Diskrepanzen und Defizite in USA und Deutschland

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Diskrepanzen gibt's bei der argumentativen Aufarbeitung der US-Wahl, und die Defizite sind es, die dabei untergehen. Oder anders gesagt, die Medien arbeiten sich gern an den falschen Themen ab, und sie vergessen darüber wirklich wichtige Themen wie die gewaltigen Defizite bei der Gerechtigkeit.

Das soll hier anhand von ein paar Links und einem stupenden Video ausgeführt werden. Schon lange vor der US-Wahl wurde das Stichwort geliefert, z.B. im Artikel Geld und Politik in den USA – "Der amerikanische Traum ist ausgeträumt" (n-tv 18.4.): Sehr vielen Amerikanern geht es sehr schlecht, während es einigen wenigen sehr gut geht. Der amerikanische Traum, dass man es aus eigener Kraft und ohne staatliches Zutun schaffen kann, längst ausgeträumt. Für Deutschland und andere Länder gilt das genauso, und da liegt die Diskrepanz zur öffentlichen Wahrnehmung.

Für die USA ist das sogar optisch aufbereitet: Das Vermögen in den USA, Ideal und Wirklichkeit (brilliante Visualisierung). So heißt das Video von dem texanischen freelance filmmaker Politizane, Wealth Inequality in America 2012 in der Übersetzung von Dirk Hannemann. Wer sich das anschaut, bekommt die Diskrepanzen und Defizite eindringlich vorgeführt.

Der Kapitalismus lebt von dem Versprechen: Sei fleißig und tüchtig, dann schaffst du es – und das ist inzwischen eine Lüge. Fleiß und Tüchtigkeit garantieren gar nix mehr. Nach 40 Jahren Deregulierung haben wir in Deutschland keine soziale Merktwirtschaft mehr, und in den USA ist der American dream geplatzt. Um es auf sozialistisch zu sagen: Die reichen Ausbeuter und die armen ausgebeuteten Massen sind Realität.

Eine willkürlich ausgewählte Liste von Artikeln bringt Details dazu, erst zu den USA, dann zu Deutschland. Dass einige Quellen ihre Informationen reißerisch darstellen, entwertet diese nicht, solange sie sich z.B. auf das U.S. Census Bureau beziehen:

