„Krisenmüde“: Hilfsbereitschaft überbeansprucht – Solidarisierungspotential überreizt

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Dieser Artikel verfolgt zwei Skandale. Der eine ist umschrieben mit den aktuellen Hungerkrisen in Afrika, der andere ist der schlechte Nutzen, der aus den Hilfsanstrengungen gezogen wird.
Als drittes kommen noch ein paar Idiotien der Argumentation dazu (Bild: geralt, pixabay).

Zunächst die Problemlage aus der Sicht der Medien. Ein Kommentar heißt Hungerkrisen – Unterlassene Hilfeleistung (Süddeutsche Zeitung 22.3.): 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder sind in Teilen Afrikas und in Jemen in Gefahr. Doch die reichen Geberländer sind nun der Krisen müde.

1. Hungerkrisen in Afrika

Das ist schändlich, findet die Autorin Isabell Pfaff, und sie hat recht. In ihrer zynischen Formulierung könnte man sagen, es gäbe bessere Zeitpunkte für eine Hungersnot, etwa friedlichere Zeiten ohne Syrien-Krieg, Jemen-Krieg, Ukraine-Konflikt, Libyen-Konfilkt, Türkei-Konflikt. Diesen Gefallen tut uns die Gegenwart nicht. Die Welt ist offenbar müde geworden. Die internationale Gemeinschaft hat für die neue Hungersnot offensichtlich keine Aufmerksamkeit übrig. Wie sonst könnten die Vereinten Nationen von der schlimmsten Hungerkatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg sprechen – und trotzdem passiert so gut wie nichts?

20 Millionen Menschen in Teilen Afrikas und im Jemen sind vom Hungertod bedroht, und laut UN-Angaben fehlen 90% der nötigen Mittel für ihre Rettung, die auf insgesamt 4 Mrd. Euros veranschlagt werden. Wenn nicht bald gehandelt wird, ist es zu spät.

Jene Staaten, die jetzt als Geber gefordert sind, müssen sich zugleich auch als Verursacher sehen. Sie haben Anteil daran, dass es in den Hungergebieten so weit gekommen ist. Denn nicht das Klima ist schuld, außer in den seltensten Fällen. Es sind fast überall Kriege und Konflikte, die nicht durch internationale Maßnahmen gestoppt wurden. Sei es aus Krisenmüdigkeit oder aus Kalkül, man ließ die Machthaber fast überall gewähren. Es gab kein Waffenembargo, es gab keinen schlagkräftigen UN-Einsatz im Bürgerkriegsland Südsudan. Während die internationale Gemeinschaft in Somalia eine Staatenruine stützt, stacheln die USA mit ihrem Drohnenkrieg den islamistischen Terror weiter an. Derweil wird Äthiopien zum Lieblingspartner der Europäer in Sachen Fluchtbekämpfung, obwohl es mit seiner autoritären Wirtschaftspolitik nachhaltige Landwirtschaft verhindert.

Ergebnis: Märkte werden zerstört, Felder liegen seit Jahren brach. Inzwischen ist die Lage am Horn von Afrika, im Südsudan, in Nigeria und im Jemen jenseits aller politischen Möglichkeiten. Nur noch mit Nothilfe sind die 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder noch zu retten.

Die Autorin verkennt nicht, dass damit die alten Probleme bestehen bleiben. Mit Nachhaltigkeit hat es nichts zu tun, wenn importierte Säcke mit Reis und Mehl unter hohen Kosten in entlegene Dörfer gekarrt werden. Oder wenn Wassertanks losgeschickt werden und nicht Auffangbecken oder Brunnen gebaut werden. Oder wenn erhebliche Teile der Hilfsgelder für internationale Helfer und Fachleute ausgegeben werden. Die Gehälter der Experten seien nicht immer gerechtfertigt, ihre Anzahl sei schon mal zu hoch. Deshalb der Wunsch der Geberländer nach Kontrolle, wie das Geld verwendet wird – und auch das ist ein Kostenfaktor. Es zwingt die Hilfsorganisationen, viel Zeit in Nachweise und Projektberichte zu investieren.

