Arbeitsfrüchte für alle

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drive-1296591_960_720Nix los in Deutschland, war das Fazit vom 5. Artikel. Der 6. Artikel der Serie Arbeit für alle befasst sich mit dem, was auf der Gegenseite los ist. (Bild: OpenClipartVectors, pixabay).

Es ist ja nicht so, dass das Thema Roboter, Künstliche Intelligenz und Cyberspace bei wissenbloggt etwas Neues wäre. Wo nun aber gemeldet wurde, Cyberwar: Nato erklärt virtuellen Raum zum Kriegsgebiet (ZEIT ONLINE 15.6.) sind die digitalen Gefilde sozusagen amtlicherseits in die Auseinandersetzungen aufgenommen: Land, Luft, See, Internet: Für das Militärbündnis ist der Cyberspace jetzt offizielles Operationsgebiet. Virtuelle Angriffe können den Bündnisfall auslösen.

Um die virtuellen Angriffe auf die Arbeitswelt kümmert sich noch niemand so recht. Dabei ist es eine Schicksalsfrage für die Menschheit, wie mit den neuen Möglichkeiten umgegangen wird, die hier schlicht als Roboter etikettiert sind. Dazu zählt die ganze Internet- und Automatenwelt, Computer, Fertigungsketten, persönliche Assistenten, Ausspähsoftware und ganz neue Errungenschaften wie Troll-Fabriken.

Manipulation

Software-Roboter – Automatisierter Hass im Netz (Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.5.): Immer mehr Hetzkommentare im Internet stammen von Maschinen. Mit ihnen werden die sozialen Netzwerke manipuliert – doch das hat auch Folgen für die Offline-Welt. Sogenannte "Troll-Fabriken" erzeugen automatisch Posts. Die social bots werden – noch – zu 98% erkannt. Sie erzeigen massenweise Beiträge für Twitter und Instagram, und sie machen Propaganda (siehe auch Roboter & Propaganda).

Dasselbe Thema am selben Tag heißt Auf der Jagd nach Facebooks Fake-Armee (der Freitag 24.5.): Social Media – Künstliche Like-Farmen sollen Fanpages attraktiver aussehen lassen. Facebook versucht dagegen vorzugehen. Es sei ein ökonomisches Katz-und-Maus-Spiel, so der Freitag, und ob man sich jemals gefragt habe, warum so viele Leute bestimmte Facebook-Seiten liken? Ganz egal, wie langweilig die sind oder wie selten sie aktualisiert werden? Dabei könne es sich um „Like-Farming“ handeln, einem neuen Prozess zur künstlichen Erzeugung von Facebook-Likes.

Die "Software-Roboter", wie die FAZ sie nennt, dringen überall vor. Aktuell wird bereits ein Fünftel der Google-Suchanfragen per Spracheingabe gestellt – Und plötzlich spricht Google zurück (Die Presse 18.5.): Der Konzern hat sich zehn Jahre Zeit gelassen, um "die weltbeste Spracherkennungs-Technologie zu entwickeln".

Das Vordringen der Roboter gelingt denn auch in der Form von Chatbots. Das besagt Sagen Sie bitte "Ja" (wiederum ZEIT ONLINE 26.5.): Chatbots sind das nächste große Ding. Sie heißen auch virtueller persönlicher Assistent. Perfekt sind sie noch nicht, wie der Artikel zeigt, aber immerhin.

Überwachung

Die Roboter reden nicht nur mit uns, und sie manipulieren uns nicht nur. Unser Besitz überwacht uns, heißt die neue Erkenntnis, siehe Wie Gadgets uns überwachen (der Freitag 7.6.): Technologie – Smart Devices erleichtern den Alltag. Doch viele Geräte könnten eine Luke öffnen, durch das jeder Hacker ganz einfach schauen könnte, um uns auszuspionieren.