  • Dieser Artikel ist quasi die Fortführung des Videos – Poor America: 7 In 10 Americans Have Less Than $1,000 In Saving (Zero Hedge 10.10., basierend auf USA Today): Last year, GoBankingRates surveyed more than 5,000 Americans only to uncover that 62% of them had less than $1,000 in savings. Last month GoBankingRates again posed the question to Americans of how much they had in their savings account, only this time it asked 7,052 people. The result? Nearly seven in 10 Americans (69%) had less than $1,000 in their savings account. Breaking the survey data down a bit further, we find that 34% of Americans don’t have a dime in their savings account, while another 35% have less than $1,000. Of the remaining survey-takers, 11% have between $1,000 and $4,999, 4% have between $5,000 and $9,999, and 15% have more than $10,000.
  • 21 Facts About The Explosive Growth Of Poverty In America That Will Blow Your Mind (The Economic Collapse 2.11.15): 47 Millionen US-Amerikaner leben in Armut, 46 Millionen besuchen die Tafeln, 1,6 Millionen Kinder schlafen in öffentlichen Behelfseinrichtungen, 65% aller Kinder leben in Haushalten, die irgendeine Form von Unterstützung bekommen, aber 0,1% der Amerikaner an der Spitze besitzen soviel wie die unteren 90%.
  • Viele versinken in Schulden – Drowning In Debt: 35% Of Americans Have Debt That Is At Least 180 Days Past Due (Zero Hedge 5.10.): We truly are a “buy now, pay later” society.  We were the wealthiest and most prosperous nation on the entire planet, and previous generations handed us the keys to the greatest economic machine in world history, but that wasn’t good enough for us. We always had to have more, more, more – and now we have accumulated more debt than any society in the history of the globe. It is inevitable that this giant debt bubble is going to burst.  Anyone with an ounce of common sense can see that.
  • NYC Homelessness Surges To The "Highest Levels Since The Great Depression" (Zero Hedge 5.10.). Hier geht es um die Obdachlosen in New York, von denen es so viele gibt wie noch nie.
  • Es gibt sogar immer mehr Zeltstädte, Tent Cities Full Of Homeless People Are Booming In Cities All Over America As Poverty Spikes (Zero Hedge 13.9.):  … more than half a million people are homeless in America right now, but that figure is increasing by the day.  And it isn’t just adults that we are talking about.  It has been reported that that the number of homeless children in this country has risen by 60 percent since the last recession, and Poverty USA says that a total of 1.6 million children slept either in a homeless shelter or in some other form of emergency housing at some point last year.
  • Hunger and the social catastrophe facing America’s youth (die trotzkistische World Socialist Web Site 13.9.): Two reports released this week cast a sharp light on the social catastrophe in the United States and its impact on America’s youth: “Impossible Choices: Teens and Food Insecurity in America” (Urban Institute) and “Bringing Teens to the Table: A Focus on Food Insecurity in America” (Feeding America).
  • Viele US-Amerikaner haben keinen Arbeitsplatz mehr und finden keinen neuen. Der Unmut dieser Menschen ist verständlich, und dass sich ihr Zorn gegen das politische Establishment richtet, ist berechtigt. Die US-amerikanische Politik hat wirklich wenig für sie getan. Die Reintegration arbeitsloser Menschen in den Arbeitsmarkt findet praktisch nicht statt, und es gibt ebensowenig staatlich finanzierte Weiterbildungsmaßnahmen wie einen funktionierenden Sozialstaat, zudem gibt die Regierung relativ wenig Geld für eine aktive Arbeitsmarktpolitik aus (das bei 10 Bio. Schulden in 8 Jahren). Die Folgen belegt der Artikel Machtverschiebung in den USA – Der Niedergang von Obamas Partei in 5 Grafiken (Neue Züricher Zeitung 15.11.): Die Wahl Donald Trumps hat die amerikanischen Demokraten in einen Schock versetzt. Aber ganz überraschend ist die Niederlage nicht. In den acht Jahren demokratischer Herrschaft hat die Partei auf allen Ebenen an Rückhalt verloren. Am besten zeigt die letzte Kurve, was passiert, wenn die Demokraten eine neoliberale Politik machen.
  • Die andere Arbeiterklasse (der Freitag 3.10.): Die Fight for 15$-Bewegung zeigt, dass die amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter mehr sind als die verzweifelte Wahlklientel Donald Trumps. … Über Nordamerika breitete sich die zunächst als völlig absurd betrachtete Idee des existenzsichernden Mindestlohns aus: Seattle, San Francisco und New York führten per Gesetzt eine Verdopplung des Mindestgehalts ein. Zum Vergleich nennt der Freitag den in Deutschland durchgesetzten Mindestlohn von 8,50 Euro/Stunde.

Ein kleines Kontrastprogramm dazu: Meet California's 218,667 Public Employees Making Over $100,000/Year (Zero Hedge 15.11.): This spring, at Forbes, we exposed 50,000 Illinois public employees earning six-figure salaries who cost taxpayers $8 billion. In California the numbers are exponentially larger:  218,667 employees making six-figures who cost $35 billion. For example, Illinois has 72 ‘city managers’ out-earning every governor of the 50 states. But, in California, the salaries of 171 assistant city managers average $201,550! Das sind an die 100 $ pro Stunde für die Leute mit Vitamin B.

bertelsmannyouthunemploymentrateAndere Artikel zeigen, dass die Lage in Deutschland und anderen europäischen Ländern nicht viel besser ist, wenn man vom besser funktionierenden Sozialhilfe- und Gesundheitssystem absieht.

  • Bertelsmann-Stiftung: Mehr Menschen in der EU trotz Vollzeitjobs von Armut bedroht (ZEIT ONLINE 14.11.): Weniger Arbeitslosigkeit führt laut einer Studie nicht zu sinkendem Armutsrisiko. Deshalb sei auch die Legitimität unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bedroht. Die Studie ist einzusehen unter Social Justice in the EU – Index-Report 2016. Aus der Studie stammt die Grafik zur EU-Jugendarbeitslosigkeit, einem der größten Defizite, wo Deutschland ausnahmsweise ganz gut abschneidet.
  • Armut – Die neue Not (Süddeutsche Zeitung 17.10., geblockt): Die Tafeln versorgen demnach 1,5 Millionen Kunden mit Lebensmitteln – und nun stellen sich auch noch 280.000 Flüchtlinge an. Die Konkurrenz ängstigt viele, die schon lange angewiesen sind auf den Überfluss eines reichen Landes. 920 Ausgabestellen gibt es in Deutschland, und die reichen kaum mehr.

