Zu viel Sensibilität bestärkt Antisemitismus…

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barbed-wire-1876148_1280Hat Israel nicht völlig andere Interessen als wir, orientiert es sich nicht in eine ganz andere Richtung? So fragt Dennis Riehle in seinem Kommentar vom 26.4. Und: in einer Freundschaft, die zwischen Israel und Deutschland in einer besonderen Weise besteht, ist es zwingend notwendig, Kritik ansprechen zu dürfen. Das tut Riehle zurückhaltend, denn er ist ein "Fan Israels" (Bild: rqevenco, pixabay).

Zu viel Sensibilität bestärkt Antisemitismus…

Als Großbritannien den Austritt aus der Europäischen Union erklärt hatte, war man rasch auf der Suche nach einem würdigen Nachfolger. Kurzerhand wurde Israel als ein potenzieller Kandidat gehandelt, nachdem die Türkei aufgrund der bekannten Zustände derzeit ja nicht in Frage kommt, im Staatenbund auf eine absehbare Zeit Mitglied zu werden. Man würdigte das Land zwischen Europa, Afrika und Asien als einen Anker der Demokratie, der mit westlichen Standards der EU viel näher sei als seinen eigenen Nachbarn.

Als Bundesaußenminister Gabriel nun von Premierminister Netanjahu abgewiesen wurde, obwohl es eigentlich zu einem Treffen in Jerusalem hätte kommen sollen, da fragen sich manche Europäer, ob die Sicht auf das „Heilige Land“ vielleicht tatsächlich zu verklärt ist. Zweifelsohne: Es offenbart einen tiefen Graben, wenn ein Soldat einen hilflosen Palästinenser erschießt, dafür vor einem ordentlichen Gericht verurteilt wird, die Menschenrechtsorganisation, die sich hinter diese Entscheidung stellt, aber selbst vom Staat als „Verräter“ betrachtet wird – und ein deutscher Minister ihnen deshalb nach Staatsverständnis Israels offenbar nicht begegnen darf, sofern er keinen Eklat auslösen will.

Darf man Regierungskritiker, die gleichzeitig als Aufklärer über Missstände in der Armee auftreten, derart denunzieren, dass ein ausländischer Gast mit einem diplomatischen Affront zu rechnen hat, wenn er mit ihnen Gespräche führen möchte? Israel erließ aktuell ein weiteres Gesetz, das bereits in palästinensischen Gebieten illegal errichtete Siedlungen rückwirkend für rechtmäßig erklären kann. Dass eine so bei neutraler Betrachtung durchaus als arrogant wahrnehmbare Form der Überheblichkeit nicht überall auf Verständnis stoßen kann, muss auch einem Land klar sein, das sich noch immer durch die Bibel als das auserwählte ansieht.

Nein, humanitär gesehen ist die Lage im Nahen Osten keinesfalls hinnehmbar. Und das weiß auch Israel recht genau. Gleichzeitig dürfen auch nicht blind den Schilderungen vertrauen, die über die Lebensbedingungen der Palästinenser verbreitet werden, wenn sie unreflektiert ghettoisiert dargestellt werden. Dennoch: Das Großmachtstreben passt nicht zu einem Staat, den wir sowohl technologisch, aber auch weltanschaulich oder ideologisch mit Europa  auf einer Stufe sehen. Doch das ist das Problem: Ist unsere Erwartungshaltung nicht überzogen? Hat Israel nicht völlig andere Interessen als wir, orientiert es sich nicht in eine ganz andere Richtung? Im Augenblick zumindest stehen die Zeichen nicht auf Frieden, im Gegenteil. Das Land sieht sich selbstbewusst als Akteur, der über seinen und auch fremden Lebensraum bestimmen kann.

Man kann dieses Verhalten nur im Kontext der Geschichte nachvollziehen. Kaum ein anderes Volk war so oft auf der Flucht, bedrängt und ist auf brutalste Weise unterdrückt, gefoltert und hingerichtet worden . Die ständige Sorge um die eigene Existenz hat nicht nur Wunden hinterlassen, sondern formte auch einen beständigen Überlebenswillen. Er ist begrüßenswert, aber er darf sich nicht verselbstständigen und dazu führen, dass es Einige in der israelischen Gesellschaft als legitim ansehen, jegliche potenzielle Gefahr umgehend zu eliminieren – auch, wenn es „Terroristen“ sind, die bereits danieder liegen. Das hat das Land und seine Leute nicht nötig. Denn in Israel gibt es vorbildlich gehaltene demokratische Strukturen, die auch wir von uns gewohnt sind. Allerdings fehlt in Teilen der Bevölkerung nicht nur der Respekt vor der Gewaltenteilung, sondern gleichsam der vor manch einem Grundrecht.

Meinungsfreiheit gehört zwingend zu einem Staat, der sich als westlich einschätzt. Opposition ebenso. Und es wäre falsch, mit ständiger Rücksichtnahme auf die schrecklichen Traumen der Vergangenheit die israelischen Regierung in ihrer sich selbst zugestandenen Unantastbarkeit zu bestärken. Nein, in einer Freundschaft, die zwischen Israel und Deutschland in einer besonderen Weise besteht, ist es zwingend notwendig, Kritik ansprechen zu dürfen. Und sie muss ehrlich sein, denn das erwarten wir gleichsam von der anderen Seite, die mit ihren Sichtweisen – richtigerweise – auch nicht zurückhält. Das „Fingerspitzengefühl“, welches die Deutsch-Israelische Gesellschaft von Gabriel einfordert, bringt uns nicht weiter – im Gegenteil. Es fördert den tatsächlichen Antisemitismus, weil es Vorurteile schürt – der aber nichts mit einem Diskurs an der israelischen Regierung, sondern mit dem unsäglichen Hass gegen das jüdische Volk zu tun hat.  

Ich bin wirklich ein Fan Israels. Denn mich beeindruckt, wie dieses Land seine Historie bewältigt. Ich empfinde große Teile des Volkes als überaus lebendig, als tolerant, als gastfreundlich. Und genau deshalb will ich nicht, dass man es mit Samthandschuhen anfasst. Denn die Menschen dort brauchen das nicht. Es sind kleinere Gruppierungen und eine sich unter dem Druck der Radikalen immer weiter nach rechts bewegende Administration, die versucht, Israel in eine Richtung zu drängen, die man in unseren Breiten beispielsweise nur aus Ungarn kennt. Und das hat diese weltoffene Mehrheitsgesellschaft nicht verdient. Keine Unterwerfung unter die streng Religiösen, dafür eine zugewandte Lebenseinstellung in friedlichem Ansinnen, das wünsche ich mir sehr für Israel…

 

Dennis Riehle

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