Dabei muss es nicht mal direkter Betrug sein, es reicht schon eine Art "Kopfgeld", siehe Apple-Besitzer zahlen mehr – wenn Preise undurchschaubar werden (Süddeutsche Zeitung 8.5.): Der Kunde wird gläsern – und das hat drastische Auswirkungen. Die gleiche Pauschalreise kann für Apple-Besitzer teurer sein als für Windows-Nutzer, und derselbe Flug kann unterschiedlich teuer sein, je nachdem, ob man mit dem Tablet, Smartphone oder PC nachschaut. Zu diesem ein Kommentar aus dem wb-Artikel Preise ohne Grenzen : Unterm Strich wird damit unsere Lebensqualität wegoptimiert. Wer nicht abgezockt werden will, muss ständig alert sein. Basarmethoden überall, Täuschung als Standard, und der umbalzte und gebauchpinselte "König Kunde" ist der Depp. Das ist der Nährboden, auf dem auch die ganz große Ungerechtigkeit gedeiht, die globale Abzocke, mit der die privilegierten Eliten die Allgemeinheit abkassieren.

Aus dem Menschen wird ein Überwachtes Maschinenanhängsel (junge Welt 7.6.): Technologische Innovationen im Rahmen der »Industrie 4.0« dürften die Gängelei am Arbeitsplatz ­verschärfen. Bereits jetzt sind in den Betrieben gravierende Veränderungen sichtbar. Es geht dabei nicht nur um die Fabrik selbst, so die junge Welt, vielmehr sollen die gesamte Produktion und die vor- und nachgelagerten Prozesse miteinander vernetzt werden. Neben Maschinen und Robotern gehören dazu Logistik-, Lager-, Planungssysteme, sowie die Energieversorgung.

Es werde unterschätzt, welche Folgen das haben wird, denn die Zusammenarbeit mit intelligenter Technologie führe zu psychischen Belastungen. Menschen tragen in diesen Systemen die Verantwortung, während sie zugleich der Technologie unterlegen seien. Sie können weniger Daten verarbeiten und weniger Komplexität erfassen als Maschinen, müssen aber die Fehler der technologischen Systeme möglichst schnell korrigieren. Das aber können sie immer weniger, weil die Automatisierung sie der eigenen Erfahrung mit der Prozeßsteuerung beraubt und damit ihre Kompetenzen schmälert.

Ersetzung

Nicht nur das, viele Menschen werden sogar ganz ersetzt. Das besagt der Artikel Die Strukturen lösen sich auf – Es bleiben Experten und Hilfsarbeiter – die Mittelqualifizierten werden überflüssig (Tagesspiegel Causa 29.4.): Die Digitalisierung wird Fabriken nicht zu menschenleeren Produktionshallen machen, aber dennoch wird sie die Arbeitswelt grundsätzlich verändern: Es wird sich eine Schere zwischen komplexen Tätigkeiten mit hohen Qualifikationsanforderungen einerseits und einfachen Tätigkeiten mit niedrigem Qualifikationsniveau andererseits öffnen. Das nennt sich dann Arbeit 4.0, wenn die "Mittelqualifizierten" überflüssig werden.

Wie es um die Qualifikation der Betroffenen stand, ist im nächsten Fall unklar, Friday Humor: "Wesley's Boobie Trap" Replaces Strippers With Robots (Zero Hedge 27.5.): It's cheaper to build a dancing robot than it is to hire another Jasmine or Tiffany at $15 an hour." Also haben sie die Stripperinnen durch Robots ersetzt. Aber so ganz klappte es in dem Fall noch nicht. Die "mannequin dancers" blieben nicht mal eine Woche aktiv, nachdem eine aus Versehen über den Parkplatz und den Highway 78 rollte, wo sie gleich von einem Kohlen-Lastwagen plattgefahren wiurde. Anmerkung: Boobies = Titten, Boobie Trap = Sprengfalle, im Fall von Wesleys Lokal Titten-Falle.

