Jonglage mit Gottesbeweisen

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adameveJesus.ch setzt sich mit Gottesbeweisen auseinander, die anscheinend wieder grassieren. Der Artikel heißt Glaube und Wissenschaft – Gott lässt sich (zum Glück) nicht beweisen (15.6.).
 
Die Behauptung ist: Genausowenig wie die Gläubigen Gott beweisen können, so wenig können die Atheisten dessen Nicht-Existenz beweisen. Schon der Ansatz sei falsch, Gott zu beweisen, denn er sei größer als diese menschlichen Lösungsversuche.
 
Daraufhin rührt sich Widerspruch. Dann ist wohl auch die Logik der biblischen Abstammungslehre größer als die menschlichen Lösungsversuche?

Eigentlich reicht schon der hanebüchene Unsinn, der von dem Logik-Test-Bild ausgedrückt wird. Sogar der Jesus.ch-Artikel schreibt, dass die Gottesbeweise nach einhelliger Überzeugung gescheitert sind. Sie zeigen demnach weniger die Realität Gottes; sie sind eher Belege für christliche Sehnsüchte. Zumeist laufe es auf Zirkelschlüsse hinaus.

So auch bei dem «prophetisch-mathematischen Gottesbeweis» eines Evangelisten namens Werner Gitt, der mit den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung herumdaddelt. Damit möchte er die Unmöglichkeit beweisen, dass sich rund 3.000 biblische Prophezeiungen rein zufällig erfüllt hätten. Laut Artikel setzen die Verheißungen der Bibel den Glauben voraus, um überhaupt als solche verstanden zu werden. Laut Vernunft hätten sie vorher niedergelegt und hinterher geprüft werden müssen.

Der Artikel findet sich damit ab, dass Gottesbeweise keine tragfähigen Beweise im wissenschaftlichen Sinn sind. Sie sind mehr was Gefühliges, eine Befriedigung für tiefe Sehnsüchte wie den Wunsch nach Klarheit. Die Welt sei unverständlich und werde nicht leichter durchschaubar. Da sei der Wunsch der Christen verständlich, Gott zutiefst zu verstehen und anderen ihren Glauben so zu erklären, dass jeder sagen muss: «Stimmt, es kann gar nicht anders sein.»

Das Geschwurbel geht noch weiter; die Bibel sei nun mal keine Formelsammlung und kein vom Steuerprüfer beglaubigter Jahresbericht. Sie sei vielmehr eine Mischung aus Gedichten und Erzählungen; Gott verweigere sich darin einem klaren Einsortiert-Werden. Na dann kann er auch nicht bewiesen werden, so die unausgesprochene Logik.

Dafür befriedigen die scheinbaren Gottesbeweise noch weitere Sehnsüchte. Zum Beispiel möchten die Gläubigen nicht als unvernünftig gelten. Fieserweise setzen manche Atheisten Glaube und Unvernunft gleich und bezeichnen «Gläubige» damit generell als dumm. Das sei problematisch.

Nicht nur wegen der Herabsetzung, denn hier begegnen sich laut Jesus.ch nicht irrationaler Glaube und rationaler Atheismus und schon gar nicht vernünftiger Glaube und unvernünftiger Atheismus. Vielmehr seien Atheismus und Glaube beide Glaubenssysteme, und beide lassen sich weder beweisen noch widerlegen. Demnach seien beide an sich weder vernünftig noch unvernünftig.

Dafür bilden sie eine Grundlage für unser Denken und unsere Wahrnehmung der Welt, meint Jesus.ch. Man werde nicht dadurch klüger, dass man sein Gegenüber als dumm bezeichnet. Man solle als Christ besser echte Argumente für seinen eigenen Glauben aufführen und mit Andersdenkenden darüber diskutieren, ohne sie als unvernünftig zu bezeichnen. Dann werde man viele interessante Gespräche führen und letztlich sogar Menschen gewinnen.

Zum Abschluss nochmal der Hinweis auf die Schwäche der Gottesbeweise, denn der Gott der Bibel beweist sich nämlich nicht. Sonst würde er sich letztlich zum Forschungsgegenstand machen, zum Objekt, passend für unser Denken und Reden. Ein beweisbarer Gott wäre bloß ein «kleiner» Gott. Das tatsächliche Wesen Gottes, nämlich die Liebe, sei dagegen nur erfahrbar.

Selbiges gelte für Eigenschaften Gottes wie Allmacht, Treue, Heiligkeit, Unendlichkeit. Das alles lasse sich nicht auf den Objektträger legen und unter dem Mikroskop betrachten und noch nicht mal durch Argumente beweisen. Trotzdem sei das nicht unlogisch und irrational.

