Arbeit gegen alle

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money-1268883_960_720bykstDer vorige Artikel zur Serie Arbeit für alle war in die Zukunft gerichtet, mit Bots und künstlicher Intelligenz. Nach diesem zeitlichen Abstecher ist eine räumliche und thematische Abschweifung in Richtung Säbelrasseln angesagt. Denn irgendwo muss das ganze Geld ja bleiben, das aus der Mittelklasse und den unteren Schichten rausgeleiert wird. Der US-Miliärhaushalt wird gleich einiges dazu aussagen, er kehrt sozusagen das Vorzeichen um (Bild: bykst, pixabay).

Zunächst nochmal die Entwicklung, aus Visualizing The Dramatic Erosion Of America's Middle Class (Zero Hedge 23.6.). Die Mittelklasse verfügte 1979 noch über 46,4% des gesamten Nationaleinkommens, 2014 sind es nur noch 25,8%. Entsprechende Zahlen für die Reichen und die obere Mittelklasse: 30% früher und 63,1% derzeit. Der Anteil an der Bevölkerung wuchs allerdings auch, von 13% auf 31,2%. Die Tabelle wurde von wb aus dem Zero-Hedge-Artikel erstellt:

Klasse                        $1 %19792 %20142 $19793 $20143
rich >350.000 0,1 1,8 0,4 11,0
upper middle class >100.000 12,9 29,4 29,6 52,1
middle class >50.000 38,8 32,0 46,4 25,8
lower middle class >30.000 23,9 17,1 16,2 7,5
poor or near poor <30.000 24,3 19,8 7,4 3,6

1 Einkommensbereiche von – bis z.B. middle class 50.000 – 100.000 $ Jahreseinkommen
2 der Anteil an der US-Bevölkerung
3 der Einkommens-Anteil

Schwerer wiegt die Entwicklung im unteren Bereich: Die unteren drei Einkommensgruppen hatten früher 70% des Einkommens und jetzt nur noch 36,9%. Ihr Anteil sank nur von 87% auf 68,8%. Wer also nur das obere 1% betrachtet, dem entgeht der Niedergang der Mittelklasse mit dem beinahe halbierten Einkommen bei grob gleichem Bevölkerungsanteil. Worauf der Artikel nicht eingeht, ist die große Zunahme im Bereich der oberen Mittelklasse in Richtung reich, sowohl anteilsmäßig als auch einkommensmäßig. Die ursprüngliche Mittelklasse aber schwindet, sie wird ärmer, und sie wird schlecht versorgt.

Studentenarmut

Damilitaryspendingusakorrs Tortendiagramm hat sich als Fälschung entpuppt (Korrektur 7.11.). Es geht zwar extrem viel vom US-Haushalt ins Militär, so um die 600 Mrd. $ pro Jahr, aber das sind nur an die 20%. Der Link zu der Verschwörungstheorie-site Alles Schall und Rauch ist deshalb auch gelöscht. Immerhin bleibt die Relation interessant, wie klein andere US-Haushaltsbestandteile gegenüber dem Militäretat sind. Der kleine rotgelbe Schnitz unten zeigt das Lebensmittelkarten-Programm für die Bedürftigen. Zusammen mit der Landwirtschaft macht das 1% vom Etat aus (Bilder: Zero Hedge).

Kein Wunder, wenn die Studentenarmut grassiert. Dass die US-Studenten sich hoch verschulden müssen, um ihr Studium zu bezahlen, wurde schon in Arbeitskampf für alle dargelegt. Wohin das führt, geht aus einer Studie von der California State University CSU hervor, Serving Displaced and Food Insecure Students in the  CSU.

Auf deutsch ergibt das in dem Artikel California State University: Zehntausende Studierende in Kalifornien sind obdachlos (ZEIT ONLINE 22.6.): Fast 50.000 Studierende der größten staatlichen Universität in den USA sind obdachlos. … Bis zu zwölf Prozent der rund 460.000 an der California State University Eingeschriebenen haben demnach kein Dach über dem Kopf.

Sie übernachten bei Kommilitonen auf dem Sofa, in Autos oder Zelten, auf Parkplätzen oder in Bahnhöfen. Bis zu 1/4 haben nicht genug zu essen. Es gibt Hilfsprogramme dafür, aber die Uni informiert nur begrenzt über Hilfen wie Lebensmittelmarken oder finanzielle Unterstützung. Man befürchtet einen Ansturm von Hilfsanfragen, und generell werde das Ausmaß des Problems missverstanden oder kleingeredet.

Militärreichtum

militaryusaDie gleiche Abwiegelung passiert beim Militärhaushalt, wo die Entwicklung genau andersrum verläuft. Diese Entwicklung wurde schon in Je reich, desto arm II dargestellt, und hier nochmal mit der ZH-Statistik. Es sind enorme Summen, um die es geht. Jährlich bringen die USA mehr als 1/3 der gesamten weltweiten Rüstungsausgaben auf. 2015 waren es 596 Mrd. $, der größte Teil des 800-Mrd.-US-Haushaltsdefizits. Zum Vergleich hat Russland Militärausgaben von 66,4 Mrd. $, Deutschland 34 Mrd. € (= 37 Mrd. $, 11% vom Bundeshaushalt, mehr als das Doppelte wie Bildung) und die NATO-Staaten zusammen 905 Mrd. $.

Diese Zahlen zeigen, wie teuer die (US-)Kriegstreiberei kommt. Was beim Militär passiert, ist Arbeit gegen alle. Da wird praktisch die Zukunft einer Generation verballert – mit schrecklichem Ergebnis, selbst wenn man die Folgen für die Bekriegten außer Acht lässt. Ein paar Takte dazu sind nun unvermeidlich, auch wenn es eigentlich um Arbeit für alle geht.

20160613_armsexport_0Terrorism – As Pretext For Intervention In Middle East sagt Zero Hedge am 16.6. Terrorismus dient als Vorwand für die Interventionen im Nahen Osten. Mit welcher Heuchelei und welchen doppelten Maßstäben dabei vorgegangen wird, beschreibt der Artikel. Was zählt, ist das Öl, 265 Mrd. Barrel in Saudi-Arabien, 100 Mrd. von den Vereinigten Arabischen Emiraten,
100 Mrd. von Kuweit – 1/3 der weltweiten
Vorräte. Namens der 20160613_armsimport_0Öl-Sicherung sind die USA willens, die Exzesse der mittelalterlichen Regime zu ignorieren – bloß wenn's um Verhandlungen mit dem ebenso mittelalterlichen ISIS geht, dann stehen die USA fest zu ihren sogenannten Prinzipien. Das ist der Grund, warum Gewalt und Blutvergießen in der Region weitergehen. Mehr noch, die USA sind der größte Waffenexporteur, und Saudi-Arabien der größte Waffenimporteur (Bilder aus Thanks America: Spending On Military Weapons Saw Its Largest Yearly Increase In A Decade, Zero Hedge 13.6.).

Säbelrasseln

Dieser US-Imperialismus ist auch der Grund, warum der US-Militärhaushalt so groß sein muss. Er gilt umfassend, denn die USA engagieren sich auch in Europa. Nicht etwa zur Hilfe für die Flüchtlinge, die sie im Nahen Osten generieren, sondern gegen den russischen Imperialismus. Das beschreibt The New Iron Curtain – A Monument To Washington's Imperial Folly (Zero Hedge 20.6.) in einem treffenden Bild:

Man stelle sich eine fremde Armee am Rand der USA vor, 31.000 Soldaten eine Anti-US-Allianz, die militärische Übungen gleich südlich von San Diego ausführen. Hunderte von Panzern zielen auf den Rio Grande, und die Jets von 24 Ländern drohen in Angriffsformation vom mexikanischen Luftraum her. Die Antwort Washingtons ist leicht auszumalen.

Dabei passiert genaus das mit umgekehrtem Vorzeichen an Russlands Peripherie. Die NATO übt für einen neuen Kalten Krieg. Im Vorfeld ökonomische Sanktionen gegen Russland, die seiner empfindlichen Wirtschaft zusetzen, dazu eine Propagandakampagne, die den Präsi Putin zum zweiten Stalin hochstilisiert. Ein neuer Eiserner Vorhang legt sich über Europa, nur dass ihn diesmal der Westen errichtet.

Die EU erneuerte gerade die Sanktionen gegen die Krim – ihr Verbrechen: Sie hat es gewagt, ein Referendum abzuhalten, bei dem die große Mehrheit der Wähler für Russland optierte. Damit wurde der Status wiederhergestellt, den die Krim seit den Tagen von Katharina der Großen hatte. Zur Strafe sollen auch die Sanktionen gegen Russland um 6 Monate verlängert werden.

Der Artikel Beschluss in Brüssel: EU will Sanktionen gegen Russland verlängern (SPIEGEL ONLINE 20.6.) nennt allerdings andere Argumente: Die EU macht eine Lockerung der Sanktionen gegen Russland von der Umsetzung der Friedensvereinbarungen von Minsk abhängig. Der darin ausgehandelte Waffenstillstand für die Ostukraine ist zuletzt aber immer wieder gebrochen worden.

Nur noch eine deutsche Stimme zu der Sache, dann zurück zum eigentlichen Thema. Herr Steinmeier, danke für dieses klare Wort (Cicero 20.6.): Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird nach seiner Warnung vor einem „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ gegenüber Russland heftig kritisiert. Dabei ist sein Satz nicht nur richtig, sondern auch überfällig. Nun ja, der Präsi Putin hat schon mit dem Säbel gerasselt, und nun wird zurückgerasselt …

Digital

Da geht also das Geld hin, was den Arbeitenden, den Studierenden und dem Rest der unteren Schichten vorenthalten wird. Säbelrasseln und Kriegsgeheul, ein neuer Eiserner Vorhang, ein neuer Kalter Krieg. Zur Abrundung noch die digitalen Aktivitäten, die sich nahtlos an die social bots vom vorigen Artikel anschließen. Es herrscht nämlich auch Zoff im Netz.

Coole Zeiten in der Hölle – Der Propaganda-Krieg im Netz schreibt die Süddeutsche Zeitung am 18.6.: Das vielleicht wichtigste Schlachtfeld liegt nicht in Syrien oder im Irak, sondern online. Dort ist der IS(IS) eine Supermacht, die USA eine Guerillatruppe – die dringend zündende Ideen braucht.

Global gesehen, könnte das virtuelle Schlachtfeld der Gedanken wichtiger sein als reale. Im Netz werde eine Ideologie der Gewalt verbreitet; der "Krieg der Geschichten" sei jetzt wichtiger als der Krieg mit Schiffen, Napalm und Messern. Im Internet haben sich die Ideen des ISIS verselbständigt, es gibt Unmengen von ISIS-Material im Netz, und die Terroristen haben sehr viel Aufmerksamkeit gewonnen. Mag der ISIS militärisch auf dem Rückzug sein – auf dem virtuellen Schlachtfeld ist er es nicht, so die SZ.

Was passiert da? Die USA tragen mit ihren Dollarmilliarden Krieg in die Welt, und wo sich neue Fronten eröffnen wie im Internet, werden sie auch neue Milliarden versenken. Dazu passt die neue Cyberstrategie von NATO und damit USA, die Hackerangriffe zum Kriegsgrund zu erklären, siehe  Air, land, sea, cyber: NATO adds cyber to operation areas (AP 14.6.).

In Ketzerische gezogen heißt das NATO will Kriegsgründe ganz nach Bedarf definieren (qpress 19.6.): ... dass künftig auch sogenannte Cyber-Attacken als echte Angriffe gewertet werden sollen und daraus dann ein harter Grund für reale, physische Vergeltungsmaßnahmen abgeleitet werden soll, … Man gibt sich dabei zwar noch recht moderat, indem man von abgestuften Reaktionen faselt. Letztlich ist das reine Makulatur, denn es geht zuvorderst um die Selbstermächtigung, im Fall einer elektronischen Attacke, hieraus postwendend einen physischen Konflikt konstruieren zu können. …

Ebenso passt dazu wunderbar ins Bild, dass ausgerechnet deutsche Geheimdienste nun herausgefunden haben wollen, dass Russland hinter den Cyber-Attacken des IS(IS) auf die USA zu vermuten sind … Die Intelligenz der deutschen Geheimdienste ist ja legendär und man weiß vor allem auch in wessen Diensten die ursächlich stehen. Dass diese Schlaumeier übersehen haben, dass der IS(IS) eine Gründung der USA ist, legt natürlich nahe, dass etwaige Cyber-Attacken des IS(IS) auf die westliche Welt dann logischerweise nur noch von den Russen durchgezogen werden können!

