Integrationsbetrug

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jugendgeralt

Das Wort von der Integration ist überall angekommen. Es erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Womöglich führt es noch dazu, dass sich die Politiker integrieren und ihre Privilegien auf dem Altar der Integration opfern … aber Scherz beiseite.

Es gibt ein Problem bei der Integration, das bisher kaum beachtet wurde. Das Schlüsselwort dafür heißt Altersstruktur. Aus der Altersverteilung kann man die Gegenwart besser einschätzen und Schlüsse für die Zukunft ziehen. Vor allem die religiösen Unterschiede in den Altersgruppen legen Schlüsse nahe, von denen unsere Integrationsbemühungen deutlich betroffen werden (Bild: geralt, pixabay).

Daten

Bevor man zum eigentlichen Problem vordringt, ist erstmal das Datenproblem zu lösen. Eine Alterspyramide der Religiosität ist nämlich nirgends aufzutreiben. Es gibt überraschend wenig Daten zur Religiosität nach Altersgruppen und nach Religionszugehörigkeit. Die Internetrecherche landet immer wieder bei denselben dürftigen Quellen: Zensus 2011 (Statistische Ämter des Bundes und der Länder), Bevölkerung und Erwerbstätigkeit 2015 (Statistisches Bundesamt), beim Religionsmonitor 2015  (Bertelsmann), bei der Shell Jugendstudie 2015 (Shell), bei der Bundeszentrale für politische Bildung bpb, oder beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge BAMF.

Da werden viele Daten serviert, und sie sind vielfältig aufbereitet. Mit Vorliebe wird nach Bundesländern aufgeschlüsselt, als ob das jemanden interessieren würde. Es gibt Zeitreihen, es gibt Unterscheidungen nach Herkunftsländern, jeweils auf anderer Datenbasis und nie so richtig aussagekräftig. Es ist, als ob die Leute beim BAMF usw. nicht wüssten, wie man aus den Datenbergen die interessanten Informationen herausdestilliert (siehe auch Unklare Zuzugs- und Abzugs-Zahlen).

Wenn es Unterscheidungen nach Religion gibt, sind die meistens auf die Gesamtheit bezogen. Für die Zuordnung der Religiosität zu den Altersgruppen und den Konfessionen gibt es nur ganz spärliche und auch widersprüchliche Daten, obwohl das doch entscheidende Informationen liefert. In diesem Artikel muss grob interpoliert und normiert werden, um überhaupt die kennzeichnende Kurve zu umreißen.

Dabei soll keine Exaktheit vorgetäuscht werden, wo keine ist. Deshalb sind die Kurven freihändig eingezeichnet. Als Basis dient die Alterspyramide 2015 nach Migrationshintergrund, entnommen der Publikation vom Statistischen Bundesamt, Mikrozensus (2016:Reihe 1, Fachserie 2.2). Der dunkelgrüne und braune Hintergrund stellt Deutsche mit Migrationshintergrund und Ausländer dar, was in diesem Zusammenhang weniger interessiert. Die eigentliche Information steckt in den schwarzen, hellgrünen und lila Linien.

Die stellen die Alterspyramide der Religiosität nach Konfessionen dar.

religion2015

Bei den unteren Jahrgängen ist die religiöse Zuschreibung eine Extrapolation. Die bearbeitete Pyramide ist nach männlich (links) und weiblich aufgeteilt wie gewohnt, und sie zeigt die Stärke der einzelnen Jahrgänge. Zudem soll sie folgendes darstellen:

  • den "muslimischen" Anteil, also den von Deutschen, Ausländern oder Ausländischstämmigen, die aus muslimischen Ländern kommen; über alle Altersgruppen sind das ca. 6%, bei der Jugend ca. 20%; dargestellt als der mittlere Bereich bis zum schwarzen Strich
  • von diesem "muslimischen" Anteil sind ca. 80% der Jugendlichen religiös, bei den Älteren erheblich weniger; dargestellt als der mittlere Bereich bis zum hellgrünen Strich
  • vom Rest der Jugend sind ca. 20% religiös, bei den Älteren deutlich mehr; dargestellt als der äußere Bereich vom lila Strich bis zum Rand; über alle Altersgruppen sind ca. 50-60% religiös bzw. Kirchenmitglied

Das Bild soll zeigen, dass bei der Jugend 2/3 religionsfrei sind (80% von 80% plus 20% von 20% = 68%). Nur noch 1/3 ist religiös (20% von 80% = 16% christlich plus 80% von 20% = 16% muslimisch), wobei der muslimische Glaube den christlichen gerade überholt.

Die Politik wird überwiegend für das letztere 1/3 gemacht.

Die Integration trägt den 2/3 nicht Rechnung.

Die Integration müsste sich doch an den vorhandenen Maßstäben messen und den sinkenden Level der Religion berücksichtigen. Zumal vor allem junge Leute zu integrieren sind; die müssten doch auf das Niveau von unseren jungen Leuten integriert werden.

Dazu soll jetzt die Methode A) und die Methode B) unterschieden werden. Integriert wird nach Methode A), doch eigentlich müsste nach Methode B) integriert werden.

A) Integration auf dem Niveau der 80-Jährigen

Da erfolgt die Integration mit dem Aufklärungsstand 1957: die Mehrheit ist religiös, zur Normalität gehört die konfessionelle Gebundenheit. Dazu passen die Koranschulen und der konfessionelle Religionsunterricht. Dazu passen Theologielehrstühle an den Universitäten, die nicht nur christliche Theologie, sondern auch islamische und jüdische Theologie verbreiten.

