Globalisierung, Umverteilung & Armut

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20170228_globalismWährend bei uns mit "Armutsgefährdungs-quoten" operiert wird, liefert amerikanischer Sprachgebrauch saftigere Ausdrücke. Globalisierungskritik in den USA ist fetzig und nutzt möglichst das Wort "Dollar" im Text, um es plakativ einzusetzen.

Beispiel ist die reißerische, aber gutinformierte Site Zero Hedge (ZH):

Die Hälfte der US-Amerikaner kann keinen 500-Dollar-Scheck ausschreiben, oder ist es ein Drittel? Seit 1999 gehen die Einkommen demnach runter, bisher um 2,4%. Andere Zahlen sehen den Niedergang seit den 1980ern. Die Angabe 33% stammt vom HomeServe USA, sie steht dort genauer als 31%, und auch die QE-Programme (Geldschwemme) der Fed werden verantwortlich gemacht (was bei uns die EZB tut).

top5-spending2Die Kurven oben zeigen, wie die Ausgaben der oberen 5% die der unteren 95% abhängen, und die besonders eingängige Darstellung unten belegt, wie die unteren 90% von den oberen 0,1% überholt werden.

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Man sieht, wie diese Verhältnisse zur Zeit der Großen Depression schon einmal herrschten, wie dann die Regulierung griff, und wie die Deregulierung seit den 1970ern begann, die Verhältnisse wieder umzukehren. Aber erst die neoliberale Ära machte die Reichen wieder allzu reich. Die QE-Programme sind nur ein Effekt unter mehreren, die die Ausbeutung bewerkstelligen. Da ist vom Lohndrücken über Arbeitsplatzexport und Ersetzen von Menschen durch Roboter alles dabei.

Ein böser Kommentar dazu heißt What’s So Bad About Globalism? (TAKI'S MAGAZINE 27.2.). Man muss nicht alles für voll nehmen, was in der Philippika steht, aber es sind ein paar Highlights drin, die eine Übersetzung verdienen: Globalisierung ersetzt Arbeiter aus der Ersten Welt durch Arbeiter aus der Dritten Welt. Wenn sie es wagen, die Stimme dagegen zu erheben, werden sie "Rassisten" genannt, das moderne Äquivalent von "Niggers".

Die Globalisierer nahmen die amerikanische Arbeiterklasse aus und schufen dafür eine Mittelklasse in Asien. Jetzt geht's darum, dass die Amerikaner aufpassen müssen, nicht total verarscht zu werden ("not get fucked over"). Schon die Wahrnehmung, verarscht zu werden, und noch nicht mal der Versuch, das zu stoppen, macht die Betroffenen zu "Nazis, Antisemiten, Rassisten und Schwachköpfen", die am Fließband durch jemand mit braunerer Haut und weniger Geld ersetzt werden müssen.

Dieser Einschätzung nach wird die Globalisierung nur die Kriege zwischen Staaten durch Kriege innerhalb der Staaten ersetzen. Kriege, die früher an der Grenze stattfanden, werden in alle Straßen verlagert. Die Möglichkeit droht, dass aus der Globalisierung nicht weltweite Harmonie entsteht, sondern endlose und unwiderrufliche Konflikte.

household net worth by wealth groupWenn man die Entwicklung der Einkommensverteilung anschaut, diesmal nach Familien, die oberen 10%, die mittleren 40% und die unteren 50% (kaum wahrzunehmen), blickt man allerdings auf erhebliches Zoffpotential.

wealth-pyramid2015Und die Reichtumspyramide mit den oberen 0,7%, die 45% der globalen Güter besitzen (Stand 2015), sieht auch bedrohlich aus. Die oberen 8% besitzen dann schon 85% aller Güter, was dem Rest der Menschheit wenig übrig lässt.

In Deutschland hat das ein Echo. Die IW-Analyse Regionale Armut in Deutschland spricht von Städten der Bundesrepublik, in denen sich die Fälle von Armut häufen, namentlich Bremerhaven (28,5%  Armutsgefährdungsquote), Gelsenkirchen (28,4%). Auch in München und Frankfurt treiben hohe Preise viele Menschen in die Mittellosigkeit. In den neuen Bundesländern liegt nur einer von den 10 am stärksten betroffenen Orten, ein Gebiet in Berlin.

In den Städten gibt es zwar höhere Löhne, aber die Preise, zumal die Mieten, sind noch höher. Warum die Löhne nicht mit den Mieten mithalten, erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung: 2005 markierte demnach einen Umbruch. Bis dahin seien die Gehälter der Beschäftigten jahrzehntelang gestiegen, und dann folgte ein "sukzessives Absinken der Reallöhne". Wenn man das glauben darf (andere Zahlen sehen den Abstieg seit 1980 und einen Anstieg seit 2010), dann waren nicht Konjunktureinbrüche schuld, sondern vor allem die Hartz-Reformen. Und die würden nachhaltig weiterwirken, obwohl alle Jahre Meldungen von Lohnzuwächsen propagiert werden (Anmerkung wb).

Demnach hat Deutschland außer den globalen Umverteilungswirkungen noch eine Sonder-Flaute bei den Löhnen. Das spiegelt sich auch in den Export-Überschüssen, die zugleich Import-Defizite sind. Und wie immer ist keine Rede von den Schulden, die der Allgemeinheit aufgepackt werden, und die den Saldo noch weiter ins Minus drücken. Weil die Schulden sich pro Nase verteilen, landen 0,1% davon bei den oberen 0,1% und 90% bei den unteren 90%. Das eingerechnet, sind die Darstellungen oben noch zu optimistisch.

 

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Eine Antwort auf Globalisierung, Umverteilung & Armut

  1. Saco sagt:

    Das "starke Europa", das von Politikern so vehement gefordert wird, bedeutet schwache Entwicklungs- und Armenländer. "Starke Welt" müsste es heißen. So kommt der Krieg auf Europas Straßen…

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