Schon die Models in den Kleidungskatalogen wurden durch Computermodelle ersetzt, denen die Software Kleidungsstücke auf den digitalen Leib projiziert. Das entsprechende Schicksal droht den Stripperinnen, die durch Roboter ersetzt werden, und zwar sind nicht nur die Mittelqualifizierten betroffen. Fast alle werden überflüssig, und das gilt für fast alle Branchen.

Umbruch

Roboter und ihre Entwicklung – Der kann das schon allein (SZ 29.5.): Die Forschung entwickelt kluge Roboter, die nicht nur Büros putzen oder Pizzen liefern. Sie sollen auch die Jobs von Facharbeitern erledigen. Für die Menschen bedeutet das einen gewaltigen Umbruch. Bislang fand viel von der Automatisierung im Verborgenen statt, so die SZ, jetzt sei es immer öfter im Alltag zu erleben. Das sei alles noch auf dem Niveau eines Kleinkindes, aber es mache eine exponentielle Entwicklung durch.

Man arbeitet an führerlosen Autos, LKWs und Zügen. Beispiel Schienenverkehr – Bahn plant Züge ohne Lokführer (FAZ 9.6.): Die Bahn will in wenigen Jahren Züge ohne Lokführer auf die Schienen schicken. Die ersten Pilotprojekte laufen, sagt Bahnchef Rüdiger Grube im Gespräch mit der F.A.Z.: „Ich rechne damit, dass wir 2021, 2022 oder 2023 so weit sind, dass wir in Teilen unseres Netzes vollautomatisch fahren können.“

Es geht auch bis zur Medizin, siehe Robot Intelligence – This Artificial Intelligence was 92% Accurate in Breast Cancer Detection Contest (Fururism 21.6.): Noch liegen die Diagnosen der Mediziner in 96% der Fälle richtig, gegenüber 92% der angewandten Künstlichen Intelligenz. Kombiniert kommen sogar 99,5% raus, was Futurism zu der euphorischen Aussage verleitet: No one who has ever said that two heads are better than one, specified that both heads had to be human. Irgendwann sind dann 2 Roboterköpfe am besten.

In die Richtung geht es auch bei Pro und Contra – Der digitale Doktor – Segen oder Fluch? (FAZ 17.3.): Dank der App „Connected Health“ haben Patienten ihre Krankenakte jederzeit dabei. Per Smart-Phone können sie ihre Daten ihrem Arzt direkt übermitteln. Die FAZ fragt, ob die Nutzer dadurch zu gläsernen Patienten werden, oder ob die App einfach ein nützliches Tool ist?

Und bis in die Sweatshops geht es auch schon hinein, gemäß Automatisierung – Der Todesstich des Näh-Roboters (WELT ONLINE 14.6.): Roboter lernen, was sie bisher nie konnten: nähen. Textilfabriken dürften bald ohne Menschen auskommen. Die WELT sieht darin das Wachstumsmodell armer Länder zerstört, wo mancherorts 80% der Jobs betroffen sein können. Wo die Roboter nun das Nähen lernen, dürfte der Siegeszug der Automatisierung bald auch die Bekleidungsindustrie erfassen. Die Folgen dürften enorm sein. Viele arme Länder können sich dem Elend nicht mehr entwinden. Was früher "Dritte Welt" genannt wurde, braucht deshalb baldmöglichst einen Plan B.

Schicksalsfragen

Und nicht nur die Dritte Welt. Aktuelle Zahlen dafür, wieviel % der menschlichen Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt werden können:

USA China Japan D GB Äthiopien Nepal Kambodscha
47 77 49 51 47 85 80 79

Das sind gewiss nur bessere Daumenpeilungen, und die %-Werte täuschen eine nichtvorhandene Exaktheit vor. Das ändert nichts daran, dass der Trend da ist, und gemäß einhelliger Aussage verstärkt er sich. Wir befinden uns auf einem Gefälle, das immer steiler wird. Wir nähern uns mit zunehmender Geschwindigkeit der sogenannten Singularität, dem Zeitpunkt, wo die Maschinen sich selbst verbessern und dem technischen Fortschritt den richtig krassen Turbo verpassen. Darauf wird inzwischen gezielt hingearbeitet, siehe auch Grenzenlose Innovationen werden bestraft).

