Hingerichtet (1)

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Grausam und blutrünstig ist die Geschichte der Henker, wenn man ihren Spuren durch die Geschichte folgt. Deshalb wurde auch in der Geschichtsschreibung nicht viel Aufhebens um sie gemacht, und für gewöhnlich bedeckt man diesen Beruf mit dem Mantel des Schweigens.

Ursprünglich wurde die Todesstrafe durch Angehörige des Opfers vollstreckt und damit war die Sache erledigt. Aber bei den Römern gab es schon berufsmäßige „Vollstrecker“. Dieser wirklich schreckliche Beruf wurde meistens von ehemaligen Sträflingen oder anderen Ausgestoßenen der Gesellschaft ausgeübt.

Später dann im Hochmittelalter und noch bis in die Neuzeit hinein, wurde diese Tätigkeit von sogenannten Angehörigen der ehrlosen Berufe ausgeübt. Die Angehörigen der „ehrbaren Berufe und der Stände“, wollten mit dieser Klientel absolut nichts zu tun haben. Ein kleines Beispiel: Angehörige der ehrbaren Berufe waren z. B. Bäcker, Schmiede, Tuchhändler, Kaufleute etc. Die Angehörigen der Ehrlosen waren z. B.: Abdecker, Bader, Anisölbrenner, Aschenbrenner, Arzt (Feldscher, Wundarzt) und auf der untersten Stufe die Henker und die Prostituierten. Auch mussten der Henker und seine Familie außerhalb der Stadtmauern wohnen, oder wie in Nürnberg z. B. auf der Pegnitzinsel. Der Richtplatz war auch meistens vor den Toren der Stadt und nicht immer am Marktplatz.

Vor den Toren der Stadt waren auch die Henkersgehilfen (die sogenannten Abdecker) mit ihrem Chef, dem Henker, mit einer anderen Tätigkeit beschäftigt: dem Abdecken und Verarbeiten von verendetem Vieh. Eine ekelhafte und stinkende Tätigkeit, die noch dazu gesundheitlich sehr gefährlich war. Etliche Henker und ihre Gehilfen haben sich durch diese scheußliche Tätigkeit den Milzbrand zugezogen und verstarben elendig daran. Das Herrichten und Abdecken des Viehs wurde auf dafür vorgesehenen Wiesen vor der Stadt gemacht. Diese Abdeckerorte wurden Wasen genannt. Heutzutage findet man dieses Wort Wasen in vielen Ortsnamen, wie z. B. Eichwasen, Cannstatter Wasen usw. usf.

Eine andere unappetitliche Tätigkeit, die der Henker und seine Gehilfen verrichten mussten, war die Reinigung der Kanalgruben. Man kann sich vorstellen, wie gut der „Odeur“ der Personen war, die dies machen mussten, 4711 war nichts dagegen. Mit einem Wort: Es stank entsetzlich.

Eine weniger unangenehme Aufgabe war, die Aufsicht über die sogenannten Frauenhäuser sprich Bordelle. Der Henker hatte dort Hausrecht und jede der Hübschlerinnen oder Freudenmädchen, musste einen Teil ihres Lohnes an den Henker bezahlen.

Immer wieder hört man auch den Begriff „Scharfrichter“. Die Erklärung ist die: Der Henker richtete noch vor langer Zeit „trocken“ also mit dem Seil und der Scharfrichter richtete „nass“, also blutig mit dem Schwert. Später hat man diese Bezeichnung nicht mehr getrennt, sondern der Henker musste auch die „nasse“ Hinrichtung beherrschen.

Die Henkers- und Abdeckerfamilien vererbten ihre Tätigkeit meistens vom Vater auf den Sohn. Geheiratet wurde auch in andere Henkersfamilien hinein. Keiner, von den Angehörigen der ehrbaren Berufe,  wollte schließlich ein Mitglied dieser Sippe in seiner Familie haben. So entstanden ganze Henkerdynastien, vor allem im Süden von Deutschland und bis in die Schweiz und Österreich hinein. Eine ganz berühmte Familie war die Sippe der Hamberger, dessen Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel ein alter Schulkumpel von mir war.

