Bewusstsein VI – inneres Modell

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blur-1845247_1280Dies ist der 6. Teil der wissenbloggt-Bewusstseins-Serie, die das Unmögliche versucht, nämlich die Erklärung des Eigentlichen, des Bewussten. Dabei wird auf den Erkenntnissen des theoretischen Philosophen Thomas Metzinger aufgebaut, und am Ende steht tatsächlich ein Voilà (Bild: Pexels, pixabay).

In den fünf vorangegangenen Bewusstseins-Artikeln wurde eine kleine Übersicht versucht (1). Dann ging es mit etwas eigener Nachhilfe voran (2), und danach wurde eine Vorstellung abgeliefert, wie Kognition, Lernen und Erinnern konstruiert sein könnten (3). Dann war das Träumen dran, in Form von dem Bild, welches das innere Kino zur Verfügung stellt (4), und das Denken wurde auf schlichte Weise in einer neuen ontologischen Ebene verortet (5). In diesem Teil soll ein Erklärungsansatz für das Bewusstsein diskutiert werden, der weiteren Aufschluss gibt. Von einer perfekten Erklärung kann noch nicht die Rede sein, aber die stückchenweise Annäherung findet endlich ein plausibles Ziel.

Hier nochmal der Disclaimer, dass alle Angaben ohne Gewähr sind und dass für Nebenwirkungen und Risiken der Arzt und der Apotheker haften. Mangels abschließender wissenschaftlicher Beackerung werden weiterhin Freiheiten bei der Begriffsbildung genutzt, speziell beim Bewussten.

Ego-Tunnel

Ego-Tunnel heißt das bei Thomas Metzinger, denn er sieht das Bewusstsein verbaggert in Unendlichkeiten von Daten der Realwelt, von denen es nur den kleinsten Teil bearbeitet. Dabei ist Datenreduktion eine überaus wünschenswerte Fähigkeit, die das Bewusstsein so nützlich und brauchbar macht. Wenn's schon eine Metapher sein muss, dann wäre die Bergspitze angebrachter, wo der Geist auf einem Gipfel von hochverdichteten Daten thront.

Metzingers Schreibe ist ohnedies nicht die stringenteste, ständig wirft er ad hoc Begriffe ins Getümmel, um seine Erkenntnisse zu umschreiben. Trotzdem dürfte das derzeitig der beste Erklärungsansatz sein. Metzinger befasst sich damit, auf begrifflicher Ebene die notwendigen und hinreichenden Bedingungen dafür zu isolieren, dass in einem informationsverarbeitenden System ein Ich-Gefühl entsteht (zitiert aus einem Interview mit Thomas Metzinger, Interview und Buch sind unten verlinkt)

Sein Thema ist speziell die einfachste Form des "nicht-begrifflichen Selbstbewusstseins", und das bezieht sich nicht nur auf biologische Systeme; genauso sind computerisierte Systeme gemeint. Nach Metzinger operieren bewusste Systeme auf der Basis verfügbarer Informationen, und zwar mit Hilfe eines inneren Modells der Wirklichkeit, auch phänomenales Selbstmodell (PSM) genannt. Das innere Modell der Wirklichkeit benötigt als Funktionen

  1. eine ständige Aktualisierung der Informationen
  2. ein "Gegenwartsfenster", soll heißen ein "erlebnismäßiges Jetzt", das Ereignisse "herausgreift" und sie "als gleichzeitig darstellt"
  3. eine "transparente" Repräsentation

Was die Philosophen eine transparente Repräsentation nennen, ist ein inneres Modell, das nicht als solches erlebt werden kann. Sowas vermittele uns das Erlebnis, das Selbst wäre der eigene Körper, so dass wir etwas Abstraktes als absolut konkret erleben. Wir meinen, wir "wären dort drin", der Organismus "klebe sozusagen an seiner eigenen inneren Vorstellung von sich selbst".

Dadurch käme die erlebnismäßige Identifizierung mit der permanenten Innenwahrnehmung des Körpers zustande, mit Bauchgefühlen, Gleichgewichtssinn, Raum- und Bewegungsempfindungen, wie auch mit dem fiktiven Punkt hinter den Augen, der den geometrischen Ursprung der visuellen Perspektive bildet.

Tatsächlich wären wir aber "niemals direkt in Kontakt mit dem Körper", sondern was wir erleben, sei der Inhalt einer neuronalen Repräsentation im Gehirn, das Ergebnis eines komplexen Berechnungsvorgangs. Das wird als "Phänomenologie der Identifikation" bezeichnet, die philosophisch relevant und empirisch behandelbar sei.

Daher also die Sicht auf das Bewusstsein als ein Interface und auf das Selbstmodell als Teil einer "biologischen Benutzeroberfläche". Man könne "Subjektivität" und "Erste-Person-Perspektive" auch als "neuronales Datenformat" verstehen, als eine "hochspezifische innere Weise des Gegebenseins". Die "Wirklichkeit" sei aber nicht so, wie sie uns subjektiv erscheint.

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Bewusstsein

Ein inneres Modell mit 1., 2. und 3. reicht nach Metzinger, um "das Erscheinen einer Welt" zu konstituieren. Und das Erscheinen einer Welt ist Bewusstsein.

Das wäre zunächst mal eine ganz einfache Stufe, aber, "wenn ein System ein ebenso transparentes inneres Bild von sich selbst in diese phänomenale Wirklichkeit einbetten kann, dann wird es sich selbst erscheinen." Also eine Schleife – durch diese 4. Funktion würde das Modell dann die "phänomenale Eigenschaft des Ich-Gefühls, der Selbstheit" verkörpern. Das Modell wäre nicht nur jemand, sondern durch das Gegenwartsfenster auch anwesend.

Das reicht für einen Eindruck in die blumige Sprache. Es wird was Interessantes gesagt, aber man weiß nie so genau, wie das nun gemeint ist. Deshalb jetzt der Versuch der Umsetzung in ein ganz profanes Bild:

Das innere Modell darf man in erster Näherung als inneres Kino auffassen, also die Verortung von Körper und Gliedmaßen im Raum, wo auch die erkannten Objekte mit Abstand und Richtung in Relation zum Körper repräsentiert werden.

  1. die ständige Aktualisierung des Modells kommt von der Sensorik, die Muster liefert, und der Kognition, die Objekte und Aktivitäten erkennt, sowie einer entsprechenden Update-Funktion
  2. den zeitlichen Aspekt liefert der Fokus, der sich immer nur auf ein Objekt richtet, dann auf das nächste usw. Von dem fokussierten Objekt kommen jeweils die meisten Updates, womit eine "Gegenwart" definiert wäre: Wo der Fokus drauf ist, das ist nicht nur ein Ort, sondern auch die Zeit "Jetzt"
  3. das Update erfolgt, ohne das innere Modell zu stören – was die geforderte "Transparenz" gewährleistet

Das sind gewiss notwendige Bedingungen – aber sind sie auch hinreichend? Ist das genug, um das "Erscheinen einer Welt" und damit eines Bewusstseins zu konstituieren? Dazu sollen hier Zweifel angemeldet werden. Zur Begründung schaue man sich die Funktion des inneren Modells an.

Imperativ

Das läuft doch nicht bloß mit, sondern das hat zentrale Bedeutung und repräsentiert vitale Interessen. Ist dies Objekt groß, kommt auf mich zu und will mich fressen? Dann schnell das Fluchtprogramm aufrufen. Oder ist ein Objekt klein und schmeckt gut? Dann das Jagdprogramm.

Der Datenfluss vom inneren Modell geht also weiter. Es wird nicht nur upgedated, sondern es setzt selber Datenfluten in Gang. Je nach Lage wird ein Fluchtprogramm, ein Jagdprogramm oder sonst ein Programm aufgerufen, und dann wird die Motorik aktiviert. Im Artikel 5 wurde dargelegt, dass die Bewegungsprogramme auf die Schnelle auch am Bewusstsein vorbei aktiviert werden können. Sie können aber auch übers Bewusstsein laufen. Dann befasst sich das innere Modell damit, sozusagen gründlicher und mit mehr Expertise.

Das wird dann der Fall sein, wenn es um besondere und vor allem um besonders wichtige Reaktionen geht. Das heißt, das innere Modell hat imperative Eigenschaften, es kann Alarm auslösen.

Mit diesem zusätzlichen Hintergrund wird der Ansatz plausibler. Das innere Modell leistet mehr. Es wägt Alternativen ab, es steuert Aufmerksamkeit und Durchgriff. Es ist ein hochwichtiges Schaltzentrum, deshalb kommen ihm auch besondere Reaktionen zu.

Die 4. Funktion oben wird dann auch verständlicher. Die Schleife für die Ich-Bildung, die Innenwahrnehmung, die Gefühle und Empfindungen ist ja auch was besonders Wichtiges. Sie verwendet den Datenausgang des inneren Modells, ohne die Motorik zu tangieren, und sie speist den Update des Modells unabhängig von der Sensorik. Ein passenderes Wort als Schleife wäre Überlegen.