Der technische Fortschritt ver­nichtet langfristig unsere Arbeitsplätze, so dass unsere Arbeit uns letztlich die eigene Existenzgrundlage raubt.

Dieses wissenbloggt-Eigenzitat beschreibt das Roboter-Dilemma am besten. Müssen die schädlichen Folgen des Technikfortschritts wirklich bei der Allgemeinheit landen, während sich die Privilegierten den Nutzen aneignen?

Arbeitsfrüchte für alle gibt's nur, wenn das geändert wird. Mittlerweile weiß das eigentlich jeder, nur setzt sich kaum jemand dafür ein. Robotersteuer, Sozialabgaben für Computer, Micropayment aus dem Internet – das sind alles keine aktuellen Forderungen. Im wb-Artikel Das Ethosdefizit werden die Schicksalsfragen aufgelistet, die wir für eine humane Zukunft richtig beantworten müssen. Ein Auszug:

  • müssen die Roboter nicht für die Allgemeinheit arbeiten, statt nur für die Besitzenden?
  • ist es zulässig, dass mit viel Geld sehr viel Geld verdient wird und mit Arbeit kaum das Nötigste? Darf ein Manager beliebig viel verdienen?
  • ist es zulässig, dass die Krämerseelen unsere technischen Innovationen in die ganze Welt verkaufen, wo sie dann gegen uns eingesetzt werden?
  • und wie steht es mit dem Recht auf Arbeit und eine gedeihliche Lebensperspektive für alle?

Der Ethosdefizit-Artikel macht die Kritik vor allem an der Religion fest, die uns die ethikfreien Zustände beschert. Andere wb-Artikel nehmen eher den Kapitalismus in die Verantwortung. Letztlich muss man sich wohl fragen, inwieweit die Bevölkerung selber schuld ist an dem, was sie sich bieten lässt. Wenn ein Brexit möglich ist, warum nicht auch ein Kapitalismus-Exit in eine neue soziale Marktwirtschaft wie 1970?

 

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2 Antworten auf Arbeitsfrüchte für alle

  1. Wilfried Müller sagt:

    Dieser Kommentar passt zu den beiden aktuellen Artikeln Brexit und Arbeitsfrüchte. Zu den Arbeitsfrüchten gehören auch die social bots (s.o.), und solche sind angeblich für den Brexit im Einsatz. Das besagt Brexit-Propaganda: Die Bots wollen raus aus der EU (SPIEGEL ONLINE 23.6.): Beim Wahlkampf um das EU-Referendum in Vereinigten Königreich mischen automatische Meinungs-Maschinen in sozialen Netzwerken kräftig mit. Das könnte einige Wähler durchaus beeinflussen.

    So steht es in der Studie Bots, #Strongerin, and #Brexit: Computational Propaganda During the UK-EU Referendum (Social Science Research Network 20.6.): Bots are social media accounts that automate interaction with other users, and they are active on the StrongerIn-Brexit conversation happening over Twitter. These automated scripts generate content through these platforms and then interact with people. Political bots are automated accounts that are particularly active on public policy issues, elections, and political crises. In this preliminary study on the use of political bots during the UK referendum on EU membership, we analyze the tweeting patterns for both human users and bots. We find that political bots have a small but strategic role in the referendum conversations: (1) the family of hashtags associated with the argument for leaving the EU dominates, (2) different perspectives on the issue utilize different levels of automation, and (3) less than 1 percent of sampled accounts generate almost a third of all the messages.

    Inwieweit die Bots auch für die Remain-Seite aktiv sind, wird nicht verraten.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Ein paar Kurven zu der Aussage, die neue Technik schaffe Arbeitsplätze:

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