Diese Argumentation läuft unter "berechtigter Kritik". Aber insgesamt werden die Leistungen der Vereinten Nationen und der von ihr koordinierten privaten Hilfsorganisationen als beeindruckend geschildert. Einmal, weil die UN oft der einzige zuverlässige Lieferant für Daten aus Krisengebieten ist, anhand von denen andere Hilfsorganisationen arbeiten können. Zudem wird die Koordinierungsrolle der UN mit ihrem Nothilfe-Büro Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (Ocha) gewürdigt – das bringt private, staatliche oder internationale Hilfsorganisationen an einen Tisch und verhindern so laut Autorin, dass die Hilfe doppelt oder einseitig in bestimmte Regionen oder Projekte fließt. Außerdem wird die Zusammenarbeit der UN mit lokalen Partnern gelobt, weil die die Lage vor Ort besser einschätzen können; noch ein Ansatz zur Fehlervermeidung. Und ohne die UN und ihre Flugzeuge wären viele Gebiete in den entlegensten Winkeln gar nicht mehr zugänglich.

Was aber, wenn die finanzstarken UN-Mitgliedstaaten gar kein Interesse an Nothilfeanstrengungen haben? Nicht nur die UN klagen über die geringe Spendenbereitschaft, das tun auch andere Organisationen. Die Bürger sind "krisenmüde", und die Regierungen erst recht. Auf den Geber-Konferenzen, jüngst in Oslo z.B. für den Tschadsee, werden öffentlichkeitswirksame Versprechungen gemacht. Gehalten werden die Versprechungen nur manchmal, oft viel zu spät oder gar nicht.

2. Schlechter Nutzen aus Hilfsanstrengungen

Die SZ-Autorin erwähnt einige Fakten nicht, die auch zur "Krisenmüdigkeit" beitragen. Darin folgt sie der üblichen Einseitigkeit, die nur von europäischen Verursachern reden mag. Die hausgemachten Konflikte durch Rassenhass und Übervölkerung tauchen nicht auf. Ohne die Übervölkerung in den Griff zu kriegen, ist aber keine Nachhaltigkeit möglich. Jobs schaffen und Brunnenbauen ohne Geburtenkontrolle verlagert das Problem nur in die Zukunft.

Nicht nur darauf beruht der schlechte Wirkungsgrad der Entwicklungshilfe, der den UN-Bemühungen seit jeher trotzt. Nach all den Jahren setzte sich die Sicht durch, dass sich wirtschaftliche Entwicklung von Ökonomen nicht planen lässt und Entwicklungshilfe vor allem den Helfern hilft – ganz neue Konzepte müssen har.

Der Nobelpreisträger Angus Deaton vertritt die Meinung, es wäre überhaupt unmöglich, ein Land von ausserhalb zu entwickeln, und Entwicklungshilfe sei geradezu schädlich. Es gibt Studien, nach denen die Korrelation zwischen Wachstum und Entwicklungshilfe praktisch null ist (Hristos Doucougliagos und Martin Paldam: The ineffectiveness of development aid on growth).

Ähnliches steht in Aid and Growth: What Does the Cross-Country Evidence Really Show? (MIT Press Journals 2008): …we find little robust evidence of a positive (or negative) relationship between aid inflows into a country and its economic growth. We also find no evidence that aid works better in better policy or geographical environments, or that certain forms of aid work better than others.

Demnach finden die Wissenschaftler nach der Auswertung der Daten von 239 Entwicklungsländern (andere Quellen reden von 206 Ländern überhaupt), dass es keinen Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und Wachstum gibt und es dabei keinen Unterschied macht, in welchen Regionen der Welt die Hilfe gewährt wird, wie die Wirtschaftspolitik der Empfängerländer aussieht, oder in welcher Form die Entwicklungshilfe erfolgt.

