Was ist Gott?

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greece-1739244_1280Die theologische Frage wurde im Bayernteil der Süddeutschen Zeitung aufgeworfen und von 25 Menschen beantwortet. (Was ist Gott? von Toni Wölfl, SZ 5.1., seit 6.1. online, Bild: GregMontani, pixabay).

Es nahmen Kirchenleute an der Befragung teil, Kulturschaffende, Politiker und andere. Bei wissenbloggt gibt's eine kleine Übersicht über die Antworten, unter besonderer Berücksichtigung der Politiker. Verbunden ist das mit einer Wertung, ob die Politiker-Ansichten tragbar sind.

Auffallend ist zunächst mal die relative Freiheit von negativen Emotionen. Das überrascht angesichts der Höllendrohungen vom Objekt und der Kindervergewaltigungen seines Bodenpersonals und der sonstigen religiösen Kollateralschäden.

Antworten

Als einer von drei echten Ketzern gibt ein Buchautor die zornige Antwort: "Gott? Ein tragischer Hokuspokus!" Der Autor will vor niemandem buckeln und winseln, vor keinem "Weltenhöchsten", den man als "Angstmaschine" in die Welt gezerrt hat. Er braucht keine Götter, ein "cooler Humanismus" reicht ihm völlig.

"Das Wort Gott ist für uns heute 'Gott sei dank' ein universeller Erlaubnisschein, all die Verbrechen zu begehen, die wir begehen." Hier nennt ein Liedermacher als einziger Krieg, Umwelt, Medizin, Sexualität, Erziehung oder Ernährung als Gebiete, wo wir uns erlauben, 'Teufel' zu sein. "Ja, das sind wir, Teufel."

Die anderen Antworten sind gemäßigt bis fromm, mit der Ausnahme einer einzigen sarkastischen bis leicht kryptischen Antwort. Die kommt von einem Kabarettisten: "Gott ist eine menschgewordene Idee und wird in einer psychiatrischen Anstalt, für Menschen die sich für Gott halten, behandelt. Leiter dieser Anstalt ist Gott."

Cool und neutral bleibt ein Religionswissenschaftler, für den ist "Gott etwas, woran  Menschen glauben." Gott im Singular oder im Plural, personal oder unpersönlich, weiblich, männlich oder geschlechtslos, wichtig oder unwichtig – der Mann erforscht die Art, wie Menschen mit der Gottesvorstellung umgehen. Noch eine neutrale Antwort kommt von einem Vorstand des Humanistischen Verbands im Freistaat: "Gott ist eine soziale Tatsache – nicht mehr und nicht weniger, aber immerhin." Und das ist okay, solange die Glaubensgebote nicht auf Unbeteiligte übergreifen, ansonsten ist Gott eine Bedrohung für die Freiheit.

Immer noch recht cool die entsprechende Antwort eines Juso-Landesvorsitzenden: "Gott ist vor allem Privatsache." Man soll nicht versuchen, andere von seinem Gott zu überzeugen. Die Grundbotschaft sei: Respekt vor den Mitmenschen, selber ein guter Mensch sein, für eine bessere Welt kämpfen. Ähnlich ein Staatstheater-Intendant, der agnostisch ist, für den die Frage nach Gott nur abstrakt zu fassen ist, aber mit Toleranz, Nächstenliebe und Respekt vor Mensch und Natur konnotiert ist.

Ein syrischer Flüchtling liefert noch eine Stimme zur Neutralität: "Es ist schwierig, eine rationale Definition zu geben", das Ganze ist eine private Sache, wobei es darauf ankommt, sich nicht zu radikalisieren – obwohl es "eine myseriöse, geheime Beziehung zwischen dem Menschen und Gott gibt."

Bei den letzten dreien geht es schon ins Positive bzw. Mysteriöse, und dieser neutrale bis unhinterfragt positive Bereich ist durch weitere Stimmen abgedeckt. Eine Schauspielerin sieht Gott als eine Idee, die "Idee einer Welt voll Liebe", wohlgemerkt, eine Idee, von der sie so spricht: "es ist ihm völlig wurst, wie man von ihm redet." Und "wie wundervoll wäre unsere Welt, wenn wir uns mehr mit der Essenz von Gott beschäftigen würden."

Nicht so konfus eine weitere Kabarettistin: Was Gott ist, das kommt ganz darauf an, wer an ihn glaubt. Aber auch hier der Popanz: "Gott ist das Absolute, das Transzendente." Der ganze Rest der Antworten liegt von den realen Fehlern der Religion unbeeinträchtigt komplett im positiven Bereich.

