Risiken und Nebenwirkungen tödlicher als Waffen

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Pain-Killer sind wirkliche Killer. Die Schmerztabletten töten mehr Menschen als Schusswaffen – das ist die Botschaft eines Zero-Hedge-Artikels vom 23.5., Prescription Pain-Killers: "Far Riskier" Than Gun Ownership. Duane Norman liefert Material und Argumente, um diese Aussage zu beweisen.

Wenn die US-Amerikaner so glücklich sind, warum konsumieren sie dann 80% der weltweiten Schmerzmittel-Produktion? Die Bevölkerung der USA macht keine 5% der Weltbevölkerung aus, und doch kauft sie 4/5 dieser suchterzeugenden Drogen. Etwa 4,7 Millionen Amerikaner sind süchtig nach Schmerzstillern, 300% mehr als 1999. Sie sind damit einer immens destruktiven Wirkung ausgesetzt, die innerhalb von Wochen einsetzen kann.

pew_research_us_gun_violence_since_1990Viele schaffen es nicht, davon loszukommen. Nach den offiziellen Zahlen starben 2014  28.000 Amerikaner an Opiod-Überdosen, das sind angeblich 60% aller Drogentoten.

Solche Drogen hat fast jeder im Haus, aber die Argumente zur Gefahrenlage gehen daran vorbei. Da heißt es nämlich: Wenn man eine Schusswaffe zuhause hat, geht das Todesrisiko enorm hoch. Niemand sollte so eine Waffe besitzen, Schusswaffen sind tödlich!

Der Spruch macht mehr Sinn, wenn man Schusswaffe durch opiodbasierte Schmerzmittel ersetzt (in den USA heißen die Percocet, Vicodin, Oxycontin usw., bei uns Pethidin, I-Methadon, Fentanyl, Buprenorphin, Pentazocin, Nalbuphin, Tramadol, Naloxon usw. Codein und Heroin gehören auch in die Reihe). Das Totschlagsargument wird durch die Umstellung auf Drogen 5-100 Mal schlagkräftiger. Um diesen Faktor sind die Drogen gefährlicher als die Schusswaffen.

Die Zahlen lassen sich schwer spezifizieren, weil es keine belastbaren Daten gibt, wie viele Leute sie benutzen. Es gibt auch einen schwarzen Markt für die Opiate. Zu beachten ist zudem der Zugriffsfaktor. Die Waffe ist das ganze Jahr über da und für alle Haushaltsmitglieder greifbar, während die Drogen nicht den gleichen Zugriff bieten.

Trotzdem sind die 4,7 Millionen Süchtigen Realität. Ihre Sterberate liegt bei 19.000 im Jahr, wie das Bild unten zeigt, entsprechend 400 pro 100.000 Menschen. Nicht berücksichtigt sind die 47.000 Drogen(-Überdosis-)toten insgesamt plus die 9.000 Drogentoten durch illegales Heroin und nochmal die 19.000 Drogentoten durch andere Substanzen wie Aspirin oder Reinigungsmittel (wie das mit den o.a. 60% zusammenpasst, bleibt Geheimnis des Autors).

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Ganz grob kalkuliert nehmen 7 von 10 US-Amerikanern verschreibungspflichtige Medizin, und 13% davon sind opiatbasierte Schmerzmittel. Von 320 Millionen Amerikaner sind also 29 Millionen betroffen. Die Verschreibungen sind meist zeitlich begrenzt, weil es um die Kurierung von Verletzungen oder Zahnschmerzen geht. Das senkt die effektive Zahl. Wer trotzdem mit den 29 Millionen weiterrechnet, kommt immer noch auf 65 Todesfälle bei Leuten mit Opiatrezept pro 100.000. Der Artikel diskutiert noch weitere Feinheiten, wer dazugerechnet wird und wer nicht, z.B. dass 77% der Vergiftungen unbeabsichtigt erfolgen, gegenüber 13% mit Selbstmordabsicht. So kommt er dann auf 52 unfreiwillige Todesfälle pro 100.000, die den Schmerzmitteln zugerechnet werden müssen.

