Islam ablehnen, Muslime ablehnen?

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Ziel des Debatten-Magazins THE EUROPEAN ist es nach Eigenauskunft, kritischen Qualitätsjournalismus zu betreiben. Derzeit ist dort ein Anti-Islam-Artikel meistgelesen, den wissenbloggt hier referiert und kritisiert (in dunkelblau). Der Artikel des Philosophen, Finanzspezialisten und Autors Jürgen Fritz heißt

Warum ich den Islam ablehne (18.4., Bild: OpenClipart-Vectors, pixabay).

Es geht nicht um Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus, sagt der Autor, und dann gestattet er sich allerlei Aussagen, die eben doch fremdenfeindlich und rassistisch sind: Er lehnt den Islam und Muslime nicht deswegen ab, weil sie ihm fremd sind. Er lehnt Muslime auch nicht deswegen ab, weil sie einer anderen Rasse angehören …

Da reduziert er also die Muslime auf den Islam, und er hält sie für Mitglieder einer anderen Rasse. Von Menschenrassen zu reden, ist aber nicht angebracht, solange sie alle miteinander fortpflanzungsfähig sind. Das ist eigentlich heutzutage Konsens.

Weiter im Text – der Grund, warum Fritz den Islam und Muslime ablehnt, ist nicht die Fremdheit. Pizza und Internet waren ihm früher auch fremd, und daran hat er sich gewöhnt. Und das Argument mit der Rasse wird so ergänzt, dass er ja auch deutsch-stämmige Muslime ablehnt, während er fremdrassige japanische oder indische Buddhisten nicht ablehnt. Er würde sogar echt fremdrassige Aliens willkommenheißen, wenn sie geistig-sittlich überlegen und friedlich-wohlwollend wären. Wenn sie uns in eine helle, leuchtende, strahlende Zukunft führen könnten statt ins finstere frühe Mittelalter.

Dass er darauf lange warten kann, ist ihm selber klar. Seine Folgerung ist, wir müssen unsere geistig-seelische Weiterentwicklung selbst in die Hand nehmen. Genau das macht aus seiner Sicht das Menschsein aus, Schöpfer seiner selbst zu sein. Tiere können keinen Entwurf machen, wie sie sein wollen und wie nicht, das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen.

Daraus leitet er die moralische Pflicht ab, "sich vor denen zu schützen, die uns in vielerlei Hinsicht um tausend Jahre und mehr zurückwerfen würden", indem sie das "schöpferische, göttliche Moment in uns" samt Selbstbestimmungsfähigkeit und Selbstbestimmungsrecht negieren. Sie würden uns "zu Knechten eines (imaginierten) höheren Wesens degradieren wollen", dessen Gesetze und Regeln nicht über den geistigen Horizont eines frühmittelaltlichen Arabers hinauskommen.

Interessant ist der Rückgriff auf das gute göttliche Moment (das wohl ein christliches sein soll) im Gegensatz zum bösen (imaginierten) höheren Wesen, das uns knechten will (wohl ein muslimisches Monster). Ganz nebenbei wird hier insinuiert, Osman Normalverbraucher würde die Absichten der Islamisten vertreten.

Die frühmittelaltliche islamische Weltanschauung mit dem dazugehörigen Menschenbild lehnt der Autor ab. Er zählt als Kritikpunkte im einzelnen auf:

  • die systematische Ungleichbehandlung des weiblichen Geschlechts
  • die Legitimation und Heiligung der Gewalt zur Durchsetzung und Verbreitung des Islam
  • den oftmals brutalen, respektlosen Umgang mit tierischen Mitgeschöpfen
  • das mittelalterliche, streng patrichialische Denken
  • die Dogmengläubigkeit und Immunisierung gegen jegliche Kritik und gegen jedes Hinterfragen der Glaubensgrundsätze
  • die Verachtung des (selbst)kritisch-reflexiven Denkens, das den Menschen gerade vom Tier unterscheidet
  • die Unfähigkeit, selbstbestimmte bürgerliche Zivilgesellschaften zu schaffen
  • die Obrigkeitshörigkeit
  • die Diskriminierung von Homo- und Bi-Sexuellen sowie aller anderen Weltanschauungen und aller Nichtmuslime, speziell der Nicht-Gott-Gläubigen
  • die fehlende Achtung vor dem Kind bei Kinderzwangsehen

Dass diese Liste in ähnlicher Form auch gegen die christlichen Fundamente aufgestellt werden könnte, ist für Fritz kein Thema. Er lehnt all das ab, sieht es aber nur beim Islam.