Als Integration gilt unter diesen Umständen, einen weniger aggressiven Islam zu predigen und andere Religionen als nicht verächtlich zu akzeptieren. Und wenn's gut läuft, auch Frauen und Homosexuelle als eine Art Menschen zu akzeptieren und ihnen eine gewisse Freiheit und Selbstbestimmung zuzubilligen. Aber die Leute sind religiös und sollen's bleiben.

B) Integration auf dem Niveau der 20-Jährigen

In diesem Fall geht die Integration nach dem Aufklärungsstand 2017: die Mehrheit der Jugend ist religionsfrei, die Menschen haben erkannt, dass Religion nur ein Relikt aus vorwissenschaftlichen Zeiten ist. Die Aufklärung über die vermeintlichen Götter und die Befreiung von der Verblendung durch Religion sind Bestandteil der modernen Leitkultur.

Der Atheismus ist schließlich eine unserer wichtigsten Errungenschaften, zusammen mit Emanzipation, Enttabuisierung, Menschenrechten und Demokratie. Dazu gehört Ethik- und Religionskunde-Unterricht, wo die Schüler lernen, was für ein überkommener Nonsens die Religion ist.

Dazu gehören keine Koranschulen, dazu gehören keine theologischen Lehrstühle an den Universitäten, dazu gehört keine öffentliche Förderung von religiösen Vereinigungen, von Kirchen- oder Moschee-Gemeinden.

Integration ist dann, in der Moderne anzukommen und am emanzipatorischen und humanistischen Fortschritt teilzuhaben.

Den Ankommenden muss gesagt werden, dass sie in ein Land kommen, wo ihre Altersgenossen die Religion zugunsten einer fortschrittlichen Zivilisation weitgehend abgestreift haben. Frauen und Andersfühlende werden dann als vollwertige Menschen akzeptiert; ihnen wird Freiheit und Selbstbestimmung zugebilligt. Natürlich muss dann das Prinzip der Säkularität gelten, ohne staatliche Bevorzugung und -mundung.

Integrationsbetrug

So ist es aber nicht. Wir integrieren nicht nach Methode B) sondern nach Methode A), wenn überhaupt. In dem Artikel  Zur Anzahl der Muslime in Deutschland und Europa ist der demografische Mehrheitswandel durch Fortschreibung des muslimischen Anteils bei der Jugend, durch weiteren Zuzug und durch die höhere Geburtenrate beschrieben. Damit ergeben sich die möglichen Szenarien:

  1. Die Integration klappt weder nach A) noch nach B), sie scheitert weitgehend. Zusammen mit dem demografischen Mehrheitswandel führt das zu einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft, die beliebiger islamistischer Einflussnahme ausgeliefert ist; es geht also zurück ins Mittelalter.
  2. Die Integration erfolgt gemäß A) auf dem Niveau der 80-Jährigen. Dann wird das Land nach 2050 überwiegend muslimisch, allerdings in moderater Form. Aber: seit dem zivilisatorischen Niedergang der Türkei gibt es keinen muslimischen Staat mehr, der Menschenrechten und Säkularität gerecht wird. Und der Libanon ist ein Beispiel dafür, was in Demokratien passiert, wo eine nichtmuslimische Mehrheit von einer muslimischen Mehrheit abgelöst wird.
  3. Die Integration erfolgt gemäß B) auf dem Niveau der 20-Jährigen. Nur dann ist keine muslimische Mehrheit in Sicht, sondern eine atheistische oder humanistische Mehrheit. Nur dann können unsere Errungenschaften bewahrt werden, die Befreiung von der Religion, die Emanzipation, die Enttabuisierung.

Wenn es nach der Vernunft geht, muss der Fall 3. mit Methode B) realisiert werden. Der Fall 1. ist indiskutabel, und der Fall 2. mit Methode A) ist klarerweise ein Risikofall. Mag sein, dass es in Deutschland nicht wie im Libanon käme, aber wenn überall nach Religion gewählt wird, dürfte es einen enormen Kulturwandel mit großem Konfliktpotential geben.

Trotzdem wehrt sich der Staat gegen die Säkularisierung, er stemmt sich gegen das ungläubige Volk. Das Motto ist anscheinend, lieber irgendeine Religion als gar keine. Und die Absicht ist wohl, per Integration den Zustand von 1957 zu reanimieren, statt den Zustand von 2017 fortzuschreiben.

Das ist Integrationsbetrug.

 

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2 Antworten auf Integrationsbetrug

  1. Saco sagt:

    Man muss von staatswegen 1000 oder 2000 Jahre alte dogmatisch-menschenunfreundliche Religionsbücher in die Neuzeit integrieren und sie verfassungskonform gestalten.  Und zwar über ein vorläufiges Verbot bzw. die Androhung eines Verbotes. Der Befehl zur Tötung Ungläubiger gehört nicht in den Koran, der Befehl zur Tötung Homosexueller nicht in die Bibel. Die Androhung ewiger Folter führt über Außenaggression (zwecks Höllenvermeidung) zu toten Diskobesuchern (Koran) und die Bibel füllt unsere Psychiatrien mit schizophren Gemachten auf. Beides ist traurig. Unsere Justiz macht sich schuldig durch ein offenkundiges und eklatantes Versagen. 

  2. Wilfried Müller sagt:

    Das ist richtig, was Saco sagt. Im speziellen Fall geht es um unsere Errungenschaft Atheismus, die von unseren Integrationsbemühungen angegriffen wird. Enttäuschend, dass keine Antwort auf die Vorwürfe kommt.

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