Rezension „Verwandtschaft ist ein Knochenjob – Was Fossilien über unsere Herkunft verraten“ von Kai Jäger

image_pdfimage_print

978-3-499-63215-0Eine neue Rezension von Dr. Gerfried Pongratz befasst sich mit Fossilien und ihren Geheimnissen. Ein Abriss aus dem Verlagstext: Der Paläontologe Kai Jäger führt uns in diesem Buch an entlegene Grabungsstellen, erklärt die Arbeitsweisen seiner Zunft (einen echten Knochen erkennt ein Paläontologe, indem er an ihm leckt!), entlarvt Mythen … und erläutert auf anschauliche und unterhaltsame Weise, was unsere versteinerten Verwandten über die Evolution des Menschen verraten. Oder anders: wie viel von ihnen noch heute in uns steckt.

"Spannend und kurzweilig" wird das gebracht, sagt Gerfried Pongratz (5/2017).

Kai Jäger: „Verwandtschaft ist ein Knochenjob – Was Fossilien über unsere Herkunft verraten“

Viele Menschen, besonders Kinder und Jugendliche, interessieren sich für Paläontologie, weil sie Geschichten von blutrünstigen Raubsauriern spannend finden, wenige wissen jedoch, welcher „Knochenarbeit“ (in doppelter Bedeutung) es bedarf, der Erdgeschichte ihre diesbezüglichen Geheimnisse zu entreißen. Kai Jäger, der ebenfalls bereits als Kind der Faszination „alter Knochen“ erlegen war, führt – als nunmehr 30jähriger Wissenschaftler – die Leser auf „eine Reise zu unseren Ursprüngen“.

Mit zahlreichen persönlichen Erlebnissen und Anmerkungen angereichert, beschreibt der Autor – humorvoll, locker – die Wissenschaft der Paläontologie, erläutert die Methodik ihrer Erforschung, wirft einen Blick in den „Werkzeugkoffer“ der Paläontologen und vermittelt, wem Paläontologie nützt, wie man Paläontologe wird und was man dazu – z.B. auch als Fossilienjäger – alles wissen muss. Paläontologie ist zu einem großen Teil Grundlagenforschung, wobei zahlreiche Wissenschaftsgebiete mit einbezogen sind; man muss z.B. auch Gesteine „verstehen“ können, in Biologie (besonders Paläobiologie) sattelfest sein, von Anatomie viel wissen und zahlreiche Techniken der Exploration und Präparation von Fossilien beherrschen – Spezialisierungen auf einzelne Teilgebiete sind dabei selbstverständlich.

„Meet the Familiy“ heißt es auf dem Deckblatt des Buches, sein Inhalt folgt diesem Motto: Fossilien („alles, was Lebewesen hinterlassen haben und älter als 10.000 Jahre ist“, S. 43) erzählen die faszinierende Geschichte des Lebens. Beginnend bei Stromatolithen vor über 3,5 Milliarden Jahren führt ein sehr langer (ungerichteter) Weg mit unzähligen Verästelungen im „Stammbaum des Lebens“ bis zum Homo sapiens, womit aber selbstverständlich kein evolutionärer Endpunkt erreicht ist. „Höheres Leben“ gibt es seit rund 600 Mio. Jahren, die „Party des Lebens“ kam vor etwa 540 Mio. in der sog. „Kambrischen Explosion“ richtig in Schwung. Fünf große Massenaussterben (vor 445, 375, 251 und 66 Mio. Jahren) dezimierten danach die Zahl der Arten wieder dramatisch, führten aber im Gegenzug immer wieder auch zu gravierenden Neuentwicklungen und Umschichtungen („Die Karten werden neu gemischt“ S. 217); so z.B. mit der Evolution und Ausbreitung der Säugetiere nach dem letzten Impakt vor 66 Mio. Jahren, der die über 200 Mio. lange Vorherrschaft der Dinosaurier beendete. Ein mausgroßes Tier mit dem Namen Morganucodon, das seit 205 Mio. Jahren im Schatten der Dinosaurier herumgewuselt war, zeigte Tendenzen zu einer warmblütigen Lebensweise und bildete die Basis der Säugetierevolution (als besonderes Merkmal, um Säugetiere als eigene Gruppe im Tierreich zu erfassen, dient die Entwicklung des sekundären Kiefergelenks, S. 231).

Neben der Vermittlung von Grundlagenwissen (z.B. zur Evolution, Genetik, Zoologie, Anatomie, zum Stammbaum des Lebens mit seinen Leitfossilien etc.) ist es dem Autor auch ein Anliegen, spezielle Fragen wie z.B. „Sind Dinosaurer gar nicht ausgestorben?“, „Sind wir Menschen näher mit Insekten, als mit Seeigeln verwandt?“, „Warum kauen wir?“, „Weshalb haben wir Haare auf dem Kopf?“ zu stellen und – meist humorvoll – zu beantworten, wobei in seinen Ausführungen auch immer die Begeisterung und Faszination für sein Fachgebiet spürbar – und für manche Leser vielleicht sogar ansteckend – wird. Große Kapitel sind den Dinosauriern – von ihren Anfängen bis zu unseren heutigen Vögeln – und Säugetieren gewidmet, bei Letzteren speziell auch der Evolution von Pferden, Hunden und Katzen sowie den Chancen auf eine „Wiederbelebung“ von Mammuts. „Der Mensch als Fossil“ und „Wann ist der Mensch ein Mensch?“ bilden Schlusskapitel des Buches; sie veranschaulichen die Evolution des Menschen als Gattung seit ca. 2 Mio. Jahren in biologischer und sozialer Hinsicht, beschreiben mit seinen Ausbreitungswellen die Eroberung der Welt  und führen über „Evolution live“ zum Verständnis des Homo sapiens in der Gegenwart. Im Epilog – „Wie geht es mit uns weiter?“ – unternimmt der Autor den Versuch, „einen Blick aus der Zukunft auf unser Heute zu werfen“ (S. 295) und stellt dabei fest, dass unsere „Vergangenheit längst noch nicht vollständig erschlossen ist“ (S. 297).

Spannend und kurzweilig zu lesende, empfehlenswerte populärwissenschaftliche Lektüre auf hohem Niveau für an Paläontologie, bzw. an der Entwicklung des Lebens in seinen vielen faszinierenden Varianten interessierte Leserinnen und Leser, wobei allerdings erdgeschichtliche Tabellen sowie ein Stichwort- und Literaturverzeichnis den Lesegewinn noch hätten steigern können.

 

Dr. Gerfried Pongratz

Kai Jäger: Verwandtschaft ist ein Knochenjob – Was Fossilien über unsere Herkunft verraten, © 2017, S. Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbeck, ISBN 978-3-499-63215-0.

Weitere Rezensionen von Gerfried Pongratz

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Buch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar