Paul Thiry d’Holbach: Ein Liebenswürdiger Atheist und Ethiker. Von Siegfried R. Krebs

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Die Religion hat den Verstand des Menschen immer mit Finsternis erfüllt und ihn in Unkenntnis seiner wirklichen Pflichten und wahren Interessen gehalten…"  So wird d'Holbachs Resumee von Siegfried R. Krebs zitiert. Der Kulturwissenschaftler & Journalist hat den d'Holbach-Artikel am 10.7. auf seiner site Freigeist Weimar publiziert.

Paul Thiry d’Holbach: Ein Liebenswürdiger Atheist und Ethiker

WEIMAR. (fgw) Paul Thiry d’Holbach (1723-1789), Autor klandestiner atheistischer und aufklärerischer Schriften, Mäzen und Kopf von Holbachs Coterie, der konsequenteste und radikalste Philosoph der französischen Aufklärung… Der von Heiner Jestrabek nun vorgelegte Band gibt eine Einführung in Leben und Werk des deutsch-französischen Naturwissenschaftlers, Philosophen und Verfassers von religionskritischen Werken. Holbach begründete zudem eine neuzeitliche Ethik des aufgeklärten weltlichen Hedonismus. Der Herausgeber geht ferner der Rezeptionsgeschichte und den Gründen für die Aktualität der Holbachschen Gedanken nach.
 

Diese Edition enthält zwei heute nur schwer zugängliche und neu bearbeitete Schriften d'Holbachs: „Die Heilige Seuche oder natürliche Geschichte des Aberglaubens" (1768) und „Der gesunde Menschenverstand oder Natürliche Gedanken gegen übernatürliche Ideen nach Jean Mesliers Testament" (1772). Seine radikal-religionskritischen Schriften waren Mitte des 18. Jahrhunderts Zeit in ihrer Konsequenz, Eindringlichkeit und Logik einmalig und haben bis heute keine Entsprechung gefunden. Zu Unrecht ist dieser Philosoph bis heute noch viel zu wenig bekannt. Vielleicht kann ja Jestrabeks Arbeit das ändern helfen.

In einem ausführlichen Vorwort stellt der Herausgeber zunächst den Verfasser der beiden Schriften, den familiären Hintergrund, seinen Lebensweg und Einsatz für die Aufklärung vor. Paul Jakob Dirre (frz. Paul Thiry) später geadelt und Baron Thiry d' Holbach genannt, wurde am 8. Dezember 1723 in Edesheim in der Rheinpfalz geboren und starb am 21. Januar 1789 in Paris, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand.

Ab 1748 lebte d'Holbach in Paris, erwarb die französische Staatsbürgerschaft und die Zulassung als Anwalt. Er praktizierte aber nie, sondern führte aufgrund ererbten immensen Vermögens ein Leben als Privatgelehrter: Zunächst als Übersetzer und produktiver Mitautor an Diderots „Enzyklopädie", dann ab den 1760er Jahren als Verfasser zahlreicher philosophischer und religionskritischer Bücher. „Seine Motivation", so der Herausgeber, „war getragen von praktischem Humanismus, dessen Haupthindernis er im religiösen Fanatismus und Aberglauben sah." (S. 20) Allerdings konnten aufgrund der Zensur diese Bücher zu Lebzeiten d'Holbachs nur unter Pseudonymen und falschem Verlagsort erscheinen.

Jestrabek benennt d'Holbachs Weggefährten ebenso wie seine Widersacher, er geht prägnant auf seinen Materialismus und politischen Radikalismus ein sowie auf sein „ethisches Argument" in Auseinandersetzung mit der Theodizee und auch mit Rousseau.

Der Herausgeber wendet sich abschließend dem Erbe der Aufklärung zu und stellt die Frage: „Auf welche Traditionslinie der historischen Aufklärungsbewegung sollten wir uns berufen?" (S. 37)

Auf den Idealismus von Kant u.a. oder auf den philosophischen Materialismus von Marx u.a.? Jestrabek ist allerdings kein idealistischer Verklärer des sogenannten Marxismus-Leninismus, sondern kritischer Betrachter der Geschichte der Arbeiterbewegung.

