Alle Vögel sind schon weg

image_pdfimage_print

portrait-1072696_1280Neulich hieß es noch, die Grünen haben kein Thema mehr. Seit sie sich hauptsächlich für Flüchtlinge und Migranten interessieren, hat das Interesse an der Grünen-Politik tatsächlich nachgelassen. Rechtzeitig kommt jetzt das Thema Naturschutz wieder hoch, um die Wichtigkeit der grünen Politik zu unterstreichen. Konkret geht es um den Vogelschwund und den zugrundeliegenden Insektenschwund (Bild: Robert_C, pixabay).

Mag auch sein, dass die Katzenplage schuld ist (in Deutschland leben ca. 7 Millionen Katzen, 2 Millionen davon streunen herrenlos herum. Auch die "Hauskatzen" gehen unkontrolliert auf Jagd und richten große Schäden in der Natur an. Die Rede ist von 200 Millionen Vögeln, die den Katzen zum Opfer fallen).

Dazu kommen die Windkraftanlagen alias "Vogelschredder". Die Zahl der getöteten Vögel wird aber nur auf 10.000 bis 100.000 pro Jahr geschätzt. Bei den 20.000 installierten Anlagen rechnet man mit 1-2 Vögeln pro Anlage und Jahr.

Letztlich liegt es wohl an den Monokulturen in der Landwirtschaft. Gerade der Anbau zur "Öko"-Spritgewinnung ist schädlich. Und die ganze Optimierung nimmt den Insekten und Vögeln den Lebensraum, wenn Feldraine und Nischen wegoptimiert werden, wenn Unkraut- und Insektengifte "Un"-Kräuter und "Un"-geziefer vernichten und nur das zählt, was direkt Geld bringt.

Ein besonderer Artikel heißt Ornithologie: Immer weniger Vögel in Europa (ZEIT ONLINE 4.5.): Binnen 20 Jahren ist die Zahl der Vögel in Europa um 300 Millionen gesunken. Betroffen ist auch Deutschland, wo einige Arten 80 Prozent ihrer Population verloren haben.

Das Besondere ist nicht die Wiedergabe der Fakten, nach denen die Zahl der Vögel in Deutschland und Europa drastisch sinkt, und nach denen vor allem Arten bedroht sind, die in Agrarlandschaften leben. Seit Ende der 90er-Jahre gibt es "signifikante Bestandsabnahmen", bei Rebhühnern um 84%, bei Kiebitzen um 80%, bei Braunkehlchen um 63%, bei Uferschnepfen um 61%, sowie bei Lerchen, Ammern usw. Auch bei manchen Insektenarten ist der Bestand bis zu 90% zurückgegangen (Soweit eine Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen). 

Das grüne Résumé: "Die Situation der Vögel ist dramatisch", "Es droht ein stummer Frühling", und die Bundesregierung tut zuwenig gegen den Einsatz von Giften und Monokulturen in der Landwirtschaft.

Was den Artikel auszeichnet, sind die Kommentare, in denen eine bunte Diversität von Meinungen ausgebreitet ist. Das geht bei den Assoziationen zu den Grünen los, bis hin zu der coolen Bemerkung, "Tja, wird Zeit, den Menschenbestand drastisch zu reduzieren."

Nicht unwidersprochen bleibt die Schilderung der zugehörigen Katastrophenlage, jährlich 80 Millionen Steigerung der Weltbevölkerung, mehr als 80 Millionen Menschen plus immer neue Zuwanderer im kleinen Deutschland, obendrein sei die Weltordnung auf Wachstum ausgelegt und funktioniere sonst nicht. – Das habe nichts mit dem Thema zu tun, so die Zurechtweisung, aber da dürften die Vögel anderer Meinung sein.

Die eigentliche Nachricht sei, dass es immer weniger Insekten gebe. Dafür werden wieder die Auto-Windschutzscheiben diskutiert, von denen man früher viel mehr Insekten abkratzen musste (außer Walter Röhrl, bei dem waren die meisten Insekten an den Seitenscheiben, soll heißen, der Rennfahrer fuhr meist im Powerslide). Ob die windschnittigere Form heute weniger Insekten killt, dürfte fraglich sein, weil ja auch auf Kühler und Scheinwerfern weniger wegzuputzen ist.