Entsprechend bereinigt sehen die Zahlen für die Schusswaffen so aus: 34% der Haushalte haben eine Kanone, ca. 109 Millionen Leute. Bei 33.000 Schusswaffentoten pro Jahr rechnet der Artikel 30 Todesfälle pro 100.000 von den Schusswaffenbesitzern aus. Davon sind 21.000 Selbstmorde abzuziehen, so dass rund 10 pro 100.000 bleiben, immer noch sehr hoch gegriffen.

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Die Gesamtstatistik unterstützt diese Zahlen so halbwegs. Da sind 42.000 der Todesfälle Selbstmord, entsprechend 2%. Die Hälfte davon, 21.000, wurden mit Schusswaffen begangen. Das Bild oben zeigt dagegen nur 3,4 pro 100.000 Selbstmorde mit der Waffe. Das ist wiederum unterschiedlich in liberal gun control zones wie Chicago und Bereichen, wo der Besitz von Waffen verboten ist. Für den Autor steht fest, dass mehr (legaler) Waffenbesitz zusammen mit dem Recht, die Waffe auch zu tragen, für weniger Kriminalität sorgt, nicht für mehr – etwas, das die "liberalen progressiven Parasiten" seiner Ansicht nach zu verbergen trachten (The simple fact the liberal progressive parasites are always trying to obscure is that more [legal] gun ownership along with the right to carry results in less crime, not more).

Nach Ansicht des Autors werden die Todesfälle durch Waffen viel höher angegeben als sie tatsächlich sind. Aber man muss auch die 1.200 Leute einrechnen, die die Polizei jedes Jahr erschießt. Wie man auch rechnet, die Todesfälle durch Waffen bleiben hinter denen aus Schmerzmitteln zurück. Je nach Rechnung ist der Faktor 5 oder 7 (von den o.a. 100 ist nicht mehr die Rede), um den die Drogen tödlicher sind.

Der Autor betreibt dann noch ein wenig Brustklopfen, um seine Zahlen zu verteidigen. Er sieht die Zahlen der Schmerzmitteltoten eher höher, und die der Schusswaffentoten eher niedriger. Und man möge die Cowboys nicht vergessen, die schneller ziehen als der Angreifer und damit ihr Leben retten – das leisten die Schmerzmittel nicht. ("Good luck getting the painkillers to do that.")

Wünschenswert wäre natürlich eine Statistik, wie viele Waffen tatsächlich jemanden retten. Das kommt bestimmt mal vor, aber wie oft? Die Argumentation des Autors ist jedenfalls strikt auf der Seite der Waffenschwinger: Man möge ihn doch mit dem recycleten Argument der progressiven Webseiten verschonen, wie gefährlich es ist, eine Waffe zuhause zu haben. Besser ist es, den Medizinschrank durchzuchecken, was da für Opiat-Schmerzbremsen drin sind. Sogar wenn man die braucht, um das Gerede über gefährliche Waffen auszuhalten, ist es viel besser, das Zeug in der Toilette runterzuspülen. Das ist sicherer als die Waffe aufzugeben.

Wenn man die vielen anderen Überdosis-Toten einkalkuliert (47.000+9.000+19.000, die allerdings nicht von der Gesamtstatistik bestätigt werden), hat der Autor zumindest mit seiner Warnung vor den Schmerzmitteln recht. Und es stimmt, wenn er sagt, dass der Haushalt mit gefährlicheren Mitteln gespickt ist als mit Schusswaffen. Die Risiken und Nebenwirkungen sind tatsächlich tödlicher als Waffen. Daraus eine Rechtfertigung für Waffenbesitz zu konstruieren, ist eine andere Sache.

Natürlich werden Pistolen nicht dadurch sicherer, dass die Schmerzmittel gefährlicher sind. Da fehlt der Beleg für eine positive Wirkung, die bei den Schmerzmitteln ja wohl gegeben sein dürfte. Eine rationale Bilanz müsste Risiken und Nutzen gegeneinander abwägen. Die Cowboy-Attitüde von dem Artikel wird dem jedenfalls nicht gerecht.

 

Links dazu und eine Statistik, was wirklich am meisten Menschen tötet:

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