Und so schreibt er. u.a.: „Müßte demnach nicht der 'Marxismus' in allen seinen Strömungen, eigentlich unvoreingenommen der Fortsetzer und Bewahrer der Tradition der französischen Materialisten sein? Dies trifft aber nicht selbstverständlich zu. Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren zunehmende Distanzierungen mancher 'Marxisten' gegenüber der Religionskritik festzustellen. (…) So zieht sich also wie ein roter Faden durch die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus – ob undogmatischer, sozialdemokratischer oder parteikommunistischer Richtung – eine Auseinandersetzung zweier Richtungen in der Frage der Religionskritik." (S. 42)

Insbesondere geht er dabei auf Plechanows Metaphysik ein und er schreibt auf den Seiten 44 bis 47, dies sei doch etwas ausführlicher zitiert, unter den Überschriften „Rechristianisierung" und „Holbach-Rezeption":

„Plechanows Metaphysik ist ein gutes Beispiel für einen weit verbreiteten 'Ökonomismus' innerhalb der linken Bewegung, begleitet von einer Überbewertung der 'Bewegung', Voluntarismus, undialektischem metaphysischem Denken – was auch zu einer Entideologisierung und schließlich zum Phänomen einer Rechristianiserung der Linken geführt hat. Sowohl Liberalismus als auch Sozialismus waren in ihren Anfängen revolutionär und stellten die herrschenden Ideologien in Frage, waren kirchen- und religionskritisch. Religionskritik verbanden sie mit Toleranz in den eigenen Reihen und der politischen Forderung nach staatlicher Neutralität (Laizismus, Trennung von Kirche und Staat). Dies waren feste Bestandteile von Parteiprogrammen liberaler und sozialistischer Parteien.

Mit Regierungsbeteiligungen erlahmte die Radikalität der Linken, konservative Atheorie stellte sich ein. Das Phänomen einer Rechristianiserung setzte vermehrt ein nach dem II. Weltkrieg. Eine an Denkfaulheit grenzende Gleichgültigkeit ideologischen Fragen gegenüber hielt Einzug. Die Begründungen hierfür reichen vom Hinweis, Religionskritik lenke von wichtigeren Fragen ab, bis hin zur These, die Religionsfrage erledige sich sowieso von alleine, wenn die Partei die Mehrheit erlangen würde.

Eine scheinhumanistische Terminologie des Klerus wurde für wahr angenommen und half, deren finanzielle und sonstige Privilegien sogar noch wesentlich zu erweitern. Schließlich äußert sich diese Rechristianiserung in der völligen Aufgabe sogar von demokratischen Minimalforderungen, wie der Trennung von Staat und Kirche und der Abwendung von jeglicher Ideologiekritik, bis hin zu offener Gegnerschaft zum Freien Denken.

Dies geht so weit, daß durch linke Parteien eine offen klerikale Politik gefördert wird, laizistische Positionen von opportunistischen Politikern aufgegeben werden,z. B.: Das Grundsatzprogramm der SPD von Bad Godesberg 1959 markierte ebenfalls eine Abkehr von laizistischen Positionen. Neuerdings geht auch die LINKE diesen Weg im Jahr 2016: Papstplakate der LINKEN in der Pfälzer Heimat Holbachs und ein im politischen Amt vorgetragener christlicher Fundamentalismus und Förderung klerikaler Privilegien durch des ersten LINKEN Ministerpräsidenten Thüringens, Bodo Ramelow. (…)

Eine weltliche Ethik des aufgeklärten Hedonismus. Wäre diese Perspektive nicht auch etwas für uns im 21. Jahrhundert? Angesichts der noch immer andauernden religiösen Verdummung, Wiederaufleben von religiösen Fundamentalismus und Religionskriegen? (…) Radikale Aufklärung tut not. Unsere zunehmend multikulturellen Gesellschaften benötigen hierbei Laizismus und säkulare Kultur. Die historischen Schriften des radikalen Menschenfreundes Paul Thirry d'Holbach könnten uns dabei begleiten."

