Anklage gegen Saudi-Arabien

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bomb-1294261_960_720Kosovo's Creeping Extremism heißt der Artikel von Charlotta Gall in der Printversion. Online heißt es How Kosovo Was Turned Into Fertile Ground for ISIS (New York Times 22.5.): Extremist clerics and secretive associations funded by Saudis and others have transformed a once- tolerant Muslim society into a font of extremism. Von Saudi-Arabien und anderen ausgehaltene fundamentalistische Prediger und heimilche Verbindungen haben eine einstmals tolerante muslimische Gesellschaft in ein Taufbecken von Extremismus verwandelt. Das ist eine Anklage gegen Saudi-Arabien und Kohorten (Bild: OpenClipartPictures, pixabay).

Ein Blick auf wiki spricht von verschärften Konflikten zwischen den Volksgruppen vor dem Kosovokrieg 1998/99 und von pogromartigen Ausschreitungen danach gegen Serben, Roma und Aschkali. Die einstige tolerante muslimische Gesellschaft, von der die Autorin spricht, gibt es also schon lange nicht mehr. Vielmehr ist das Kosovo ein Unruheherd, seit die Kosovo-Albaner gegen die serbische Repression und den säkularen Staat aufstanden. Mit saudischer Hilfe transformieren sie den Staat nun in Richtung Wahhabismus, der Religion von ISIS und Saudi-Arabien.

Saudisches Geld

Das saudische Geld fließt seit der von den USA angeführten NATO-Intervention vor 17 Jahren, die das Kosovo aus der serbischen Unterdrückung befreite. Unter den Augen der amerikanischen Offiziellen hat die saudische Einwirkung seither den Staat transformiert. Saudisches Geld und saudische Einflussnahme haben das Kosovo zu einer Quelle von Extremismus und einem Einfallstor für Jihadisten. gemacht.

Wie der Rest von Europa muss das Kosovo die Bedrohung des radikalen Islam abwehren. In den letzten 2 Jahren gingen 314 Kosovaren zu ISIS über, die höchste Quote in Europa. Unter den 314 waren 2 Selbstmordbomber, 44 Frauen und 28 Kinder. Sie alle wurden durch fundamentalistische Prediger in verborgenen Gruppen radikalisiert und rekrutiert. Bezahlt wird das extremistische Netzwerk von Saudi-Arabien und konservativen arabischen Golfstaaten. Zur Tarnung haben sie obskure, labyrinthische Geldkanäle aufgebaut, in die Hilfsorganisationen, Privatersonen und Regierungsstellen verstrickt sind.

So wird der politische Islam gefördert. Eine Menge Geld fließt, verschiedene Programme sind beteiligt und eine Menge wahhabitische und salafistische Literatur. Das Ziel sind vor allem junge, beeinflussbare Menschen, denen der radikale politische Islam vermittelt wird, bis sie sich selber radikalisieren.

Noch verbietet die kosovarische Verfassung das, und so wurden in den letzten 2 Jahren 67 Leute angeklagt, 14 Imame verhaftet und 19 muslimische Organisationen geschlossen (das Kosovo hat nur eine 1,8-Millionen-Bevölkerung). Die Vorwürfe lauten auf Verbreitung von Hass und Rekrutierung für Terrorismus, und gerade sind einige Verurteilungen erfolgt.

Dabei gehörte das Kosovo vor einigen Jahren noch zu den prowestlichen Ländern (most pro-American Muslim societies in the world). Die Amerikaner wurden im Kosovokrieg als Befreier willkommen geheißen. Danach gaben sie Aufbauhilfe und brachten Millionen Euros in das verwüstete Land. Doch wo die Amerikaner die Chance zum Aufbau einer neuen Demokratie sahen, erkannten die Saudis die Möglichkeit, ihren Wahhabismus zu verbreiten.

Sponsorsystem

Das geschah unterderhand. Keine Organisation warb direkt Leute für Syrien und den ISIS. Vielmehr wurden die Verkünder von Gewalt und heiligem Krieg unterstützt. Jetzt hat das Kosovo 800 Moscheen; 240 davon wurde nach dem Krieg gebaut. Sie werden beschuldigt, die neue Generation zu indoktrinieren und für den Wahhabismus zu gewinnen. Sie sind Teil einer geplanten, langfristigen Strategie, mit der Saudi-Arabien den Islam umgestalten will. Und zwar nicht nur im Kosovo, sondern auch sonstwo in der Welt.

