Schwul in Istanbul

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„Na und“ würden wir zu diesem Titel mit Recht sagen. Jeder soll schließlich so leben, wie es ihm gefällt. Und das ganze „Gender-Getue“ ist schlicht unnötig wie ein Kropf am Hals. In dieser Beziehung ist West-Europa schon längst aufgeklärt. Ausnahmen finden sich allenfalls in den hinlänglich bekannten Publikationen wie z. B. dem „Schwarzen Kanal“ (Politically Incorrect), in denen häufig primitivstes Homo-Bashing betrieben wird.

In diesem Beitrag möchte ich über ein lesbisches Paar in Istanbul erzählen und mich überhaupt über die Situation der Homosexuellen dort auslassen. Wer Istanbul das erste Mal sieht, ist begeistert und auch erstaunt über die vielen Gesichter der Stadt. Eine uralte Megapoli, vormals Byzanz / Konstantinopel, die Griechen bezeichnen heute noch Istanbul „Konstantinopoli“. Der Name Istanbul kommt von Islam bol und erinnert an die Bemerkung von Fatih Sultan, dem Eroberer, das Byzanz nicht mehr christlich sei, sondern voll der Religion des Propheten, also wörtlich übersetzt: „voll Islam“.

Die Knabenliebe war bei den alten Griechen und auch bei den nachfolgenden Sultanen am Hof, ein sehr beliebter Zeitvertreib. Man sollte nicht vergessen, dass der jüngere Bruder des späteren Fürsten Vlad III., bekannter unter dem Namen Fürst Dracula, zusammen mit seinem Bruder am türkischen Hof des Sultans als Geisel lebten. Der jüngere Bruder hieß Radu der Schöne und war einer der Lieblinge des Sultans. Wie man an diesem historischen Beispiel sieht, war dies im Serail keine „exotische Lustbarkeit“ sondern gang und gäbe.

Mit der Geschichte von meinem unglücklichen Paar möchte ich daran erinnern, dass in der heutigen Türkei,  verschlimmert durch den in den letzten Jahren leider erstarkten religiösen Fanatismus und Nationalismus, das Leben der Minderheiten, egal ob es ethnische, religiöse oder auch Menschen, die in ihrer sexuellen Orientierung eben anders sind, das Leben zunehmend zur Hölle gemacht wird.

Man wird es nicht glauben. Die Türkei war in den 60er, den 70er und den 80er Jahren wesentlich liberaler und prowestlicher ausgerichtet als heute. Diese fatale Entwicklung haben wir unter anderem der Fetullah-Gülen-Bewegung zu verdanken. Die Auswirkungen der dauernden Indoktrination sind leider zu sehen, wie das negative Beispiel von Sibel Üresin zeigt. Man kann darüber nur den Kopf schütteln.

Meine beiden Ladies, dessen Identität ich natürlich nicht preisgeben werde, stehen stellvertretend mit ihrem Leben für hunderte anderer Pärchen: Wie kommen sie zurecht?

Ganz einfach, sie verstecken ihre Neigung so gut es geht. Außerdem gibt es in der türkischen Gesellschaft so eine Art, ja wie kann man es am besten bezeichnen, ich nenne es mal „schizoides Verhalten“, das eine heimliche Beziehung von 2 Frauen akzeptiert, natürlich verspottet, aber diesen Frauen nichts antut. Die Beziehung von zwei Männern ist dagegen etwas anderes. Verrückt, nicht wahr? Diese Homo-Beziehung wird sanktioniert und auch gesellschaftlich geächtet, dass den betroffenen Männern sogar der Ehrenmord droht. Es ist absolut zum Haare ausraufen.

Ich muss ganz ehrlich sagen, mir geht das nicht in den Kopf und ich will es eigentlich gar nicht verstehen.

Das Leben dieser beiden Frauen ist geprägt von Notlügen und Versteck spielen. Wenn sie ihre Familien besuchen, dann wissen nur die engsten Familienangehörigen oder auch nur ganz enge Freunde von ihrer Neigung. Sie leben zusammen und wenn die Nachbarn mal neugierig nach ihrem Leben oder ihrer Sulale / Familie fragen, dann antworten sie: Ja sie haben Familie und die eine davon war schon mal verheiratet aber es wird verheimlicht, dass sie von ihrem Mann geschieden wurde. Die andere hatte gar nicht geheiratet. So leben nun diese beiden Frauen in einer Art Schicksalsgemeinschaft zusammen und hoffen jeden Tag und beten deswegen auch fleißig zu „Allah“, dass sie ihr Leben in Ruhe fortsetzen können. Es ist tragisch. Bei großen Familienfesten erscheinen beide nur getrennt in ihren Familien. Es soll ja nichts an die Öffentlichkeit kommen. Der  Nachbarschaft erzählt man dann, dass man in enger Freundschaft und wie Geschwister zusammenlebt und sich deswegen gegenseitig hilft. Zwei Frauen sind schließlich keine Gefahr, vor allem, wenn sie schon älter sind und nicht mehr so jung und knusprig.

Die beiden Frauen kämen auch gar nicht auf die Idee, sich einem Imam anzuvertrauen, schließlich würde dieser Würdenträger die Frauen sofort ermahnen und ihnen bei Strafandrohung der Dschehenna, die Rückkehr zu einem „normalen Leben“ befehlen. Dieser Kerl hätte absolut kein Verständnis, geschweige denn den Intellekt dazu.

