Himmel und Hölle aus Expertensicht

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himmel_und_hoelleDas Hüpfspiel Himmel und Hölle wird fachsprachlich auch Hickelkasten genannt. Statt theoretischer Anleitungen ist das Prinzip nebenan leicht fasslich wiedergegeben (SupapleX, Wikimedia Commons).

Eigene Beobachtungen besagen, dass die Hüpferei den Kindern niemals langweilig wird. Um so überraschender kommt die tiefschürfende Aussage Himmel und Hölle sind euch zu langweilig? Das sagen andere Religionen über den Tod (ze.tt 7.10.)

Die site ze.tt firmiert als Partner von ZEIT ONLINE und hat von daher Zugang zu höherer Bildung. Doch soweit können die hüpfenden Füße gar nicht tragen, dass sie in den Bereich von Religion und ewigem Leben vordringen. Dafür muss man schon die Bodenhaftung verlieren – wohlan, lassen wie ze.tt voranhüpfen.

Objekt der Überlegungen ist das Jenseitige. Himmel oder Hölle, Paradies auf Erden, Geisterwelt oder Unsterblichkeit: Unterschiedliche Glaubensrichtungen haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was nach dem Tod passiert. Die Auswahl der betrachteten Religionen stammt von ze.tt.

Christen

Rational nachvollziehbar ist keine davon, sagt der Autor ze.tt, und er liefert auch gleich ein Beispiel für das nicht rational Nachvollziehbare. Er meint nämlich, es würden sich immer noch fast 60% der Deutschen dem Christentum zugehörig sehen, weil  knapp 60% von ihnen Mitglieder der evangelischen oder römisch-katholischen Kirche sind.

Die wüssten, was nach dem Tod auf sie zukommt, befindet der Autor. Der christliche Gott unterscheide zwischen Menschen, die moralisch gut handeln und nach dem Tod glücklich an Gottes Seite im Himmel leben oder aber schlecht sind und für alle Ewigkeiten im Höllenfeuer schmoren.

Nach den Beobachtungen von wissenbloggt kann man den meisten aufgeklärten Menschen mit sowas nicht mehr kommen. Realistisch gesehen glaubt das vielleicht noch ein harter Kern von 10% oder 20%. Die Karteileichen abgezogen, dürfte der Anteil der Christen in Deutschland auch schon unter 50% liegen.

Zeugen Jehovas

Weiter mit dem Referat über den Artikel. Der hat abseits der fünf Weltreligionen unzählige weitere Religionen, Weltanschauungen und Mythologien ausgemacht, die sich im Lauf der Zeit entwickelt haben. Es gibt sogar welche mit ironischem Hintergrund, und manche haben Inhalte, die wie Persiflage wirken, aber ernst gemeint sind. Alle haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben nach dem Tod.

Die Zeugen Jehovas glauben z.B. nicht an eine unsterbliche Seele. Bei ihnen haben die Menschen nach dem Tod nur zwei Möglichkeiten: ewiges Leben oder ewiger Tod. Und zwar baldmöglichst, denn die Zeugen Jehovas glauben, dass bald Harmageddon kommt, die endzeitliche Entscheidungsschlacht im „Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“. Da werden die bösen Menschen vernichtet, und nur die guten Menschen überleben, die nach den göttlichen Regeln der Zeugen Jehovas gelebt haben.

Solche treuen Diener Gottes dürfen für ewig im Paradies auf Erden leben, wo es keine Tränen mehr gibt, keine Gewalt und keine Krankheiten. Immerhin gibt's keine Hölle für die vernichteten Ungläubigen, sondern die bleiben für immer tot. Die Zeugen Jehovas lehnen Mord und Selbstmord ab, denn damit verringert sich die Chance auf das Paradies. Manche von ihnen lehnen wichtige Operationen ab, mit der Argumentation, es lohnt sich nicht, weil sie eh bald wieder auferweckt werden und ins Paradies auf Erden kommen.

Mormonen

Die Mormonen nutzen das Buch Mormon zusätzlich zur Bibel als Glaubensgrundlage. Das hat ein selbsternannter Prophet namens Joseph Smith, jr. laut mormonischer Überlieferung im Jahr 1827 im Westen des US-Bundesstaates New York gefunden und übersetzt. Smith und seine Nachfolger sprechen nach eigener Aussage jede Woche mit Jesus (Ergänzung wb).