2015 deckte WikiLeaks ein Sponsorsystem für Moscheen, Islamzentren und saudi-arabisch abgerichtete Prediger auf, das Asien, Afrika und Europa umfasste (siehe auch Wikileaks berichtet aus saudischen Archiven). Allein in Neu Delhi waren 140 Prediger auf der saudischen Lohnliste.

Das Kosovo ist ein logisches Opfer für saudisch abgerichtete Prediger. Überall  schlagen sich Familien mit den Auswirkungen von Jahren der Missionierung herum. Es gibt schon Töchter, die den Handschlag mit männlichen Verwandten verweigern und nicht mit ihnen reden wollen. Einige der Söhne sind in den heiligen Krieg gezogen. Religiöse "Bürgerwehren" drohen Akademikern, Journalisten und Politikern Gewalt an – oder sie tun ihnen Gewalt an. Ehe der Balkan sich von den Folgen der ethnischen Kriege in den 1990er Jahren erholen kann, wird er mit neuen Schüben der Intoleranz infiziert.

Der saudische Versuch, seinen Hardliner-Islam zu verbreiten, blickt auf einen jahrzehntelangen Vorlauf zurück. Das Ganze wurde systematisch angegangen und mit hohen Beträgen finanziert; auch auf die Mittel von Drohung und Einschüchterung wurde zurückgegriffen. Der Artikel verliert sich an dieser Stelle in Beschreibungen von lokalen Begebenheiten und zeitlichen Entwicklungen.

Missionare

Interessant ist die Zahl von 200 Kosovaren, die zum Studium nach Saudi-Arabien gingen und mit missionarischem Eifer zurückkehrten. Sie brachten ihren Schülern strenge Gebetsregeln bei, wie sie in diesem Teil Europas noch unerhört waren. Sie brachten den Wahhabismus nach Europa.

Die Mission beginnt bei den Mitgliedern der islamischen Gemeinden. Es wird versucht, sie dem gewohnten Verständnis zu entfremden, indem man sie mit radikalen Gedanken und Ideen bombardiert. So sollen Konflikte zwischen den Menschen aufgetan werden. Erst Spaltung, dann Hass, und dann ist die Zeit reif für das, was die arabischen Länder vormachen, wo das zum Krieg geführt hat.

Die neuen Missionare versuchen die konventionellen muslimischen Gemeinden zu übernehmen. Die sollen nicht länger der liberalen und toleranten Hanafi-Schule anhängen, sondern der intoleranten wahhabitischen. In einigen Fällen wurden sogar die alten Moscheen niedergerissen, mitsamt historischen Bibliotheken, Schreinen, Friedhöfen und Derwisch-Klostern, weil das unter dem Wahhabismus als abergläubisch gilt.

Die wahhabitischen Lehren setzen die Scharia absolut, genauso wie die gewalttätigen Ideen von Jihad und Takfir, ein besonders perverses Glaubensprodukt, das die Tötung der vom engstirnigen rechten Glauben Abgefallenen vorsieht.

Das saudische Geld geht nicht nur in Gehälter und Nebenkosten für derlei Errungenschaften, sondern auch in Englisch- und Computerunterricht. Doch solche Wohltaten sind mit Bedingungen verknüpft. Wenn die Familien Stipendien für ihre Mitglieder wollen, müssen sie in die Moschee gehen, um die Predigten anzuhören, und Frauen und Mädchen haben den Schleier zu tragen. Wo die Menschen so hilfsbedürftig sind, können sie sich solchem Ansinnen kaum verweigern.

Was als Hilfe ausgegeben wurde, verbarg ganz andere Absichten. Und damit wurde der kosovarische Islam aufgesplittert. In der Folge steigt die Aggression der aufgezüchteten Wahhabiten gegen die traditionellen Prediger. Die Feindschaft wuchs. Traditionelle Muslime wurden von den neuen 100-Prozentigen als Häretiker und Ungläubige bezeichnet. Die strikte muslimische Doktrin erklärt sogar Abbildungen von Menschen für gotteswidrig – also nix Selfies.