Gott beweise sich demnach nicht, er werbe aber um uns, und damit tue er viel mehr als mit jedem echten Gottesbeweis, blah, blah, blah, blah, halleluja. Wer sich darauf einlässt, so der Autor, erlebe Gottes Realität – zum Glück lasse Gott sich nicht beweisen.

Würdigung

povenogodWenn das der aktuelle Stand der Sophistik ist, dann erreicht er wieder Tiefstwerte auf der nach unten offenen Verdummungsskala. Wenn das Geschwurbel oben nicht unlogisch und irrational ist, was dann?

Es ist der Versuch, die Sache in den logikfreien Raum auszulagern, damit der Mensch nicht drüber nachdenken soll. Das ist gekonnt gemacht, mit echten und quasi logischen Begründungen, so dass dem Leser nicht gleich auffällt, wie er eingeseift wird.

Als Grundlage dient der Dreh, Gott für größer zu erklären als menschliche Lösungsversuche. Der wird gleich anfangs dezent eingeführt und mehrmals unauffällig verstärkt: "Gott macht sich nicht zum Forschungsgegenstand", "Ein beweisbarer Gott wäre bloß ein «kleiner» Gott". Damit soll der Gott der Hinterfragung entzogen werden, die sich aus dem allerstärksten Nichtexistenz-Beweis ergibt: Keiner kann ihn vorzeigen, keiner kann ihn beweisen. Das Bild von Anteyetheist drückt es klar aus: Dass Menschen den Gott behaupten müssen, ist der Beweis dafür, dass es ihn nicht gibt.

Klarerweise kann man keinen direkten Nichtexistenz-Beweis für materielle Dinge führen, denn dafür müsste man das ganze Universum absuchen. Man kann also nicht mal beweisen, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Trotzdem weiß jeder vernünftige Mensch, dass der Weihnachtsmann ein Phantasieprodukt ist. Das gilt für Mickey Mouse und Gott genauso.

Gott, Himmel, unsterbliche Seele, ewiges Leben – das alles existiert nur in der Phantasie der Gläubigen. In der Realwelt gibt es sowas nicht. Wem das als Gegenargument noch nicht reicht, der möge sich die Sophistik oben nochmal anschauen: Das passt alles 1:1 auf das Spaghettimonster. Es ist also ein unspezifischer Verdummungsversuch, reine Verarsche.

Die Welt sei unverständlich und werde nicht leichter durchschaubar, so das Angebot zur Kapitulation der menschlichen Intelligenz. Das "Erfahren" wird passend dazu auf eine höhere Stufe gestellt als das Beweisen – dabei ist bloß Fühlen damit gemeint. Missbraucht wird dabei die Suche der Opfer nach Befriedigung für tiefe Sehnsüchte. Aber es ist nicht das Streben nach Klarheit und Wahrheit, was da bedient wird, sondern die Toleranz für Dummheit. Es ist geradezu atemberaubend, wie der Leser verdummt werden soll. Zum Glück lasse Gott sich nicht beweisen? Wer auf solchen Unfug abfährt, der kann genausogut auf jede andere Einflüsterung reinfallen.

Die entstrubbelte Botschaft lautet: Der Glaube ans Nix ist größer als der Verstand. Das ist eine klare Verherrlichung der Dummheit. Den Atheismus, also die Skepsis, auf dasselbe Niveau runterzuziehen, ist perfid. Deshalb muss hier ganz klar gesagt werden, der Atheismus ist die Position der Vernunft, und er ist kein Glaubenssystem.

Den Glauben vertreten die Gläubigen, und sie sind im Obligo, ihr Glaubensobjekt vorzuzeigen oder zu beweisen. Wenn sie das nicht können, dann mögen sie bitte nicht zu Lüge und Vernebelung greifen, um ihr Idol unangreifbar zu machen. Und sie mögen bitte die Universitäten und Schulen mit solcher Gehirnwäsche verschonen.

 

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3 Antworten auf Jonglage mit Gottesbeweisen

  1. Wilfried Müller sagt:

    "Wir wollen die derzeit diskutierten Einwände gegen die Wissenschaftlichkeit der Theologie strukturieren, evaluieren und zurückweisen", so wird der maßgebliche wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl Philosophisch-Theologische Grenzfragen der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Bochum zitiert. Dafür will seine Gruppe eine "analytische Wissenschaftstheorie der katholischen Theologie" aufstellen.

    So steht es in Sind religiöser Glaube und Vernunft vereinbar? (domradio 2.5.): Katholische Theologen der Universität Bochum wollen klären, ob ihr Fach dem Anspruch an Wissenschaft gerecht wird. Diese Frage sei gesellschaftspolitisch umstritten …

    Dazu wb: Wenn die Philosopphie nicht über alles und jedes streiten würde, dann dürfte die Frage philosophisch nicht mehr umstritten sein, sondern abgehakt. Das kann bei einer unwissenschaftlichen Zielsetzung wie "strukturieren, evaluieren und zurückweisen" kaum anders sein. Ergebnisoffenheit ist schließlich ein wesentliches Kriterium für Wissenschaftlichkeit.

  2. Etwas, das IST, interagiert mit seiner Umgebung. Selbst Schwarze Löcher und Neutrinos tun dies.

    Etwas, das nicht IST, interagiert nicht.

    Falls etwas IST, das mit seiner Umgebung nicht interagiert, so lässt es sich von etwas, das nicht IST, nicht unterscheiden.

    Es mag z.B. sein, dass jenseits des von der Erde aus beobachtbaren Teils des Universums (an dessen Mittelpunkt wir uns zwangsläufig immer befinden) etwas ist. Davon haben wir jedoch keine Kenntnis, da wir keine Interaktionen dieses Etwas mit seiner Umgebung beobachten oder nachweisen können — also existiert es aus unserer Perspektive nicht.

    Göttinnen und Götter etc. mögen zwar als Gedanken in den Köpfen von Menschen existieren, sie interagieren in ihrer Eigenschaft als Göttinnen oder Götter jedoch nicht, sondern das, was die Gedanken ausmacht (chemische Botschaften, elektrische Impulse, …) interagiert, und Menschen interagieren; die Göttinnen und Götter tun es nicht.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

  3. Klarsicht sagt:

    Als Ergänzung des Kommentars von Eckhardt Kiwitt gedacht:

    Die Geschichte vom unsichtbaren Gärtner.

    (stammt aus einem 247-seitigen Aufsatz (ab Seite 218) von Hans Zirker mit dem Titel „Religionskritik“)

    Quelle: https://www.uni-due.de/imperia/md/content/katheol/relkrit_buch.pdf

    1. Wie die sprachanalytische Religionskritik ihre eigene Position gegenüber der des Glaubens einschätzt, führt uns ein Gleichnis vor Augen, das Anthony Flew erzählt (Theologie und Falsifikation, 84) und das schon zu den klassischen Texten der Religionskritik gehört. In dieser Geschichte stehen zwei Forschungsreisende einander gegenüber, die im Dschungel überraschend auf eine Lichtung stoßen – halbwegs gleicht sie einem Garten. Der eine von ihnen behauptet, daß es hier einen Gärtner geben müsse; der andere widerspricht ihm. Sie beschließen, den Sachverhalt zu prüfen, können aber keinen Gärtner ausmachen. Im Laufe der Kontrollverfahren schlagen sie jeweils unterschiedliche Strategien ein: Der „Gläubige“ modifiziert mehrfach seine Erwartungen und rechnet nach jedem enttäuschenden Ergebnis mit einem andersartigen Gärtner – mit einem nämlich, der sich gerade immer dem vorherigen Verfahren noch entziehen konnte. Der „Skeptiker“ dagegen nimmt die Herausforderung immer wieder an und läßt sich auf zunehmend schärfere Kontrollen ein. Als sich jedoch schließlich der „Gläubige“ dafür ausspricht, daß der Gärtner „unsichtbar, unkörperlich und unempfindlich gegen elektrische Schläge“ sein müsse, „nicht gewittert und nicht gehört werden“ könne, resigniert der „Skeptiker“ in seinem Bemühen, den anderen noch zu überzeugen. Ihm bleibt nur noch die Frage: „Wie unterscheidet sich denn das, was du einen unsichtbaren, unkörperlichen, ewig unfaßbaren Gärtner nennst, von einem imaginären oder von überhaupt keinem Gärtner ?“. 

    2. Zunächst ist für den Aufbau dieser Geschichte bezeichnend, daß trotz der Gegensätzlichkeit der beiden Positionen, beide von einer gemeinsamen Grundlage der Verständigung ausgehen, nämlich der Kontrolle durch Wahrnehmung. Der „Gläubige“ zieht sich nicht von vornherein auf einen irrationalen Standpunkt zurück, etwa den, daß er das Wirken eines Gärtners fühle; er ist anscheinend zur Bestätigung oder Widerlegung seiner Annahme bereit. Auch als die Untersuchungen für den anderen sprechen, bleibt er nicht einfach starrsinnig bei seiner ursprünglichen Behauptung, sondern zeigt sich korrekturbereit und geht scheinbar nur von Möglichkeiten aus („Vielleicht ist es ein unsichtbarer Gärtner“). Man müßte meinen, daß dies eine günstige Voraussetzung für die Verständigung der beiden wäre. 

