„Im Lichte der Evolution“ von Gerhard Vollmer. Rezension von Gerfried Pongratz

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Dr. Gerfried Pongratz war so freundlich, wissenbloggt diese Rezension zur Verfügung zu stellen. Der Verlag spricht von einem Buch zum Schmökern, in dem man unendlich viel Wissenswertes, Überraschendes, manchmal auch Kurioses erfährt. Es geht dabei um biologische Evolution, aber auch um Evolution in einem weiteren Sinne, manchmal sogar nur im Sinne einer Metapher. Der Rezensent nennt es ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, ein Standardwerk der Evolutionswissenschaften.

Gerhard Vollmer: „Im Lichte der Evolution – Darwin in Wissenschaft und Philosophie“

Ein Opus magnum in jeder Hinsicht; 613 Seiten geballtes Wissen mit tiefgreifenden Erkenntnissen und einer Vielzahl weiterführender Gedanken zu einer der wichtigsten Entdeckungen des Homo sapiens, der Evolutionstheorie!

„Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Lichte der Evolution“ konstatiert 1973 der Biologe Theodosius Dobzhansky. Mittlerweile ahnen wir, dass diese Feststellung nicht nur für die Biologie gilt, sondern für nahezu alle Bereiche der Natur- und Geistesgeschichte, der materiellen und der immateriellen Welt, ja sogar für den gesamten Kosmos.

Gerhard Vollmer, zweifach promovierter Physiker und Philosoph sowie vielfach ausgezeichneter Wissenschaftsautor, Universitätsprofessor und Mitbegründer der Evolutionären Erkenntnistheorie, unternimmt hier den Versuch, alle Disziplinen darzustellen, in denen die Evolution eine wichtige Rolle spielt oder die durch den Evolutionsgedanken deutlich bereichert wurden, auch wenn der Bezug zur Evolution – im engeren oder weiteren Sinn – nicht immer der gleiche ist. Als ausgewiesener Zusammendenker von Wissenschaft und Philosophie zeigt Vollmer, welche Rolle der Evolutionsgedanke in Disziplinen spielt, die sich auf Evolution stützen, wobei er überzeugend belegt, dass die Evolutionstheorie allen Wissenschaften ein fruchtbares Denkmodell bietet. Behandelt werden 58 Disziplinen, wobei die Zusammenstellung vorwiegend Gebiete am Rande und jenseits der Biologie umfasst (die evolutionären Teildisziplinen der Biologie würden für sich allein schon ein dickes Buch füllen). „Die Faszination des Themas liegt vor allem darin, wie der Evolutionsgedanke in nichtbiologischen Disziplinen Fuß gefasst hat.“ (S. 15)

Wie soll man – auch nach Empfehlung des Autors – das Buch lesen? Vor den umfangreichen Anmerkungen gliedert es sich in vier größere Einheiten: Evolution allgemein, evolutionäre Disziplinen in den Wissenschaften, Darwin in der Philosophie sowie evolutionäre Disziplinen in der Philosophie. Auch für Laien gut verständlich, ist es so geschrieben, dass jedes Kapitel für sich gelesen werden kann; klare Gliederungen und Tabellen verleihen zusätzlich Übersicht und erleichtern den Zugang auch zu schwierigeren Themen. „Auch und gerade Außenstehende sollen verstehen, worum es jeweils geht… Neugier allein könnte durchaus genügen… Ich stelle mir deshalb gern vor, dass man in dem Buch schmökert wie in einem Lexikon“ (S. 16).

  • Die Faszination des Buches liegt für den Rezensenten, der noch sehr oft und mit Begeisterung darin „schmökern“ wird, neben dem erschlossenen großen Wissensfundus vor allem in der schier unglaublichen Fülle an Erkenntnissen zur Rolle und Bedeutung der Evolutionstheorie in unterschiedlichsten – auch völlig unerwarteten – Disziplinen und in den dazu disziplinübergreifenden Gedanken des Autors. Die beiden wichtigsten Faktoren der biologischen Evolution, Variation und Selektion, werden dabei biologienah oder auch nur im übertragenen Sinn benützt; als Beispiele für nichtbiologische Bereiche der Evolution werden (S 25, Tabelle 2) 34 Wissenschaftsgebiete beschrieben, die von der Evolution der Atmosphäre, des Gewissens, der Kulturtheorie, Ethik, Musik, Astrophysik, Rechtstheorie, Sexualität, Linguistik, Technik und des Verhaltens bis zur Evolutionären Wissenschaftstheorie reichen. Weitere eindrucksvolle Beispiele enthalten die großen Hauptkapitel „Darwin und die Philosophie“ sowie „Teilgebiete einer evolutionären Philosophie“ oder auch das Kapitel „Evolutionäre Religionswissenschaft“ (S 276), das sich mit der Evolution von Religiosität, mit Neurotheologie, mit Evolutionärer Theologie sowie mit dem Wahrheitsgehalt religiöser Überzeugungen sachlich-kritisch beschäftigt; zudem auch mit Fragen, ob man schriftlose Religionen nachweisen kann, ob Religionen ihrerseits einer Evolution unterliegen, ob Religion nützlich ist und ob Gläubige bessere Menschen sind.