Bei Männern ist die Lage noch wesentlich schwieriger. Manche vertrauen sich dem Imam an und sind tatsächlich verzweifelt über ihre Neigung, weswegen es auch zu Suiziden kommt. Ich habe mich mal mit einem Betroffenen unterhalten: er hatte sich auch dem Imam anvertraut. Der Imam sagte ihm, er solle auch einen Psychiater und Nervenarzt aufsuchen und sich behandeln lassen. Zusätzlich solle er den Koran studieren und seine 5maligen Gebete besonders inbrünstig ausführen. Wenn er dies befolge, dann helfe ihm Allah hundertprozentig. Auf die Idee wie die katholischen Ärzte in Deutschland, Homosexuelle durch Homöopathie zu heilen (siehe Homohomöopathie), sind die Imame allerdings noch nicht gekommen. Außerdem solle er so schnell wie möglich heiraten und eine Familie gründen. Das, so meinte der Imam zusätzlich, könne ihm auf den richtigen Weg helfen.

Das Tragische an dieser Geschichte ist aber folgendes: Dieser junge Mann hatte geheiratet und eine Familie gegründet, hatte sämtliche Ratschläge des Imam befolgt, aber es hat nur eine kurze Zeit lang genützt und die eigentliche Neigung kam eruptiv durch. Er ließ sich scheiden und verließ seine Familie. Wo er heute lebt, weiß niemand.

In der großen Schwulen-Szene in Istanbul leben viele der Betroffenen sehr gefährlich. Sie sind Freiwild für die türkische Macho-Gesellschaft und etliche bezahlen immer wieder mit ihrem Leben. Die Polizei macht keinen Hehl aus ihrer Verachtung für die Leute und dementsprechend sind ihre so genannten „kriminologischen Untersuchungen“ sehr schlampig. Aber wenn dann einer von den Schwulen zu einem großen Künstler aufsteigt, dann wird er verehrt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Bülent Ersoy oder an den ebenso unvergessenen, aber leider verstorbenen Zeki Mürren. Diese Frauen/Männer sind und waren großartige Sänger und Musiker. Ihre Schauspiel-Karriere war ein bisschen, na ja, drollig. Aber als Musiker waren sie unvergleichlich. Bei Bülent Ersoy war der Weg auch recht steinig. Er hatte schon als Mann ein sehr feminines Aussehen und hat sich dann Jahre später in London zu einer Frau umwandeln lassen. Dass er dies öffentlich gemacht hatte, ist schon klasse und mutig an sich. Die Türkei hat ihm sogar nach der Geschlechtsumwandlung eine Zeitlang die Einreise verweigert, die dann später natürlich wieder zurückgenommen wurde.

Eine kleine Anmerkung am Schluss:

Meine persönliche Erfahrung und Meinung ist die, dass die Türkei sich sehr weit entfernt hat was Fortschritt und Toleranz angeht. Ich befürchte sogar, dass es in Richtung einer Theokratie hinausläuft wie im Iran. Es wäre gut, wenn meine Befürchtungen nicht einträten, aber die Erfahrung zeigt mir keine Alternative. Auch wenn Istanbul noch Boomtown ist: Wer weiß wie lange, und was kommt danach? Inshallah das Beste…..

Es gibt aber auch immer wieder Türken, die mit hohem persönlichen Einsatz für die Rechte der Homosexuellen in der Türkei eintreten: „Wir haben die Eier, es laut zu sagen“ berichtet das Magazin Café Babel und weiter:

Die Homophobie in der Türkei habe Fälle physischer und sexueller Gewalt zur Folge. Die Morde an mehreren Transsexuellen und Transvestiten seien beunruhigende Entwicklungen, stellt der Bericht der EU-Kommission von 2009 über die Erweiterung und den Beitritt der Türkei fest. Trotzdem gibt sich die Schwulenszene in Istanbul zunehmend offener. An der Gay Pride 2010 nahmen in diesem Jahr 5.000 Leute teil; die erste Transgender-Parade fand im Juni statt. Wir haben zum ersten Geburtstag der Schwulenbar mit einem der Gründer des Frappé Istanbul gesprochen: … 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

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3 Antworten auf Schwul in Istanbul

  1. Ertan sagt:

    Habe schwule Freunde, die in Istanbul leben. So schlimm wie du es dargestellt hast ist es gar nicht. In Deutschland wird man auch schief angeschaut oder kann Prügel bekommen, wenn man händchenhaltend durch die Stadt läuft.

  2. Dr. Frank Berghaus sagt:

    #24 Ertan am 21. Juni 2011 um 13:17

    Zunächst einmal herzlich Willkommen bei uns auf wissenbloggt.

    Die Situation der Homosexuellen in Istambul oder Ankara ist ohne Zweifel erheblich besser als auf dem "platten" Land. Doch wenn die absehbare Islamisierung weitergeht, wird es bald auch in den Städten wohl immer ungemütlicher werden – das ist eine realistische Befürchtung.

  3. Dr. Frank Berghaus sagt:

    Ich begrüsse ganz herzlich diejenigen, die via Facebook zu diesem Artikel gefunden haben.

    Stöbern Sie in Ruhe weiter – hier gibt es noch mehr :-)

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