Arbeit gegen alle

Ohne weiter auf die politischen und militärischen Wirrungen einzugehen, kann festgestellt werden: Das geht alles auf Kosten der Zivilbevölkerung. Das Geld, das den Menschen vorenthalten wird, geht in militärische Maßnahmen. Der US-amerikanische Kampf zur Öl-Sicherung und gegen den Terrorismus hat sich verselbständigt. Erzeugt wurde er maßgeblich durch Aktivitäten der USA selbst, siehe Terror made by USA.

Seither funktioniert es genau verkehrt herum. Die Arbeit des Militärs ist eine Arbeit gegen alle. Je mehr Geld da hineingeht, desto schlechter für die Allgemeinheit. Jetzt, wo der Schaden angerichtet ist und die Fronten aufgebaut sind, lässt sich das allerdings nur noch schwer bereinigen.

Aber neue Fronten und Eiserne Vorhänge aufzubauen, erscheint als unnötige Eskalation. Was gebraucht wird, ist Deeskalation und mehr Verhandlungen, auch wenn das im Moment schwierig erscheint. Zu befürchten ist, nicht diese Schwierigkeiten schrecken von der Friedenssuche ab, sondern die Macht der Lobbys, die von den militärischen Geldflüssen profitieren.

 

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8 Antworten auf Arbeit gegen alle

  1. Nils Nehrke sagt:

    Fortsetzung der Diskussion aus "Die (Kriegs-)Kunst, sich richtig reinzureiten:

    Das Tortendiagramm behauptet, der Anteil des Militärs am Gesamtbudget betrage 57%. Ich finde diese Daten nirgendwo bestätigt. Wikipedia gibt für das Jahr 2009 ein Gesamtbudget von 2,9 Billionen Dollar und einen Militäranteil von 517 Milliarden Dollar an. Das ergibt für mich etwa 18%. Jetzt lässt sich damit schwer eine Aussage über besagtes Tortendiagramm machen, weil selbiges nicht mal eine Jahreszahl hat. Daher noch einmal meine Frage: Woher hast du dieses Tortendiagramm genommen?

  2. Wilfried Müller sagt:

    Das Bild stammt von Zero Hedge, den Artikel kann ich nicht mehr finden. Die absoluten Beträge von um die 600 Mrd. $ pro Jahr stimmen (Statista), aber die 57% sind ein Schmarrn. In dem Bild fehlen Sozial- und Gesundheitskosten. Sorry, da bin ich reingefallen. Ändert aber nix am grundsätzlichen Vorwurf: Das ist mit weitem Abstand der größte Militärhaushalt weltweit. Also vergiss die 57% und genieße die Tatsache: Die haben jedes Jahr so viel Geld in Kriege gesteckt wie 2 deutsche Bundeshaushalte.

  3. Nils Nehrke sagt:

    Ok! Das Tortendiagramm hat eine lange Spur durchs Internet gezogen und wurde an vielen Stellen ungeprüft veröffentlicht. Wieder bestätigt sich die Binsenweisheit: Bevor die Wahrheit sich die Schuhe zugebunden hat, ist die Lüge schon zehn Meilen weit gelaufen. Vorsicht übrigens bei Statista, die Daten sind leider manchmal nicht gerade solide.

    Worum es mir ursprünglich ging, war die Tendenz bei den Militärbudgets der "Big Five". Ordnet man sie nach ihrem prozentualen Zuwachs seit 1999 (nehmen wir einfach mal Wikipedia als Ausgangspunkt), sind das Bild so aus:

    China: + 194%
    Russland:  + 173%
    Saudi-Arabien: + 88%
    USA: + 66%
    Südkorea: + 51%

