Was ist Gott? Nachlese

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lord-ganesha-1084346_1280Der Artikel Was ist Gott? stieß nicht bloß bei der Süddeutschen Zeitung auf großes Interesse, obwohl er nur im Bayernteil stand. In selbigem Teil wurden nun Leserbriefe zum Thema veröffentlicht (12.1.), über die wissenbloggt hier referiert. Ebenfalls gescannt: die Kommentare von der Initiative Humanismus (IH, Bild: der hinduistische Gott Ganesha von darpanjoshi, pixabay).

Zunächst einmal: Trotz des Untertitels "25 Antworten auf eine unbeantwortbare Frage" gibt der SZ-Artikel nur 23 Antworten wieder. Peinlicherweise fiel das weder der SZ auf, noch dem wissenbloggt-Referenten vom wissenbloggt-Folgeartikel Was ist Gott? Aber jemand aus der SZ-Leserschaft konnte so weit zählen, danke.

Deshalb zunächst ein paar Takte von der IH, ehe es an die schwere Kost aus dem Bayernteil geht. Man leistet sich da ein bissel Flachs, Gott ist tot, es ist eine Frau, sie ist schwarz, sie ist lesbisch usw. (garniert mit den IH-typischen Auseinandersetzungen um interne Regeln bezüglich Unterkommentaren). Hier ein paar schöne Statements (aus rechtlichen Gründen alles anonym wiedergegeben):

  • Imponierprosa, wenn die Christen nicht argumentieren können.
  • Götter sind Erfindungen von Menschen, um diejenigen zu manipulieren, die an diese Erfindungen glauben.
  • Gott ist ein vom Menschen erdachtes Wesen, um Dingen, die nicht erklärbar sind, einen Urgrund zu geben.

Oder ganz ausführlich: Gott ist das Versprechen, der Beschränktheit, Zufälligkeit und Vergänglichkeit der eigenen Existenz Wirkung, Sinn und Dauer zu geben und Ursache für den mangelnden Respekt vor dem Leben. Gott entbindet von der Verantwortung, aus seinem Leben etwas zu machen. Es geht ja auch nach dem Tod weiter.

"Götter" waren schon immer der Versuch, Dinge, die man nicht verstand, zu erklären. Und gleichzeitig ein Mittel, durch Drohungen und Verheißungen Macht auszuüben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Alle Götter waren und sind "Wesen" und weisen menschliche Eigenschaften, wie Liebe, Zorn, Eitelkeit, Rachsucht etc. auf, d.h. sie sind von Menschen erfunden worden. Keines dieser Gottesbilder wird der Realität dieses gewaltigen Universums mit seinen Abermilliarden Galaxien gerecht. Selbst "Gott" lediglich als Ursache allen Seins zu definieren, hat einen logischen Haken: Was ist die Ursache für die Existenz "Gottes"? Das menschliche Gehirn ist durch die Evolution darauf programmiert, immer nach einer Ursache für Ereignisse zu suchen. Das ist unser Antrieb für Neugier und Wissenschaft. Gleichzeitig fällt es uns schwer zu akzeptieren, dass dieses Universum einschl. aller eventuellen Paralleluniversen, Strings, Blasen etc. einfach aus sich selbst und ohne "Schöpfer" existiert.

Und noch weitergehend: Der Mensch hat eine Vorliebe für mystische Dinge, er erfindet Götter und Religionen, Engel, Teufel, Elfen, Dämonen, er gründet Geheimbünde, ersinnt Verschwörungstheorien, glaubt an die Wirkung von Zauberei und Magie, an übernatürliche Phänomene, an Hellsehen, an Horoskope, an Gedankenübertragung, an Ufos, Aliens,an Geistheilung und Ähnliches. Und wegen dieser Vorliebe wird es auch weiterhin Menschen geben, die an "Gott" glauben. Mit "Realität" hat das aber nichts zu tun. "Gott" gibt es nicht; er existiert nur in den Köpfen derjenigen Menschen, die daran glauben.
 

Witzig ist diese Einlassung: Ich finde den Gedanken an ein "ewiges Leben" alles andere als verlockend! Das wäre doch nach einiger Zeit extrem langweilig – besonders gegen Ende.

Der Tod ist eben der Preis, den wir für die Sexualität bezahlen müssen.