An dem Niedergang würden auch die föderal organisierten "Biologischen Stationen" nichts ändern, das seien ziemlich schwerfällig agierende "Behörden", deren Fachleute auf gut dotierten Posten sitzen, so die Meinung eines Kommentators.

Wo sich alle einig waren, das war der Imperativ zum Selbermachen auf dem Balkon und im Garten: Kein Rasen mit Unktautjäten und Blättersaugen, sondern eine Blumenwiese, die den Insekten und damit auch den Vögeln Futter bietet. Bitte kein Besprühen der Plattenwege mit Unkrautgift, um das Grün aus den Fugen zu tilgen usw. Da werde ein "Wahnsinnsgeld, Zeit und Arbeit darauf verwendet, alles immer pikobello zu haben" – es sei wie ein Krieg gegen die Natur.

Einhellig auch die Klage über die Landwirtschaft bzw. die Agrarpolitik. Der einstmals ehrenwerte und angesehene Berufsstand der Landwirte habe sich verformen lassen zu einem mächtigen agrobiochemischen Industriekomplex. Dessen Lobby sei willens und in der Lage, die Standards nach seinen Profitinteressen zu setzen. So habe die Landwirtschaft schon lange die Industrie als größten Umweltverschmutzer abgelöst. "Bedroht ist alles in Feld und Flur, wenn der Landwirt auftaucht." Als da wären, die Bienen, die ganze Insektenschar, die Vögel, die Feldhasen, die Mikrobodenorganismen, das Grundwasser, die Luft. "Was wir aufs Spiel setzen? Uns" – so ein besonders eindringlicher Kommentar.

Eine Retrospektive zum selben Thema: Zu Kinderzeiten gab es an jedem Feldrand noch einen Streifen mit einer bunten Blumenschar und Hecken etc. Dies sei alles verschwunden, weil die Landwirte die Flächen nun bis an die Straßen und Wege heran bewirtschaften. Diese Bereiche gelte es zurückzuholen und mit  heimischen Blüten- und Futterpflanzen für Insekten neu zu bepflanzen. Nur sind "Wildbienen, Käfer, Wanzen und Spinnen natürlich nicht so niedlich wie die verwöhnten Wuffis und Miezis, für die in den Supermärkten Produkte lagern, dass sich die Regale durchbiegen."

Trotz der durchgebogenen Regale wildern die Miezis Millionen von Piepmätzen. Ein anderer Kommentar besagt, nach amerikanischen Studien töte eine gefütterte Hauskatze auf ihren Beutezügen ca. 40 Vögel im Jahr. Wenn Elternteile getötet werden, beende der Partner die Brutpflege, und die Jungvögel gehen auch zugrunde. Die Zahl 40 und die damit errechneten 200 Millionen pro Jahr erscheinen allerdings zu hoch gegriffen – Katzenhalters Erfahrung spricht für eine Größenordnung weniger. Katzen sollten jedenfalls eine Glocke tragen, um den Vöglen eine Chance zu geben. Rigorosere Gemüter wollen die nicht-beglockten streunenden Katzen sogar zum Abschuss freigeben.

Ganz ironisch merkt jemand an, es wäre eine gute Lösung, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mehr Tierfilme zu zeigen, dann gebe es wenigstens dem Anschein nach Vögel. Diese Bemerkung trifft, weil die Programme um so mehr von Tierfilmen strotzen, je weniger freie Tiere es gibt. Das ist wohl so ähnlich wie bei den Freß-Sendungen. Die grassieren um so schlimmer, je mehr Mac-Billig die Leute futtern.

Zum Schluß soll aber auch eine gute Nachricht wiedergegeben werden: Wenn man den Tieren ihren Lebensraum mitsamt der  Nahrungsquellen zurückgibt, siedeln sie sich wieder an.

 

Weitere Links:

Mehr zum Thema:
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Politik, Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar