Wie man der noodle das bobblen austreibt

image_pdfimage_print

noodle-1278581_1280Geneigte wissenbloggt-Leser kennen die Rabulistik mit noodle = Verstand und bobble = hervortanzen (Bild: scheese, pixabay). Der Anlass ist traurig, aus dem diese Vokabeln wieder strapaziert werden. Beschrieben ist es in dem Artikel Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat (Blätter für deutsche und internationale Politik 8/16). Dort führt die promovierte Politik- und Geschichtswissenschaftlerin Britta Ohm beredte Klage über einen Bildungsnotstand, der vielfach unbekannt ist.

Es ist die Neuauflage der Story vom Betteldozenten, über die wb hier referiert. Der Leser weiß gar nicht, worüber er sich mehr ärgern soll, über die Unfähigkeit der Jobcenter, einen adäquaten Job für hochqualifizierte Wissenschaftler anzubieten, und die daraus folgende Entqualifizierung, mit der die Betroffenen in Call-Center geschickt oder zur Sekretärin umgeschult werden.

Oder über die verfehlte, dilettantische Hochschulpolitik, von der junge Wissenschaftler ins finanzielle Elend gestürzt werden. Plakativ bezeichnet die Autorin sie als "Requisiten in einer Image-Kampagne der Bundesregierung". Die vielzitierte Exzellenzinitiative mit dem "Wettbewerb um die besten Köpfe" soll die Bundesrepublik zur Bildungsrepublik machen – aber dahinter steckt eher Realitätsverlust als eine Erfolgsgeschichte.

Der Bildungsstandort Deutschland ist demnach eine große Illusion. Was sich unter dem Exzellenz-Label eröffnet, ist ein untaugliches System, das sein herangezogenes Potential im großen Stil verschleudert und das volkswirtschaftlich Harakiri betreibt.

Wie das geschieht? Indem es sich de facto weigert, seinen Bildungsauftrag zu erfüllen. Seit Jahren klagen die Wissenschaftler darüber, dass der Flut der Studenten (Mantra „Wir brauchen mehr Studierende, wir brauchen mehr Akademiker“) keine entsprechende Flut von Investitionen in das Bildungssystem gegenübersteht. Speziell die Nachwuchswissenschaftler werden behandelt "wie der letzte Dreck" (Professorenwort).

In dieser unserer Bildungsrepublik gibt es massenhaft unbezahlte Lehre. Studenten werden weitgehend unentgeltlich ausgebildet, weil die jungen Dozenten einfach nicht bezahlt werden. Bei den Bildungsinvestitionen liegt der "Bildungsstandort Deutschland" seit Jahren auf dem drittletzten Platz der OECD, also unter 30 Ländern. Das macht sich bemerkbar in der Bedrohung der akademischen Existenz der post docs und Dozenten. Sie leben in einem Zustand von unbezahlter Lehre, unsicheren Drittmitteln und ausschließlich befristeten und immer kürzer laufenden Projekt- und Mitarbeiterinnenstellen. Nur wer eine Professur bekommt, kann diesen Zumutungen entkommen.

Das akademische Proletariat schlägt sich daher mit Fragen herum wie: Wie lange läuft Deine Stelle/Dein Projekt noch? Was machst Du dann? Wie willst Du das schaffen? Was für eine Scheiße alles.

Es brodelt hinter den Kulissen. Die Nachwuchswissenschaftler, die auf die Exzellenzinitiativen hereingefallen sind, können ihren prekären Status bis zur Rente voraussehen. Wer keine Professur bekommt, bleibt ohne finanzielle Basis. Da nutzen auch die Juniorprofessuren nichts; 2/3 dieser Stellen wurden trotz positiver Evaluation nicht in eine Professur überführt. Damit vertreibt man das hochqualifizierte Personal, und es landet wie z.B. die Autorin Ohm im Jobcenter.

Ohms Kritik an der Exzellenzinitiative ist fundamental: Es wurde ja kein zusätzliches Budget für die besten Forschungsideen bereitgestellt, sondern es gibt nur noch 1 Etat, um den sich alle keilen müssen, wenn sie für die nächsten paar Jahre überhaupt noch eine Ausstattung mit Forschungsbudget und befristeten Stellen bekommen wollen – Survival of the Fittest goes University.

Das hat fatale Folgen für den Wirkungsgrad. Die Hochschullehrer verbringen ihre Zeit damit, Anträge zu stellen, wobei die kalkulatorischen Arbeitskosten für die Antragstellung durchaus über den Fördersummen liegen können – das ist mit "extrem geringer volkswirtschaftlicher Effizienz" noch freundlich umschrieben. 

Die Autorin spricht von unglaublichen Mengen an sinnloser Zeit, die dieses System beim Schreiben und Beurteilen dieser inhaltsleeren Antragsprosa frisst. Das paradoxe Ergebnis: Zeit und Geld werden dafür verschwendet, befristet angestellte Forscher nicht mit ihrer Forschung zu beschäftigen, sondern mit Anträgen auf Forschung, die wahrscheinlich nie stattfinden wird.