Jetzt noch eine konstruktive Abhandlung zum Thema Verteilungsgerechtigkeit (der Freitag 11.11.): Ein Plädoyer Wie entwickelt sich die Wohlstandsverteilung in Deutschland und welche Alternativen gibt es, auch unter Berücksichtigung des ökonomischen Anreizsystems?

Der Artikel von Gedankenprotokolle listet die heimischen Diskrepanzen und Defizite auf, das reichste Zehntel unserer Gesellschaft besitzt 66,6%, die reichsten 0,1% besitzen 23% des Vermögens. Den reichen Familiendynastien mit ihren Milliardeneinkommen steht ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft gegenüber, der am Existenzminimum lebt, und diese Kluft ist In keinem anderen Staat der Euro-Zone größer. Dazu wird auf einen älteren Artikel verwiesen,  Vergleich in der Euro-Zone Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland am größten (SPIEGEL ONLINE 26.2.14): Laut einer DIW-Studie sind die Vermögen in keinem Euro-Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Der durchschnittliche Besitz von Arbeitslosen hat sich seit 2002 fast halbiert.

Eine Erklärung vom Bundesbildungsministerium besagt, es "entscheidet in keinem anderen Industriestaat die sozio-ökonomische Herkunft so sehr über den Schulerfolg und die Bildungschancen wie in Deutschland."  Also auch hier ist der Traum vom Aufstieg ausgeträumt.

Der Autor kann sich ein Gesetz zur Höhe von Löhnen vorstellen, nach dem Löhne innerhalb eines Unternehmens nicht weiter auseinander liegen dürfen als Faktor 10. Mehr Besteuerung wäre auch eine Lösung, und eine Rente ohne Betrachtung der Einkommenshöhe: Die Gutverdienenden sind finanziell ohnehin schon besser aufgestellt. Das würde den Konsum heben und den Binnenmarkt stärken.

Das Prinzip Güterverteilung nach Leistungsfähigkeit sei unsolidarisch, irrational und ökonomisch unvernünftig. Weil die Medienlandschaft sich zum großen Teil in Händen der reichsten Familien Deutschlands befinde, leiste sie seit Jahrzehnten gute Arbeit beim Widerstand gegen solche Reformen.

Wenn ein Kommentar von wissenbloggt erlaubt ist: Auch viele andere würden Widerstand leisten, wenn's um die Abschaffung vom Prinzip der Güterverteilung nach Leistung geht. Was da aus dem Blick gerät, ist ein anderes Defizit: Die Güterverteilung nach Leistung gibt's ja kaum noch, seit der unverdiente Reichtum Einzug gehalten hat. Das Schlimme ist eben, dass die meisten Reichen einfach bloß an den richtigen Stellen zum Abgreifen sitzen, und dass viele überhaupt nix zum Gedeihen der Realwirtschaft beitragen. Ganz im Gegenteil, die destabilisieren unsere Finanzwelt mit ihrer Abzocke.

Als letztes ein Abschweif in die Niederungen der realen Agendasetzung, an der sich zeigt, wie weit weg die Politik vom Volk sein kann. Merkel urges Germans to stay 'open-minded' (REUTERS 14.11.). Demnach forderte Kanzlerin Merkel die Deutschen auf, weiterhin für ein aufgeschlossenes Land einzutreten. Als Antwort auf Donald Trumps Verurteilung der deutschen Willkommenskultur als "Irrsinn" bringt die Kanzlerin ihre Klischees von "Karten auf den Tisch", "Flagge zeigen" und Grundrechte für alle, unabhängig von Religion, Land, Sex, Geschlecht. Und – unausgesprochenermaßen – unabhängig von der Frage, wer das bezahlen soll.

Das sei es, was uns leitet, das sei es, wofür wir stünden.

Also die Kanzlerin und auch Vizekanzler Gabriel mögen dafür stehen –  aber andere machen sich mehr Gedanken um den Sinn von Grenzöffnungen und vernünftigem Einsatz begrenzter Mittel. Die Diskrepanz in diesem Fall ist, dass die Kanzlerin wieder grün-linke SPD-Politik vertritt und damit der AfD Vorschub leistet.

