetzer auch nur Kinder ihrer Zeit gewesen sind und den Koran gemäß ihres eigenen sozialen, kulturellen und politischen Kontextes zurechtinterpretiert haben. Modern gesinnte Imame, die sich Freiheiten bei der Koran-Interpretation nehmen, seien in Deutschland noch in der Minderheit, und sie setzen sich auch kaum an der Basis durch.

Es gebe in der Szene keine Persönlichkeiten von Gewicht und keine offensiven Debatten über den Islam. Allgemein findet die Autorin, Religion komme "laizistisch glattgebügelt, funktionärstreu und spirituell-ausgehöhlt" daher oder "wertkonservativ und politisch aufgeladen". Da seien keine Themen dabei, die junge Menschen interessieren könnten. Es gebe aber immer mehr junge Muslime, die sich einen zeitgemäßen Zugang zu ihrer Religion wünschen. Denen helfe auch ein intellektuell aufgeschlossener Imam nicht, weil dessen Worte in der Gemeinde ohne Gewicht sind.

Das fördere die Abkehr vieler junger Muslime ihren Gemeinden und die Zuwendung zu privater Religionssuche, u.u. zum Salafismus. Anscheinend haben die Salafisten den Überblick, wer sich in den Gemeinden gut aufgehoben fühlt und wer sich abwendet. Was daraus erwächst, thematisiert der Artikel nicht.

Dafür geht er auf die Islam-Studiengänge an den deutschen Hochschulen ein, an denen seit einigen Jahren das Studium zur Tätigkeit des Imams angeboten wird. Noch gebe es kaum Absolventen, und es sei ungewiss, wieviele von ihnen später als Imame in Deutschland wirken können. Die Ditib habe nämlich schon vor geraumer Zeit angekündigt, sie wolle ihre Imame auch weiterhin in der Türkei ausbilden – soweit der FAZ-Artikel.

Eine klare Absage an den aufgeklärten Glauben und an die Integration also. Welche Ausprägungen das annimmt, und welche Übergriffe möglich sind, zeigen diese Links beispielhaft:

  • Aberglaube in der UNI – Islamistischer Prediger an der Universität Duisburg-Essen (xnxtranews 29.4.): Am kommenden Mittwoch, den 04. Mai, soll im Duisburger Audimax eine vom „Islamischen Studierendenverein Duisburg“ (ISV) organisierte Veranstaltung über „Die Beweise für die Existenz Allahs“ stattfinden.
  • Gestapo in den Straßen (allerdings ist das eine Meldung aus dem Iran). In der FAZ vom 1.5. heißt es Männer im Van (nicht online), bei BBC Trending vom 9.2. heißt es Iranian youth get app to dodge morality police: Ein anonymes Team von App-Entwicklern hat eine Hilfe für junge modebewusste Iraner entwickelt, die ihnen gegen die als "Erschad" bekannte Moralpolizei hilft. Gewöhnlich lauert die Erschad in einem Van, mehrere bärtige Männer und eine oder zwei Frauen in schwarzen Tschadors. Sie überwachen Städte in ganz Persien und erscheinen unangemeldet. Diese Leute haben eine lange Liste von Machtmitteln, vom Erteilen einer Warnung bis zur Anklage wegen Verletzung der islamischen Verhaltensvorschriften. Die Strafen gehen von schriftlichen Schwüren, nie wieder zu sündigen, bis zu selbstverabreichten Strafen und Anklagen vor Gericht.

Mit anderen Worten: Es gibt eine iranische Gestapo, der man mit Glück und Computerhilfe zu entkommen trachtet. Wie es ausschaut, liegt das Ziel der erdoganischen Politik genau in dieser Richtung. In der Türkei gibt es auch schon Bannmeilen gegen den Alkohol, die praktisch den größten Teil des Landes umfassen, incl. Schikanen gegen öffentlichen Alkoholkonsum und andere Freizügigkeit.

Fazit: Die türkische Islamisierung ist Rückschritt genug. Dass sie über die Koranschulen nach Deutschland getragen wird, ist klarer Freiheitsmissbrauch und ein Bruch des Grundgesetzes. Die deutschen Koranschulen sind integrationswidrig. Vor diesem Hintergrund wirken die Erfolgsmeldungen über die "Kriterien zur Visafreiheit" lächerlich.

 

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Eine Antwort auf Die Integrationsverhinderer

  1. Wilfried Müller sagt:
    Bei QANTARA.DE – Dialog mit der islamischen Welt – Ein Internetportal der Deutschen Welle (DW) steht undatiert 2016 ein Artikel von Mussa Barhoma Schulausbildung in der arabischen Welt – Der Sünde Lohn…: Die Bekämpfung der Christen, die Bestrafung des Sünders im Grab und die Höllenqualen unartiger Kinder bestimmen heute noch die religiöse Erziehung in der arabischen Welt. Angesichts dessen erscheint eine Revolution der Lehrinhalte längst überfällig.
     
    Die Lehrer vermittelten den Kindern dort die doktrinäre Sicht auf Himmel und Hölle, nicht nur im Religionsunterricht, sondern in allen Fächern, sogar in Mathematik und Kunst. Indoktrination in Schulen und Kindergärten zu den Themen Sünde und Bestrafung ist allgegenwärtig. Kunst, Musik und wissenschaftliche Logik sind in den Lehrplänen mangelhaft berücksichtigt. Die beherrschenden Themen sind der Dschihad (die Anstrengung auf dem Weg zu Gott), der Lohn der Mudschahedin (der Glaubenstreuen) im Jenseits und die Pflicht der Muslime zur weltweiten Verbreitung des Islam.
     
    Ein alarmistischer Artikel von The European vom 5.5. heißt In Hinterhof-Moscheen keimt Terror. Dort wird der oberste deutsche Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen zitiert, der schon aus Eigennutz in Alarmismus macht. Aus dem Inhalt: … die Extremistenszene der Islamisten entwickele sich hierzulande „sehr dynamisch“. Deren Mitglieder habe sich mehr als verdoppelt – der Verfassungsschutz zählt ungefähr 8060 Personen. In zahlreichen Hinterhof-Moscheen Deutschlands würde von arabisch sprechenden Predigern offen zur Gewalt aufgerufen. Mittlerweile stünden 90 Moscheen unter Beobachtung.
     
    Das sei ein Donnerschlag an Information, denn damit verkünde Maaßen wider die politische Korrektheit der öffentlichen Debatte, dass in vielen Moscheen der Terror keimt.
     
    Ob das ernstzunehmen ist? Indoktrinierung, Verdummung und Desintegration sind ja noch lange kein Terror.
     

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