Die Angehörigen des Henkers mussten sich auch dementsprechend auffällig kleiden, am besten in den Farben Grün und Rot. Oder sie mussten an den Ärmeln ihrer Bekleidung einen aus Stoff gefertigten Galgen anhängen und Glöckchen tragen, damit man nicht nur visuell sondern auch akustisch die Sippe bemerkt.

Eine Anmerkung zu der Bedeutung der Farben: Rot und Grün. Rot steht für das Blut und Grün für die Erde (der Arme beißt im wahrsten Sinne des Wortes ins Gras).

In der Kirche mussten der Henker und seine Familie hinten abseits sitzen. Auf dem Friedhof wurden er und seine Sippe abseits begraben und durften nicht mit verstorbenen Angehörigen der Ehrbaren in Berührung kommen. Ein richtiges Paria-Dasein. Ausgestoßen und verfemt von der Gesellschaft.

Das Verrückte an der Sache war aber: Der Henker und seine Sippe standen auch in dem Ruf, besonders begabt in Heilungsangelegenheiten zu sein. Was den Aberglauben und die Zauberei anging, da ging man nachts klammheimlich zum Henkerhaus und besorgte sich die entsprechenden Utensilien. Zum Beispiel so makabre Sachen wie abgehackte Gliedmaßen zum Schutz vor Diebstahl etc. Bäh!

Oder ein ganz widerlicher Brauch war, das Blut von Enthaupteten aufzufangen und den Blutbecher den Epileptikern zum Trinken zu geben. Der Aberglaube sagte, dass dieses Blut die Epilepsie nicht nur lindern sondern auch heilen kann – was für ein Graus!

Man fragt sich natürlich, ob diese Zunft so was wie eine Ausbildung genoss. Dies war tatsächlich der Fall. Der zukünftige Henker musste bei seinem Meister regelrecht in die „Lehre“ gehen. Es dauerte so 2 bis 3 Jahre, bis der Henkerslehrling zum Gesellen wurde. Geübt wurde an Tieren. Die Leichen der Hingerichteten dienten als Anschauungs- und Anatomieobjekt. Die Henker hatten im Mittelalter viel bessere anatomische Kenntnisse als die Ärzte, verbot doch die Kirche bei Todesstrafe das Obduzieren des Leichnams. Seine Gesellenprüfung bestand der zukünftige Henker dadurch, dass er eine Enthauptung sauber und schnell durchführen konnte. Es war damals keine Seltenheit, so makaber es klingen mag, eine Enthauptung in mehreren Schritten durchzuführen, was ohne Zweifel grauenhaft für den bedauernswerten Delinquenten war.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Hinrichtung der berühmtesten Königin der Schotten, an Maria Stuart.

Der Henker war bei ihr so stümperhaft, dass er erst beim sechsten Schlag ihren Kopf abhacken konnte.

Diese Stümperei bei Enthauptungen, hatte erst ein Ende, als Dr. Joseph Ignace Guillotin am 10. Oktober 1789, einen – wir würden heute sagen – Bauplan vorführte von einer Maschine, die anatomisch gerecht schnell den Menschen um einen Kopf kürzer machte. Die Ironie der Geschichte war, dass damals Ludwig XVI., diese Maschine als sehr human erachtete für zukünftige Hinrichtungen und er erlaubte auch mit Billigung des obersten Henkers von Paris, Charles Henri Sanson, der übrigens ein sehr gebildeter und kultivierter Mann war mit Medizinstudium in Leiden, den Bau dieser Maschine, die dann am 20. März 1792 in Auftrag gegeben wurde. Mit dieser Maschine wurden auch der König und die Königin später hingerichtet. In der Französischen Revolution hatte sie nicht nur ihre Premiere, sondern wurde auch  massenhaft eingesetzt. Später wurde das sogenannte Fallbeil in fast ganz Europa verwendet. Außerdem schaffte Frankreich erst 1969 die Todesstrafe offiziell ab. Bis dahin war das Fallbeil immer wieder im Einsatz.

