„Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“ von Florian Freistetter. Rezension von Gerfried Pongratz

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Diese Rezension von Dr. Gerfried Pongratz (3/2017) muss mit einem gelinde gesagt ungewöhnlichen Vokabular zurechtkommen. Der Rezensent erledigt das gleich eingangs mit seinem im Jargon gehalteten Intro.

Der Verlag schwelgt in pikanten Vokabeln: Wenn Genialität auf Streitsucht trifft – und dabei ein kosmisches Arschloch herauskommt, davon erzählt Freistetters Buch mit schonungslosem Humor. Weitere Bezeichnungen für den portraitierten Isaac Newton: Egomane, Arschloch, Kotzbrocken – eine Biographie, wie es sie noch nicht gegeben hat.

Florian Freistetter: „Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“

Vorab, im gleichen Jargon: Ein grottenschlechter Titel für ein cooles Buch, das die Bedeutung eines Jahrtausendgenies anschaulich würdigt!

Dass es der promovierte Astronom Florian Freistetter wie kaum ein Zweiter versteht, Wissenschaft gut verständlich darzustellen und auch komplizierte Sachverhalte einem breiten Publikum zu vermitteln, demonstrierte er bereits mit mehreren Büchern und stellt es auch nahezu täglich mit seinem weitum geschätzten Wissenschaftsblog „Astrodicticum simplex“ unter Beweis; dass er auch kabarettistische Fähigkeiten besitzt, zeigt er als Mitglied der  Science Busters; auch, dass er locker, humorvoll-flapsig, formulieren kann, steht außer Frage. Ob er allerdings diesbezüglich beim vorliegenden Buch nicht übers Ziel hinausgeschossen ist, dürfte streitig – und eine Geschmacksfrage – sein.

 „Was für ein genialer Wissenschaftler. Und was für ein Arschloch“ (S. 13) ist der Grundtenor des Buches, das Isaac Newton (1643 – 1727) als größten Universalgelehrten seiner Zeit, vielleicht sogar aller Zeiten, preist, aber auch als sehr unangenehmen Zeitgenossen – nachtragend, kleingeistig, rachsüchtig, egoistisch, mimosenhaft, streitbar, esoterisch, intrigant – charakterisiert. Mit diversen biografischen Hinweisen wird Newtons Entwicklung als Nerd (S. 17) in einer Zeit, da es Naturwissenschaft im heutigen Sinn noch nicht gab, beschrieben und es wird dabei auch von seinen Selbstversuchen (z.B. Nadel ins eigene Auge) und überragenden Fähigkeiten, ungewöhnliche Fragen zu stellen und in der Beantwortung völlig neue Welten zu entdecken, berichtet. „Mit seinem monumentalen Werk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ (3 Bücher) hat Newton die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft geschaffen“ (S. 41); dass er dabei Mitarbeiter, Helfer, Konkurrenten oder Gegner wie z.B. John Flamsteed, Robert Hook, Gottfried Wilhelm Leibniz skrupellos ausnützte, oder bis aufs Messer bekämpfte, gehört zu den problematischen Eigenschaften seines Genies.

Florian Freistetter beschreibt die nicht überschätzbare Bedeutung des großen Wissenschaftlers anhand seiner wichtigsten Entdeckungen: In der Optik sind es die Eigenschaften des Lichts, in der Mechanik und Astronomie die Grundgesetze der Bewegung sowie die Beschreibung des Gravitationsgesetzes, in der Mathematik ist es die Entwicklung der Infinitesimalrechnung – Newtons Erkenntnis, dass es Naturgesetze gibt, die überall wirksam sind, setzten die ersten Schritte zur Vereinheitlichung der Naturwissenschaften. Es würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen, auf alle Bereiche einzugehen, in denen Newton Großartiges bis Entscheidendes leistete; so z.B. auch  mit der Erfindung einer wissenschaftlichen Sprache, mit den Konzepten von absoluter Zeit und absolutem Raum und mit der Formulierung der drei Newtonschen Axiome, die die Grundsteine der modernen Physik bilden. „Theoretische Physik und Astronomie kommen heute nicht ohne Newtons Erkenntnisse über Gravitation und Mathematik aus; die praktische Astronomie nicht ohne das, was er zur gleichen Zeit baute. Ein Teleskop“ (S. 71).

