Rezension „Der Zufall, das Universum und du“ von Florian Aigner

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Woher der Zufall kommt – und was er mit uns macht, das ist laut Verlag der Inhalt des Buches. Die Gesetze des Zufalls wissenschaftlich erklärt, schreibt der Verlag, es geht um Die Wissenschaft vom Glück: Ohne eine Portion Glück gibt es keinen Erfolg.

Dazu liefert Dr. Gerfried Pongratz eine neue Rezension für wissenbloggt, und er lobt das Buch so: Sehr empfehlenswerte, spannend und kurzweilig zu lesende Populärwissenschaft auf hohem Niveau.

„Der Zufall, das Universum und du“ von Florian Aigner

„Der Zufall ist ein wichtiger Teil unseres Lebens; er hat uns fest in der Hand….“ – diese Aussage wissenschaftlich zu untermauern, ist das Ziel des Buches und dem entsprechend lautet auch sein Untertitel „Die Wissenschaft vom Glück“: „Leben ist ein riesengroßes Glücksspiel, in dem der Zufall eine alles überragende Bedeutung besitzt“.

Zahlreiche Bücher beleuchten das Thema „Glück“; kein aktuelles beschreibt allerdings, soweit dem Rezensenten bekannt, menschliches Erfahren im Zusammenhang mit der Bedeutung von Zufall in den Wissenschaften bis hin zum großen Spiel, das man Leben und Erleben nennt. Der 37jährige Autor Florian Aigner, Physiker an der TU Wien, widmet sich dieser Aufgabe mit großer Könnerschaft und spürbarer Freude: Humorvoll locker führt er die Leser als intellektuelles Abenteuer durch verschiedene wissenschaftliche Disziplinen und vermittelt hochinteressante (keineswegs zufällig ausgewählte) Erkenntnisse zur Bedeutung des Zufalls in der Physik (Chaostheorie, Quantenphysik, Entropie), Biologie (Evolution), Erkenntnistheorie usw. bis hin zum „unerhörten Glück unserer Existenz….. ohne Zufall gäbe es uns nicht, und ohne uns gäbe es keinen Zufall“.

Zufall wird allgemein als ein Ereignis, oder das Zusammentreffen mehrerer Ereignisse, für das keine kausale Erklärung gegeben werden kann, definiert, wobei unsere Intuition (das „Bauchgefühl“) schwer damit zurechtkommt, dass immer wieder unvorhersehbare, unwahrscheinliche Ereignisse eintreten. „Ob wir etwas als zufällig betrachten, oder nicht, hängt davon ab, welche Informationen uns zur Verfügung stehen“.

(Anmerkung des Rezensenten: Die Idee des Zufalls ist evolutionär sehr jung und bei Naturvölkern auch heute noch nicht zu finden: Alle Ereignisse und Erscheinungen besitzen für sie Bedeutung, allen werden – als wichtiger Faktor der Religionsentstehung – Verursacher wie Götter, Geister und Dämonen zugeschrieben. Die Wahrnehmung von Zufall bedingt eine Grundfähigkeit zur Wahrscheinlichkeitseinschätzung, wobei die Entdeckung des Zufalls eine größere Menschenzahl erfordert, die bei Frühmenschen, die in kleinen Gruppen auf großen Flächen lebten, noch nicht vorhanden war).

Der Laplacesche Dämon sieht die Welt deterministisch, Chaostheorie („Schmetterlingseffekt“) und Quantenzufall führen diese Idee ad absurdum: Die Welt besteht aus einem eng verwobenen Netz aus Ursachen und Wirkungen – alles ist mit allem verbunden -, das niemals in einfache, getrennte Teile zerfällt. Anhand von Beispielen erläutert der Autor u.a. die Zusammenhänge von Zeit und Entropie sowie Begriffe wie das „Boltzmann-Universum“; als promovierter Quantenphysiker ist es ihm auch ein besonderes Anliegen, quantenphysikalische Grundfragen (Schrödingers Katze, Quantenselbstmord, Quantenüberlagerungen, Quantenverschränkung) im Zusammenhang mit Zufall gut verständlich zu präsentieren: Die Quantentheorie bringt eine neue Sorte von Zufall in die Wissenschaft, „das Schicksal eines einzelnen radioaktiven Atoms ist purer Zufall, nichts weiter“ (S. 76). „Die Ergebnisse eines Quanten-Experiments kann man auch dann nicht vorhersagen, wenn man über das Versuchsobjekt alles weiß, was es zu wissen gibt ….und wir wissen heute, dass der Zufall ganz tief in den Grundgesetzen des Universums wohnt“ (S. 103). „Viele-Welten-Theorie“, Paralleluniversen und das Thema „Willensfreiheit“ bilden u.a. weitere Unterkapitel und beantworten spannende Fragen.