Es würde den Umfang dieser Besprechung bei weitem sprengen, auf alle, oder auch nur auf viele der aufgezeigten Themenbereiche einzugehen, genannt seien deshalb nur einige (von rund 70), dem Rezensenten besonders wichtig erscheinende Kapitel des Buches:

  • In „Übergreifende und vergleichende Evolutionsszenarien“ werden die wichtigsten Wegbereiter der Evolutionswissenschaften beschrieben und z.T. auch zitiert (S 32).
  • In „Evolutionäre Chemie“ (S 75) geht es um die Entstehung des Lebens und um „Evolutionäre Mechanismen“.
  • Im großen Kapitel „Evolutionäre Erkenntnistheorie“ (S 356) werden, ausgehend von der Hauptthese „Denken und Erkennen sind natürliche Leistungen des menschlichen Gehirns und dieses Gehirn ist seinerseits auf natürliche Weise in der biologischen Evolution entstanden“, u.a. Themen wie „Kausalität und Energieübertrag“ sowie Probleme, die von der evolutionären Erkenntnistheorie gelöst werden, aber auch die Fehlleistungen unseres Erkenntnisapparates (inklusive der Argumente für oder gegen „hypothetischen Realismus“), behandelt.
  • Die Frage „Ist Willensfreiheit eine Illusion“ (S 397) wird auf mehreren Seiten in all ihren Aspekten (Determinismus ja oder nein, Verantwortung, Strafrecht etc.) beleuchtet.
  • Das große und ebenfalls sehr bedeutende Kapitel „Evolutionärer Humanismus“ (S 415) widmet sich in zahlreichen Unterkapiteln dem „neuen Humanismus“, wobei der von Julian Huxley als neues Weltbild begründete „Evolutionäre Humanismus“ mit seinen derzeit bedeutendsten Protagonisten – Michael Schmidt-Salomon und Gerhard Engel – besondere Würdigung erfährt.
  • Im Kapitel „Evolutionäre Zukunft“ (S 478) geht es u.a. um Fragen, ob die kulturelle Evolution die biologische abgelöst hat, ob der Mensch heute noch der biologischen Evolution unterliegt (was, eindrucksvoll belegt, bejaht wird), ob sich die Menschheit in verschiedene Arten aufspalten wird (was unwahrscheinlich ist) und ob das Abendland untergehen wird (was, abgesehen vom kosmologischen Ende unseres Planeten, offen bleibt). Die Menschheit bedrohende Gefahren (S 482), Gentechnik, Neuroenhancement und Transhumanismus bilden interessante Unterkapitel und werden tiefgründig erörtert.

In „Ein Art Schlusswort“ (S 491) bündelt der Autor – ausgehend von Charles Darwin, Isaac Newton, Sadi Carnot und Alfred Wallace – die Lehren und daraus zu ziehende Überlegungen sowie die Botschaft des Buches: Die Gesetze der Evolution sind auch auf Bereiche anwendbar, die mit Biologie nichts zu tun haben, wobei es hierbei noch ungeheuer viel zu entdecken und zu erklären gibt. „…Die Welt ist nicht weniger faszinierend, wenn wir sie erklären können… wir dürfen uns über vieles wundern, wir brauchen aber nicht an Wunder zu glauben… zum Glück hat es sich für unsere evolutionären Vorfahren gelohnt, neugierig zu sein….“.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch, ein Standardwerk der Evolutionswissenschaften, das sicher in allen Bücherschränken einschlägig Interessierter seinen Platz finden wird.

 

Dr. Gerfried Pongratz

Im Lichte der Evolution: Darwin in Wissenschaft und Philosophie © 2017, S. Hirzel Verlag Stuttgart, ISBN 978-3-7776-2617-8, € 39.-

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27 Antworten auf „Im Lichte der Evolution“ von Gerhard Vollmer. Rezension von Gerfried Pongratz

  1. Die Prozesse der Evolution sind sehr verwandt mit den emergenten Prozessen. Es gibt allerdings auch wichtige Unterschiede, auf die Vollmer kaum eingeht, weil er offenbar mehr als Philosoph schreibt und weniger als Naturwissenschaftler. Der Begriff Emergenz z.B. kommt im Text seines 600-Seiten-Schmökers nur auf zwei Seiten je einmal vor.

  2. Wilfried Müller sagt:
    Ich habe mir erlaubt, Günters interessante Anmerkung vom Emergenz-Netzwerk hierher zu übertragen. Ein Beitrag von Dr. Günter Dedié:

    Wo Licht ist, ist auch Schatten

    Bild Einband des Buches, bearbeitet
     
    Es gibt bereits zwei ausführliche Rezensionen zu Gerhard Vollmers Im Lichte der Evolution, mit mehr als 600 Seiten einem echten „Opus magnum“. Deshalb beschränke ich mich hier auf einen Aspekt, der trotz der „Überlänge“ des Buches aus meiner Sicht wesentlich zu kurz gekommen ist: Die Rolle der nichtlinearen, emergenten Prozesse in der Evolution und darum herum. Diese hat Vollmer weitestgehend ausgespart. Er unterschätzt offenbar ihre Rolle und die Querbezüge der evolutionären Prozesse zu einigen anderen Prozessen in der Welt. Das ist einerseits ein erheblicher Mangel, weil Vollmer ja offensichtlich die durchgängige Rolle der Evolution in diesem Buch ein Anliegen ist. Wegen der fehlenden Emergenz fällt die unbelebte Natur weitgehend durchs Raster. Außerdem ist es eine verpasste Gelegenheit, die Durchgängigkeit des ontologischen Naturalismus darzustellen, die Herrn Vollmer bekanntlich ein Anliegen ist.
     