Die Todesstrafe im geteilten Deutschland hatte ihr Ende mit der Alliiertenregierung der 3 Westmächte nach dem 2. Weltkrieg. Im damaligen Ostteil von good old Germany war die Todesstrafe noch vorhanden. Dies nur beiläufig erwähnt.

Wie bereits erwähnt, die Henker mussten eine regelrechte Lehre machen, um nicht nur sauber und schnell eine Hinrichtung zu vollziehen, sondern auch in den Foltermethoden wurden sie unterwiesen.

Auch die Henker hatten so eine Art Ehrenkodex: Dem Delinquenten so wenig wie möglich Schmerz, weder bei der Hinrichtung, noch bei der Folter zuzufügen. Bei der Folter war es bei einem „gut ausgebildeten Henker“ Brauch, den Gepeinigten nicht zu Tode zu foltern. Er wurde auch deswegen in der Wundheilung unterwiesen. Es war paradox, aber dies war tatsächlich der Fall.

Soweit ein kleiner Überblick über das Leben und die Arbeit des Henkers.

Heutzutage sollte man nicht vergessen, dass es in vielen Ländern auf der Welt die Todesstrafe immer noch gibt und zwar in 64 Ländern, sowie in vielen Bundesstaaten der USA, wird die Todesstrafe immer noch vollstreckt.

Der Henker heißt heutzutage „Justizvollzugsbeamter“, reine Wortkosmetik und ist genauso lächerlich wie „Bodenmasseuse“ für Putzfrau.

Die Hinrichtungsmethoden sind nur in den Golfstaaten genauso blutig und archaisch wie im Mittelalter. Dort werden die Delinquenten öffentlich in einer Sandarena hingerichtet und zwar mit dem Schwert. Der Henker dort ist hochangesehen und verkündet öffentlich, dass er den Willen „Allahs“ vollstreckt.

In den USA werden die Hinrichtungen noch zusätzlich von dem Gefängnisarzt durchgeführt. Er setzt die Nadel für die Venüle des Giftcocktails, der dann per Knopfdruck von dem Justizvogel-Beamten ausgeführt wird. Ende der Fahnenstange. Danach wird der Leichnam untersucht und im Knastfriedhof beigesetzt. 

In den anderen Ländern wird erschossen und aufgeknüpft, entweder klassisch mit Galgen oder am Baukran wie im Iran.

Wie man sieht, haben sich die Methoden ein wenig geändert und sind z. T. nicht mehr so blutig. Aber sie sind nicht weniger grausam.

Allen Delinquenten ist gemeinsam: Die Angst vor dem Sterben, was ja verständlich ist.

Im zweiten Teil meines Artikels soll das Für und Wider der Todesstrafe erörtert werden.

 

Die Meinung des Gastautors muss nicht der Redaktionsmeinung entsprechen.

 

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2 Antworten auf Hingerichtet (1)

  1. Rechtspopulist sagt:

    #66ilex am 14. Juni 2011 um 00:04

    "Eben – das Ich besteht …"
     
    Und … äh … was ist das "Ich"?
     
    Solange nicht klar ist, was es ist, ist dessen Existienz offen.
     
     

  2. S. Hamb. sagt:

    Ich würde gerne mehr über diese Familie erfahren, Auszug aus diesem Beitrag..

    (…'So entstanden ganze Henkerdynastien, vor allem im Süden von Deutschland und bis in die Schweiz und Österreich hinein. Eine ganz berühmte Familie war die Sippe der Hamberger, dessen Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel ein alter Schulkumpel von mir war.'…..)…

    ..gehöre schätzungsweise auch dazu, zumindest angeheiratet. 

    Nachforschungen ergaben, dass sowohl um Rosenheim als auch in Südmähren Wasenmeister über Generationen mit diesem Namens Hamberger tätig waren. Lediglich die Querverbindungen fehlen. Mich würde die Info des  'Schulkumpels' interessieren, bzw. die genaue Herkunft seiner Vorfahren. 

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