Es sei erlaubt, die Antworten der Kirchenleute summarisch abzuhandeln, die werden ja dafür bezahlt, dass sie die Sache positiv sehen. Für einen Benediktinerpater ist Gott "das absolute Geheimnis", Gott ist "das reine Sein" und "der Grund allen Seins" und nicht "ein Seiendes, das er begreifen könnte".

Ähnlich verstrubbelt die Antwort eines evangelischen Landesbischofs, Gott ist demnach "unverfügbar" und undefinierbar, "wenn Gott wirklich Gott ist, ist er größer, als alle menschlichen Kategorien es ausdrücken können." Aber durch Jesu' Foltertod ist der Gott "menschennah" und "ein Freund des Lebens." Ein Passauer Bischof redet von "unbedingter Liebe, die unser Denken maßlos übersteigt", von unendlich herrlicher Schönheit und Wahrheit, von "Beschenkung mit dem Unfassbaren".

Solch ausdrückliches Bekenntnis zur Dummheitsverherrlichung findet sich auch bei Laien. Ein Schriftsteller traut sich nicht, eine einfache Antwort zu geben und spricht vom "Transfiniten" und "wahrhaft Unendlichen", in dem die "Herrlichkeit des Schöpfers" zum Ausdruck komme. Ein Gastwirt trägt das ein wenig ins Ironische: Das Definieren ist eine von Menschen erdachte, einseitige Herangehensweise. Er nennt sich selber einseitig, denn in seinem Leben gibt's nur Göttinnen – das wird seine heimische Göttin freuen.

Eine weitere Autorin hält Gott für "das Gute, das in jedem angelegt ist." Ein Musiker spürt Gott immer besonders beim Musizieren. Für ihn ist das Musikmachen ein "Zeichen für den einen Schöpfergedanken, der uns alle durchwirkt." Eine Bestatterin hält Gott auch für die innere Kraft in uns allen. Wenn sie ihr Innerstes spürt, bringt sie "sozusagen Jesus in unsere Welt."

Eine Hebamme spricht als Einzige von erlebter tiefster Niedergeschlagenheit, wo der Glaube ihr Kraft gab. Sie spürt in ihrer Tätigkeit des Kinder auf die Welt Bringens Ehrfurcht, Dankbarkeit und das "tiefe Wissen von Gottes Anwesenheit". Ein Richter und Schriftsteller sieht Gott als denjenigen, dem er zu danken hat, dass er Recht sprechen durfte.

Ein religiöser Richter, der Gott danken muss? An diesem Punkt wird es problematisch. So richtig taucht das Problem bei den beiden befragten Politikern auf. Die bayerische Wirtschafts- und Energieministerin Aigner findet, "Gott meint es gut mit allen Menschen." Sie glaubt, "gläubige Menschen können Krisensituationen besser durchstehen, weil sie Gott haben, der sie nicht alleine lässt." Und es ist ihr ein großer Trost, "dass es nach dem Tod weitergeht."

Ähnlich schlicht gestrickt ist die Antwort des bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer: "Gott ist der Urgrund allen Seins." Er äußert seinen Dank für seine christliche Erziehung und das Gottvertrauen, das ihm daraus erwuchs. Auch hier das Argument von Halt und Zuversicht in schwierigen Lebenssituationen. "Ich bin froh, dass wir in Bayern die christliche Botschaft der Nächstenliebe und des Friedens leben und vermitteln und damit das Wertefundament in unserem Land stärken."

Abschluss

Solche treudoofe Frömmigkeit stimmt bedenklich. Das sind immerhin Politiker, die alle Menschen vertreten sollen. Wenn man diesen Leuten einreden kann, dass es einen Gott gibt und ein Leben nach dem Tod, worauf fallen die dann noch alles rein? Hat nicht die BayernLB schon zuviel und zu teure Leichtgläubigkeit zum Vorschein gebracht?

Und was soll man davon halten, wenn jemand dankbar für seine christliche Erziehung ist, sprich, für seine eigene Verdummung? Will der dann dieselbe Verdummung für alle einrichten?

Und das Durchstehen von Krisen mit Gott bedeutet im Grunde Verstand abschalten und durch. Ist das eine wünschenswerte Haltung? Gottvertrauen ist das Vertrauen in Phantasie. Ist das nicht ein zu großes Risiko?

Wieso gilt Frömmigkeit nur bei muslimischen Politikern als bedenklich? Bei christlichen und sonstigen Politikern ist es doch genauso. Wenn die das Wertefundament in unserem Land stärken wollen, heißt das Vereinnahmung für religiöse Ideen, die von der Jugend mehrheitlich nicht geteilt werden. Mithin ein Verdrehen der Agenda nach rückwärts. Mit welcher Begründung Soll man dann die Rückwärtswende zum Islam verurteilen? (siehe auch ® Religion beweist: Es gibt ein Leben nach dem Hirntode)

Was ist Gott?