Im Mormonentum ist der Tod auch nicht das Ende. Der Körper verwest, aber der Geist gelangt in eine Art Geisterwelt mit zwei Zuständen – dem Paradies und dem Gefängnis. Vor dem Gericht Gottes wird der Geist dann mit einem unsterblichen Körper wiedervereinigt und darf in einem von mehreren Reichen der Herrlichkeit ein glückliches Leben führen.

Verstorbene können in Form lebender Stellvertreter getauft werden, um auch ihnen das ewige Leben im Himmel zu ermöglichen. Qualifiziert ist, wer mehr als ein Jahr tot ist, oder vor mindestens 110 Jahren geboren wurde. Auf den Namen kommt es nicht so sehr an, Hauptsache, alle werden erlöst und finden einen Platz im Haus Gottes. Die Vorstellung einer Hölle wird abgelehnt, in der die Menschen in Feuer und Schwefel endlos leiden. Das ist mit dem mormonischen Verständnis von einem liebenden Gott nicht vereinbar.

Satanismus

Der Satanismus hat mehrere Strömungen. Der Urvater des modernen Satanismus war Aleister Crowley, der Verfasser der Satansbibel, die ihm von einer außerirdischen Intelligenz namens Aiwass im Jahr 1904 diktiert wurde. Crowley wuchs in einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus auf. Er hegte eine Abneigung gegen des Christentum, das ihm zu streng und fromm und unterdrückend war. Als Gegenströmung zum Christentum gründete er 1920 auf Sizilien seine neureligiöse Bewegung „Thelema“.

Die Mitglieder sollten auf Grundlage der Satansbibel in Freiheit und Liebe leben. Statt Angaben zum Leben nach dem Tod, stehen in der Satansbibel Ausführungen zu einem schrankenlosen Leben mit lustvollem Sex zu – notfalls auch auf Kosten anderer: „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz“ sagt die Satansbibel, und „Der Mensch hat das Recht all diejenigen zu töten, die ihm dieses Recht zu nehmen suchen“.

Himmel und Hölle spielen keine Rolle, es gilt vielmehr, die eigenen Wünsche im Hier und Jetzt auszuleben und sich nicht unterdrücken zu lassen. Wehe, wenn doch, dann ist Mord  das probate Mittel, um sich zu wehren. Also Selbstverwirklichung notfalls mit Gewalt. Andere Varianten des Satanismus' unterstützten das und sagten auch, um den Tod müsse man sich nicht kümmern. Angst vor dem Tod wäre ganz normal, das hätten Tiere schließlich auch.

Satanisten glauben nicht an ein Leben nach dem Tod und halten das eine Leben, das wir haben, für zu wertvoll, als dass es verschwendet werden dürfe. Ihr Ziel ist ein erfülltes Leben, ihre Taten werden in denjenigen weiterleben, die von uns betroffen sind. Es gibt allerdings nur wenig Satanisten. Wie auch bei Scientology sind die Zahlen rückläufig – Zulauf gibt es nur bei Esoterik und Atheismus.

Scientology

Scientologen glauben laut an sehr viel. Zum Beispiel an die Geschichte des galaktischen Herrschers Xenu, der seine überschüssige Bevölkerung vor 75 Millionen Jahren zur Vernichtung auf die Erde brachte, und dazu versenkte er damals ein paar Wasserstoffbomben in Vulkanen. Außerdem zwang der böse Xenu Hunderte von Milliarden entkörperter Seelen, 36 Tage lang einen „dreidimensionalen superkolossalen Film“ anzusehen.

Und nach dem Tod? Was dann passiert, ist ähnlich obskur. Gemäß Scientology-Auffassung besteht der Mensch aus drei Teilen: dem sterblichen Körper, dem Verstand und dem Thetan. Mit Thetan ist eine Art unsterbliche Seele gemeint, die immer wieder geboren wird und viele Leben durchläuft. Dabei ist das Ziel des Menschen, die Fähigkeiten vergangener Leben wiederzuerlangen. Dafür muss der Thetan erstmal „clear“ sein. Durch körperliche und geistige Reinigungsprozesse wird er zuerst sauber gemacht, und wenn er clear ist, muss er über 15 OT-Stufen („Operating Thetan“-Stufen) bis zur völligen Befreiung trainiert werden. Die höchste Stufe bedeutet, der Thetan wird zur „Ursache von Materie, Zeit, Energie und Raum“. Dann kann er seinen Körper verlassen, um sich einen beliebigen neuen zu suchen und mit dem zu leben; oder er kann auch ohne Körper durch die Galaxis reisen.