Und dass die nicht mal thematisierten Lasten völlig selbstverständlich von den Ausgebeuteten bezahlt werden sollen. Nicht einen Gedanken verschwendet die Kanzlerin daran, wie man den unverdienten Reichtum heranziehen kann, um die sozialen Aufgaben zu lösen.

Das Plakat von qpress trifft es auf den Punkt:

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2 Antworten auf Diskrepanzen und Defizite in USA und Deutschland

  1. Nils Nehrke sagt:

    Wenn die Welt doch nur so einfach wäre..

    Den (wechselnden) Regierungen der USA und Deutschland die Schuld in die Schuhe zu schieben ist eine naheliegende Option. Die Bevölkerungen beider Staaten teilen sich die Verachtung für ihre politische Kaste – zu Recht, zu Unrecht. Nach der Lektüre von Piketty's "Kapital im 21. Jahrhundert" und Acemoglus / Robinsons "Warum Nationen scheitern" halte ich einerseits wachsende Ungleichheit für einen Beinahe-Automatismus einer jeden menschlichen Gesellschaft, da ist die kapitalistische keine Ausnahme. Wenn die Erträge, die angelegtes Kapital erbringen das Wirtschaftswachstum übersteigen, also am besten Geld mit Geld verdient, dann muss die Gesellschaft in Schieflage geraten; kommen erschwerend noch exklusive politische und wirtschaftliche Institutionen hinzu, beschleunigt sich der Prozess. Ein probates Mittel gegen diese Ungleichheit ist zweifelsohne Krieg – je totaler, desto gleicher ist die Gesellschaft am Ende. Das ist kein Zynismus. Wer die Bekämpfung der Ungleichheit zum obersten und einzigen Motto erhebt, kann sich über den Krieg nur freuen, wenn nämlich alle alles verlieren.

    Stattdessen könnte man auch mit Frankfurt fragen, warum eigentlich Ungleichheit schlecht ist. Anstelle zu fragen "Habe ich genauso viel wie mein Nachbar?" könnte ich mir auch die zugegebenermaßen schwer zu beantwortende Frage stellen: "Wieviel brauche ich, um glücklich zu sein?". Die Frage kann sich jeder selbst stellen und sich über die Ergebnisse wundern. Wer keine Antwort findet, wirft mal einen Blick in Nussbaums Befähigungsansatz und fragt sich, ob das vielleicht eine sein könnte. Als Leitlinie für zukünftige Hartz IV Reformen und Diskussionen über ein bedingungsloses Grundeinkommen fände ich es keine schlechte Idee, sich "Die Grenzen der Gerechtigkeit" unters Kopfkissen zu legen.
    Die europäische wie auch die amerikanische Gesellschaft könnten einen wohldurchdachten "New Deal" gut vertragen.

  2. Wilfried Müller sagt:

    In diesem Artikel geht es nicht um einfach oder nicht, sondern um ein Hauptthema, das im Wahl-Hype nach dem Ausscheiden von Bernie Sanders unterging. Wie die Schuld zuzuschreiben ist, hab ich ausführlich in Reload 1970 angehandelt. Diesen wb-Artikel zur Deregulierung habe ich etwas upgedated, und ich bringe ihn morgen nochmal neu.

    Wenn wachsende Ungleichheit ein Beinahe-Automatismus ist, dann sind wohl auch die folgenden Revolutionen ein Automatismus. Wenn die Armen zu arm und die Reichen zu reich werden, dann knallt's. Ich stimme Nils zu mit der Schieflage der Gesellschaft, wenn Geld am besten mit Geld verdient wird. Verrückterweise ändert die Geldschwemme das gerade, und das große Geld kommt jetzt aus Immos, Aktien und der Abzocke mit Derivaten.

    Nils' Aussagen zum Krieg sind bedenkenswert, aber ich würde mich trotzdem über friedliche Änderungen freuen. Wenn die Ungleichheit so groß wird, dass sich das Prekariat ausbreitet und Aufstiegschancen verschwinden, ist bei mir die Diskussion darüber zuende, wie schlecht Ungleichheit ist – dann ist es einfach zuviel. Dann hab ich auch mit Nussbaums Befähigungsansatz nix mehr im Sinn, sorry. Ein New Deal ohne vorherigen Crash wäre natürlich schön …

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