Geimeinsam das Urteil, Entwicklungshilfe wirkt negativ, jedenfalls wenn man es im Durchschnitt betrachtet. Wunder was, angesichts dieser Fragen: Wieso verkaufen die europäischen Staaten Waffen an Regime, denen sie gleichzeitig Entwicklungshilfe zahlen? Warum erheben sie Zölle auf deren Produkte? Als wollten sie mit der einen Hand zunichtemachen, was die andere Hand schafft.

Dann muss die Rede sein von der Plünderung durch globale Konzerne; die Gewinne aus den Entwicklungsländern werden über die Grenzen verschoben. Durch Steuertourismus verlieren die Länder mehr, als sie durch Entwicklungshilfe gewinnen. Ganz zu schweigen von den Milliardenprofiten der Räuberhäuptlinge und Despoten, die das Volk aussaugen und seine Rohstoffe außer Landes bringen – und dann werden die Eliten dieser Länder auch noch von den europäischen Ländern gegen eigene Bevölkerung in Schutz genommen: Ihre Konten sind sicher, ihre Kleptokratie genießt diplomatischen Schutz.

Ein paar Zahlen, die von der Global Financial Integrity GFI in Umlauf gebracht wurden: Die illegalen Geldgeschäfte in 145 Entwicklungs- und Schwellenländern wurden 2003-2012 auf 6.6 Billionen US-Dollar geschätzt. Laut GFI-Report ist China mit 125 Mrd. $ pro Jahr dabei, Russland mit 97 Mrd. $ und Mexico mit 51 Mrd. $. In Brasilien waren es über 400 Mrd. $ von 1960-2012. Was an Kapital auf illegalen Wegen verschoben wurde, ist also bald das 10-fache der 809 Mrd. Entwicklungshilfe in derselben Zeit. Für den Zeitraum 1960-2014 rechnet die Weltbank mit 835 Mrd. $ für Afrika alleine.

Aufgerechnet gegen den Marshallplan ist es das 6- oder 7-fache, sagt der Artikel Pipers Welt – Marshallplan (Süddeutsche Zeitung 2.3.): Die Bundesregierung will die Zusammenarbeit mit Afrika grundlegend erneuern. Minister Müller ist auf dem richtigen Weg, nur drückt er sich irreführend aus. Damit meint Piper den Vorschlag von einem europäischen Marshallplan für Afrika.

Nach heutiger Kaufkraft war der Marshallplan von 1948-1952 ungefähr 120 Milliarden Dollar wert. Eine enorme Leistung, die auch sinnvoll genutzt wurde, weil damit Vorhandenes neu gestartet wurde. Es gab Waren, es gab Geld, um nötige Waren zu kaufen. Damit wurden die Arbeiter ernährt und die Fabriken wieder in Gang gebracht. Nur so machte das Konzept des Marshallplanes laut Piper überhaupt Sinn.

Anders ist der Fall Afrika. Die afrikanische Entwicklungshilfe nutze bisher so wenig, dass viele Experten innerhalb und außerhalb von Afrika davon reden, das Geld habe eher geschadet als genutzt. Weil noch nicht viel von einer eigenständigen afrikanischen Industrie zu sehen ist, läuft ein Marshallplan auf die "sinnlose Forderung nach sehr viel Geld" hinaus. Denn wie das vergangene halbe Jahrhundert zeigte, war mit der Entwicklungshilfe keine eigene Industrie aufzubauen.

Von neuen Konzepten ist nun die Rede, die allerdings etwas diffus klingen: Wenn Afrika eine Chance haben soll, muss es in das System der globalen Arbeitsteilung eingebunden werden. Also nach den Billigarbeitern aus China nun die Superbilligarbeiter aus Afrika?

Das funktionert bestimmt nicht, weil schon Indien und Fernost dran ist, und dann kommen die Roboter. Viele Afrikaner haben ohnehin nicht die passende Malocher-Mentalität. Das Problem, wie geholfen werden soll, ist schon von daher groß.