    Auch in der belebten Welt kommt er ohne Berücksichtigung der Nichtlinearität hin und wieder zu unzutreffenden Schlussfolgerungen. Auf S. 191 unten schreibt er beispielweise sinngemäß: Da die reale Welt ist strukturiert sei, Ihre Teile einigermaßen stabil und regelmäßig, könne man sie mit Hilfe der Strukturwissenschaft Mathematik beschreiben und sogar erklären. So weit so gut, aber: “Wäre die Welt chaotisch, … gäbe es keine Lebewesen, jedenfalls keine Mehrzeller und kein höheres Leben.” An dieser und an anderen Stellen fehlt der Hinweis, dass in der Welt von Anfang an die nichtlinearen Prozesse vorherrschen, verbunden mit ihrem deterministisch-chaotischen Verhalten. Auch die Prozesse der Evolution sind von dieser Art, beispielsweise die von Manfred Eigen eingeführten und von Vollmer nur einmal genannten Hyperzyklen. Nichtlineare emergente Prozesse erzeugen von selbst gänzlich neue Fähigkeiten, geordnete Strukturen und eine im Laufe der Zeit wachsende Komplexität. Sie haben die Evolution auf der Erde und im Weltall in der verfügbaren Zeit überhaupt erst möglich gemacht und sind, soweit sie zu einem dynamischen Gleichgewicht führen, auch besonders robust. Diese Robustheit meint beispielsweise Nassim Taleb, wenn er von Anti-Fragilität schreibt.
     
    Die Kapitel Evolutionäre Physik und Evolutionäre Chemie umfassen bei Vollmer nur fünf bzw. vier Seiten. Hier fehlen Hinweise auf emergente Prozesse der unbelebten Natur wie die Bénard-Konvektion bzw. die Belousov-Zhabotinsky-Reaktion, obwohl auch sie evolutionäre Aspekte zu bieten haben. Aufgrund der Vernachlässigung der emergenten Prozesse bleibt in Vollmers Buch verborgen, dass diese die eigentliche und durchgängige Basis der Abläufe in der Welt sind. Bei der Evolution angereichert durch das Genom, das als „Gedächtnis“ für die Reproduktion sinnvoll ist. Bei der Evolution der Gesellschaft angereichert um die Kultur, das „Gedächtnis“ der menschlichen Gesellschaft.
     
    Die „unterbelichtete“ Rolle der nichtlinearen emergenten Prozesse spiegelt sich auch im Sachverzeichnis wider: Die Begriffe „nichtlinear“ und „autokatalytisch“ fehlen ganz, „Hyperzyklus“ kommt nur einmal auf einer Seite vor, „Emergenz“ und „Rückkopplung“ nur je zweimal.

     

     

     

     

  3. ockham sagt:

    Es ist zu vermuten, dass der Physiker G. Vollmer wahrscheinlich aus folgendem Grund ein "Problem" mit der Emergenz hat, weil er sich wohl eher zu den Physikalisten als zu den Dualisten zählt:

    Einige von uns sind Physikalisten, die glauben, dass jedes Ding, das existiert, eine physikalische Einheit darstellt, zusammengesetzt aus und daher letztlich erklärbar mithilfe von Gesetzen, Partikeln und Energien der Mikrophysik. Andere sind eher Dualisten, die meinen, dass zumindest Menschen, vielleicht aber auch andere Organismen, sowohl aus diesen physikalischen als auch aus nichtphysikalischen Komponenten wie Seele, Selbst oder Geist bestehen. Die Emergenztheorie stellt die dritte Möglichkeit in der laufenden Debatte dar, und zwar eine, die zwischen den anderen beiden vermitteln könnte.

    (Quelle: http://www.nachhaltigkeit-erforschen.de/fileadmin/erforschen/pdf-seminar/Olga_Thomas_Emergenztheorie.pdf)

    Ihre Zitate: 

    "Nichtlineare emergente Prozesse erzeugen von selbst gänzlich neue Fähigkeiten, geordnete Strukturen und eine im Laufe der Zeit wachsende Komplexität."

    "Aufgrund der Vernachlässigung der emergenten Prozesse bleibt in Vollmers Buch verborgen, dass diese die eigentliche und durchgängige Basis der Abläufe in der Welt sind. Bei der Evolution angereichert durch das Genom, das als „Gedächtnis“ für die Reproduktion sinnvoll ist."

    Nun zu den Problemen, welche mit der "Emergenz" einhergehen:

    Gerade im Zusammenhang mit der Entstehung des Lebens und der biologischen Evolution werden in populärwissenschaftlichen Darstellungen und in der Fachliteratur immer wieder die Begriffe Emergenz und Selbstorganisation verwendet.

    Im Gegensatz zu physikalischen Größen wie Energie oder Masse ist Emergenz keine Größe, die in einem Experiment gemessen oder mit Hilfe theoretischer Modelle berechnet werden kann. Es gibt nicht einmal eine allgemein anerkannte Definition dafür, was Emergenz überhaupt ist. (Halley & Winkler 2008)

    Selbstorganisation ist kein Ersatz für unbekannte physikalische Mechanismen, sondern eine Umschreibung für nichtlineare Prozesse, die durch bekannte physikalische Wechselwirkungen verursacht werden. Selbstorganisation kann auch durch andere physikalische, chemische oder biologische Wechselwirkungen hervorgerufen werden. 

    Die Evolutionsmechanismen Mutation und Selektion können nicht mit Selbstorganisation gleichgesetzt werden. Um zuverlässige Aussagen darüber treffen zu können, wie sich die Selbstorganisation in einem System regulierender Gene auf die Evolution auswirkt, müssen zum einen die vorhandenen Regelungsmechanismen sehr genau bekannt sein, zum anderen muss bekannt sein, wie sich durch Mutationen hervorgerufene Änderungen dieser Mechanismen auf die Fitness des betreffenden Lebewesens auswirken. Auch wenn Selbstorganisation einen großen Einfluss auf die Selektion haben sollte, müssen bereits funktionsfähige Lebewesen bzw. funktionsfähige Gene vorhanden sein, damit die genannten Mechanismen überhaupt wirken können.

