Wunschhelplinge

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In der Zeit findet man wirklich die interessantesten Artikel. Einer davon spricht von Wunschhelplingen und heißt Dienstboten: Danke, ich bin bedient (ZEIT ONLINE 17.11.): Online-Plattformen schaffen eine anonyme Dienstbotenklasse (deren Mitglieder keineswegs mit dem abgebildeten Experten gleichzusetzen sind).

Die Autorin Julia Friedrichs sieht überall Plakatwände und Flyer, auf denen neue Serviceunternehmen ihre Dienste anbieten: Einkäufe erledigen, Kleidung abholen und reinigen, putzen, ein Menü bis an die Tür fahren. Für Friedrichs heißt das, die Dienstboten sind zurück. Sie nutzt den Service und schämt sich dafür: Und so lege ich jetzt neben all dem anderen Kram manchmal auch Servicekräfte in den Warenkorb.

Für Friedrichs ist es anrüchtig, Dienstboten zu beschäftigen. Sie war sogar schockiert, als sie in Südamerika eine richtge Dienerin kennenlernte. Aus Solidarität wollte sie mit ihr am Dienertisch essen. Andere finden eine Dienerschaft ganz normal, vor allem in Ländern mit viel Armut: Ohne diese Arbeit wären die Diener noch ärmer.

Die Erfahrungen mit den modernen Dienstleistern sind schnell gemacht. Schwupps, wird der perfekte "Helpling" für sie gefunden. Nach Fabiana kamen dann Igor, José Luis, Istvan, Valentina, Pamela. Und die Autorin plagt das schlechte Gewissen, weil sie sich die Namen nicht merken kann – jedesmal kommt ein anderer, der "Wunschhelpling" ist nicht mehr verfügbar.

Bald redet sie selber von Helpling und schämt sich dafür. Beim Buchen verschwendet sie kaum einen Gedanken daran, dass sie da gerade einen Menschen anheuert. Die neuen Dienstboten verbergen sich online unter einer angenehmen Benutzeroberfläche. Die Plattform hält alles "anstrengend Zwischenmenschliche" von den Kunden fern. Noch ein Grund zum Schämen für die Zartbesaitete.

Die lästigen moralischen Fragen nagen an ihr: Wo man sich bedienen lässt, muss gedient werden, wo möglichst günstig geordert wird, wird für niedrigste Löhne geschuftet. Was in den US-Großstädten längst Standard ist, geht in Berlin und München in die Pilotphase. Und es klappt. Lieferung in 1 std, kontrollierbar auf dem Stadtplan im Handy, wo der nahende Dienstbote als Punkt angezeigt wird.

Das macht der Autorin Angst vor der Zukunft. Wird bald alles und jedes von angeheuerten Kräften erledigt? Frühstück bringen, putzen, Batterien austauschen, bis man nichts mehr selber erledigen kann? "Arbeitsteiliger Kapitalismus in Reinform", findet sie, wollen wir das überhaupt?

Es gibt noch Momente des direkten Kontakts mit dem Dienstboten, wenn man die Tür für sie aufmacht, und da merkt Friedrichs, wie peinlich ihr das alles ist. All die Sklaven, die schleppen und putzen und fahren müssen, damit sie ein, zwei Stunden ihrer wertvolleren Lebenszeit gewinnt. Sie will aber nicht in einem Land leben, das nach hochbezahlten Leistungsträgern und Niedriglöhnern differenziert, nach Bedienten und Dienern.

Die ethische Lösung heißt bei ihr, nutze nur die Dienstboten, die du gut behandeln und bezahlen kannst. Wem die Hilfen unter solchen  Bedingungen zu teuer sind, der soll die Arbeit halt selber machen.

Kommentare

Der Artikel hat großen Zuspruch und auch einige Kritik hervorgerufen. Die Kommentare sind weitgefächert und oft sehr lesenswert. Für wissenbloggt war es quasi eine Pflicht, alles durchzuscannen und eine anonymisierte, umsortierte Auswahl hier hereinzubringen.

Besonders treffend meldet ein Kommentar, er beschäftige auch eine Servicekraft. Sie heiße Julia Friedrichs und schreibe ihm Artikel. Er bezahle sie höchst indirekt … Er wisse, er sollte sich seiner Ignoranz schämen, aber es sei ihm relativ wurscht, ob sie dabei über die Runden kommt.