Wer das schafft, ist ein gottgleicher, unsterblicher Übermensch. Hernieden auf der Erden hat das nur ein einziger geschafft: der Gründer von Scientology, L. Ron Hubbard. Z.Z. ist (der weitgehend schimmerlose Science-Fiction-Autor, wb) gerade in anderen Galaxien unterwegs. Der berühmteste Scientology-Anhänger heißt Tom Cruise und befindet sich auf der Stufe OT-7; derzeit ist OT-8 die höchste Stufe, die man auf dem Planeten Erde erreichen kann.

Jedismus

Den Jediismus gibt es tatsächlich als Religion, Sekte bzw. Selbsthilfegruppe. Der Autor nennt ihn eine Lebenseinstellung, die sich mal mehr, mal weniger an den Orden der Jedi aus der „Star Wars“-Saga anlehnt. Auch im echten Leben hat der Jedismus eine Anhängerschaft, und Millionen von Fans bezeichnen die Bewegung als Religion oder als religiöse Philosophie. Das Objekt ihres Glaubens ist kein Gott, sondern eine nicht-personifzierte, allumfassende „Macht“, die das Universum zusammenhält.

Man weiß nicht, wieviel Menschen tatsächlich an die karmaähnlichen Strömungen der „Macht“ glauben. Bei einer tschechischen Volksbefragung wurden mehr als 15.000 Anhänger des Jediismus gezählt, und in Australien ist er eine eingetragene Religion.

Und nach dem Tod? Darauf geht der „Star Wars“-Autor George Lucas mit seinem Jediismus nicht ein. Es gibt daher unterschiedliche Antworten zum Leben nach dem Tod. Beipielhafte Aussagen: „Nach dem Leben zerfallen wir wieder zu Staub.“ „Nach dem Sterbeprozess ist nichts mehr vom Bewusstsein übrig.“ „Man sei dann einfach so nicht-existent (=tot), wie vor der Geburt auch.“ Aber es ist auch von der Vervollkommnung die Rede, ähnlich der buddhistischen Vorstellung vom Sein nach dem Tod.

Im Film können die Jedis Gegenstände per Telepathie bewegen und die Gedanken von anderen kontrollieren. Das können die selbsternannten Jedis nicht. Aber sie wollen zumindest ein gütiges Leben führen, so der Artikel, und für Frieden und Harmonie in ihrem Umfeld sorgen. Der Autor findet das schon mal besser als so manche andere Bewegung, die offiziell anerkannt wird.

Fliegendes Spaghettimonster

Ursprünglich wurde "der Glaube an das Fliegende Spaghettimonster" in den in den USA entwickelt. Er sollte die Gegenbewegung zum Kreationismus sein, der die darwinsche Evolutionstheorie ablehnt. Die Anhänger der Bewegung nennen sich Pastafari, und sie stehen für die religiöse Freiheit und die Werte von Aufklärung und Humanismus. Sie wenden sich gegen die kreationistische Auffassung des Intelligent Designs und dessen Einbindung in den Schulunterricht als "wissenschaftliche Tatsache". Für die ironisch-kritische Religion ist das Ziel die Förderung wissenschaftlicher Weltanschauungen. Nach dem Tod wartet auf die Pastafari ein (nicht ernstgenommener, wb) Platz im Pasta-Himmel, inklusive Stripperfabrik und Biervulkan.

Unterschiede zwischen natürlichem Tod, Mord oder Suizid gibt's es keine. „Tot ist tot“, heißt es. wobei noch kein einziger Mord im Namen der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters begangen wurde. In Deutschland ist der Verein mit Sitz in Templin seit 2012 als Weltanschauungsgemeinschaft anerkannt.