    Wenn Selbstorganisation, Emergenz oder andere ähnliche Begriffe verwendet werden, dann muss immer klargestellt werden, was damit im Detail gemeint ist. Die Frage, ob Leben durch Selbstorganisation entstehen kann oder nicht, kann nur anhand konkreter physikalischer und chemischer Modelle diskutiert werden. Eine Diskussion über die genaue Bedeutung der Begriffe Selbstorganisation und Emergenz trägt zur Beantwortung dieser Frage wenig bei. Selbstorganisation und Emergenz sind auch keine Lückenbüßer für nicht vorhandene biologische und chemische Modelle und kein Ersatz für unbekannte Mechanismen.

    (vgl. Quelle: http://www.si-journal.de/index2.php?artikel=jg18/heft1/sij181-3.html)

    Emergenz müsse mehr sein als ein "Stoppschild gegen nicht vertretbare Reduktionen" und sollte irreduzible Phänomene wie Leben und Bewusstsein zu verstehen helfen. 

    (vgl. Quelle: http://www.vordenker.de/koepf/w_ueber_dk_emergenz.pdf)

    Thomas Junker sieht die Gefahr, dass die Emergenz als Erklärung dazu verleite, die kausale Analyse zu umgehen. Darum sei der Aufweis der Emergenz nur der erste Schritt, dem die Detailforschung zu folgen habe. Für jede emergente Eigenschaft müsse der Selektionsvorteil aufgewiesen werden. 

    Hans Dieter Mutschler gibt zu bedenken, dass die Einführung des Emergenzbegriffes in die Naturwissenschaften einen hohen Preis habe, weil Emergenz im Vollsinn Unvorhersehbarkeit in Kauf nehme – ein Preis, den eine wesentlich auf Prognosefähigkeit angelegte Naturwissenschaft nicht zu zahlen bereit wäre.

    (vgl. Quelle: http://www.forum-grenzfragen.de/die-emergenz-des-geistes/)

  4. @ ockham:

    G. Vollmer sieht sich m.W. als Naturalist (vgl. sein Büchlein Gretchenfragen an den Naturalisten).
    Die Emergenz, wie ich sie verstehe und in Die Kraft der Naturgesetze durchgängig beschrieben habe, ist nichts „Drittes“, sondern ontologischer Naturalismus i.S. von M. Bunge und M. Mahner’s Natur der Dinge: „… verstehen wir damit unter Ontologie allgemeine Wissenschaft, d.h. diejenige Wissenschaft, die sich mit der gesamten Realität beschäftigt, mit den allgemeinsten Eigenschaften des Seins und Werdens.“  

    Entscheidend für das ontologische Konzept der Emergenz sind die selbstorganisierten Prozesse, die aufgrund der Wechselwirkungen zwischen den beteiligten Elementen die Systeme erzeugen. (Das Primat der Prozesse wird in den meisten Betrachtungen zur Emergenz nicht beachtet.) Derartige Wechselwirkungen gibt nicht es nur in der Physik, sondern auch in allen hierarchischen Ebenen der Natur oberhalb der Physik, also auch zwischen Molekülen, Lebewesen, Nervenzellen des Gehirns, Menschen in der Gesellschaft usw. Sie bauen hierarchisch auf den physikalischen Wechselwirkungen auf und sind bei den emergenten Prozessen zusammen mit den Systemen entstanden, als neue "emergente" Funktionalität der Systeme.

    Die Basis der Nichtlinearität der Prozesse und des damit verbundenen sog. deterministisch-chaotischen Verhaltens sind die dissipativen und zumeist autokatalytischen Prozesse, vgl. I. Prigogin‘s Vom Sein zum Werden. Ob Philosophen oder Naturwissenschaftler den damit verbundenen „Preis“ geringerer Vorhersehbarkeit zu zahlen bereit sind oder nicht, ist der Natur egal. Sie ist wie sie ist. Für die langfristige Vorhersagbarkeit der nichtlinearen Prozesse gibt es ja zumindest noch die Attraktoren. Selbst Einstein hat sich bei seinen Vorbehalten gegen die Wahrscheinlichkeiten in der Quantenphysik geirrt.

    Selbstorganisierte nichtlineare emergente Prozesse haben übrigens bereits bei der Entstehung des Lebens entscheidend mitgewirkt, vgl. M. Eigens Hyperzyklen in Stufen zu Leben.

  5. ockham sagt:

    Ihr Zitat: 

    "Sie bauen hierarchisch auf den physikalischen Wechselwirkungen auf und sind bei den emergenten Prozessen zusammen mit den Systemen entstanden, als neue "emergente" Funktionalität der Systeme."

    Hier frage ich mich, was "neue emergente Funktionalität der Systeme" erklärt bzw. sein soll?

    Was sagen Sie denn zu folgendem Einwand?:

    Im Gegensatz zu physikalischen Größen wie Energie oder Masse ist Emergenz keine Größe, die in einem Experiment gemessen oder mit Hilfe theoretischer Modelle berechnet werden kann. Es gibt nicht einmal eine allgemein anerkannte Definition dafür, was Emergenz überhaupt ist. (Halley & Winkler 2008)

    Ihr Zitat: 

    "Ob Philosophen oder Naturwissenschaftler den damit verbundenen „Preis“ geringerer Vorhersehbarkeit zu zahlen bereit sind oder nicht, ist der Natur egal." 