Wo solche Bürokratie triumphiert, erzeugt sie die massenhafte Produktion nicht-abgeschlossener eigentlicher Forschung, kombiniert mit gigantischer Vergeudung von Infrastruktur, die unter dem Exzellenz-Etikett eingerichtet wird und brachliegt, sobald das Etikett weiterwandert.

Was Wunder, wenn sich unter solchen Prämissen keine Belege für bessere Forschungsergebnisse nachweisen lassen. Die "besten Köpfe", welche die Fördergelder einwerben, brillieren mit nichtssagendem Antragsjargon, der mit hippen Termini um sich wirft, sich mit endlosen Literaturverweisen absichert und die zu erwartenden Ergebnisse der Forschung schon im Vorfeld herbetet.

Dann kann nix schiefgehen, nur dass Innovation und Originalität verdrängt werden von vorauseilendem Gehorsam und "monetärer und publikatorischer Quantität". Bei der Einwerbung von Mitteln zählt die Anzahl der Veröffentlichungen ohne Bezug zum Inhalt, da zählt der Betrag der vorher schon eingeworbenen Drittmittel ohne Bezug zum Inhalt. Eine pervertierte Situation, an die sich die Betroffenen fatalerweise schon gewöhnt haben. Sie brodeln nur heimlich vor sich hin, wenn sie nicht gar die Schuld fürs Unter-die-Räder-kommen bei sich selber suchen.

Noch mehr von Ohms starken Worten zum Stand der Dinge: "Abdriften in die reine Quantifizierung von Forschung", "sinnentleertes Stieren auf Zahlen und Statistiken", "eine ganze Industrie von zeitraubenden Evaluationen und Re-Evaluationen". Dem freien Denken und Nach-Denken, dem Risiko des Noch-nicht-Wissens wir die Luft abgedrückt, aber gerade diese Dinge machen die Forschung aus.

Unter dem modischen Label der Interdisziplinarität wird der "akademische Kannibalismus" befördert, also statt wissenschaftlicher Konkurrenz die ökonomische Vernichtungskonkurrenz zwischen den Disziplinen. Aber nur den Naturwissenschaftlern und Technikern steht der Ausweg offen, in die Wirtschaft auszuweichen. Die Geistes- und Sozialwissenschaftler können nur in die prekären Regionen der Jobszenerie abwandern.

Für die gibt's im Jobcenter die Fortsetzung der exzellenten Qualifizierung mit anderen Mitteln. Dort wird die Entqualifizierung erzwungen, die Auslöschung der akademischen Existenz. Zum Wohl der Arbeitslosenstatistik landen sie im "Unterbauch der Mindestlohn-(Re-)Produktion".

Abhilfe ist nicht in Sicht. An den Unis gibt es nur Aktionismus, wo die reihenweise aus dem System rausgekegelten Juniorprofessoren durch Tenure Professuren ersetzt werden sollen – dasselbe Elend in neuem Gewand. Ohms Gleichnis dazu: Es ist, als nehme man einem Kind immer wieder den Teddy weg, um ihn dann jedes Jahr ein bisschen abgefranster wieder unter den Weihnachtsbaum zu legen – in der Erwartung, dass es nichts merkt (Bild oben: condesign, pixabay).

 

Weitere Links:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Politik, Wissenschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten auf Wie man der noodle das bobblen austreibt

  1. Wilfried Müller sagt:

    Gerade gesehen: Das Thema aus der Sicht der Zeit. Privatdozenten – Eine Frage der Lehre (18.8.): Er jobbt in einem Café, weil er wie die meisten Privatdozenten von Unis nicht bezahlt wird. Doch Günter Fröhlich will nicht länger vom Trinkgeld seiner Studenten leben. Der Philosophieprofessor aus Regensburg klagt jetzt …

  2. uwe hauptschueler sagt:

    "Aber nur den Naturwissenschaftlern und Technikern steht der Ausweg offen, in die Wirtschaft auszuweichen. Die Geistes- und Sozialwissenschaftler können nur in die prekären Regionen der Jobszenerie abwandern."

    Bisher war ich der naiven Meinung ein Studium sei primär dazu da dem Studierten eine Berufsausbildung fürs wirkliche Leben zu verschaffen. Wenn dies bei denGeistes- und Sozialwissenschaften nicht so ist, sollte bei der Studienberatung von einem Studium solch brotloser Künste abgeraten werden.

  3. w-blogger sagt:

    @Uwe Hauptschüler: In Bayern zumindest werden die Weichen in Richtung Geistes"wissenschaften" schon auf den Gymnasien gestellt: D, Reli und mehrere Sprachen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit; die naturwissenschaftlichen Fächer kann man m.W. bis auf Mathe in den höheren Klassen alle abwählen. Diese krasse Fehlsteuerung des KuMi wird seit Jahrzehnten nicht korrigiert. 