Die Definition von wissenbloggt ist einfach: Gott ist ein Phantasieprodukt, das in höchst unterschiedlichen Ausprägungen die Köpfe der Gläubigen bevölkert. In der Realwelt gibt es keinen Gott.

Gott ist also ein Konstrukt des menschlichen Geistes. Einige Konstrukte sind nicht beliebig, wie etwa die Mathematik, die Zahl 3 (und jede andere Zahl) oder das Gravitationsgesetz (genauer "Gesetzesaussage"). Zu der anderen Sorte von Konstrukten gehören Musikstücke, Ideologien, Religionen, der Weihnachtsmann, Donald Duck und eben die Götter. Sie sind beliebig, sie können so oder auch ganz anders erfunden werden.

Die Beliebigkeit ergibt sich schon aus den unterschiedlichen Aussagen oben, da hat sich klarerweise jeder sein eigenes Heiligtum zurechtgebastelt. Die weiteren Eigenschaften der Götter sind in vielen wb-Artikeln zusammengestellt: 

 

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5 Antworten auf Was ist Gott?

  1. Saco sagt:

    Gegen einen Gottglauben wäre nichts Schlechtes zu sagen, wenn sich die Götter und ihre auferstandenen Kopien benehmen würden. Doch der Christengott gibt mit seinen Beispielen Sintflut, Sodom und Gomorrha und seiner Hölle das absolute  Negativbild eines humanen Christentums ab. Sein Sohn schreckt als Auferstandener unsere Kinder mit dem Holocaust Apokalypse und einem sog. Jüngsten Gericht, auf das unser dritter Gott, der Heilige Geist, gleich ganz verzichtet, wenn man etwas gegen ihn vorzubringen wagt. Niemand dürfte etwas gegen Götter haben, die sich an das Grundgesetz und die Regelungen des Strafgesetzbuches halten. Und die vor allem von ihrem erklärten Vorhaben absehen, irgendjemanden "von Ewigkeit zu Ewigkeit"  zu foltern. 

  2. Wilfried Müller sagt:

    Saco spricht das Hauptargument gegen Götter aus; sie sind unmenschlich. Aber auch wenn sie sich ans GG halten, sind Götter eine Bürde, denn das Geschäftsprinzip jenseitige Versprechungen gegen diesseitige Leistungen stinkt. Oder ist das auch grundgesetzwidrig?

    Nachtrag: Bei atheisten-info.at gibt's den SZ-Artikel mit Kommentaren.

  3. Klarsicht sagt:

    „Was ist Gott“ ? Es ist säkular-empirisch ein von zwei „Glaubenskonzernen“ und anderen kleineren religiösen Unternehmen als Geschäfts-Idee und -Kozept okkupierter Begriff. Mit diesem toxischen Begriff haben die Okkupanten viele Menschen süchtig gemacht und sie u. a. monetär kräftig „gemolken“, was ein Sachverhalt ist, der auch heute leider noch weitgehend gegeben ist.

    Gruß von

    Klarsicht

  4. Saco sagt:

    Ich selbst bin ja strenggläubig, in dem Sinn, dass wir den Gottglauben nicht wegkriegen. Zu tief sitzt die (unbewusste) Angst vor den (erfundenen) Göttern. Das Verbot von Folter in der BRD schließt die Androhung ewiger Folter ein. Warum haben wir diese Verbote? Weil Verstöße gegen das Gesetz nahezu jeden Betroffenen krank machen. Die Amtskirchen drohen in eigener Täterschaft mit Folter, da 1. kein Gott Lust auf so etwas verspürt und 2. unsere Götter nach der Staatsanwaltschaft Freiburg i. B. nicht "existent" sind. Es gibt sie nicht. Wenigstens nicht in der deutschen Justiz. Dort hat auch ein Auferstehungs- oder Wunderglaube nichts verloren. Was Heiko Maas sonntags von 10 bis 11 tut, ist (s)eine andere Angelegenheit.

  5. Klarsicht sagt:

    Zitat am Ende des obigen Artikels: „Die weiteren Eigenschaften der Götter sind in vielen wb-Artikeln zusammengestellt:“

    Ich erlaube mir, die Zusammenstellung um den nachstehend aufgeführten Artikel zu erweitern.

    Ein „verphilosophiertes“, kritisches Gedankenspiel über das „biblische Superwesen“ und dessen Glaubensgefolgschaft:

    http://www.wissenbloggt.de/?p=20669

    Gruß von

    Klarsicht

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