An der Stelle könnte man noch spekulieren über einen Kurzschluss, einen Schwinggkreis, der das Ganze schwingen lässt, über eine kritische Masse, die sich aufschaukelt. Über irgendwas Besonderes, was das Ich produziert. Aber wozu?

Sobald das innere Modell überlegen kann, wird es sich seiner selbst bewusst. Anscheinend wird die Transparenz nicht gestört, wenn diese Selbstreflektion oder Ich-Bildung einsetzt. Eigentlich ist die reflektive Wirkung leicht einzusehen, wo doch jeder das Gefühl kennt, dass sich Gedanken im Kreise drehen. Egal, ob dies Gefühl eine kleine Transparenz-Lücke ist oder nur eine Täuschung – Überlegen und Ich-Bildung wirken auf diese Art plausibel.

Voilà

Und das Bewusstsein? Das Erscheinen einer Welt? Ist das plausibler, bloß weil Wichtigkeit und Funktionsumfang des inneren Modells hochgesetzt wurden? In gewisser Weise schon – aber es gibt einen noch wichtigeren Aspekt dabei: Das innere Modell herrscht über den Alarm.

Was ist denn der Alarm? Bei Alarm ist richtig was los im Oberstübchen. Die Erregungsmuster jagen sich, Hormonausschüttungen steigern das Ganze noch weiter. 100% Alarm ist das, was das Hirn maximal in dieser Richtung leisten kann. Da sollte die Gleichung gelten

100% Alarm = maximales Bewusstsein

Wenn das Hirn auf höchster Umdrehungszahl rotiert, was sollte es dann geben, was noch bewusster ist? Aus dieser Überlegung heraus wird die abschließende Behauptung gewagt

Bewusstsein ist Feintuning vom Alarm

Was auch immer der Alarm beinhaltet, höchste neuronale Erregung, überbordende Hormonflüsse, sonstige extranormale Hirnzustände – das Bewusstsein nutzt ein wenig davon, um das Erscheinen einer Welt zu illuminieren. Diese Aussage erscheint plausibler als die Vorlage ohne Alarm.

Man kann sich die Entwicklungsgeschichte gut vorstellen: Erst wurde der Alarm evolutionär hervorgebracht, als Mittel für den totalen Durchgriff auf alles, um die bestmöglichen Fluchtanstrengungen zu erzielen. Und als das Feature mal da war, fand es eine Zweitverwendung in modulierter Form. Ein zehntel Alarm wird sich auch als nützlich erwiesen haben, um die Aufmerksamkeit zu schärfen. Und dann ein hundertstel, um auch normale Dinge mit höherer Aufmerksamkeit zu versehen, mit stärkeren Steuermöglichkeiten, reicherer Alternativenauswahl, besserem Durchgriff – eben das, was das innere Modell zu bieten hat.

 

Wilfried Müller

Zum Abschluss: Wer die Artikel richtig gelesen hat und dann das Bild unten anschaut, bei dem dreht sich wahrscheinlich alles. Es drehen sich immer die Kreise, die man gerade nicht anschaut …

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2 Antworten auf Bewusstsein VI – inneres Modell

  1. Saco sagt:

    Ja sind wir denn verrückt? Da dreht sich tatsächlich alles. Fast alles. Bezüglich Bewusstsein glaub ich schon, dass es etwas sehr Handfestes schützen soll: Den ganzen Organismus. Das körperliche Sein als Täuschung anzusehen, kann das  Flucht vor einer Tatsache sein, die wir Menschen am tiefsten verdrängen müssen: Wir sind arg verletzlich. Ja wir können zu jedem Augenblick diversen Zuständen von Folter ausgesetzt sein. Die Brandblase ist keine Täuschung. Und tut weh. Auch Pflanzen haben wohl bereits Ansätze eines Bewusstseins, denn auch sie wehren sich gegen eine sie zerstören wollende Außenwelt. Ja jeder Leukozyt in uns passt höllisch auf uns oder sich auf. Denkt er bereits?

  2. Wilfried Müller sagt:

    In der Literatur wird ein Bewusstsein nur Wirbeltieren zugesprochen. Das ist natürlich mit Ungewissheiten verbunden. Bei Pflanzen müssen die Reaktionen doch nicht bewusst erfolgen, die haben ja gar nicht die neuronale Ausstattung dafür. Auch Leukozyten können "aufpassen", ohne ein Bewusstsein zu haben. Alle Angaben ohne Gewähr. Wenn Saco mit seinen Bäumen sprechen wiil, kann er das ja tun. Ist bloß so ähnlich wie Beten zu Gott – keiner da, der antwortet.

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