    Natürlich hast du recht: das US-amerikanische Militärbudget ist gewaltig und steckt jedes andere locker in die Tasche. Andere Länder rüsten allerdings massiv auf. Chinas Ausgaben von 84 Milliarden US-Dollar sieht unter zweierlei Aspekten zu sehen: erstens ist China ein Meister im Verschleiern von Zahlen, das gilt auch und insbesondere für die enorme Staatsverschuldung. Zweitens muss das chinesische Militärbudget vor dem Hintergrund der deutlich niedrigeren Produktionskosten in China gesehen werden. Russland sieht mit seinen 173% gewaltig aus, und sicher verfügt die russische Armee über schlagkräftige Streitkräfte. Die leiden allerdings auch unter enormen strukturellen Problemen. Die gerade in den Medien sehr präsente "Admiral Kudnetzow" beispielsweise ist eine schwimmende Rostschüssel, die kurz vor dem Auseinanderfallen steht. Der größte Vorteil der US-Streitkräfte besteht meiner Meinung nach neben der Technologie in dem hochprofessionellen Aufbau und der Einsatzerfahrung.
    So gerne wie man sich im linken Spektrum der Meinungsbildung über die USA echauffiert und ihr imperialistisches Gehabe kritisiert, so häufig vergisst man auch, wie die Welt ohne die USA aussähe. Ohne den Kriegseintritt der USA (und ihr zuvoriges massives Engagement in logistischer und finanzieller Hinsicht) in den zweiten Weltkrieg – entgegen der isolationistischen Grundhaltung der Bevölkerung – spräche man in Russland heute Deutsch, da bin ich mir relativ sicher. Ohne die US-Truppen in Korea würde das kommunistische Nekro-Regime in Pjöngjang heute über ganz Korea herrschen. Ohne den starken Einfluss der USA wäre auf dem Boden des ehemaligen deutschen Reiches nicht die – meiner Meinung nach – elaborierteste Ausprägung der parlamentarischen Demokratie weltweit entstanden. Es waren vor allem die USA, die die Sowjetunion in Schach gehalten haben; es waren die USA unter Reagan, die der SU die letzten Sargnägel eingehämmert und damit auch das Entstehen von demokratischen Staaten in Osteuropa ermöglicht haben. Es sind die USA, die die expansionistischen Bestrebungen in China eindämmen. Kein Zweifel: Die USA haben weltweit Mist gebaut und ihn in ungeahnte Höhen gestapelt. Wer aber immer nur über die Fehler unserer Kolonie in Übersee klagt, verliert das Gesamtbild aus den Augen.

  4. Wilfried Müller sagt:

    Danke Nils, das ist ein guter Beitrag. Die positive Entwicklung ging bis zum Koreakrieg und z.T. noch bis zur Auflösung des Sowjetimperiums. Aber dann wurde es immer schlechter. Dazu möchte ich nur zwei aktuelle Punkte ergänzen, die mir besondere Kopfschmerzen machen:

    The Pentagon’s ‘Terminator Conundrum’: Robots That Could Kill on Their Own (NYT 25.10.): The United States has put artificial intelligence at the center of its defense strategy, with weapons that can identify targets and make decisions. (Als SZ-Beilage hieß das Future Warfare, Where Robots Do The Killing.)

    Afghanistan: Pentagon bestätigt Tod von Talibanführer (Zeit 5.11.): Das US-Militär hat einen der ranghöchsten Al-Kaida-Führer, Faruk al-Katani, am 23. Oktober mit einer Drohne getötet. Ob auch sein Vize umkam, wird noch geprüft. D.h. sie müssen erst nachschauen, wen sie gekillt haben – das wirft ein grausiges Licht auf die zurünftigen US-Killer-Roboter!

     

  5. Nils Nehrke sagt:

    Du hast eine wesentliche Zäsur in der Geschichte genannt, das Ende des kalten Krieges mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Seitdem hat es international eine Verschiebung von zwischenstaatlichen Kriegen hin zu innerstaatlichen Konflikten gegeben. Auf diese Konflikte fehlt der Weltgemeinschaft eine passende Antwort. Die völkerrechtlichen und zwischenstaatlichen Mechanismen, über die wir verfügen um mit Krisen fertig zu werden beruhen noch auf der Weltordnung nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Diese Ordnung (UNO-Architektur, Stichwort feste Sitze im Sicherheitsrat etc.) entspricht nicht mehr den globalen Verhältnissen und besitzt darüber hinaus schwere Mängel., wie an der Unfähigkeit der UNO, auf den Bürgerkrieg in Syrien zu reagieren gut ersichtlich ist. Die USA suchen durch eine interventionistische Politik eine Lösung gegen diese Entwicklungen. Meiner Meinung nach hat aber gerade der "war on terror" bewiesen, dass sich professionelle, militante Gruppen (nur) so nicht effektiv bekämpfen lassen und sie im Gegenteil gerade durch militärische Interventionen Zulauf verzeichnen können. 