Und natürlich, weil das schlechte Gewissen überstrapaziert wurde. Erst die deutsche Wiedergutmachung, dann die Bankenrettung alias Griechenlandrettung, dann die Flüchtlingshilfe. Alle, alle sind unsere Opfer, von den Nazis, von den Ausbeutern, vom Kolonialismus. Dass wir selber Opfer der Ausbeutung sind, ging dabei unter.

Und einige andere Details, z.B. dass die Bankenrettung eine Umverteilung von den Armen zu den Reichen war, und dass unsere Flüchtlinge eine Elite der Bessergestellten sind, von der die wenigsten direkt aus Krisengebieten kommen. Dort in den Kriegs- und Krisengebieten sitzen nicht nur die 20 Millionen von der UN beklagten Opfer. Dort sitzen die vielen, die sich keine Schleuser leisten können, und denen mit einem Bruchteil des Geldes geholfen wäre, das hier in den Overhead der Flüchtlingshilfe geht.

Die "Krisenmüdligkeit" kommt daher, dass die Hilfsbereitschaft überbeansprucht wird, weil sie ineffizient und ungerecht ist. Und sie kommt daher, dass unser Solidarisierungspotential durch den Überschwang überreizt wird, der immer neue Opfer ins Bild hebt und dabei oft die Schlechtergestellten ignoriert.

Angesichts der dringend notwendigen Hilfe für jene ist es nicht bloß eine bedauerliche Fehlallozierung, was mit den Hilfsgeldern passiert bzw. nicht passiert – es ist ein veritabler Skandal.

3. Idiotien der Argumentation

Argumentativ wird das nicht nur mit dem typisch deutschen Schuldreflex abgearbeitet – "jederzeit schuldbereit". Da geht es auch um ein Missverständnis bei der Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit ist sehr angesagt, bei Pflanzen, Tieren, Umwelt. Nur bei den Menschen nicht. Dabei ist die Logik dieselbe: Mehr Menschen sind nirgends nachhaltig. Mehr Menschen bei uns reinzuholen, bedeutet mehr Importe von Energie und Rohstoffen und mehr Zerstörung unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen. Am unsinnigsten ist es, wenn die Importe von da kommen, wo auch die Immigranten herkommen, etwa aus Nigeria. Das ist ein starkes Argument für Hilfe vor Ort incl. Geburtenkontrolle.

Damit kommt das Wichtigste zuletzt, weil ja wieder 20 Millionen potentielle Flüchtlinge winken. Nach der gehandhabten Rechtsprechung dürften die alle als Asylanten anerkannt werden, wenn sie es nach Deutschland schaffen. Stets und ständig erschallt die Predigt von der Endlichkeit aller Ressourcen, nur für die "Obergrenze" soll das nicht gelten. Obergrenzen sollen per Definition inhuman sein, ob es nun ums Helfen geht oder um die Geburt der Hilfsbedürftigen.

Dabei handelt es sich um ein grundlegendes Missverständnis namens Realitätsverweigerung. Manche Leute wollen nicht wahrhaben, dass alles eine Frage der Zahl ist. In der Realwelt gelten für andere Größenordnungen andere Gesetze. Selbst wenn der Blumenkohl über 5 Größenordnungen selbstähnlich ist, bei der sechsten gilt dann was anderes.

Ein paar Immigranten sind kein Problem, einige zehn, hundert oder Tausend auch nicht. Wenn es aber Milliarden sind, dann stimmen die Argumente mit Integration und reichen Kassen nicht mehr. Einige Millionen, das ist der Bereich dazwischen, wo die Argumente kippen. Wer dagegen blind ist, der setzt Ideologie und Dogma über den Verstand.

Grenzenlosigkeit ist ein Konzept der Illusion. Mit begrenzten Mitteln das beste erreichen, das ist realistisch. Hätte man danach gehandelt, dann wäre die Finanzierung der UN-Nothilfegelder kein Problem.

 

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