Dienstleistungen ubiquitär

In diese Richtung gehen viele Kommentare: Überall arbeiten versteckt "Dienstboten", für wenig Geld. In Hotelzimmern, Kliniken, Restaurants, Supermärkten, Dritte-Welt-Plantagen und -Produktionshallen. Und wer bringt den Müll weg, wer fegt die Straße, wer fährt Bus und Bahn, wer sorgt für Strom, Wasser, Internet, wer schafft die IT-Dienstleistungen? Und hat die Autorin Probleme damit, sich im Restaurant bedienen zu lassen? Hat sie Probleme, sich im Fachgeschäft bedienen zu lassen? Putzt die Autorin in einem Hotel selbst nochmal schnell durch alle Ecken, bevor sie das Zimmer zurückgibt?

Warum solle sich jemand über den inländischen Pizzaboten große Gedanken machen, während er T-Shirts kaufe, die in asiatischen Textilfabriken zusammengeschraubt sind, und Nahrung esse, die irgendwo auf der Welt zu völlig unbekannten Bedingungen produziert worden ist?

Keine Dienstboten, sondern Dienstleister

Außerdem sind das heute keine Dienstboten mehr, befinden einige Kommentare: Die 24/7 Dienstboten waren de facto Anfang des 20. Jahrh. noch Leibeigene.

Dienen bedeutete in der Zeit dieser Dienerschaft vieles, was auch direkt mit dem Wohnen beim Herrn oder der Dame zu tun hatte. Es hieß, loyal zu sein, verschwiegen, sich keine eigene Meinung zu leisten, es gab kaum eine Möglichkeit, bei schlechten Zeugnissen wieder eine Anstellung zu bekommen oder gegen falsche Aussagen anzugehen usw. Die heutigen "Diener", wie man die Arbeitskräfte mittlerweile polemisch nenne, haben all diese Möglichkeiten.

Nun, es sind Dienstleister und keine Diener. Wie der Mann der den Kabelanschluss einrichtet oder die Pizza bringt. Das sei nicht mit früher zu vergleichen, wo eine persönliche Abhängigkeit von der "Herrschaft" bestand.

Umweltschäden?

Und wie steht's mit der Umweltverträglichkeit? Eine Menge billige Arbeitskräfte herumfahren zu lassen sei umweltmäßig wohl besser? Die Antwort kann tatsächlich positiv ausfallen.

Spezialisierte Dienstleister sind in der Lage, Aufgaben wesentlich effizienter auszuführen als man selbst. Zum Beispiel wird ein Wäschewascher nicht nur eine Waschmaschine anwerfen, sondern gleich mehrere Wäschen parallel durchführen. Ein Pizzalieferant trägt mehrere Pizzen gleichzeitig aus.

(Insgesamt kann die Umweltbilanz der Bringdienste besser sein, als wenn jeder selber einkaufen fährt, Ergänzung wb.)

Zukunft & Vergangenheit

Säter machen's eh die Roboter, ist das Standardargument: Dann wird alles vollautomatisiert mit Drohnen und Robotern abgewickelt werden.

Hierher gehören auch die Erfahrungen, die ein Kommentator mit einem Online-Händler machte, der all das (Gewünschte) liefern konnte, sogar frei Haus. Das ging solange reibungslos (und gedankenlos) von statten, bis sich der unsichtbare Buchhändler zum Händler für Waren aller Art mauserte und ungebetene Angebote machte, "Interesse" wecken wollte. Online ließen sich diese Aufdringlichkeiten nicht aus der Welt schaffen.

Vermeiden lässt sich das Ganze auch anders, wie ein Pragmatiker sagt: Wer putzen lässt -> zieh' in eine kleinere Wohnung, das spart nicht nur Geld für PutzfrauMann sondern auch Miete. Wer öfters Essen liefert lässt -> lern' kochen, du willst nicht wissen, unter welchen Umständen dein Essen vom Lieferservice zubereitet wird.