Dem ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen!

Die beiden Schriften d'Holbachs wiederzugeben und näher vorzustellen, das würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Deshalb müssen hier Kapitel-Überschriften und Stichworte genügen. Aber allein diese dürften schon auf den vollständigen Wortlaut neugierig machen.

Zu nennen wären aus „Die heilige Seuche" vor allem die Abschnitte 1 („Ursprung des Aberglaubens. Die Furcht ist seine Ursache."), 2 („Von den verschiedenen Religionen. Es kann keine wahre Religion geben."), 4 („Vom Priestertum"), 5 („Von der Theokratie oder dem Priesterregiment"), 6 („Unzertrennlichkeit der Tyrannei und des Aberglaubens"), 9 („Von der Religionsduldung. Sie verträgt sich mit keinem einzigen Religionssystem."), 10 („Einfluß der Religion auf die Moral. Die Religion kann nicht ihre Grundlage sein."), 13 („Der Aberglaube verwirrt und zerstört die wahren Begriffe von Tugend. Natürliche Grundsätze der Moral.") und schließlich 15 („Unmöglichkeit, den Aberglauben zu reformieren oder zu verbessern. Wirksame Mittel, die man ihm entgegensetzen kann.")

D'Holbach klassifiziert in dieser Schrift sämtliche Religionen als Aberglaube und beleuchtet die seinerzeit bekannten etwas genauer. Warum und wie sind Religionen entstanden? Welchen Nutzen hatten sie einst in archischen Zeiten, warum sind sie später degeneriert, aber nicht verschwunden? Vor allem aber nennt er die Priesterkaste(n) und deren absolutes Herrschaftsstreben beim Namen. Außerdem weist er darauf hin, daß alle sogenannten Werte – wie Barmherzigkeit oder Nächstenliebe – schon lange vor dem Christentum und sogar weltweit entstanden sind.

„Der gesunde Menschenverstand" wirft insgesamt 206 Stichworte auf, in denen er sich logisch und argumentativ mit den gängigen Behauptungen und Schwurbeleien der Priester und Theologieprofessoren auseinandersetzt.

Hier nur das letzte Stichwort, d'Holbachs Resumee: „Die Religion hat den Verstand des Menschen immer mit Finsternis erfüllt und ihn in Unkenntnis seiner wirklichen Pflichten und wahren Interessen gehalten. Nur durch die Vertreibung der Wolken und der Phantome der Religion werden wir Wahrheit, Vernunft und Moral finden. Die Religion lenkt uns von den Ursachen der Übel und den Heilmitteln, die die Natur verschreibt, ab. Statt sie zu heilen, verschlimmert, vervielfältigt und verewigt sie sie. Laßt uns mit dem berühmten Lord Bolingbroke anmerken, daß 'die Theologie die Büchse der Pandora ist. Und wenn es unmöglich ist, sie zu schließen, so ist es zumindest nützlich, die Menschen zu informieren, daß diese fatale Büchse offen ist.'" (S. 248-249)

Eigentlich bräuchte es hier und heute keiner weiteren religions- und kirchenkritischen Bücher, denn Paul Thiry d'Holbach hat bereits vor rund 250 Jahren schon alles gesagt. Obwohl ganz im Stil seiner Zeit geschrieben, sind beide Bücher auch den Heutigen nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich verständlich. Man sollte sie also lesen und verbreiten.

Danke, lieber Heiner Jestrabek, für diese Neu-Edition!

 

Siegfried R. Krebs

 

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Der liebenswürdige Atheist Paul Thiry d'Holbach: Heilige Seuche & Gesunder Menschenverstand. 256 S.m.Ill. brosch. Edition Spinoza im Verlag Freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2016. 15,00 Euro. ISBN 978-3-922589-62-4

Link zum Originalartikel bei Freigest Weimar

 

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