Und er lehnt nicht nur den Islam ab, sondern auch alle seine Anhänger, die "dieser inferioren, intoleranten Lehre" anhängen und sie verbreiten wollen, in dem aberwitzigen Glauben, dieses Welt- und Menschenbild wäre dem eines aufgeklärten, kritisch-emanzipatorischen, zivilisierten, modernen Menschen überlegen.

Zur Religionsfreiheit gehört aber genau das, dass man sowas glauben darf. Der Autor macht einen Kardinalfehler. Religion kann er verachten und ablehnen, soviel er mag. Aber die Menschen, die dran glauben, muss er respektieren, sonst ist er menschenfeindlich.

Was er tun kann, ist die Einwanderung von solchen Menschen abzulehnen. Er kann sich darauf berufen, dass er solche Menschen nicht aufnehmen und integrieren will. Dazu muss er die passenden Parteien unterstützen – solche Fremdenfeindlichkeit ist legitim.

Wenn die Muslime aber legal da sind und womöglich die deutsche Staatsbürgerschaft haben, dann ist er mit solchen Ablehnungen mehr als fremdenfeindlich und rassistisch. Dann ist der Autor menschenfeindlich.

Zumal die mittelalterlichen Verhältnisse nur von Randgruppen angestrebt werden, die sich allerdings ausbreiten, unterstützt von umtriebigen Agitatoren wie dem türkischen Präsi Erdogan. Solche Islamisierungsanstrengungen abzulehnen ist natürlich legitim. Aber das gehört auch klar ausgedrückt:

Nicht Muslime ablehnen, sondern Islamisierer ablehnen.

 

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2 Antworten auf Islam ablehnen, Muslime ablehnen?

  1. pinetop sagt:

    Das ist eine ganz schwache Kritik. Aber sowas kommt dabei heraus, wenn man unbedingt kritisieren will und die nötigen Argumente fehlen. Wo hält der Autor Moslems für eine andere Rasse? Ich habe den Text so verstanden, dass er genau dies nicht tut.

    Selbstverständlich ist zu fordern, zwischen einer Religion oder einer weltlichen Ideologie und den einzelnen Menschen, die sich zu dieser Auffassung bekennen, zu unterscheiden. Der Islam, um den es hier geht, ist ein Gesellschaftsmodell, welches nicht zwischen Politik und Religion unterscheidet. Man kann ihn geradezu als als Gegenentwurf zur liberalen Demokratie verstehen. Dies erkannte schon vor dreißig Jahren der Philosoph Ernest Gellner (Leben im Islam). Gellner (1925-1995) stand übrigens in der Tradition von Max Weber und Karl Popper. Bekräftigt wurde dies kürzlich durch Samuel Schirmbeck (Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen, Warum wir eine selbstbewußte Islamkritik brauchen, 2. Aufl., Zürich 2016) Schirmbeck studierte einst bei Adorno und gilt als eher links. Auch der Historiker Heinrich August Winkler stützt diese Auffassung (Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart, 3. Aufl., München 2016, S. 582).

     

    Nichts spricht dagegen, den Islam zu kritisieren; für kritische Rationalisten und überhaupt für alle Demokraten ist dies sogar eine Pflicht. Wenn es jedoch um einzelne Menschen geht, ist zu prüfen – wenn man diesen Menschen kein Unrecht bereiten will – inwieweit sie sich dieser Auffassung unterwerfen. Ein Moslem, der sich irgendwie zu seiner kulturellen Herkunft bekennt, ist sicherlich anders zu beurteilen als derjenige, der sich hundertprozentig seiner Religion hingibt und konsequent danach lebt. Das Problem ist nur, wie auch bei anderen Weltanschauungen, dass man nicht klar zwischen den Lauen und den Konsequenten unterscheiden kann. Dies ist mit unterschiedlichen Standorten auf der individuellen Frömmigkeitsskala zu erklären.
     

    In einer ähnlichen Situation waren auch amerikanische Soldaten, die 1945 nach Deutschland kamen. Sie hatten jedes Recht den Nationalsozialismus zu verurteilen und auch sie standen vor dem Problem wie sie den einzelnen Deutschen einzuschätzen hatten. Die Kritik am Nationalsozialismus ist kein antideutscher Rassismus. Ebensowenig ist Kritik am Stalinismus als antirussischer Rassismus zu werten.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Pinetop, das steht gleich ganz vor drin: Ich lehne Muslime auch nicht deswegen ab, weil sie einer anderen Rasse angehören. Und der Satz wird sogar wiederholt. Außerdem: Und japanische oder indische Buddhisten lehne ich nicht ab, obschon sie einer anderen Rasse angehören.Das kann man nicht missverstehen. Im übrigen bin ich bei den Islamkritikern und allen Religionskritikern dabei, der Punkt war, dass man deswegen nicht die Muslime und andere Gläubige ablehnen darf.

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