Diese Anmerkung von wb ersetzt längere Passagen, wo die Entwicklung von Gegnern personalisiert beschrieben wird. Es ist aber nie die Gegnerschaft gegen das eigentliche Übel – die Religion – sondern nur die Gegenerschaft gegen die 100-Prozentigen.

Hingabe

Da wurde etwas in Gang gesetzt, das sich dann ausweitete und multiplizierte. Eine lokale Organisation heißt Devotshmeria (Hingabe) und bietet Religionsklassen für Frauen an. Was noch mehr hingegeben wird, ist das Geld. Die 100-prozentgen Imame scheinen nie einen Mangel daran zu haben. Es reicht auch, um Sophistik zu betreiben, in der Art, die Zunahme der Religiosität im Kosovo sei natürlich. Nur wer nicht genug (Koran) lese, mag davon schockiert sein.

Das führt nun zu einer weiteren Form von Hingabe, nämlich an den Krieg in Syrien. Wo die Tugenden des Jihad gepredigt werden (sogar in einem Sommer-Camp), kommt die Botschaft an die jungen Leute rüber: Alle müssen hingehen – It is obligated for every Muslim to participate in jihad. Der Prophet Mohammed sagt, wer die Chance hat und sie nicht nutzt, stirbt mit großen Sünden belastet. Und das Blut der Ungläubigen ist der beste Drink.

Solche Anstiftung z.B. auch zu Selbstmordbombenanschlägen geht von der saudischen "Hilfsorganisation" Al Waqf al Islami aus, die nun ihre Priester in fast allen Dörfern installiert hat. Gegründet 1989, bezieht sie fast ihr ganzes Geld von Saudi-Arabien, Katar, Kuwait und Bahrein. Als Betrag für 2000-2012 werden 10 Millionen Dollar genannt (in den letzten 5 Jahren nur noch unter 100.000 pro Jahr). Von den 10 Mio. ging 1 Mio. in den Moscheebau. Für das Andertalbfache konnte eine Untersuchungskommission keine Belege finden, man geht daher von Selbstbedienung aus. Der vorgebliche Zweck, die Unterstützung von Waisen, wurde nur mit der Hälfte von der Korruption finanziert, also mit 7%.

Organisationen

Die Organisation ist auch in Bulgarien tätig (Moscheebau) und wird als Terrororganisation verdächtigt. Das niederländische Hauptquartier in Eindhoven wurde nach 9/11 zugemacht. Warum das Kosovo oder seine amerikanischen und UN-Aufseher nichts gegen den Kosovo-Ableger taten, wird heftig debattiert. Dabei gab es Warnungen, z.B. gegen die Schirmorganisation Saudi Joint Relief Committee for Kosovo, die wegen der Nähe zu Al Kaida zugemacht wurde.

Während einige Organisationen geschlossen wurden, arbeiteten andere weiter. Das Personal wechselte z.B. von Al-Haramain zu Al Waqf al Islami. Einen Wechsel gab es auch bei den Finanzierern. die Saudis zahlten weniger, dafür übernahmen Kuwait, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie zahlen jeweils etwa 1 Mio. pro Jahr und propagieren dieselbe Hardliner-Version des Islam. Die Zahlungen werden durch Drittländer gesteuert, um ihren Ursprung und ihren Verwendungszweck zu kaschieren. Das Geld fließt reichlich genug, um wichtige Positionen mit radikalen Predigern zu besetzen. Das beschädigt das Kosovo als säkulare Gesellschaft.

Die Rede ist nun von Al Kaida, die immer noch Gelder vom Golf abräumt, auch wenn Saudi-Arabien nicht mehr zu den Finanzierern gehört. Dafür geht das saudische Geld an andere Terroristengruppen, und so gleicht sich alles aus. Vielleicht ist es für das Kosovo schon zu spät, um dem Zugriff der mittelalterlichen Religion zu entrinnen.

Viele Jünger sind jedenfalls in Syrien unterwegs. Manche sind auch zurückgekehrt, aber sie bleiben radikal und sind der Familie entfremdet – es ist eine Katastrophe, wie ein Betroffener zitiert wird.

 

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