Nach grundlegenden Ausführungen mit zahlreichen Beispielen und der wissenschaftlichen Beweisführung, dass Zufall eine Tatsache, ein Teil der Welt und des Lebens ist, widmet sich die zweite Hälfte des Buches der Untersuchung seiner Auswirkungen. Die Evolutionsbiologie zeigt deutlich, wie wichtig der Zufall ist: Zufällige Mutationen in der DNA bringen neue Zellen, Lebewesen und Ökosysteme hervor, die am Ende keineswegs zufällig aussehen (was von Kreationisten teleologisch missinterpretiert wird) und unsere Welt formen. Florian Aigner beschreibt die Grundsätze der Evolution (Zufall und Vererbung, Zufall und Selektion, Genpool, Analogie und Konvergenz), wie auch spezielle Fragen zur Bedeutung von Zufall im „Mensch-Sein“ („der Mensch und sein Verstand“, „der Zufall in meinem Kopf“, Zufall und Gefahr, Glücksspiel, „zufällig krank, zufällig gesund“) und die Sehnsucht des Menschen nach einem Schöpfer. Auch „Magie“, die durch Zufall wirkt, wie Orakelkraken, Wünschelruten und Telekinese wird anhand der zugrundeliegenden Prinzipien (u.a. vermeintliche Mustererkennung, selektive Wahrnehmung, Placeboeffekte etc.) entlarvt, wobei, wie ein Beispiel zeigt, sogar an Universitäten mit gewaltigem Aufwand „Psi“-Unfug produziert werden kann (vor allem, wenn man Theorien überprüft, die man gerne für wahr halten möchte).

„Erfolg ist Glücksache“ und „Der Zufall ist unser Freund“ nennen sich die beiden letzten Kapitel des Buches. Wir verwechseln glückliche Zufälle gerne mit eigener Leistung und blenden Misserfolge, bzw. die Gefahren extremen Risikoverhaltens, durch „Survivor Bias“ gerne aus, was manchmal zu paradoxen und gefährlichen Situationen führt (S. 213). Es fällt uns schwer, Zufall, der unser Leben jederzeit in eine neue Richtung wirbeln kann, zu akzeptieren, wobei uns aber bewusst sein sollte, dass wir unsere Existenz einer riesengroßen Kette an Zufällen verdanken: „Unzählige Generationen unserer Vorfahren mussten Serien unerhörter Zufälle erleben, um uns hervorzubringen“ (S. 224). Zufall ist durch Unvorhersehbarkeit gekennzeichnet, von einem unvorhersehbaren, zufälligen Ereignis kann man aber nur sprechen, wenn es jemanden gibt, der etwas vorhersehen, bzw. als Zufall begreifen kann. Zufälligkeit ist somit keine Eigenschaft des Universums, sondern eine Kategorie in unserem Kopf – das Buch schließt dementsprechend mit der Feststellung: „Wir machen durch den Zufall in unserem Kopf das Universum erst richtig wunderbar. Denn was wäre ein Wunder, wenn es niemand gäbe, der sich darüber wundert?“

Sehr empfehlenswerte, spannend und kurzweilig zu lesende Populärwissenschaft auf hohem Niveau für Leserinnen und Leser, die wissen möchten, wie Zufall die Welt und unser Leben bestimmt.

 

Dr. Gerfried Pongratz, 1/2017

„Der Zufall, das Universum und du“ © 2017, Brandstätter Verlag, ISBN 978-3-7106-0074-6, 247 Seiten.

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