    Der Drohnenkrieg erregt die Gemüter und zum Teil kann ich das verstehen. Allerdings sollte man die Kirche im Dorf lassen. Schon bei der Erfindung der Armbrust gab es Stimmen, die diese Waffe ächten wollten, weil sie dem Kampf die "Würde und Ehre" nehmen würden. Ich glaube, dass der Diskurs über die ethischen Implikationen von Kampfdrohnen oder meinetwegen auch Robotern große Ähnlichkeiten dazu aufweist. Wenn man den Gedanken aber zuende denkt, dann ist ein Kampf Roboter gegen Roboter doch eigentlich das, was wir wollen. Was wäre, wenn das die Zukunft wäre? Wenn Kämpfe zwischen den gefertigten Maschinen ausgefochten würden und nicht mehr zwischen den Menschen? Und wer denkt eigentlich an die Gefahr, der die Soldaten ausgesetzt sind, die man einsetzen muss wenn man auf die Drohne verzichten würde?

  6. Nils Nehrke sagt:

    Nachtrag: Sehr lesenswert zur globalen Entwicklung nach dem Ende des kalten Krieges im Hinblick auf inter- und innerstaatliche Konflikte ist (mal wieder, wie immer) die Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54520/entwicklung-innerstaatlicher-kriege-seit-dem-ende-des-ost-west-konfliktes .

  7. Wilfried Müller sagt:

    Was für den war on terror gilt, galt doch schon für den Vietnamkrieg. Wer Konventionen einhält, ist einem Gegner unterlegen, der sie nicht einhält, das hätte der Lerneffekt sein müssen. Und für einen Humanisten ist der Drohnenkrieg unakzeptabel, zumal er ja auch völkerrechtswidrig ist. Ist der Kampf Roboter gegen Roboter das, was wir wollen? Also meine Vorstellung ist, dass die Roboter für uns arbeiten und sich nicht gegenseitig kaputtschießen. Und erst recht nicht, dass die Leute gewinnen, die die teuersten Roboter bezahlen können.

  8. Nils Nehrke sagt:

    Der Drohnenkrieg ist nicht per se völkerrechtswidrig, und der Vietcong ist nicht der Islamische Staat. Der Vietcong ist der klassische Partisane im Sinne von Carl Schmitt; seine Ziele knüpfen sich an Gebiete, in denen er politische Deutungshoheit gewinnen will. Außerhalb seines angestammten Territoriums hat er keinen Daseinszweck. Der Terrorist (ein Stückweit vergleichbar mit Schmitts "motorisiertem Partisanen") ist da ganz anders gestrickt. Ländergrenzen interessieren ihn ebensowenig wie demokratische oder völkerrechtliche Regeln des Zusammenlebens. Er ist in der Tat frei von allen Konventionen. Aber damit sprichst du ja exakt das Problem an, von dem ich sprach: unsere völkerrechtlichen Regeln, sprich unsere Ordnung der Verrechtlichung internationaler Politik verfügt kaum über nennenswerte Mechanismen gegen die neuen Konfliktformen wie den internationalen Terrorismus.
    Ich habe da ehrlich gesagt auch keine konkrete Idee. Ich glaube, dass man den Terrorismus zuerst überleben und dann ideologisch schlagen muss. Eine Gesellschaft muss beweisen, dass ihr Lebensentwurf besser ist. Das widerstrebt uns zutiefst, und die Selbstzweifel und die Kritik, der wir uns gerade als Mitteleuropäer und als "Westen" nur zu gern aussetzen stehen uns dabei manchmal im Weg. Uns fehlt leider das Selbstbewusstsein, das die Terroristen im Übermaß haben.

    Natürlich hast du recht, wir wollen eigentlich keinen Krieg. Ja, natürlich, und außerdem wollen wir Frieden überall, Brot für die Welt und so weiter und so fort. Ohne zynisch werden zu wollen, aber eine Weile werden wir wohl noch mit Konflikten zu kämpfen haben, und die sollten meiner Meinung nach lieber mit Robotern geführt werden als mit Menschen.

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