Eigene Erfahrungen

Viele Kommentare sprechen von eigenen Erfahrungen, und von dem guten Trinkgeld, das sie geben: Diese Jobs seien super für Studenten und Teilzeitkräfte, durch die geschickte Arbeitsverteilung könne man sich aussuchen wann man arbeiten kann/will und die Bezahlung sei durchschnittlich. Schlimm werde es aber dann, wenn Menschen solche Jobs in Vollzeit machen (müssen). DHL-Subunternehmer, die in ihren Transportern schlafen, seien nur eine Ausprägung davon.

Wenn die Arbeiter von vornherein fair bezahlt würden (von ihrem Arbeitgeber), könnten sich viele Durchschnittsverdiener die Dienstleistung nicht mehr leisten bzw. würden darauf verzichten, und diese Jobs würden verschwinden. Sie können nur existieren, weil sie auf Ausbeutung beruhen – das züchte eine neue Lakaienschaft heran, die oft lange in diesen Beschäftigungsverhältnissen stecken bleibe.

Ethische Erwägungen

Damit sind die Fragen schon angesprochen, zu denen es am meisten zu sagen gab. Zur Frage "Wollen wir das?"

Ja, sonst würde es diese Angebote nicht geben. Die freie Wirtschaft, also nicht die Subventionswirschaft, biete ehrliche Leistungen an: Sie bleiben solange im Markt wie sie sich lohnen.

Die Frage sei doch einfach nur, ob die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in Ordnung sind. Wenn da alles passe, sei es doch ok. Schließlich haben wir uns zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt: Immerhin sei es doch besser, wenn die Mittel-/Oberschicht wieder etwas von ihrem Geld abgibt, statt es ausschließlich für Konsumgüter rauszuschleudern oder zu horten.

Und schließlich ist das Argument "Gönnen Sie mir doch meinen Job" geeignet, um einen zum Nachdenken zu bringen. Ja, er kann es sich durch seinen (eigenen besserbezahlten) Job leisten, so manche Handgriffe von jemand anderem erledigen zu lassen. Und er zahle (direkt oder indirekt) auch dafür.

Das Problem liegt nicht darin, bedient zu werden, sondern eher darin, dass immer mehr Dienstleistungen so billig sind, dass man sich frage, wie das wirtschaftlich überhaupt funktionieren kann.

Die Rechnung sei ganz simpel. Fast alles, was man online verlagere oder im Laden selber erledige, gefährde örtliche Arbeitsplätze. Die tollen Online-Platformen beschäftigen kaum Menschen, und Steuern zahlen sie meist auch nicht. Vor allem nicht in Deutschland. Millionen von Menschen in der BRD rennen den ganzen Tag mit der Axt rum und hauen aus Bequemlichkeit den Sozialstaat zu Kleinholz. Weil es ja so praktisch ist.
Währenddessen veröden die Städte.

Z.B. UBER sei nichts Neues, es sei schlichtweg nur das Aufbürden des kompletten sozialen und sonstigen Haftungsrisikos auf den schwächsten in der Kette, den Fahrer und den Kunden.

Diese Sicht führt auch zur Forderung nach dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Eine längere Passage aus einem Kommentar findet diese Worte: Das Problem beginnt dann, wenn die Menschen so niedrig bezahlt werden, dass sie davon kaum leben können. Das Problem setzt sich fort, wenn sich die Auftraggeber als etwas besseres vorkommen und arrogant werden. – Und das wiederum hängt eng damit zusammen, welche Wertschätzung man für seine Mitmenschen entwickelt und damit, was man sich selbst wert ist. – Leider gibt es bei vielen, notgedrungen oder aus zu geringer Selbstachtung, den Hang, sich zu billig zu verkaufen. – Und viele Konsumenten u. Auftraggeber denken nur an sich und nehmen das günstigste Angebot. – Hier haben wir einen weiteren Hinweis auf das Problem: zu viele Wahlmöglichkeiten, die uns überall angeboten u. schmackhaft gemacht werden. – Nun ist diese Entwicklung aber kein Naturgesetz! – Wir, die Bürger, die Wähler, die Menschen, haben es in der Hand, wie wir miteinander umgehen!

 

Links dazu:

Vorwärts nach Downton Abbey? (TELEPOLIS 15.10.): Seitdem die Frau sich ebenfalls in das Erwerbsleben ganztags integrieren muss, existiert hier eine Haushaltslücke, welche das Bürgertum zunehmend durch die Einstellung von Hauspersonal kompensiert.

Links von wb dazu:

 

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