    Der Natur ist es egal. Aber doch nicht den Philosophen oder Naturwissenschaftlern, wenn Sie einen Prozess nicht anhand konkreter physikalischer oder chemischer Modelle beschreiben können. Besteht hier nicht die Gefahr, dass die Emergenz als Erklärung dazu verleitet, die kausale Analyse zu umgehen?

  6. @ockham:

    Besteht hier nicht die Gefahr, dass die Emergenz als Erklärung dazu verleitet, die kausale Analyse zu umgehen?

    :D

  7. ockham sagt:

    Hallo Herr Berghaus, 

    es wäre hilfreich, wenn Sie einen Beitrag zur Lösung folgender Frage leisten könnten, statt sich lustig zu machen. 

    Die Frage ist, wie wichtig ist des Thema "Emergenz" für das Verständnis von Evolution, wenn es doch offensichtlich mit einigen Schwierigkeiten behaftet ist?

  8. Wilfried Müller sagt:

    Lieber ockham, ich finde Franks Frage durchaus seriös, auch wenn er einen smiley drangemacht hat. Nach meinem Verständnis ist Emergenz eine Bezeichnung für das Auftreten von neuen Eigenschaften, keine Erklärung und schon gar keine physikalische Größe. Als Bezeichnung hat sich Emergenz durchgesetzt, nicht nur bei Günter, sondern m.W. bei allen aktuellen Autoren.

    Nach dem, was ich höre, ist Vollmer ein Materialist, der mit Dualismus nichts im Sinn hat. Unter den materialistischen Philosophen ist Dualismus out. Vollmer ist auch ein Reduktionist, ich weiß aber nicht, ob er einen echten Physikalismus vertritt, der meint, alles auf die Physik zurückführen zu können, und der m.W. überholt ist. Bei dem, was ich gelesen habe, war die Emergenz immer Bestandteil der naturalistischen bzw. materialistischen Philosophie. Wenn Vollmer die Emergenz unterschätzt und vernachlässigt, wie Günter sagt, dann kann ich das noch akzeptieren. Wenn er sie negiert, finde ich das überholt und falsch.

  9. @ ockham: Ich habe den Eindruck, wir diskutieren aneinander vorbei, weil wir keine gemeinsame Wissens-Basis haben. Meine Bitte wäre, dass Sie mal einen Blick in den Abschnitt 2.6.4 Emergenz von Bunge&Mahner werfen, bevor wir weitermachen. Dort steht beispielsweise, zur allgemeinen Einordnung: "Der Begriff der Emergenz bezieht sich auf den Prozess, durch den ein System mit emergenten Eigenschaften entsteht." Und: "Der Emergenzbegriff ist also zentraler Bestandteil des Evolutionsbegriffs." Und: "Der Emergenzbegriff ist ein ontologischer, kein erkenntnistheoretischer."

    Konkrete Beispiele zu emergenten Prozessen finden Sie in meiner fb-Seite

  10. ockham sagt:

    Hallo Wilfried,

    Franks Frage war urpsrünglich meine Frage, die er lediglich wiederholt hat. In meinen Augen hat er sich damit lustig gemacht und zur Lösung des Problems nichts beigetragen. Was soll daran serös sein?

    Dein Zitat:

    „Wenn er sie negiert, finde ich das überholt und falsch.“

    Genau das ist ja die Frage, wo genau liegt der Erklärungswert von Emergenz?

    Was sagst Du denn zu den Problemen, die die Emergenz betreffen?

  11. Wilfried Müller sagt:

    Ich vertrete auch die emergentistisch-materialistische Sicht von Bunge/Mahner, so wie Günter das angeesprochen hat. Bei wb gibts eine Einführung dazu in Rezension Bunge/Mahner Über die Natur der Dinge I. Günter hat ein Buch drüber geschrieben, auf seiner site Emergenz-Netzwerk kann man auch einiges düber lesen.

  12. @ockham:

    Ich habe dich in der Tat zitiert und mein Smiley sollte Zustimmung ausdrücken und nicht etwa lächerlich machen – ganz im Gegenteil!

  13. @ ockham und Frank: Die deterministisch-chaotischen Aussagen der Emergenz beinhalten die Kausalität, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. Wie es auch in der Quantenphysik für die statistischen Aussagen der Fall ist.

  14. Ich kann mit dem Begriff "Emergenz" nur herzlich wenig anfangen, da er meinen wissenschaftlichen Grundauffassungen in fast allen Punkten zuwiderläuft. So sehe ich wenig Sinn und Nutzen in seiner Einführung.

  15. Wilfried Müller sagt:

    Das müsstest Du schon begründen, Frank, weil das im Widerspruch zum allgemeinen Konsens steht. Bei wiki steht einiges zu Emergenz, unter Kritik sind auch Bunge und Mahner erwähnt.

