March for Science hinterfragt

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planet-1990277_1280Ursprünglich gründete sich die Protestbewegung “Science March” gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit des Trump-Kabinetts. Man wollte sich nicht mit "alternativen Fakten" belügen lassen. Das motivierte Wissenschaftsfreundliche und Wissenschaftler weltweit dazu, am 22.4. auf die Staße zu gehen. In Berlin waren es immerhin 11.000 Menschen. Viele gingen mit selbstverfertigten Schildern los, z.B. "Make America think again" (statt "Make America great again"). In den USA bildet eine Facebook-Seite die Aufmärsche ab, Bild: HypnoArt, pixabay).

In Deutschland erleben wir eine Ungleichverteilung der alternativen Fakten. Im Internet sollen sie zensiert werden, über ein "Abwehrzentrum gegen Falschmeldungen", oder einen "Faktenfinder". Mit letzterem will ausgerechnet die aufdringlich verbreitete Tagesschau, diese Pseudoinformationsquelle für Hofberichterstattung und Sensationsausschlachtung, sich als seriös gerieren. Es wird also am Monopol von Regierung und Qualitätsmedien für alternative Fakten gestrickt. Aber Verdummungs-Exklusivrechte waren nicht das Thema vom March for Science.

Interessant ist der Wandel der Begriffe. Ganz früher hatten wir die platte Lüge. Dann kamen Truthiness, Bullshit, Lügenmaschinen (social bots), der Begriff postfaktisch und die Fakes. Letzte Ausprägung sind die alternativen Fakten (siehe auch Qualitätslügen für die Qualitätsmedien).

Ehrenwert ist es, gegen sowas auf die Straße zu gehen. Es ist nicht ganz das, was zuerst die New York Times 2014 forderte (Professors, We Need You!) und was dann die Zeit 2015 opulent aufgriff ("Wo seid ihr Professoren"), und was bei wissenbloggt schließlich zu noodle bobble wurde (Noodle bobble VI – Systemkritik und Fazit). Noodle steht im Slang für Verstand und bobble ist herumhüpfen. Nun ja, der Verstand ist jetzt hervorgetreten, aber gehüpft ist er nicht.

Um der Kritik etwas Fundament zu geben, sollen nun ein paar Argumente gebracht werden, die das an sich erfreuliche Ereignis relativieren. Denn bei dem Marsch gab es keine Kritik an der Wissenschaft, so als ob sie nur damit befasst sei, uns die Welt zu erklären. Wie viele Wissenschaftler in Diensten von Kommerz und Politik stehen und sich da zur Volksverdummung einspannen lassen, kam nicht zur Sprache (Beispiel 5. Armutsbericht gefaked).

Heute werden die Profs schon an der Uni abgerichtet, damit sie in das System passen. Sie müssen Drittmittel einwerben und publishen bis zum perishen. Wenn sie nicht gleich als unbezahlte Lehrknechte (akademisches Proletariat, Betteldozenten) dahinvegetieren müssen (siehe Neuauflage vom Bologna-Bashing).

Und was ist denn die Wissenschaft, die da hochgehalten wird? Natürlich ist das die Grundlage unserer Zivilisation, und zwar weltweit die einzige gemeinsame. Alle wollen an den Segnungen der Technik teilhaben, und es gibt nur die eine Technik, die auf der Wissenschaft basiert. Es gibt keine christliche Technik und keine muslimische Technik, weil nur das funktioniert, was auf der Realität beruht und nicht auf irgendwelchen Phantasien. 

Das war leider kein Thema beim March for Science, zumal ein gewisser Anteil der Wissenschaftler ja religiös ist. Schade dass der Wissenschaft so die Chance für ein klares Statement entgeht: Religion, das sind alternative Fakten, das sind Fakes (siehe auch Größte Fake-Agentur enttarnt). Und wer seine Religion über die Wissenschaft stellt, der möge sich doch bitte mit den Hervorbringungen dieser seiner Weltsicht bescheiden.

Redlicherweise sollte nur denjenigen eine Teilhabe an der modernen Technik zustehen, die auch das zugehörige Geistesgebäude akzeptieren. Also keine Atombomben für die Fundis, sondern Stinkbomben. Also Rauchzeichen und Trommelsignale anstelle von Handys. Und natürlich Eselreiten statt Autofahren (siehe auch Von der Notwendigkeit eines globalen menschlichen Ethos’).

Dazu noch die klare Aussage, dass auch unsere Bundesregierung ständig alternative Fakten produziert (Aufrüstung, Eurorettung, Armutsbericht, Autobahnprivatisierung). Damit wäre aus dem Wissenschaftsmarsch eine ganz große Sache geworden. Was als Befreiungsaktion gegen Wissenschafts-Hasser und IQ-gebremste Politiker lief, hätte zur Kampfansage, zum großen Befreiungsschlag werden können. Nötig wär's. Inzwischen sind sogar Studenten von wissenschaftsfeindlichen Umtrieben erfasst, wenn man einen SZ-Artikel (Hochschule – Anonyme Hetze gegen Professoren nimmt zu 20.4.) richtig interpretiert.