  4. uwe hauptschueler sagt:

    Ähnliche Verhältnisse muss es hier in NRW auch schon gegeben haben. Einer meiner Lehrer lästerte gerne über einen Sportstar mit der Bemerkung: Mit Singen, Hüpfen und Beten das Abitur gemacht. Wenn in anderen OECD Ländern die Arbeitslosenquote höher als in Deutschland ist, liegt dies möglicherweise auch daran, dass es dort zu viele Akademiker und zu wenig Handwerker gibt.

  5. Hoimrdengr sagt:

    > die naturwissenschaftlichen Fächer kann man m.W.
    > bis auf Mathe in den höheren Klassen alle abwählen.
    >
    Nein, man muss sogar Abitur machen, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Abitur_in_Bayern_(G8)#F.C3.A4cher
    Und mit den Fremdsprachen ist es auch nicht soweit her, da gefuehlt 90% ihre Pulver mit Latein verschiessen um dann ausser Englisch nix sprechen koennen.

  6. Hoimrdengr sagt:

    Ok ok, ich krieg nicht mal korrektes Deutsch hin. Editfunktion waere cool…

  7. Wilfried Müller sagt:

    Würd ich gern spendieren, aber ich glaube, word press gibt keine Editorfunktion für gepostete Kommentare her. Bin aber immer bereit, über die admin-Funktion helfend einzugreifen wenn gewünscht.

  8. Wilfried Müller sagt:

    An deutschen Universitäten gibt es viel prekäre Beschäftigung. 160 000 wissenschaftliche Mitarbeiter haben nur halbe Stellen, fast 100 000 Lehrbeauftragte arbeiten de facto für 3 Euro die Stunde, Doktoranden müssen mit Brosamen-Stipendien durchkommen, Privatdozenten lehren zum Nulltarif. Die Studenten wissen nichts davon, und in den aktuellen Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst der Länder, spielt das Thema keine Rolle. Der Niedriglohnsektor kommt in der Logik der Vollbeschäftigten und der ihrer Gewerkschaften nicht vor.

    Doch jetzt tut sich was. Hochschulen – Der Mittelbau macht mobil (SZ 5.2.): Hungerlöhne im Universitätsbetrieb sind ein Skandal, über den viel zu lange viel zu wenig gesprochen wurde. Doch nun regt sich Widerstand. Ein Gastbeitrag von Peter Grottian, Professor im Unruhestand.

    Am letzten Januar-Wochenende machte der akademische Mittelbau mobil, viele Drittmittelangestellte, Doktoranden, Stipendiaten und Lehrbeauftragte wollen sich die Situation nicht mehr gefallen lassen. 150 wissenschaftliche Mitarbeiter aus 25 Universitäten gründeten in Leipzig das "Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft" – ausgerechnet in der theologischen Fakultät:

     

    Gründung eines bundesweiten Netzwerks von Hochschulinitiativen

    Pressemitteilung 21.01.2017

    Abschaffung der Lehrstühle gefordert
    Bundesweites «Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft» gegründet

    Mit den zentralen Forderungen, das Sonderbefristungsrecht in der Wissenschaft abzuschaffen sowie das deutsche Lehrstuhlprinzip durch demokratische Departmentstrukturen zu ersetzen, endete der Gründungskongress des Netzwerks für Gute Arbeit in der Wissenschaft am 21.01.2017 in Leipzig. Erstmals ist damit eine bundesweite Plattform geschaffen, über die bereits bestehende Initiativen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihre Forderungen kollektiv in die Öffentlichkeit und an die Politik richten können.

    Über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von 34 Hochschulen und Forschungseinrichtungen – darunter wissenschaftliche Mitarbeiter/innen, Lehrbeauftragte, Privatdozent/innen, wissenschaftliche Hilfskräfte, studentische Beschäftigte – gründeten das «Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft».

    Zuvor fand am Freitag, dem 20. Januar 2017, eine Tagung zum Thema «Alternativen zur prekären Beschäftigung an deutschen Hochschulen» statt. Durch den Blick auf andere Hochschulsysteme und Wissenschaftskulturen weltweit wurden Vorbilder für eine positive Entwicklung der Personalpolitik deutlich gemacht. Denn Teilzeit, Befristung und Unvereinbarkeit mit Familienleben sind kein Naturgesetz. In fast allen Ländern ist der Anteil befristeter Verträge in der Wissenschaft deutlich geringer als in Deutschland. Zudem gibt es flachere Hierarchien und mehr Zusammenarbeit in der Wissenschaft auf Augenhöhe. Für solche Belange wird sich das Netzwerk in Zukunft kämpferisch engagieren.

    Ansprechpersonen:
    Mathias Kuhnt – TU Dresden
    Mobil: 0176 2059 0002
    Mail: mail@mittelbau.net

    Peter Ullrich – TU Berlin
    Mobil: 0176 5671 4036
    Mail: ullrich@ztg.tu-berlin.de

    Einladung zur Mittelbaukonferenz

    Leipzig | 21. Januar 2017
    Theologische Fakultät, Martin-Luther-Ring 3

Schreibe einen Kommentar