Nun zu den SZ-Leser-Kommentaren, subsumiert unter dem SZ-Titel "Und hilflos zappelt der Mensch". Diejenige, die bis 23 zählen konnte, zählte gleich weiter: 17 Männer antworteten und nur 6 Frauen. 13 sprachen von Gott als männlicher Gestalt, als Gottvater und Er. Nur eine Person sprach von einer weiblichen Gottheit (und von Elefanten gleich gar niemand, Ergänzung wb.). Die Kommentatorin empfindet das als schmerzhaft für eine denkende weibliche Person. Allerdings keine Rede von den Schmerzen der Unvernunft, die man fürs Göttliche braucht.

Jemand anders wird philosophisch bis zum Schwurbeligen. Demnach sei die Frage "Was ist Gott?" philosophisch unsinnig. Der Kommentator möchte "Gott" kein "Was" zugeschrieben sehen, sinnvoll könne man nur über menschliche erfahrungen sprechen, Erfahrungen, aufgrund derer man meint, von Gott reden zu können oder zu müssen oder eben nicht.

Nicht ganz so konfus wird dasselbe Thema von anderer Seite abgefrömmelt. Also kein "Was ist Gott?", sondern ein "Wer ist Gott?" Persönlicher soll es sein: Das "Wer" wird, "von Gott kommend, Mensch". Garniert mit einem Bibelspruch "wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat" (Joh. 12,45).

Genau das Umgekehrte findet ein Religionslehrer gut. Also nicht "Wer ist Gott?", sondern "Was ist Gott?" D.h. keine Vorentscheidung. Die katholische Kirche hätte sich solche Fragen nicht getraut, sagt er, der Islam auch nicht. Er selber hat sich getraut, seine Sechstklässler Gott zeichnen zu lassen. Die gezeichneten Gottesvorstellungen wiesen viele Ähnlichkeiten auf, aber keine zwei waren gleich. Daraus erkannten die Kinder, dass jeder Mensch seine eigene Vorstellung hat, und keine zwei die gleiche. Und jeder soll die Vorstellungen des anderen respektieren. Das hätte der gute Mann gern auf die Welt übertragen, gegenseitigen Respekt. Und wer oder was ist nun Gott? Das seien Vorstellungsversuche von etwas, das unser Erkenntnisvermögen übersteigt.

Die Artikel-Überschrift spendiert ein weiterer Kommentator, der "Gott" noch viel höher hinaufkatapultiert – er hält ihn für eine "Vermisstenanzeige", für ein "Postulat des hilflosen, zappelnden, weil gottverlassenen Menschen". Demnach gibt's einen größeren Gott, den in sich ruhenden Kosmos, und den kleineren Gott, den wir unseren Vater nennen und ihn in vielzüngigen Notrufen beschwören.

Ebenso abgehoben die nächste Kommentatorin. Demnach ist Gott eine unsichtbare Kraft bzw. Wirkung, "die unsere Gedanken und unser Tun unbeirrbar zum Vorschein bringt". (ob die Kraft die Gedanken bringt oder die Gedanken die Kraft, bleibt unklar). Jedenfalls sei die Welt aus den Fugen geraten, mit Ausbeutungsgesinnung, Geld- und Besitzgier. "Gott" könne demnach nicht anders, als unser falsches Leben in Form von Terror und Verwüstung zu spiegeln.

Gleich 2 Kommentare gehen auf den Ministerpräsidenten Seehofer ein. Jeweils kritisch zum christlichen Wertefundament: Wo bleibt denn das bei einer Obergrenze für die Nächstenliebe, für Nichtbayern oder gar Andersgläubige? Folgerung: "Der liebe Gott ist ein Bayer und katholisch."

Und gleich nochmal die Flüchtlingsobergrenze, aber nicht so witzig. Der Kommentator wäre dankbar, wenn mehr von der seehoferschen Christenerziehung übergeblieben wäre. Das Wertefundament werde durch Seehofers Flüchtlingspolitik untergraben, besser für die "christliche Botschaft in Bayern" sind demnach Merkel und de Mazière.

Übrigens geht's bei den Kommentaren 5:3 für die Männer aus, und die frömmeln auch besser. Einiges, was da geäußert wird, ist schon beklemmend. Z.B. wie selektiv die christliche Botschaft gegen Obergrenzen instrumentalisiert wird (doch das ist SZ-Politik und wohl deshalb ausgewählt). Aber wie schwurbelig da argumentiert und wohl auch gedacht wird – Gott sei dank gibt's ja die Gottlosen …

 

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