Säkularer Humanismus

Säkularer Humanismus wird von als "keine Religion, im Gegenteil: Es ist das Fehlen eines Glaubens." Daher halten Vertreter der humanistischen Lebensauffassung auch nicht viel von einem Leben nach dem Tod. Nach atheistischer Auffassung enden mit dem biologischen Tod die körperlichen Prozesse, die den Menschen zum selbständigen denkenden Lebewesen machen. Die  psychischen Funktionen sind an das Funktionieren des menschlichen Körpers gebunden und mit dessen Sterben beendet.

Der Mensch ist immer auch ein gesellschaftliches Wesen. Die Verkörperungen und Bilder einer verstorbenen Person wirken nach dem Tod in gesellschaftlichen Prozessen weiter, auch wenn der Körper wieder zu Staub wird. Der Artikel zitiert den HVD-Präsidenten Frieder Otto Wolf mit einer etwas missratenen Aussage zur Abhängigkeit von psychischen und körperlichen Funktionen, sowie den HVD-Pressesprecher Arik Platzek mit der ebenfalls etwas schrägen Aussage, wir würden wieder zu Sternenstaub.

Dann wird noch der IBKA-Pressesprecher Rainer Ponitka zitiert: „In dem Moment, in dem jemand glaubt, dass nach dem Tod etwas Spezifisches geschehe, wird dem das schlecht auszureden sein. Ich halte das erst mal für nicht gefährlich. Im Gegensatz zu Personen, die glauben, sie werden durch Selbstmordattentate oder Mord besonders belohnt. Solange es eine unschuldige Träumerei bleibt, kann so eine Vorstellung für manche auch ganz schön sein.“

Etwas fundiertere Vorstellungen zum humanistischen Weltbild finden sich in wissenbloggt unter DIE HUMANISTEN.

 

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4 Antworten auf Himmel und Hölle aus Expertensicht

  1. Saco sagt:

    Natürlich muss ein Sacco hier sein Veto einlegen. Man weiß nicht, was man glaubt. In aller Regel jedenfalls nicht. Ich meine, der Höllenglaube ist ebenso recht flächendeckend vorhanden, wie tief verdrängt, da die Vorstellung eines einem persönlich zugedachten ewigen KZs so unangenehm ist. Und ein Kirchenaustritt macht einen Kinderglauben nicht weg. Freud und Nietzsche stuften sich als Atheisten ein und werden noch heute so gehandelt. Und doch waren sie im Innersten tief gläubig. Freud fiel in Ohnmachten, wenn ihn diese Angst vor der Hölle überkam (http://www.frank-sacco.de/die-kostenfreien-bücher-hier-online/die-neurose-der-psychiatrie/11-war-freuds-kastrationsangst-höllenangst-ja/). Und Nietzsche ging in eine 10 Jahre währende scheußliche Mischung aus tiefster Depression und Psychose (http://www.frank-sacco.de/die-kostenfreien-bücher-hier-online/das-sacco-syndrom/nietzsche-kirche-hitler/). Als Test, ob man an Hölle glaubt, oder nicht, habe ich den Kierckegaard Test erfunden. Der darf nur nach spezieller Ausbildung durchgeführt werden, geht es doch um das Seelenheil. Eine heikle Angelegenheit also. 

  2. Wilfried Müller sagt:

    Sacos Umschreibung der Hölle als "ewiges KZ" sagt alles – Eine Stimme von der IH korrigiert die Angaben des Artikels zum Satanismus: Nicht Aleister Crowley ist der Verfasser, sondern die Satansbibel stammt von Anton LaVey. Gut zu wissen.

  3. Saco sagt:

    Die Bezeichnung KZ für die Hölle stammt übrigens vom Schweizer Autor Hürlimann. Ich hätte den Bezug nicht gemacht, denn: Ich will ja nicht in die Hölle….

    Doch im Ernst. Das KZ der Christen hat keinen rettenden Elektrozaun. Unter Hitler seis besser gewesen als es unter Jesus sein wird, meint dann auch zum Schrecken all unserer Kinder der kirchentreue Autor Hans-Werner Deppe in seinem Buch "Wie wird es in der Hölle sein?". Das Buch ist Pflichtlektüre!

     

  4. Wilfried Müller sagt:

    Aber ein anderer Spruch ist Original Saco: Heute ist hier der Teufel los. Es gibt ihn also wirklich.

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