  16. Keine eigene Begründung, sondern ein Zitat aus der Wikipedia, der meinen Eindruck untermauert:


    " Die inflationäre Verwendung des Begriffs Emergenz steht auch in der Kritik, da viele Effekte als emergent beschrieben werden, obwohl die angeblich neuen Eigenschaften des Gesamtsystems auch aus ihren Einzelteilen erklärbar wären. Die Beschreibung einer Eigenschaft als emergent ist demnach oft nur eine Entschuldigung für mangelnde Einsicht oder Intelligenz des Betrachters, der die komplexen Zusammenhänge in einem System nicht versteht und vereinfachend als emergent bezeichnet. So fragt sich Bruce Gibb in einem Aufsatz für Nature Chemistry,[11] ob sich die typische Spiralform eines Tornados oder dessen Zerstörungskraft mit dem Wissen über die Wärmekapazität des Wassers, die Corioliskraft und die Flüssigkeitsdynamik erklären lassen. Sein pointiertes Fazit lautet, dass man einen Tornado ohne das Verständnis dieser Hintergründe nur allzu leicht als emergente Eigenschaft abtun kann. "

  17. @Frank: Selbstverständlich sind nicht alle Prozesse in der Welt emergent. Der el.-mg. Schwingkreis beispielsweise auch nicht; dessen Funktion ist berechenbar, auf der makroskopischen Ebene jedenfalls. Von "inflationärer Verwendung" kann aber bisher kaum die Rede sein. Außer vielleicht bei wb, weil ich dort ab und zu was schreibe. ;-)

    Andererseits haben es innovative Konzepte schon immer schwer gehabt. Ein Beispiel dazu:
    1858 präsentierten Charles Darwin und Alfred Russel Wallace gemeinsam zwei verschiedene Arbeiten zur Theorie der Evolution durch natürliche Selektion in der Linnean Society of London. Diese Veröffentlichung wurde wenig beachtet … (Wikipedia, Evolution)
    Der Präsident der Linné-Gesellschaft verkündete damals, er sähe darin „keine bemerkenswerte Entdeckung“, insbesondere nichts, was die Wissenschaft revolutionieren könnte. (nach N. Taleb, Der Schwarze Schwan)

  18. Bewusstsein und vor allem das breite Band der Qualia sind doch bisher nur völlig unzureichend erforscht. Da wartet man doch vorsichtigerweise erst einmal ab, bis fundiertere Kenntnisse vorliegen. Ähnliches gilt ja wohl auch für neuesten Ansätze der Quantengravitation, wo angeblich emergente Prozesse vorliegen.
    Gibt es etwas Peinlicheres, als aufgrund neuester Erkenntnisse solche Spekulationen später widerrufen zu müssen?

    Das erinnert mich eben sehr an die Gott früher so häufig zugewiesene Lückenbüsserrolle (ganz besonders beim "intelligent" design noch in den Nachwehen). Da hat der liebe Gott unter dem Strich auch nicht sehr reüssiert. :D

  19. @Frank: Dein letzter Kommentar springt etwas unerwartet auf ein ganz anderes "Problem" als Deine Kommentare davor. Aber was solls: Der Artikel erscheint mir interessant. Er mixt allerdings (zu) viele aktuelle Mindcatcher zusammen. Ich halte das Projekt IT from Qbit übrigens für ziemlich spekulativ. Vielleicht hat primär das zweckgebundene Geld des Milliardärs die Forscher angezogen?

    Über einige Aussage habe ich mich ziemlich gewundert, aus unterschiedlichen Gründen:

    • „Einige Wissenschaftler postulieren Verbindungen zwischen der allgemeinen Relativitätstheorie und dem quantenmechanischen Effekt der Verschränkung.“
    • „Die Idee hinter IfQ ist die Vorstellung, kosmische Vorgänge könnten mit einer Art Kode programmiert sein.“
    • „… dass zwei verschränkte Schwarze Löcher ein Wurmloch verursachen können …“

    Über eine andere weniger:

    • „Die Physiker glauben, bei der Raumzeit handle es sich um ein so genanntes emergentes Phänomen.“

    Über das holografische Prinzip und den Anti-de-Sitter Raum gibt es übrigens auch schon was in wb.

  20. @Günter:

    Ich springe nicht. Mir geht es um das allgemeine Problem, dass zu "Lösungen" gegriffen wird, wenn nicht einmal die Voraussetzungen erschöpfend klargestellt sind. Und das beobachte ich eben bei manchen Einlassungen, bei denen "Emergenz" als "Lösung" angeboten wird.

    Ich bin nur vorsichtig in klassischer Wissenschaftsmanier.

  21. Wilfried Müller sagt:

    Solche "Glaubensartikel" wie im Link von Frank haben mich vor ein paar Jahren bewogen, Spektrum abzubestellen. Wenn immer bloß von glauben und annehmen die Rede ist, ist das doch nur Spekulatius und Sensationsmache. Sind die Physiker wirklich dazu gezwungen, sich so in den Vordergrund zu spielen?

  22. ockham sagt:

    Der Terminus "emergent" hat keinerlei Erklärungskraft; er bezeichnet vermeintlich prinzipielle Lücken in unserem Naturverständnis, die um so unverständlicher erscheinen, je erfolgreicher das physikalistische Programm in anderen Bereichen durchgeführt werden kann: … Theorien der Emergenz haben keinen explanatorischen Anspruch. Durch die Charakterisierung einer Eigenschaft als "emergent" verstehen wir nicht besser, weshalb ein System diese Eigenschaften hat. Vielmehr sind Emergenztheorien klassifikatorisch. Sie geben Antworten auf metaphysische Fragen, auf Fragen über die Natur von Eigenschaften, Zuständen und Ereignissen; und sie erlauben es – im Unterschied zu Mechanismus und Vitalismus -, alle Eigenschaften naturalistisch zu deuten. (S. 137)

    Zu Mario Bunges Emergenztheorie bin ich auf folgende Informationen gestoßen:  

    Mit einem eher schwachen Emergenzbegriff, demzufolge alle systematischen Eigenschaften emergente Eigenschaften sind, begnügen sich u. a. Bunge (1977) und Vollmer (1992); (S. 22)

