DNS-Analyse: Freibrief für die Verdächtigung Unschuldiger?

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analytics-1769273_1280In seiner „Lesermeinung“ vom 25.2. befürchtet Dennis Riehle den „Gläsernen Menschen“ und einen Dammbruch in der Ethik, weil aus dem DNS-Spurenmaterial von Straftätern nicht mehr allein das Geschlecht abgeleitet werden soll. Nun sollen Persönlichkeitsmerkmale wie Augen- und Haarfarbe sowie biologisches Alter entschlüsselt werden dürfen (Bild: typographyimages, pixabay).

„Das Ringen um die Fahndung per DNA", „Stuttgarter Zeitung“ vom 21. Februar 2017

Es hat schon etwas Kurioses: Da geschehen zwei Morde – wie sie leider oft in unserem Land passieren – in räumlicher Nähe, ein Tatverdächtiger ist ein Flüchtling, man konnte ihn mit den bisherigen Ermittlungsmethoden identifizieren, der Erfolg war erzielt und dennoch fällt dem baden-württembergischen Justizminister ein, dass die Ausweitung der forensischen DNA-Analyse trotzdem und ganz zufällig jetzt plötzlich „dringend notwendig“ werde. Zuvor war eine Stimmung verbreitet worden, die die Emotionen der „Wutbürger“ aufkochen ließ. Mit einer Angstmache vor einer zunehmenden Kriminalität schien die Bevölkerung aufgescheucht, da musste Guido Wolf in Anbetracht des Bundestagswahljahres ja reagieren. Und prompt will er die Grundrechte aushebeln. Denn was auf den ersten Blick eine so große Hilfe erscheint, ist in Wahrheit ein Freibrief für die Verdächtigung Unschuldiger.

Durfte man bisher aus DNA von aufgefundenem Spurenmaterial nur das Geschlecht bestimmen, sollen es nun Augen- und Haarfarbe sowie biologisches Alter sein. Bislang musste sich die Polizei noch anstrengen, aus einem großen Kreis an potenziell Verdächtigen – nämlich Männern oder Frauen –, aus deren Vielzahl niemand wirklich eine persönliche Vorverurteilung ableiten konnte, den Richtigen zu finden, darf sie fortan nicht nur die DNA mit möglichen Tätern oder Zeugen abgleichen, sondern nach dem Gesetzentwurf für den Bundesrat auch „ins Blaue“ hinein die Fahndung ansetzen. War in der Vergangenheit noch wahre Ermittlungsarbeit notwendig, um eine Tatbeteiligung auch belegen zu können, steigt nun die Gefahr, dass sich die Kriminalisten blind auf den einzelnen genetischen Fingerabdruck verlassen – der letztendlich überhaupt kein Beweis für eine Täterschaft ist.

Nicht umsonst haben Gerichte in der Vergangenheit die Bedeutung von DNA-Spuren im Strafprozess herabgestuft und betont, dass die DNA Lediglich in ihrem nicht-codierenden Bereich, also dort, wo keine Einzelheiten über die Persönlichkeitsmerkmale zu finden sind, für die forensische Arbeit genutzt werden dürfe. Und warum soll sich diese Entscheidung heute nun überdauert haben? Nur, weil wissenschaftlich mehr machbar wäre? Passen sich Würde, Datenschutz und Integrität des Menschen auch so einfach an den Fortschritt an, wie es die Technik tut? Wollen wir uns bevormunden lassen von dem, was wir selbst erschaffen haben und was jetzt droht, die Macht über uns zu übernehmen? Alles umsetzen, was möglich ist, auch auf die Gefahr hin, dass ein Dammbruch in der Ethik den oftmals überbewerteten, aber mittlerweile denkbarer denn je erscheinenden und uns herausfordernden „Gläsernen Menschen“ Realität werden lässt?

 

Dennis Riehle

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5 Antworten auf DNS-Analyse: Freibrief für die Verdächtigung Unschuldiger?

  1. Saco sagt:

    Ich bin der Meinung, die DNA-Spuren identifizieren einen Täter punktgenau. Man kann heurte definitiv sagen und tut es auch: Der wars.

  2. ockham sagt:

    Hallo Herr Sacco, 

    es gab vor ein paar Jahren den  Fall vom "Heilbronner Phantom". Es wurde schließlich nachgewiesen, dass es sich bei den in Heilbronn und an den anderen Tatorten erhobenen Spuren um diagnostische Artefakte gehandelt hat. Die zur Spurensicherung verwendeten Wattestäbchen waren verunreinigt, die DNA konnte einer Verpackungsmitarbeiterin eines an der Herstellung beteiligten Unternehmens zugeordnet werden. Diese Feststellung führte zu einer Diskussion über die Qualitätsstandards von Wattestäbchen und die Bezugsquellen dieses Produkts.

    Quelle: Wikipedia, Heilbronner Phantom

  3. Wilfried Müller sagt:

    (Ich habe mir erlaubt, den doppelten Satz bei Ockham rauszulöschen.) Ich finde aber, die Exaktheit der Methode ist nicht das eigentliche Thema. Das ist doch, ob man aus der DNS ein Täterbild machen darf oder nicht. Dennis Riehle lehnt das ab, und ich verstehe seine Gründe. Ich bin aber dafür, und ich hätte auch nix dagegen, meine DNS freiwillig zu hinterlegen. Wahrscheinlich kommt das eh als Pflicht, wenn die nächste schlimme Terror-Welle losgeht.

  4. ockham sagt:

    Hallo Wilfried, 

    das ist richtig, das eigentliche Thema ist ein anderes. Habe mich lediglich auf die Aussage von Herrn Sacco: "Man kann heute definitiv sagen und tut es auch: Der wars." bezogen. 

  5. Wilfried Müller sagt:

    Lieber Ockham & Saco, mich würde ja nun interessieren, was Ihr zum eigentlichen Thema meint?

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