    3. Aber zwischen ihnen gibt es dennoch einen erheblichen Unterschied, nämlich in der Reaktion auf das jeweilige Ergebnis: Dem „Skeptiker“ würde die einmal vereinbarte Untersuchung genügen; er könnte deshalb jederzeit auf weitere Verfahren verzichten. Der „Gläubige“ dagegen differenziert ständig zwischen derjenigen Fassung seiner Annahme, die er als widerlegt betrachten muß, und einer anderen, die noch der weiteren Prüfung überlassen werden kann. Dies wäre grundsätzlich ein respektabler Weg, wenn er innerhalb dieser Erzählung nicht deutlich nur als Ausflucht eingeschlagen würde; er mündet hier nämlich in eine Glaubensposition, die grundsätzlich unanfechtbar ist, weil sie sich gegen alle mögliche Widerlegung immunisiert. Das Zugeständnis, daß eine Behauptung nachprüfbar sein müsse, wird gekoppelt mit der Weigerung, sich auf eine geeignete Erfahrungskontrolle festzulegen. „Man kann seine Behauptung vollständig auflösen, ohne dies zu bemerken. Eine schöne, kühne Hypothese kann so schrittweise den Tod durch tausend Modifikationen erleiden.“ (A. Flew, 85). 

    4. Außerhalb des Gleichnisses läßt sich nach Flew diese Verflüchtigung einer Glaubensaussage bis zur Bedeutungslosigkeit am besten an dem Bekenntnis veranschaulichen „Gott liebt uns, wie ein Vater seine Kinder liebt“, einem Bekenntnis, das uns eine Zeitlang einleuchten und beruhigen mag: „Doch dann sehen wir ein Kind an nichtoperierbarem Kehlkopfkrebs sterben. Während sein irdischer Vater sich verzweifelt bemüht zu helfen, zeigt sein himmlischer Vater kein sichtbares Zeichen der Anteilnahme.“ (ebd. 86). Der Gläubige gibt aber damit seinen Glauben noch nicht auf, sondern modifiziert ihn so, „daß Gottesliebe ‚keine nur menschliche Liebe’ oder daß sie ‚eine unerforschliche Liebe’ ist“ (ebd.). Dies aber heißt letzten Endes: Der Glaube scheint sich mit allem zu vertragen, was da immer geschehen mag; mit anderen Worten: er scheint keinen kognitiven Bezug zu unserer Realität zu haben. 

    5. Das Gleichnis von den zwei Forschern spricht allerdings einiges nicht an, das von der konstruierten Situation her nahegelegen hätte: Der Skeptiker läßt sich gar zu bereitwillig auf die Behauptung des Gläubigen und seine mehrfachen Ausflüchte ein, statt ihn zu einer argumentativen Stützung seiner Annahme zu nötigen: Er fragt ihn nie, was ihn dazu bewegt, gerade einen „Gärtner“ für die Lichtung vorauszusetzen und nicht etwa einfach nur „eine besondere Ursache“; aus welchen Bedürfnissen er letztlich hartnäckig an seiner ursprünglichen (wenn auch modifizierten) Annahme festhält, statt sie zu widerrufen; warum er sich überhaupt auf eine Prüfung seines Glaubens auf dem Weg der Erfahrung einläßt, wenn sie für ihn so unergiebig ausfällt. 

    6. Ob „der Gläubige“ im Gleichnis durch die abschließende Frage, wie sich denn sein „unfaßbarer Gärtner“ von „einem imaginären“ oder gar nicht mehr vorstellbaren unterscheiden soll, beunruhigen ließ, wird nicht mehr erzählt. Die Antwort hat der Leser zu geben. Die Fragen stehen hartnäckig an: „Womit kann der Gläubige den Wissensanspruch, der zweifellos hinter seinen Aussagen steht, begründen? Astrologen und Wahrsager treten auch mit Wissensansprüchen auf. Oder …: Was rechtfertigt die Behauptung, daß Gott ein liebender Vater sei ? Sicherlich kann Flew dem Gläubigen nicht verbieten, eine solche Aussage zu qualifizieren oder zu modifizieren, sie muß nicht im buchstäblichen Sinne gelten. Aber das Qualifizieren darf nicht zu weit getrieben werden. Es muß etwas übrig bleiben, was die Verwendung gerade dieses Prädikats (nämlich ‚liebender Vater’) für Gott rechtfertigt.“ 

    Es grüßt

    Klarsicht

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