 Mit seinen überaus innovativen Gedanken war Newton auch in anderen – „abseitigeren“- Bereichen tätig; so widmete er ab seinem 50. Lebensjahr einen Großteil seiner Zeit u. a. auch der Alten Geschichte, Mystik, Alchemie sowie der Suche nach dem „Stein der Weisen“ und der Theologie (was aufgrund seiner kritischen Religionsbetrachtungen nicht ungefährlich war). „ Die Arbeit von Isaac Newton begründete das in den nächsten Jahrhunderten dominierende mechanistische Weltbild, Newton selbst glaubte aber an eine ganz andere Welt“ (S. 148). Der bedeutende Newton-Kenner John Maynard Keynes fasste es mit den Worten „Newton war nicht der Erste des Zeitalters der Vernunft. Er war der letzte Magier“ (S.138) zusammen.

Ein großes Thema der letzten 20 Lebensjahre Newtons bildete der sehr erbittert geführte „Prioritätsstreit“ mit Gottfried Wilhelm Leibniz zur Entwicklung der Differential- und Integralrechnung. Florian Freistetter schließt dazu allgemeine Betrachtungen zur „Krux, der Erste sein zu müssen“  im heutigen Wissenschaftsbetrieb an und widmet ein Kapitel auch der Frage „Naturwissenschaft ohne Gott“. In mehreren Abschnitten des Buches behandelt Freistetter Parallelen zwischen Newtons Forschungen und dem heutigen Wissenschaftsbetrieb, wobei er erläutert, worauf es in der Wissenschaft ankommt („ständige Kritik ist das Fundament, auf dem die moderne Forschung steht“ (S. 83)) und welche Vorgangsweisen und Prozesse (z.B. Peer-Review“) bei wissenschaftlicher Arbeit unerlässlich sind.

Ein Buch, das sehr viel Wissenswertes – gut verständlich, spannend erzählt – enthält und dem großen Genie Isaac Newton mit Begeisterung begegnet: „Es mag ein wenig übertrieben sein, wenn man behauptet, dass Isaac Newton im Alleingang die Grundlage für die moderne Physik gelegt hat. Aber nicht sehr“ (S. 191). Umso störender wirkt es, dass nahezu gebetsmühlenartig auch immer wieder auf die Charakterschwächen Newtons hingewiesen wird. Dass er – wie nicht wenige Genies – ein einsamer, unter chronischen Depressionen leidender Neurotiker und Egozentriker war, findet man in zahlreichen Publikationen; aus der Sicht des Rezensenten hätte es genügt – und dem Buch gut getan – diese Tatsache einmalig abzuhandeln und anhand der zahlreichen Widersprüche und Konflikte im Leben Newtons offenkundig werden zu lassen. Ob die mehrfach verwendete Bezeichnung „Arschloch“ Buchkäufer anzieht, die normalerweise um naturwissenschaftliche Texte einen großen Bogen schlagen, ist fraglich, dass sie potentielle Leser abstößt, erscheint wahrscheinlicher. Und das wäre sehr schade, denn trotz der vorgebrachten Einwände bietet das Buch hochinteressante Lektüre für Leserinnen und Leser mit naturwissenschaftlichem, aber auch historischem Interesse.

 

Gerfried Pongratz

 

Florian Freistetter: „Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“, © Carl Hanser Verlag, München, 2017, ISBN 978-3-446-25460-2, 206 Seiten

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Eine Antwort auf „Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand“ von Florian Freistetter. Rezension von Gerfried Pongratz

  1. Saco sagt:

    Das Wort A… ist ja zudem auch erniedrigend und steht, für einen Menschen gebraucht, auch dem Grundgesetz (Würde) entgegen. So hatte ich den Gedanken, Luther im Lutherjahr mit diesem Wort zu belegen, habe es aber gelassen. Luther war ja der Vater der Reichskristallnacht, hatte er doch dazu aufgerufen, die "Wohnungen der Juden" anzuzünden. Auch setzte er sich für die Verbrennung dreier "Hexen" in Wittenberg ein. Die endeten dann tatsächlich auf dem Scheiterhaufen. Luthers Gedanke, nur die Gnade Gottes könne vor der Hölle retten, nur der wirkliche Glaube, hat Entsetzliches angerichtet: In unseren psychiatrischen Anstalten ist oft kein Bett mehr frei…

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