Irgendwie machte der March for Science den Eindruck einer niedlichen Publicity-Aktion für eine unterbewertete Gruppe unter vielen. Dass die Wissenschaft das Zentrum, die Basis unserer technisierten Welt ist, wurde nicht genug betont. Es fehlen auch die Konsequenzen daraus:

Die Wissenschaft sollte sich selbst verpflichten, gegen alle alternativen Fakten anzugehen, und dazu gehören alle von den Regierungen verbreiteten und alle Religionen insgesamt. Solange sie das nicht tut, bleibt ein Schatten von Unglaubwürdigkeit.

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3 Antworten auf March for Science hinterfragt

  1. klafuenf sagt:

    Ich wäre froh, wenn man nicht den theologischen Begriff »Wahrheit« benutzt, sondern »Realität« verwendet. Denn Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben oder es ignoriert.

  2. Wilfried Müller sagt:

    Ich hab klafuenfs Vorschlag aufgegriffen, weil der Begriff Wahrheit auch bei Bunge als vom dran Denken abhängig definiert wird.

  3. Wilfried Müller sagt:

    Bei der Initiative Humanismus wurde der Standpunkt vertreten, es gebe keine Verpflichtung der Wissenschaft, ihren Hof vor Missbrauch zu schützen, wie es der Artikel fordert: "Die Wissenschaft sollte sich selbst verpflichten, gegen alle alternativen Fakten anzugehen, und dazu gehören alle von den Regierungen verbreiteten und alle Religionen insgesamt. Solange sie das nicht tut, bleibt ein Schatten von Unglaubwürdigkeit."

    Diese Forderung sei Unsinn; die meisten dieser "alternativen Fakten" sind ja bereits widerlegt, und dies sei auch veröffentlicht. Aufgabe von Wissenschaftlern sei es, neue Zusammenhänge herauszufinden und nicht gebetsmühlenartig jedesmal zu widersprechen, wenn jemand Unsinn verbreitet – das wäre allenfalls Aufgabe von (Wissenschaft-)Journalisten – so äußert sich eine Stimme. Eine andere liefert Zustimmung: Sehr richtig. Aufgabe der Wissenschaft sei die Durchführung des wissenschaftlichen Prozesses der Annäherung an die "Wahrheit". Eine Selbstverpflichtung wie die im Beitrag skizzierte wäre das Ende der Wissenschaft, denn zum einen begäbe sie sich damit auf das Feld der Politisierung, des Richtungsstreits, und zum anderen würde sie gar keine Zeit mehr für ihre eigentliche Aufgabenstellung haben. Was natürlich klare Statements von Wissenschaftsvertretern ebensowenig ausschließe wie das Bemühen um Wissenschaftsverständnis in breiten Kreisen. Dabei müsse aber am Anfang die Erklärung stehen, was Wissenschaft überhaupt ist.

    Dem entgegne ich: Die anderen Meinungsbildner setzen aufwendige Instrumente für die Verbreitung von Täuschung und Unsinn ein, Think-Tanks, Kirchenorganisationen, Regierungsinstitutionen, Lobbyorganisationen. Nur die Wissenschaft soll in ihrem Elfenbeinturm weiterschlafen? Nein. Ich unterstreiche die Forderung von NYT und Zeit, dass die Wissenschaftler endlich hervorkommen sollen und den Standpunkt der Wissenschaft genauso konsequent und kontinuierlich vertreten sollen wie die Unsinnsverbreiter den ihrigen. Die Wissenschaft ist im Obligo, den Raum für ein wissenschaftskonformes Ethos zu verteidigen, der von den Gegnern der Wissenschaft vereinnahmt wurde. Das geht bis zu dem Imperativ: Nur denen sollte eine Teilhabe an der modernen Technik zustehen, die das zugehörige wissenschaftliche Geistesgebäude akzeptieren.

    Die wissenschaftsgetriebenen Verlautbarungen sollten nicht nur wissenschaftliche Themen  einschließen, wie etwa beim Frisieren vom Armutsbericht, sondern auch die gewöhnliche Lügerei, wie bei der Autobahnprivatisierung. Im Endeffekt sollte eine Instanz aufgebaut werden, die den "alternativen Fakten" Kontra gibt. Es gibt ja niemand anders, der das leistet. Das können nicht 1000 Wissenschaftsjournalisten mit 1000 Ansichten zuwegebringen. Da wäre eine intelligente Lösung nützlich, ein Lügenfinder-Programm, das Agendas entstrubbelt, mit Gesetzen abgleicht und die Täuschung automatisch herausfiltert (siehe auch Politik 2.0 und 3.0 – Servolenkung für den Staat, wo ein solches Vorhaben dem Staat aufgedrückt werden sollte).

     

     

     

     

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