    Einen maßgeblichen Anteil an der Wiederkehr emergenztheoretischer Ideen hatten die explizit als Emergenztheorien vorgeschlagenen psychophysischen Theorien von Popper und Bunge. Allein aus diesem Grund gebührt ihnen eine entsprechende Beachtung. Beide Theorien erreichen jedoch nicht die Subtilität der früheren Debatte; (S. 160)

    Im Unterschied zu Popper vertritt Bunge eine extrem schwache diachrone Emergenztheorie, in der er für den für den "klassischen Emergentismus" zentrale Irreduzibilitätsthese als "irrational" ablehnt. (S. 182) Er ist der Auffassung, daß es keine irreduziblen Eigenschaften komplexer Systeme gibt: … Es genügt jedoch nicht, wenn Bunge einige Beispiele nennt, in denen es gelingt, systematische Eigenschaften zu erklären, um die sehr viel ambitioniertere These zu stützen, daß jede systematische Eigenschaft erklärt werden könne. Die starken Emergentisten hatten ja nicht behauptet, daß keine systematische Eigenschaft irreduzibel sei, sondern nur, daß einige systematische Eigenschaften irreduzibel seien. Bunge unterstreicht, daß der von ihm vorgeschlagene Emergenzbegriff relativ ist. Es hängt von dem jeweils betrachteten System ab, ob eine globale Eigenschaft als emergent charakterisiert werden könne: …Die Neuartigkeitsthese wird von Bunge im Rahmen einer Stufentheorie eingeführt, demzufolge jede Entität zu der einen oder anderen Stufe gehöre: … (S. 183) 

    @ Günter Dedié:

    Ihr Zitat: 

    "Sie bauen hierarchisch auf den physikalischen Wechselwirkungen auf und sind bei den emergenten Prozessen zusammen mit den Systemen entstanden, als neue "emergente" Funktionalität der Systeme."

    Darauf antwortet Stephan: 

    Die Systeme einer gegebenen (höheren) Stufe seien aus Entitäten der unmittelbar tieferen Stufe zusammengesetzt, aus denen jene durch Prozesse der Selbstorganisation entstanden seien: … Diese These ist erklärungsbedürftig, denn Bunge übersieht, daß zahlreiche Bestandteile komplexer Systeme, die er der Stufe unmittelbar unterhalb der Systemebene zurechnet (wie z. B. die Organe eines Organismus), nicht für sich existenzfähig sind (bzw. waren); diese können daher nicht in einen Prozeß der Selbstorganisation das System gebildet haben. 

    Bunge faßt seine Theorie in mehreren Postulaten zusammen, u. a. dem "Emergenz"- und dem "Ratiaonalitätspostulat": Das erste behauptet, daß jedes komplexe System einige emergente Eigenschaften hat, das zweite behauptet, daß jede ermergente Eigenschaft eines komplexen Systems unter Bezug auf die Eigenschaften der Systembestandteile und der Struktur des Systems erklärt werden können. … Es zeugt von großem Selbstvertrauen, in diesem Kontext die Eigenschaften der "Rationalität" für sich zu verbuchen und Autoren, die wie Broad und Sellars eine starke Emergenztheorie vertreten haben, implizit als Irrationalisten zu bezeichnen. 

    Bunge hätte besser daran getan, seine Position als "reduktiven Materialismus" zu kennzeichnen, anstatt den Begriff der "Emergenz" in extremer Weise zu verwässern. Im übrigen kommt er nur dadurch zu einer vermeintlich mittleren Position zwischen "irrationalem Emergentismus" und "Reduktionismus", weil er den starken Emergentismus Irrationalität unterstellt, und zugleich von einem ganz unangemessenen schlichten Begriff des Reduktionismus ausgeht: Bunge zufolge reduzieren Reduktionisten (i) Systeme auf die Menge ihrer Bestandteile, ohne deren Struktur zu berücksichtigen (ib., 506); sie halten (ii) kollektive Eigenschaften dann für reduziert, wenn gezeigt ist, daß schon einige Bestandteile des Systems Eigenschaften dieses Typs haben (ib., 503); und schließlich (iii) seien sie der Meinung (S. 184), daß mit der Erklärung einer globalen Eigenschaft diese zugleich wegerklärt sei. 

    Bunges Emergenztheorie kann sich nur zwischen einem Strohmann-Reduktionismus und einem völlig zu Unrecht als irrational charakterisierten starken Emergentismus als "rationaler Emergentismus" behaupten. Sie stellt keinen starken Begriff der Emergenz zur Verfügung, den man bräuchte, um zwischen der (explanatoischen) Realisierung einer mentalen Eigenschaft bzw. ihrer Emergenz unterscheiden zu können. Daß mentale Eigenschaften im schwachen  Sinne Bunges emergent sind, steht außer Frage. (S. 185)

    Quelle: Emergenz; Von der Unvorhersagbarkeit zur Selbstorganisation; Achim Stephan; 2., unveränderte Auflage

  23. Wilfried Müller sagt:

    Vielleicht hilft Bunges und Mahners klare Position hinsichtlich der Emergenzfrage weiter die sie bezogen auf Vollmers Buch äußerten "Auf der Suche nach der Ordnung": Emergenz hat etwas mit der realen Welt zu tun, nicht mit unserem Wissen von ihr. Der Emergenzbegriff ist ein ontologischer, kein erkenntnistheoretischer. Für die Neuheit einer Eigenschaft eines Systems kann es keine Rolle spielen, ob wir sie voraussagen oder erklären können oder nicht: Qualitative Neuheit bleibt – wenn es sie gibt – ontisch qualitative Neuheit, ob sie erkannt wird oder nicht. Mit anderen Worten: Erklärte Neuheit ist nicht weniger neu als unerklärte, und vorausgesagte Neuheit ist ontisch genauso neu wie nicht vorhergesagte oder gar unvorhersagbare Neuheit. Eine ontologische Kategorie mithilfe erkenntnistheoretischer Begriffe zu definieren, ist ein Kategorienfehler. Die populäre, wiewohl inadäquate, erkenntnistheoretische Definition von ,,Emergenz" dürfte auch der Grund sein, weshalb viele Philosophen den Emergenzbegriff bis heute für mysteriös oder irrational halten und ihm daher mit Misstrauen gegenüberstehen. Tatsächlich lassen sich viele emergente Eigenschaften durch Kenntnis der Zusammensetzung und Struktur von Systemen erklären, wenn auch vielleicht nicht immer voraussagen (Vollmer 1995, Kap.4), ob dies für alle emergenten Eigenschaften gilt, wissen wir nicht, ist aber für die ontologische Frage ohnehin irrelevant.

     

  24. @ ockham: Ich freue mich über Ihr anhaltendes Engagement in Sachen Emergenz. Aufgrund Ihres letzten Auftaktes "Der Terminus "emergent" hat keinerlei Erklärungskraft; …" frage ich mich aber, wieviel Sinn es macht, unsere Diskussion jetzt noch fortzusetzen. Hinzu kommt, dass die bereits schon längliche Diskussion an der falschen Stelle aufgehängt ist, nämlich beim Vollmer, der ja mit Nichtlinearität oder Emergenz nichts „am Hut“ hat.

    Die Emergenz wird – wie viele komplexen Begriffe – in der Literatur recht unterschiedlich verwendet. Deshalb kann man natürlich allerhand Schnappschüsse vorlegen und lange dazu diskutieren. Ich kenne aus der Vorbereitung zu meinem Buch viele dieser unterschiedlichen Vorstellungen. Der Stephan hat mich „damals“, also so um 2013 herum, nicht überzeugt. Auch den Unterschied von starker und schwacher Emergenz habe ich für das von mir erarbeitete Konzept nicht benötigt.

    Vielleicht sollten Sie mal mein Buch lesen. Ich habe mich bemüht, ein systematisch aufgebautes und durchgängiges Bild von der Rolle der emergenten Prozesse zu erarbeiten und zu begründen. Die emergenten Prozesse sind aus meiner Sicht kein Lückenbüßer, sondern ein übergreifendes und durchgängiges Konzept, das dort greift, wo der Reduktionismus endet. Sie sollen aber keine epistemologischen Theorien ersetzen, wo es welche gibt. Die Quantenmechanik beschreibt sehr erfolgreich das einfache Wasserstoffatom, aber Atomkerne ab Kernladungszahl 10 kann man nicht mal mehr numerisch modellieren (zumindest vor einigen Jahren). Dass ich die QM sehr schätze, habe ich ja in wb an anderer Stelle demonstriert.

    Abschließend noch ein Zitat von Murray Gell-Mann aus seinem Buch zur Komplexität Das Quark und der Jaguar (Seite 134), das die Rolle der Emergenz aus meiner Sicht gut beschreibt: „Mitunter gelingt einer Theorie eine bemerkenswerte Synthese, indem sie die Regelmäßigkeiten eines breiten Spektrums von Phänomenen, die zuvor getrennt … beschrieben wurden, in einer gerafften und eleganten Darstellung komprimiert.“

  25. ockham sagt:

    @ Günter Dedié:

    Ich hätte mir gerne Ihr Buch ausgeliehen, leider war es in meiner Bibliothek nicht erhältlich. 

    Ihr Zitat: "Der Stephan hat mich „damals“, also so um 2013 herum, nicht überzeugt. Auch den Unterschied von starker und schwacher Emergenz habe ich für das von mir erarbeitete Konzept nicht benötigt."

    Können Sie auch begründen, warum Sie die Argumentation von Stephan nicht überzeugt hat? Was genau hat Sie an dem, was ich aus Stephans Buch zitiert habe, nicht überzeugt? 

    Offensichtlich wird nicht ohne Grund zwischen schwacher und starker Emergenz unterschieden. Warum kommt Ihr Konzept ohne diese Unterscheidung aus?

    Ihr Zitat: „Mitunter gelingt einer Theorie eine bemerkenswerte Synthese, indem sie die Regelmäßigkeiten eines breiten Spektrums von Phänomenen, die zuvor getrennt … beschrieben wurden, in einer gerafften und eleganten Darstellung komprimiert.“ 

    Es scheint mir, die Synthese solle zwischen Mechanismus und Vitalismus stattfinden (davon schreibt Stephan auf S. 7), da Emergenztheoretiker beide Positionen ablehnen (S. 11). 

  26. Wilfried Müller sagt:

    Zu Stephan kann ich nichts sagen. Ich sehe nur, dass die Emergenz bei Bunge/Mahner für meine Begriffe vollständig ausreichend definiert wird, siehe philosophische Grundlagen der Biologie, S. 32:

    Definition 1.8. Es stehe P für eine Eigenschaft des Dings b. Dann ist P eine emergente Eigenschaft von b genau dann, wenn entweder

    (i) b ein komplexes Ding (ein System) ist, dessen Komponenten P nicht besitzen, oder

    (ii) b ein Ding ist, das P dadurch erworben hat, dass es Teil eines anderen Systems geworden ist (d.h. b besäße P nicht, wenn es ein unabhängiges oder isoliertes Ding wäre).

    Interessanterweise ist die Emergenz auch für Konstrukte definiert, denn "ein Dreieck hat andere Eigenschaften als die einzelnen Linien, aus denen es besteht" (S. 33)

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